9punkt - Die Debattenrundschau
Vision von einem Land für alle
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.10.2025. "Wir befinden uns längst mitten in einem Kalten Cyberkrieg", behauptet im Interview mit der Zeit die amerikanerische Hackerin Chris Kubecka. In der FAZ erzählt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš von der bedrückten Stimmung in Tschechien vor den Parlamentswahlen an diesem Wochenende. Die taz erinnert an die Geiseln der Hamas, fordert aber zugleich, den 7. Oktober nicht als Auslöser für den Gaza-Krieg sehen, sondern als Ergebnis eines israelischen Siedler-Kolonialismus. In der FAS erzählt die russische Investigativ-Journalistin Jelena Kostjutschenko vom schwierigen Verhältnis zu ihrer Putin ergebenen Mutter.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
04.10.2025
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Europa

"Wir befinden uns längst mitten in einem Kalten Cyberkrieg", behauptet im Interview mit der Zeit die amerikanerische Hackerin Chris Kubecka. Die Europäer sind darauf denkbar schlecht vorbereitet, meint sie und nennt Beispiele: "Niederländische Hacker haben 2024 öffentlich gemacht, dass sie einen Weg in einen großen Teil der europäischen Photovoltaik gefunden haben. Auch in all die wunderbaren Balkonkraftwerke in Deutschland. Das Steuerungssystem eines Herstellers ließ eine offene Tür zu Millionen solcher Anlagen." Wie sich ein solcher Angriff auswirkt, konnte man in der Ukraine sehen: "Im Dezember 2015 legten russische Hacker Teile des Stromnetzes in der Westukraine lahm. Etwa 230.000 Menschen waren ohne Strom. Weil die Systeme so alt waren, konnte man sie nach drei Stunden zum Glück wieder manuell hochfahren. Bei modernen Anlagen wie in Deutschland kann das schwieriger sein." Und mit dem Strom "brechen nach und nach weitere Systeme zusammen - Wasserversorgung, Krankenhäuser, Kommunikations- und Zahlungssysteme. Selbst Tanken wird unmöglich. All das wirkt sich auch auf psychologischer Ebene aus."
In der FAZ erzählt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš aus seiner Kneipe von der Stimmung in Tschechien vor den Parlamentswahlen an diesem Wochenende. Es sieht nicht gut aus: "Ja, die Russen wollen uns wieder einkassieren, wieder besetzen. Noch schlimmer ist aber, dass es bei uns links und rechts außen Parteien gibt, die Putin nicht nur verstehen, sondern auch mehr oder weniger offen verehren ... Die tschechischen Links- und Rechtsradikalen wollen aus der EU und aus der NATO aussteigen. In Umfragen kommen sie zusammen auf etwa zwanzig Prozent. Jaroslav Hašek würde über diese Parteien gleich mehrere, vielleicht eher komische als tragische Kurzgeschichten schreiben können. Der Anführer der tschechischen Rechtsextremisten, dessen Familie zum Teil aus Japan stammt, hetzt gegen die Ukraine und gegen Fremde wie die in Tschechien kaum vorhandenen Migranten aus den arabischen Ländern. Die immer perfekt und sehr teuer gekleidete Anführerin der Linksextremisten, die nicht weniger nationalistisch, ja nicht weniger völkisch als die Rechten auftreten, sitzt als Kommunistin seit Ewigkeiten im EU-Parlament im von ihr so verhassten Brüssel. Warum tut sie sich das an, möchte man sie fragen."
