Efeu - Die Kulturrundschau

Wie das Glück stolperfrei zu einem fände

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28.03.2025. Die Zeitungen verurteilen einstimmig das Urteil zu fünf Jahren Haft, das in Algerien über Boualem Sansal gesprochen wurde. Möglicherweise gibt es aber Hoffnung auf Begnadigung, meint die Welt. Der Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse an Kristine Bilkau ist für die Kritiker eine Überraschung. Den Sachbuchpreis erhält Irina Rastorgueva, Thomas Weiler wird in der Sparte Übersetzung ausgezeichnet. Emsige Tänzer machen die FR auf dem Tanzmainz-Festival munter. Artechock und SZ sind sich einig, dass Gilles Lelouches Film "Beating Hearts" ziemlich wuchtig daherkommt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2025 finden Sie hier

Literatur

Boualem Sansal ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden (unser Resümee).

Der Staatsanwalt hatte eine zehnjährige Haftstrafe gefordert, hier hat das Gericht also milder geurteilt, erläutert Adlène Meddi in Le Point: "Was soll aus diesem Urteil gefolgert werden? Zunächst muss auf die Beschleunigung des Verfahrens eingegangen werden, um zu verstehen, was die algerischen Behörden vorhaben. In einer Erklärung gegenüber einem lokalen Medium zeigte sich der Präsident der Anwaltskammer von Algier, Mohamed Baghdadi, 'angenehm überrascht, da es eine Art Beruhigung gab, der Untersuchungsrichter hat die Fakten neu eingestuft und festgestellt, dass es sich um ein Vergehen handelt, nicht um eine Straftat'. Darum wurde das Verfahren gerichtlich herabgestuft. In seinen Augen und 'angesichts des Aufsehens, das dies ausgelöst hat, ist dies auch eine Möglichkeit, eine Beschleunigung und eine gewisse Entspannung zu ermöglichen'." Angeblich sei jetzt der Weg für eine Begnadigung durch den Präsidenten offen.

Plantu, der lange für Le Monde zeichnete, kommentiert:


Nils Minkmar schildert in der SZ den politischen Hintergrund der Verurteilung. Emmanuel Macron hatte die marokkanische Position zu Westsahara anerkannt. Aber zuvor hatte er viele Versöhnungssignale an die algerische Regierung gesendet und etwa die Kolonialherrschaft als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. "Zu einer Entspannung führte das nicht, denn die regierenden Mächte Algeriens setzen ganz auf ihre eigene Mischung aus Repression, Ideologie und Ressentiment, um sich an der Macht zu halten. Sie stützen sich auf eine stille Koalition mit den Islamisten, die für Ruhe in der Zivilgesellschaft sorgen. Lockert man das brutale, aber für die Beteiligten sehr lukrative Konstrukt auch nur ein wenig, droht auch in Algerien ein Regimewechsel wie in Syrien."

Gibt es Chancen, dass nach dem Urteil eine "Begnadigung" kommt? Martina Meister verweist in der Welt auf intensive diplomatische Aktivitäten: "Unter anderem sei Macrons Beraterin für den Nahen Osten und Nordafrika nach Algier gereist. Sie bereite, so hieß es weiter, eine Reise von Außenminister Jean-Noël Barrot vor, die in der ersten Aprilwoche geplant sei. Frankreichs Außenminister werde dort seinen algerischen Amtskollegen Ahmed Attaf, womöglich auch Präsident Tebboune treffen."

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Der Leipziger Buchpreis wurde gestern unter raumklimatisch offenbar herausfordernden Bedingungen an Kristine Bilkau (für ihren Roman "Halbinsel"), Irina Rastorgueva (für ihr Sachbuch "Pop-up Propaganda") und Thomas Weiler (für seine Übersetzung des Bandes "Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus - Zeitzeugen berichten") vergeben. Das Buchmessen-Team der taz stellt die drei ausgezeichneten Bücher noch einmal genauer vor. Insbesondere der Preis für Bilkau überraschte manchen Kritiker: Dass der Preis schon an Wolf Haas (für "Wackelkontakt") oder Christian Kracht (für "Air") gehen werde, galt offenbar als ausgemacht. "Die Bücher ihrer drei weiblichen Konkurrentinnen um den Preis, Kristine Bilkaus 'Halbinsel', Cemile Sahins 'Kommando Ajax' und Esther Dischereits 'Ein Haufen Dollarscheine', erschienen vielen in der Glashalle des Messegeländes als kalter Kaffee", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. "Aber was braucht man bei großer Hitze nicht? Heiße Favoriten."

