9punkt - Die Debattenrundschau
Religion als Machtmittel
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.11.2025. Herfried Münkler will unser Ruhebedürfnis ja nicht stören, aber er macht in der SZ doch darauf aufmerksam, dass die Trennlinie zwischen Krieg und Frieden zerschlissen ist. Wer den Holocaust als singulär betrachtet, ist der eigentliche Leugner, fürchten Masha Gessen und Marianne Hirsch in der New York Times. Es ist für junge Frauen nicht mehr angesagt, sich mit ihrem Freund in sozialen Medien zu zeigen, informieren taz und Vogue. In der Welt warnt Ahmad Mansour vor ostentativen religiösen Praktiken an Schulen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
03.11.2025
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Masha Gessen hatte gleich nach dem 7. Oktober im New Yorker einen Essay geschrieben, der davor warnte, den 7. Oktober als ein genozidales Verbrechen zu definieren. Zugleich setzte sie den Gaza-Streifen mit den Ghettos der Nazis gleich (mehr hier). Die New York Times hat Gessen daraufhin zu einer ihrer Hauptkolumnistinnen gemacht. Nun präsentiert die Times ein Gespräch Gessens mit der Anglistin und Gedenkexpertin Marianne Hirsch, selbst Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden, die ebenfalls diese programmatische Linie der Täter-Opfer-Umkehr verficht. Es wäre sträflich, den angeblichen Genozid Israels im Gaza-Streifen nicht mit dem Holocaust in Beziehung zu setzen, meint sie. Die Idee einer Singularität des Holocaust werde absichtlich missbraucht. "Dies Argument der Einzigartigkeit ist eines des Exzeptionalismus. Als außergewöhnlichste Verbrechen aller Verbrechen bekommt es einen ganz besonderen Status. So gibt es einen übermäßigen Einfluss des Holocaust, der dann andere Geschichten verdeckt und auch verdeckt, was gerade jetzt geschieht: den Völkermord in Gaza, wobei der Exzeptionalismus des Holocaust die Leugnung anderer Völkermorde gefördert hat. Und ich denke, das schafft eine echte Krise, wenn Opfer von Völkermord selbst Völkermord begehen und man das leugnen kann. Ich denke, wir befinden uns in einer echten Krise."
Krieg und Frieden kann man heute kaum noch trennscharf unterscheiden, meint Herfried Münkler in der SZ. Ob Waffenstillstandsabkommen oder hybrider Krieg - sie führen in Zwischenzustände, die die Grenze zum Krieg verwischen. Aber auch der Frieden wird immer unschärfer und "beliebig handhabbar, nicht nur für die Politik, sondern auch für die Gesellschaft, die es nutzt, um darin ihr Empfinden und ihre Erwartungen zum Ausdruck zu bringen. Man könnte auch sagen, dass damit das, was als Oppositionspaar von Krieg oder Frieden konzipiert war, um politische Ordnung zu schaffen, zu einem Mittel der Selbstverblendung einer Gesellschaft geworden ist, mit dem diese sich über die politische Lage und die virulenten Herausforderungen täuscht. Die gedankenlose, massenhafte Verwendung, in der das Wort 'Frieden' inzwischen die Runde macht, spricht dafür, dass das Ruhebedürfnis einer Gesellschaft, die lieber den Augenblick genießt, als sich auf die komplexen Herausforderungen der Friedensstiftung einzulassen, den einstigen Pragmatismus des Waffenstillstandes als Schritt zum Frieden aufgezehrt hat. Es bleibt dann beim ersten Schritt, der schon als Ankommen am Ziel zelebriert wird. Auf Dauer kann und wird das nicht gut gehen."
