Klappentext
Die Frau mit dem blumengemusterten Kleid erhebt sich endlich aus ihrem Bett. In der Hitze des Zimmers bleibt ihre Vergangenheit wie in Schwaden stehen: die Vergangenheit eines versteckten jüdischen Kindes. "Immer wieder taucht jemand auf und soll zu uns gehören", murmelt ihre Schwester. Der Thanksgiving-Truthahn in Chicago verschluckt das Schwarze Amen ihres Mannes, der für die Kinder Palästinas um Frieden betet, während am anderen Ende des Tisches mit einem weißen Amen eine Danksagung an den amerikanischen Präsidenten gesprochen wird. Der nunmehr jüdisch-orthodox bekennende Sohn nennt seine Mutter Closet-Jew. Gojische Partner*innen der zweitverheirateten Überlebenden eignen sich deren "Wiedergutmachung" an, und schließlich weigert sich auch der russische Rabbiner, das Vorkriegsgrab von Berlin-Weißensee zurückzugeben. Traurig, empörend, unerhört und, wenn die Tante sich die klebrigen Kekse aus der Flughafenlounge in die Tasche stopft, auch komisch, wie Filmschnitte aus einem nicht geplanten Drehbuch.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.07.2025
Es ist nicht ganz einfach, sich in diesem Buch zu orientieren, meint Rezensentin Brigitte Werneburg. Erzählt wird jedenfalls eine deutsch-jüdische Familiengeschichte, die sich zwischen Berlin, Rom, Chicago und Heppenheim entfaltet. Die Dollarscheine des Titels stammen von einem Großvater, der in den USA lebt, einem Juden, der dort eine Christin geheiratet hat und in einem Viertel lebt, das weiß geprägt ist, weshalb sein Urenkel, dessen Vater schwarz ist, ihn dort nicht besuchen kann. Verschiedene Stimmen tauchen auf in diesem Buch, um die komplexen Verhältnisse zu erklären, so Werneburg, die von einer sehr deutschen, sarkastischen Stimme, die über die Kontinuität des Hitlerischen in Nachkriegsdeutschland berichtet, allerdings eher irritiert ist. Viel Ungeheuerliches zu lesen ist in diesem Buch von den Steinen, die deutsche Behörden jüdischen Holocaustüberlebenden nach 1945 in den Weg legten, heißt es außerdem, auch die jüdische Gemeinde wird hier nicht durchgehend positiv dargestellt. Werneburg hält sich mit expliziten Wertungen zurück, scheint das Dischereits Roman aber mit Gewinn gelesen zu haben.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.01.2025
Rezensentin Insa Wilke staunt, wie lässig Esther Dischereit über jüdisch-deutsche Verhältnisse und Zusammenhänge erzählt. Anhand der Geschichte einer Tante und ihres Neffen verhandelt Dischereit die Folgen, die die nationalsozialistischen Verbrechen für die Nachkommen hatten, erzählt aber auch von der "Kontinuität verbrecherischen Handelns" in der Nachkriegszeit. Mit trockenem Humor und analytisch tiefgreifend, fächert die Autorin die sehr unterschiedlichen Umgangsweisen ihrer Protagonisten mit der Vergangenheit auf. Beide sind Kinder von Holocaust-Überlebenden, so die Kritikerin. Während die Tante sich beinahe obsessiv mit aktuellen politischen Verhältnissen beschäftigt und dadurch auch kritisch die Rolle des Zionismus für das Judentum reflektiert, versucht ihr Neffe durch Bräuche und Traditionen einen Annäherung an die jüdische Identität. Weil Dischereit das mit Humor und erzählerischer Intelligenz macht, ist der Text für Wilke auch eine genussvolle Lektüre.
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