"Bilkaus Mutter-Tochter-Roman auf jener Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer ist bei aller stofflichen Interessantheit (inklusive Climate-Fiction-Spuren) im Vergleich konventioneller, sprachlich formal", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel. "Trotzdem fand die Jury, dass unter dieser konventionellen Oberfläche 'Widerhaken' stecken würden und der Roman nur "scheinbar geradlinig" erzählt sei. Vielleicht konnte sie sich aber auch einfach nicht einigen."

Auch Alexander Cammann und Adam Soboczynski stutzen auf Zeit Online: Die Auszeichnung für Bilkau "muss man wirklich als große und seltsame Überraschung begreifen, denn die Konkurrenz" durch Haas und Kracht war "enorm. Beide Bücher sind Bestseller, und beide vereinen sich eigentlich widersprechende Vorzüge: Die Romane sind unterhaltsam, und sie sind experimentierfreudig, sie sind pures Lesevergnügen, und doch sind sie auf regelrecht manische Weise formbewusst. ... Es bleibt das große Geheimnis der Jury, weshalb sie den mit Abstand aufregendsten Büchern der Saison die Auszeichnung verweigert hat."

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Weitere Artikel: Marc Reichwein (Welt), Julia Haubernagel (taz) und Judith von Sternburg (FR) berichten von der Eröffnung der Leipziger Buchmesse und der Verleihung des Preises zur Europäischen Verständigung an den belarussischen Exil-Schriftsteller Alhierd Bacharevič für den Roman "Europas Hunde" (mehr dazu bereits hier). David Hinzmann gibt auf FAZ.net einen Überblick über aktuelle Romane aus Norwegen, dem diesjährigen Gastland der Leipziger Buchmesse (hier unsere Buchnotizen zu Veröffentlichungen aus Norwegen). In der FAZ gratuliert Paul Ingendaay dem Schriftsteller Julio Llamazares zum 70. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Wolfgang Matz dem Schriftsteller Pierre Michon zum Achtzigsten. Und die Presse gibt Buchtipps zum Frühling.

Besprochen werden unter anderem Helene Hegemanns "Striker" (Standard), Sophie Hungers "Walzer für Niemand" (NZZ), Patricia Hempels "Verlassene Nester" (online nachgereicht von der taz), Jakob Heins "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" (online nachgereicht von der taz), Bernhard Malkmus' "Himmelsstriche. Vom Leben der Vögel und Überleben der Menschen" (Freitag) und neue Sachbücher, darunter Julian Bagginis "'Wie die Welt denkt'. Eine globale Geschichte der Philosophie" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

"In C" auf dem Tanzmainz-Festival. Bild: Andreas Etter.


Auf nach Mainz, ruft Sylvia Staude in der FR begeistert: Das Tanzmainz-Festival unter der Leitung von Honne Dohrmann hat mit dem Stück "In C" von Sasha Waltz & Guests begonnen. Das Stück, das auf einer Komposition von Terry Riley beruht, besteht aus 53 "Bewegungsphrasen", die von 13 Tänzern vielfältig kombiniert werden: "'In C' wirkt einerseits emsig, dabei aber auch lässig. Es ist ein Spiel, dem zuzusehen etwas Meditatives hat. Man kann versuchen, zum Beispiel eine einzelne Tänzerin und ihre Phrasenwechsel im Blick zu behalten. Man kann - schwierig! -, versuchen, alles im Blick zu behalten, das ganze schöne Gewusel. Oder man lässt dieses Stück an sich vorüberziehen, freut sich an seiner Munterkeit, nimmt gute Laune mit hinaus."

Weiteres: Für die Welt interviewt Jakob Hayner die Schauspieler Wolfram Koch und Jonas Sippel, die ab Morgen in Lars von Triers "Hospital der Geister" unter der Regie von Jan-Christoph Gockel auf der Bühne des Deutschen Theaters stehen. Judith von Sternburg interviewt die Regisseurin Daniela Löffner für die FR.
Archiv: Bühne