Krieg und Frieden kann man heute kaum noch trennscharf unterscheiden, meint Herfried Münkler in der SZ. Ob Waffenstillstandsabkommen oder hybrider Krieg - sie führen in Zwischenzustände, die die Grenze zum Krieg verwischen. Aber auch der Frieden wird immer unschärfer und "beliebig handhabbar, nicht nur für die Politik, sondern auch für die Gesellschaft, die es nutzt, um darin ihr Empfinden und ihre Erwartungen zum Ausdruck zu bringen. Man könnte auch sagen, dass damit das, was als Oppositionspaar von Krieg oder Frieden konzipiert war, um politische Ordnung zu schaffen, zu einem Mittel der Selbstverblendung einer Gesellschaft geworden ist, mit dem diese sich über die politische Lage und die virulenten Herausforderungen täuscht. Die gedankenlose, massenhafte Verwendung, in der das Wort 'Frieden' inzwischen die Runde macht, spricht dafür, dass das Ruhebedürfnis einer Gesellschaft, die lieber den Augenblick genießt, als sich auf die komplexen Herausforderungen der Friedensstiftung einzulassen, den einstigen Pragmatismus des Waffenstillstandes als Schritt zum Frieden aufgezehrt hat. Es bleibt dann beim ersten Schritt, der schon als Ankommen am Ziel zelebriert wird. Auf Dauer kann und wird das nicht gut gehen."
Europa
Als neulich russische Drohnen in Polen gesichtet wurden, stellte Europa fest, dass es Geräten, die ein paar tausend Euro kosten, nur mit Abwehrmaßnahmen begegnen konnte, deren Kosten in die Millionen gehen. Ähnlich teure Abwehrsysteme plant man jetzt zum Beispiel zum Schutz von Leopard-2-Panzern. Die Politologen Niall Ferguson und Moritz Schularick fordern auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ ein Umdenken: "In einem Land mit Personalmangel in den Streitkräften und einer politischen Kultur, die darauf bedacht ist, Menschenleben zu schonen, ist eine solche Strategie - gelinde gesagt - erklärungsbedürftig. Der politische Einfluss der Hersteller von traditionellen Rüstungsgütern ist einer schnellen Schließung technologischer Fähigkeitslücken sicher nicht immer dienlich."
Gesellschaft
Es ist für junge Frauen überhaupt nicht mehr hip, sich mit ihrem Freund in den sozialen Medien zu zeigen, informiert Donata Künßberg in der taz und bezieht sich auf einen Text der Autorin Chante Joseph in der britischen Vogue, der angeblich eingeschlagen hat ("Is Having a Boyfriend Embarrassing Now?", 300.000 neue Follower auf Tiktok). Demnach ist es für junge Frauen modisch gesehen grenzwertig, Männer zu mögen, aber wirklich schlechter Geschmack, sich auch noch mit ihnen auf Instagram abzubilden: "Das Bedürfnis danach, sich vom Boyfriendland abzugrenzen, ist verständlich. Klar ist, dass der Trend, Männer aus dem Fokus zu nehmen, unter anderem in Tradwife- und Manosphere-Content seine regressiven Gegenstücke hat und keinesfalls die Gegenwartskultur als Ganzes abbildet. Im Internet trennen nur ein paar Scrolls die Sätze 'Dating als Frau ist ein Ritual der Erniedrigung' und 'Ich ordne mich freudvoll meinem Ehemann unter, denn er ist der Anführer und Beschützer unserer Familie' voneinander. Irgendwo auf diesem Spektrum sitzt die eigene hetero Beziehung."
Schon erstaunlich, wenn "gemeinnützige" Medien wie correctiv.org, die selbst mit Stiftungs- und Staatsmillionen vollgepumpt werden, andere Akteure der Zivilgesellschaft wie Ahmad Mansour angreifen. Stella Hesch stellt auf correctiv.org mittels einer höchst aufwendigen Recherche in Zweifel, ob es mit rechten Dingen zuging, dass Mansour nach zahlreichen antisemitischen Vorfällen an Schulen von der Bundesregierung Gelder erhielt, um gegen Antisemitismus unter Schülern mit Migrationshintergund Projekte zu entwickeln und zu forschen - zumal Mansour wegen islamkritischer Äußerungen "umstritten" sei: "So sagte er beispielsweise im Juli 2021 in einem Podcast der FAZ: 'Der Islam hat sich noch nie in eine andere Kultur integriert und wird es auch nicht in Europa tun.' Auf der Plattform X schrieb Mansour, Gebetsräume in Schulen seien ein 'gefährlicher Kompromiss'. Unter streng gläubigen Muslimen, aber auch unter Linken gilt Mansour angesichts solcher Bemerkungen als Reizfigur." Mansour verteidigt sich in einem Twitterpost. Correctiv.org wird unter anderem von der Mercator-Stiftung unterstützt, so wie die "Gesellschaft für Freiheitsrechte", die neulich eine Verbandsklage einreichte, um muslimische Schüler zu verteidigen, "denen das islamische Gebet auf dem Schulgelände untersagt wird" (unser Resümee).