Der türkische Journalist Can Dündar hat vor dem Roten Rathaus in Berlin die Gefängniszelle nachbauen lassen, in der er in der Türkei saß, erzählt Peter Laudenbach in der SZ. "Die Installation ist Teil des Herbstsalons, mit dem das Maxim Gorki Theater jetzt zum siebten Mal eine groß angelegte Ausstellung politischer Kunst zeigt. In ihrer dokumentarischen Sachlichkeit und Härte wirkt die Zellen-Installation wie das Kontrastprogramm zu den ironischen Albernheiten der Selbstdarstellungsshow, die Jan Böhmermann gerade im Haus der Kulturen der Welt veranstaltet. Fragt man Can Dündar, ob er jetzt Künstler sei, antwortet der freundliche Mann komplett frei von Pose und Eitelkeit: 'Ich teile meine Erfahrungen.' Auf der kleinen Bühne vor der Installation hat er im Gespräch mit dem Grünen-Politiker Cem Özdemir eine einfache und etwas spöttische Erklärung für seine Installation: 'Ich habe deutsche Politiker gebeten, das Silivri-Gefängnis zu besuchen, aber sie hatten keine Zeit.' Also hat Dündar das Gefängnis einfach nach Berlin gebracht."
In der Welt sieht der Historiker Volker Reinhardt deutliche Parallelen zwischen dem Frankreich der Revolution und dem heute: Auch die Revolutionäre von 1789 haben das Land bis über die Haarspitzen verschuldet, um "das ungefährdete Überleben der Armen" zu gewährleisten. Aber es gibt auch Unterschiede: Der wichtigste "zwischen einst und jetzt besteht in der Rolle der Intellektuellen. Zwischen 1792 und 1794 wurden die revolutionären Bewegungen von Bildungsbürgern wie Maximilien de Robespierre und Louis Antoine de Saint-Just angeführt, die ihre ideologischen Dogmen an der im Kern rückwärtsgewandten Politiklehre des Genfers Jean-Jacques Rousseau ausrichteten und diese mit der Idee eines alle Menschen zur Tugend verpflichtenden 'Gemeinwillens' totalitär umformten. Eine solche Anleitung oder gar Führung durch eine selbsternannte revolutionäre Avantgarde war weder auf dem Höhepunkt der 'Gelbwesten'-Bewegung in den Jahren 2018 und 2019 noch in nachfolgenden Protestbewegungen zu erkennen - die Konstellation, dass sich eine akademisch ausgebildete Sekundär-Elite den Weg zur Macht durch eine Koalition mit dem Volk zu bahnen sucht, scheint sich somit nicht zu wiederholen. Allerdings ist auch das Fortleben einer weiteren französischen Kulturtradition bislang nicht zu konstatieren: die Suche nach Versöhnung", wie sie Montaigne vorschwebte.
Politik
Dinah Riese und Lisa Schneider haben für die taz mit Angehörigen von Opfern des Hamas-Massakers am 7. Oktober gesprochen, die nach Berlin gereist sind, um hier an das Schicksal der Entführten zu erinnern. "Der Terror der Hamas, er ist auch ein Krieg der Bilder. Immer wieder veröffentlicht sie Videos der Geiseln: abgemagert, verletzt, gefoltert. Von Alon Ohel gibt es zwei solche Propagandavideos, das letzte ist von Ende September. 'Es war sehr schwer für uns, diese Bilder zu sehen', sagt seine Mutter Idit Ohel. 'Gleichzeitig wissen wir so, dass er am Leben ist. Auch wenn er verletzt ist, Granatsplitter im Körper hat und auf einem Auge nicht mehr sehen kann.' Sie mache sich große Sorgen um die Gesundheit ihres Sohns. 'Sie lassen ihn hungern, ein Jahr lang waren er und die anderen an Armen und Beinen mit einer Motorradkette gefesselt. Danach konnten sie sich nicht auf den Beinen halten, nicht gehen. Die Terroristen haben sie ausgelacht.' Das hätten drei andere Geiseln nach ihrer Freilassung berichtet, die mit Ohel gefangen gehalten wurden."