Kunst

Dachziegel aus dem 8./9. Jahrhundert. Bild: Koreanisches Nationalmuseum


Wie wenig wir Deutschen eigentlich von Korea wissen, wird FAZ-Kritiker Stefan Trinks im Dresdner Grünen Gewölbe klar, wo er in der Ausstellung "100 Ideen von Glück" Kunstschätze bewundert, die schon seit den Zeiten Augusts des Starken gesammelt wurden. Es werden "jahrtausendealte Grabfunde wie tönerne Boote auf Rädern präsentiert, die den Verstorbenen sicher ins Jenseits bringen sollen, treue Pferde, Vögel als Seelentiere sowie Lampen als das jenseitige Dunkel erhellende und ebenfalls schützende Beigaben. Selbst die aufwendig ornamentierten Dachziegel und Tempel-Metopenplatten aus dunkel glasierter Keramik können mit zeitgleicher griechischer Tempelschutzzier verglichen werden - alle Kunst scheint in dieser Epoche die oft ungnädigen Götter jeweils fragen zu wollen, wie das Glück stolperfrei zu einem fände? Im vom 4. zum 9. Jahrhundert in Korea dominierenden Buddhismus war die Glücks- und innere Friedenssuche geradezu Staatsziel."

Besprochen werden: "Icons In-Between" im Ikonenmuseum Recklinghausen (FAZ), "From Amber to the Stars. Together with Čiurlionis: Then and Now" anlässlich des 150. Geburtstags des Malers Mikalojus Konstantinas Čiurlionis im Nationalmuseum Kaunas (Monopol), die Retrospektive "Hans Haacke" im Wiener Belvedere (NZZ), "Microverse" mit Fotografien von Kathrin Linkersdorff im Haus am Kleistpark (Tagesspiegel) und gleich zwei Ausstellungen von Andreas Mühe in Frankfurt: "Im Banne des Zorns" in der Kunststiftung DZ-Bank und "Golden American" in der Galerie Anita Beckers (Monopol).
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Film

Eisiges Blau: "Breaking Hearts" von Gilles Lellouche

Mit großer Wucht bringt Gilles Lellouche Neville Thompsons Roman "Wilde Liebe" unter dem Titel "Beating Hearts" in die Kinos. Verlegt ist die Geschichte aus Irland ins Frankreich der Achtziger. "Ein Film in Großbuchstaben und in schreienden Farben, viel eisiges Blau und brennendes Rot", schwärmt Fritz Göttler in der SZ. "Die Geschichte einer jugendlichen Liebe, erzählt mithilfe von zwei Sonnenfinsternissen, einem brutalen Überfall auf einen Geldtransport und einem Sportwagen, der gemein von der Fahrbahn gedrängt wird und sich spektakulär überschlägt. ... Mallory Wanecque und Malik Frikah sind wunderbar als liebende Kids, genauso später Adèle Exarchopoulos und François Civil, wenn beide junge Erwachsene sind."

"Lellouche legt die Liebesgeschichte von Jackie und Clotaire episch an", schreibt Dunja Bialas auf Artechock. "Mit einem erhabenen Cinemascope-Blick auf eine gigantische Industrieanlage mit brennenden Schloten hebt der Film an. Dann klotzen in signalroter Farbe die Titel über die ganze Breite der Leinwand. Die Kraftmeierei setzt sogleich die Tonlage: Die Liebesgeschichte ist episch und vergeblich, ist schicksalshaft und tragisch, ist poetisch und brutal. ... Lellouch formuliert auf der B-Seite seines schwelgerischen Films Emotion immer wieder als Verlust, als Gefühlslage der Unwiederbringlichkeit angesichts einer vergangenen Jugend, die sich in voller Geschwindigkeit verausgabt hat." Weitere Besprechungen auf critic.de, in der FAZ und im Tagesspiegel.

Außerdem: Die Artechocker Dunja Bialas und Rüdiger Suchsland erhalten vom DOK.Fest München fünf Antworten auf fünf nachhakende Fragen dazu, dass künftig die Ehefrau des bisherigen Leiters das Festival leiten wird. Esthy Baumann-Rüdiger porträtiert in der NZZ Patrick Schwarzenegger, der sich in der Serie "White Lotus" sein Image als "Nepo-Baby" vom Leib spielen will. SZ-Kritikerin Johanna Adorján bekommt zumindest sanftes Bauchdrücken, wenn sie sieht, dass Demi Moore auf Instagram private Fotos des an Demenz erkrankten Bruce Willis präsentiert. Rüdiger Suchsland erinnert auf Artechock an die Schauspielerin Émilie Dequenne, die vor kurzem überraschend und viel zu jung gestorben ist. Wolfgang Hamdorf berichtet im Filmdienst vom Filmfestival in Málaga. Felicitas Kleiner bietet im Filmdienst einen Überblick über die neuen Serien des kommenden Monats. Und Valerie Dirk führt im Standard durchs Programm der Diagonale in Graz.