Heute kritisiert Ahmed Mansour in der Welt genau diese Klage: "Die GFF behauptet, es gebe ein 'Gebetsverbot' an Schulen mit solchen Regeln. Davon kann keine Rede sein. Jeder kann in sich gehen und beten, etwa vor einer Prüfung. Aber stark religiöse Schüler dürfen andere nicht unter Druck setzen. Doch genau das geschieht an vielen Schulen, besonders an solchen mit einem hohen Anteil an muslimischen Schülern. ... Wo mehrere Schüler in der Pause öffentlich ihre Gebetsteppiche ausrollen und demonstrativ beten, immer getrennt nach Geschlecht, setzen sie schon damit andere unter Druck, die ihren Glauben nicht so wie sie leben." Doch auch Gebetsräume an öffentlichen Schulen sind für Mansour kein Ausweg. Sie "schwächen die Freiheit und nützen vor allem den Radikalen. Das leistet am Ende den Minderheiten Vorschub, die Religion als Machtmittel gegen die Mehrheit der Schüler nutzen - während die stillere, oftmals muslimische Mehrheit im Stich gelassen wird. Diese anderen wollen einfach nur Kinder und Jugendliche sein, einfach lernen, sich entwickeln, flirten, die Welt erkunden, frei und ohne Angst ihre Meinungen austauschen. Darum geht es im Grundgesetz, das jedem seine Würde garantiert."
Schon erstaunlich, wenn "gemeinnützige" Medien wie correctiv.org, die selbst mit Stiftungs- und Staatsmillionen vollgepumpt werden, andere Akteure der Zivilgesellschaft wie Ahmad Mansour angreifen. Stella Hesch stellt auf correctiv.org mittels einer höchst aufwendigen Recherche in Zweifel, ob es mit rechten Dingen zuging, dass Mansour nach zahlreichen antisemitischen Vorfällen an Schulen von der Bundesregierung Gelder erhielt, um gegen Antisemitismus unter Schülern mit Migrationshintergund Projekte zu entwickeln und zu forschen - zumal Mansour wegen islamkritischer Äußerungen "umstritten" sei: "So sagte er beispielsweise im Juli 2021 in einem Podcast der FAZ: 'Der Islam hat sich noch nie in eine andere Kultur integriert und wird es auch nicht in Europa tun.' Auf der Plattform X schrieb Mansour, Gebetsräume in Schulen seien ein 'gefährlicher Kompromiss'. Unter streng gläubigen Muslimen, aber auch unter Linken gilt Mansour angesichts solcher Bemerkungen als Reizfigur." Mansour verteidigt sich in einem Twitterpost. Correctiv.org wird unter anderem von der Mercator-Stiftung unterstützt, so wie die "Gesellschaft für Freiheitsrechte", die neulich eine Verbandsklage einreichte, um muslimische Schüler zu verteidigen, "denen das islamische Gebet auf dem Schulgelände untersagt wird" (unser Resümee).
Heute kritisiert Ahmed Mansour in der Welt genau diese Klage: "Die GFF behauptet, es gebe ein 'Gebetsverbot' an Schulen mit solchen Regeln. Davon kann keine Rede sein. Jeder kann in sich gehen und beten, etwa vor einer Prüfung. Aber stark religiöse Schüler dürfen andere nicht unter Druck setzen. Doch genau das geschieht an vielen Schulen, besonders an solchen mit einem hohen Anteil an muslimischen Schülern. ... Wo mehrere Schüler in der Pause öffentlich ihre Gebetsteppiche ausrollen und demonstrativ beten, immer getrennt nach Geschlecht, setzen sie schon damit andere unter Druck, die ihren Glauben nicht so wie sie leben." Doch auch Gebetsräume an öffentlichen Schulen sind für Mansour kein Ausweg. Sie "schwächen die Freiheit und nützen vor allem den Radikalen. Das leistet am Ende den Minderheiten Vorschub, die Religion als Machtmittel gegen die Mehrheit der Schüler nutzen - während die stillere, oftmals muslimische Mehrheit im Stich gelassen wird. Diese anderen wollen einfach nur Kinder und Jugendliche sein, einfach lernen, sich entwickeln, flirten, die Welt erkunden, frei und ohne Angst ihre Meinungen austauschen. Darum geht es im Grundgesetz, das jedem seine Würde garantiert."
