Im Kino
Potenziell universell
Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
26.03.2025. In Kurdwin Ayubs zweitem Langfilm nimmt eine Mixed-Martial-Arts-Sportlerin (Florentina Holzinger) einen Job in Jordanien an. "Mond" erzählt von bedrückender, patriarchaler Enge in kunstvollen Bildern, die nie künstlich wirken.
Kurdwin Ayubs zweiter Langfilm "Mond" beginnt mit einer krachenden Niederlage. Sarah macht Mixed Martial Arts und wird von ihrer Gegnerin übelst verdroschen. Es könnte das Ende ihrer Sportlerinnen-Karriere sein, erklärt der Kommentator, und das ist glücklicherweise das letzte Mal, dass in diesem Film etwas per Dialog verdeutlicht wird, was man im Bild eh schon sieht und damit auch spürt.
Sarah weiß nicht so recht, was sie tun soll. Ihre Schwester hat gerade ein Kind bekommen, und sie selbst steht Ende 30 in einer kleinen, zugestellten Zwei-Zimmer-Wohnung vor dem berühmten Nichts. Den Ausweg bildet ein lukrativer Job in Jordanien, bei einer superreichen Familie, deren drei Töchter lernen sollen, wie man sich verteidigt. Kampfsport sei gerade sehr hip, erklärt der Sohn der Familie, über den der Kontakt läuft.
Von diesem Punkt aus entfaltet die Kamera im Verbund mit den durchweg hervorragenden Laienschauspielern eine Bewegung, die von der Weite - raus aus Österreich und aus dem beruflichen Scheitern, hin zu einem lukrativen Job und in die Ferne - direkt in einen sich mehr und mehr verengenden, am Ende klaustrophobischen Raum führt. Die drei Schwestern dürfen das Haus nicht verlassen, werden ausschließlich zu Hause unterrichtet und haben Handyverbot. Ayub zeigt eine durch und durch patriarchal strukturierte Welt, in der Sarah ein Fremdkörper bleibt. Überhaupt stehen die Körper im Mittelpunkt. Die Körper der Schwestern sind Objekte der Unterdrückung, ihnen gilt die patriarchale Angst und Paranoia. Die Wahrheit über die Familie darf nicht nach außen dringen, das ist vertraglich festgelegt, bestimmte Räume dürfen nicht betreten werden, weil sich Geheimnisse in ihnen verbergen. Die brütende Anspannung, die den Film die meiste Zeit über bestimmt, rührt daher, dass Sarah all diese Verbote mit einer geradezu naiven Selbstverständlichkeit übertritt. Und so schnell hinter das Familiengeheimnis kommt.

Man könnte aus dieser Konstellation heraus eine spannende Geschichte über weibliche Selbstermächtigung und das Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne erzählen, inklusive Suspense - entkommen sie oder entkommen sie nicht? - und einer aufbauend-menschlichen Message. Schweres Thesen-Kino. Ayub hat sich aber, wie schon in ihrem Spielfilmdebüt "Sonne" (unsere Kritik), für das Leichte, das inszenatorisch schwer zu machen ist, entschieden. Irgendwie ist es in ihren bislang zwei Filmen gelungen, eine Authentizitätssuggestion herzustellen - so weit wie das im Kino eben möglich ist. Nichts an diesen kunstvollen Bildern wirkt künstlich.
Das hat mit der dokumentarisch anmutenden Kameraarbeit Klemens Hufnagls zu tun, vor allem aber mit einer sehr eigenen Inszenierung von Laienschauspielerinnen, die in ihrem Spiel einen gleichsam doppelten Eindruck evozieren: Man sieht, dass sie als Schauspielerinnen und Schauspieler spielen, und bekommt zugleich erfolgreich vermittelt, dass sie niemand anderen spielen als sich selbst.
Das gilt auch für die Hauptdarstellerin, die Choreografin und Performance-Künstlerin Florentina Holzinger, deren reduzierte Darstellung viele Deutungen offenlässt und trotzdem unmittelbar und klar wirkt. In Holzingers eigenen Performances geht es oft um körperliche Extremzustände. In "Mond" auch, aber sie werden nicht als transgressive Ausnahmesituationen inszeniert, sondern als Normalfall im Leben eines Menschen mit einem als weiblich gelesenen Körper. Die Frauenkörper in dem Mikrokosmos der Familie in "Mond" werden kontrolliert, eingesperrt und bestraft. Aber nicht mit großen Gesten, die für Drama und Spannung sorgen würden, sondern in der Inszenierung eines fast dokumentarischen Blicks, der sich Genrefilmmustern und -stereotypen nicht fügen möchte. Entsprechend überraschend sind die Eskalationsmomente gesetzt. Der zentrale findet sich nicht im Finale, das eher abrupt abbricht und dann in einen Epilog überleitet, sondern nach zwei Dritteln der Laufzeit.
Dieser zugleich teilnahmslose und in seiner Genauigkeit sehr empathische Blick ist eine Voraussetzung dafür, dass aus dem Stoff kein exotistisches Theater wird. Das gezeigte Familienpatriarchat ist kein extremer Sonderfall, sondern eine Struktur und eine Tradition, die potenziell universell gilt, überall dort, wo sie nicht zerbrochen wurde. Der Ausbruchsversuch in "Mond" jedenfalls scheitert, und am Ende räsonieren zwei Schwestern über Kindermord, es ist ein Karaoke-Lied zu hören, in dem die Lust am Schmerz besungen wird. Das ist einer von vielen Momenten, in denen klar wird, dass in "Mond" die Beiläufigkeit und der Eindruck von Authentizität beides Ergebnis einer präzisen und konzeptuell reflektierten filmischen Arbeit sind. Zudem zeigt sich, dass Gewalt hier nicht nach Jordanien ausgelagert, sondern auch in den europäischen Körpern bereits eingelagert ist. Genau das erzählt der Film nicht als These, sondern als Bild - und deswegen überzeugend.
Benjamin Moldenhauer
Mond - Österreich 024 - Regie: Kurdwin Ayub - Darsteller: Florentina Holzinger, Celina Sarhan, Andria Tayeh, Nagham Abu Baker, Omar AlMajali - Laufzeit: 92 Minuten.
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