Besprochen werden Lars Henrik Gass' Buch "Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft" (taz), Kurdwin Ayubs "Mond" (Artechock, unsere Kritik), Joshua Oppenheimers "The End" (Artechock, mehr zum Film bereits hier), David Ayers Actionthriller "Working Man" nach einem Drehbuch von Sylvester Stallone (Artechock), Jaume Collet-Serras Horrorfilm "The Woman in the Yard" (Artechock, unsere Kritik), Marco La Vias und Hanna Ladouls "Das Gelbe vom Ei" (Artechock) und die Apple-Serie "The Studio" mit Seth Rogen (Standard).
Archiv: Film

Architektur

Trump hat irre Pläne für seine Staatsarchitektur, berichtet Ingeborg Ruthe in der FR. Ans antike Rom und an Albert Speers Entwürfe für "Germania" erinnert das: "Nun soll alles, was mit Trumps Staatswesen zu tun hat, im neoklassizistischen Stile leuchten. Bloß nicht als Moderne, gar im Stil von Bauhaus oder Brutalismus oder den liberaler Architekten der Gegenwart! Mit Bundesmitteln finanzierte Bauten, so verfügt Trump, hätten sich ab sofort an 'regionale, traditionelle und klassische architektonische Traditionen zu halten.' Gebaut werden soll auch so wie die der Herrenhäuser, klassizistisch oder im 'Georgian' bzw. 'Federal Style.' Alles, was Trump in seinem Machtbereich wähnt, was sich in seinem Dunstkreis befindet, soll also gleich 'großartig' aussehen, reich, repräsentabel. (…) Es war eben schon immer etwas teurer, einen schlechten Geschmack zu haben."

Weiteres: Gerhard Matzig spricht für die SZ mit dem Architekten Rudolf Hierl über die Möglichkeiten, leerstehende Bürogebäude zu Wohnungen umzufunktionieren.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Staatsarchitektur, Bauhaus

Musik

Diedrich Diederichsen geht in der taz detailliert auf die "merkwürdige Dialektik zwischen Komposition und Improvisation" ein, die das Schaffen des Jazzmusikers und -komponisten Wadada Leo Smith prägt. Den Anlass bietet ihm, dass die Berliner MaerzMusik heute Abend Kompositionen von Smith (allerdings in dessen Abwesenheit) aufführen lässt. Der Musiker hat "seine eigene Notationsmethode entwickelt, die er schon früh zum Einsatz gebracht hat. Das 'Ankhrasmation' getaufte System bezieht sich auf das altägyptische Wort/Zeichen für Leben (Ankh), den äthiopischen 'Anführer' (Ras) und die globale Mutter (Ma)." Ein, "wenn man so will, multiafrozentrischer Ansatz, also ein sich auf verschiedene afrikanische Kulturen und Traditionen beziehendes Verständnis. ... Seine grafischen Notationen unterscheiden sich stark von etwa Anthony Braxtons, bei dem Ziffern, Wege, Vektoren die entscheidende Rolle spielen. Bei Smith sind dagegen Farbigkeit und fast bildkompositorisch zu verstehende, mit der Fläche arbeitende Konstellationen wichtig. Andererseits besteht er darauf, dass es sich eher um eine Sprache beziehungsweise Schrift ('language signs') handelt als um 'Grafik'. Überhaupt ist es nicht nur Smith selbst, sondern auch die verblüffende, hörbare Kontinuität seiner ästhetischen Absichten, die den bei seiner Musik besonders viel diskutierten Unterschied zwischen 'improvisierten' und 'interpretierten' Stücken schrumpfen lässt."

Außerdem: Adrian Schräder porträtiert in der NZZ den Schweizer Mundartsänger Edb. Besprochen werden Michael Haas' Buch "Die Musik der Fremde. Komponisten im Exil" (online nachgereicht von der taz), das Comeback-Album von Will Smith (Tsp, SZ), Sabrina Carpenters Auftritt in Zürich (TA), ein neues Album von Vereter (Standard) und das neue Album des Hiphop-Trios Clipping ("Es ruckelt und zuckelt oder fiept und kreischt wie eine alte Faxmaschine oder ein antikes Telefonmodem", schreibt Christian Schachinger im Standard).

Archiv: Musik