Politik
Wie Frankreich und Spanien haben nun auch die UN und Amerika den Anspruch Marokkos über die Westsahara anerkannt, das eine Teilautonomie behalten soll. Offenbar hat Trumps Diplomatie nun einen Durchbruch gebracht. Mirco Keilberth spricht in der taz von "Kurzsichtiger Interessenpolitik", und doch: "Mit dem Versuch, den Dauerkonflikt in Nordafrika zu beenden, verfolgt Trump noch ein anderes Ziel: weitere arabische Länder von der Normalisierung der Beziehungen mit Israel zu überzeugen, so wie es Marokko bereits 2020 tat. So absurd diese Idee angesichts der Wut in der Region über israelische Kriegsverbrechen in Gaza sein mag - mit seiner Initiative hat Trump Bewegung in eine Region gebracht, die von der EU zuletzt sträflich vernachlässigt wurde." Hier der Bericht von Reiner Wandler.
Im 70-Millionen-Land Tansania wurde der Wahlsieg der ehemals sozialistischen CCM (Chama Cha Mapinduzi) mit Gewalt durchgepeitscht, berichtet Dominic Johnson in der taz. Es soll 700 bis 800 Tote unter den Protestierenden gegeben haben, Oppositionelle werden ins Gefängnis gesteckt. Machthaberin Samia Suluhu Hassan, einst Projektmanagerin beim UN-Welternährungsprogramm WFP, galt einmal als Angela Merkel Afrikas: "Die Merkel-Vergleiche für Suluhu sind Vergangenheit, inzwischen nennen Tansanier im Exil ihre Präsidentin 'Idi Amin Mama' - unter der Diktatur des Gewaltherrschers Idi Amin in Uganda 1971 bis 1979 starben Hunderttausende. Bis zu diesen Wahlen schien der Vergleich überzogen. Jetzt nicht mehr. 'Wir erleben ein totalitäres Regime', sagte der Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz in Daressalam, Charlea Kitima. 'Zum ersten Mal in unserer Geschichte erleben wir Massentötungen von Protestierenden.' Wo sich die Präsidentin derzeit aufhält, ist nicht bekannt. Sie hat keine öffentliche Siegesrede gehalten."
Im 70-Millionen-Land Tansania wurde der Wahlsieg der ehemals sozialistischen CCM (Chama Cha Mapinduzi) mit Gewalt durchgepeitscht, berichtet Dominic Johnson in der taz. Es soll 700 bis 800 Tote unter den Protestierenden gegeben haben, Oppositionelle werden ins Gefängnis gesteckt. Machthaberin Samia Suluhu Hassan, einst Projektmanagerin beim UN-Welternährungsprogramm WFP, galt einmal als Angela Merkel Afrikas: "Die Merkel-Vergleiche für Suluhu sind Vergangenheit, inzwischen nennen Tansanier im Exil ihre Präsidentin 'Idi Amin Mama' - unter der Diktatur des Gewaltherrschers Idi Amin in Uganda 1971 bis 1979 starben Hunderttausende. Bis zu diesen Wahlen schien der Vergleich überzogen. Jetzt nicht mehr. 'Wir erleben ein totalitäres Regime', sagte der Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz in Daressalam, Charlea Kitima. 'Zum ersten Mal in unserer Geschichte erleben wir Massentötungen von Protestierenden.' Wo sich die Präsidentin derzeit aufhält, ist nicht bekannt. Sie hat keine öffentliche Siegesrede gehalten."
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