In der taz findet es Karim El-Gawhary falsch, den 7. Oktober als Ausgangspunkt für den jetzigen Krieg in Gaza zu sehen. Er sei vielmehr "Ergebnis einer langen Serie von Ungerechtigkeiten", die den Palästinensern "widerfahren sind. Sie setzen ihn in den Kontext einer brutalen israelischen Besetzung und der 16-jährigen völligen Isolierung des Gazastreifens vom Rest der Welt. Auch nach dem Abzug der Siedler und der israelischen Armee 2005 gilt der Gazastreifen als besetztes Gebiet, da Israel seitdem die Land- und Seegrenzen sowie den Luftraum kontrolliert - so urteilte im vergangenen Jahr der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Die palästinensische Akademikerin Yara Hawari sieht es so: 'Um den 7. Oktober zu verstehen, muss man zuerst Jahrzehnte israelischer Besatzung, den Siedler-Kolonialismus und die 16-jährige brutale Blockade Gazas verstehen, der den Streifen in ein Freiluftgefängnis verwandelt hat.'" Dass es auch eine Grenze zu Ägypten gibt, wird hier nicht erwähnt.
Außerdem in der taz: Im Interview vergleicht der in Südafrika aufgewachsene amerikanische Journalist Peter Beinart die Situation der Palästinenser in Israel mit dem südafrikanischen Apartheid-System. Nur wo ist der Nelson Mandela, der Juden und Palästinensern eine Vision von einem "Land für alle" anbieten kann? Der Rabbiner Walter Rothschild hätte "einen bescheidenen Vorschlag, der vermutlich fast alle glücklich machen würde. Israel sollte so schnell wie möglich eine 'provisorische Regierung des freien Palästina' ausrufen. Mit dieser Erklärung (ähnlich derjenigen von Ben-Gurion im Jahr 1948) könnte ein Appell an die Nachbarländer, friedliche Beziehungen zu pflegen, einhergehen sowie das Versprechen, Wahlen abzuhalten, das Versprechen, die Rechte der Gläubigen aller Religionen, die Menschenrechte der Einwohner aller Geschlechter und sexueller Orientierung zu respektieren und ein Mehrparteiensystem, eine unabhängige Justiz und eine freie Presse zu gewährleisten."
In der taz findet es Karim El-Gawhary falsch, den 7. Oktober als Ausgangspunkt für den jetzigen Krieg in Gaza zu sehen. Er sei vielmehr "Ergebnis einer langen Serie von Ungerechtigkeiten", die den Palästinensern "widerfahren sind. Sie setzen ihn in den Kontext einer brutalen israelischen Besetzung und der 16-jährigen völligen Isolierung des Gazastreifens vom Rest der Welt. Auch nach dem Abzug der Siedler und der israelischen Armee 2005 gilt der Gazastreifen als besetztes Gebiet, da Israel seitdem die Land- und Seegrenzen sowie den Luftraum kontrolliert - so urteilte im vergangenen Jahr der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Die palästinensische Akademikerin Yara Hawari sieht es so: 'Um den 7. Oktober zu verstehen, muss man zuerst Jahrzehnte israelischer Besatzung, den Siedler-Kolonialismus und die 16-jährige brutale Blockade Gazas verstehen, der den Streifen in ein Freiluftgefängnis verwandelt hat.'" Dass es auch eine Grenze zu Ägypten gibt, wird hier nicht erwähnt.
Außerdem in der taz: Im Interview vergleicht der in Südafrika aufgewachsene amerikanische Journalist Peter Beinart die Situation der Palästinenser in Israel mit dem südafrikanischen Apartheid-System. Nur wo ist der Nelson Mandela, der Juden und Palästinensern eine Vision von einem "Land für alle" anbieten kann? Der Rabbiner Walter Rothschild hätte "einen bescheidenen Vorschlag, der vermutlich fast alle glücklich machen würde. Israel sollte so schnell wie möglich eine 'provisorische Regierung des freien Palästina' ausrufen. Mit dieser Erklärung (ähnlich derjenigen von Ben-Gurion im Jahr 1948) könnte ein Appell an die Nachbarländer, friedliche Beziehungen zu pflegen, einhergehen sowie das Versprechen, Wahlen abzuhalten, das Versprechen, die Rechte der Gläubigen aller Religionen, die Menschenrechte der Einwohner aller Geschlechter und sexueller Orientierung zu respektieren und ein Mehrparteiensystem, eine unabhängige Justiz und eine freie Presse zu gewährleisten."
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