Im Kino
Nichts als Projektionen
Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
27.03.2025. Braucht die Welt vollständig säkularisierte Horrorfilme? "The Woman in the Yard" legt nahe: nicht einmal dann, wenn sie von ansonsten verlässlichen Genrekinoprofis wie Jaume Collet-Serra gedreht werden.
Die Bettdecke wiegt schwer auf Ramona (Danielle Deadwyler). Gebannt starrt sie auf ihr Handy, das Bilder von ihrem Mann David (Russell Hornsby) zeigt, der entspannt, sorglos, im Unterhemd auf dem Bett liegt und zärtliche Worte und Blicke mit ihr tauscht. Das Glück harmonischer Zweisamkeit gibt es für sie nur noch medial vermittelt und retrospektiv verklärt, seit David bei einem Autounfall ums Leben kam. Nun kostet sie jedes Aufstehen immense Kraft; und das nicht bloß wegen ihres lädierten Beines. Die schräg stehende Kamera zeigt ein Leben, das aus den Fugen geraten ist. Von weither, wie aus einer anderen Welt, dringt die Stimme ihres Sohnes Taylor (Peyton Jackson) zu ihr, der das Fenster öffnet und sie auffordert, aufzustehen. Grelles Sonnenlicht fällt in die kleine Höhle aus Kissen und Erinnerungen, in der sie sich vor ihrem Trauma versteckt.
Am Frühstückstisch mit dem Teenager Taylor und seiner kleineren Schwester Annie (Estella Kahiha) geht es für Ramona spannungsgeladen weiter: passiv-aggressives Geschirrschubladengeklapper, Frühstückscerealien im Rührei, und der Hund muss kotzen, nachdem ihm die Kinder etwas Falsches zu essen gegeben haben, weil sein Futter alle war. Zur psychischen Belastung, unter der die Familie zu zerbrechen droht, kommen Geldsorgen.
Plötzlich fällt Taylors Blick auf eine schreckenerregende schwarze Gestalt, die im Hof des kleinen Hauses auf dem Land bedrohlich auf einem Stuhl thront. Eingehüllt in ein wehendes dunkles Trauergewand, das vage an religiöse Verschleierunen erinnert, oder aber nahelegen könnte, dass aus dem Sensenmann eine Sensenfrau geworden ist. Nur an ihren Händen ist zunächst zu erkennen, dass die Frau im Hof (Okwui Okpokwasili), wie die Familie im Haus, Afroamerikanerin ist. Während sich die familiären Konflikte drinnen immer weiter zuspitzen, kommt die dunkle Bedrohung draußen näher und näher.

Der aus Spanien stammende Regisseur Jaume Collet-Serra ist vor allem für seine Actionfilme mit Liam Neeson bekannt (darunter mit "Unknown" von 2011 der definitive Berlin-Film seiner Zeit). Seit seinem Debüt "House of Wax" (2005) drehte er aber auch mehrere Horrorfilme, die Fußballfilmfortsetzung "Goal 2", die Disney-Themenpark-Adaption "Jungle Cruise" (2021) und die DC-Comic-Verfilmung "Black Adam" (2022, sein uninteressantester Film). Collet-Serra ist einer jener routinierten Genrehandwerker, wie sie das kommerzielle Kino des 20. Jahrhunderts entschieden prägten, die im 21. aber, ein Zeichen für den Bedeutungsverlusts des Mediums, sehr selten geworden sind.
Seine Filme haben durchaus ihre Schwächen, etwa einen gewissen Hang zum albernen Happy End. Insgesamt aber steht sein Name für spannendes und intelligentes Genrekino, das sich mehr für seine Figuren interessiert, als die meisten vergleichbaren Filme. Auch sein Umgang mit Schauplätzen sticht hervor: Flugzeuge, Pendlerzüge oder Sozialbaublocks sind ihm nie bloßes Mittel zum Spannungsaufbau, sondern immer auch eigenständige soziale Dispositive, menschliche Mikrokosmen, deren Regeln erläutert und analysiert werden.
An "The Woman in the Yard", seinem ersten Horrorfilm seit knapp zehn Jahren, kann man Vieles mögen: Die leise Lakonie, mit der er seine aufs Wesentliche beschränkte, kleine Welt entwirft. Die Konsequenz, mit der er seine Geschichte als Drei- bzw. Vier-Personen-Stück erzählt. Die durchweg überzeugenden Schauspieler und das Gespür fürs stimmungsvolle Arrangement der Scope-Bilder und vor allem für Suspense; insbesondere gegen Ende, wenn wir eine Reihe ruhiger, friedlicher Bilder von Haus und Hof bei Nacht sehen - während wir auf den alles entscheidenden Schuss warten.
Doch all das kann nicht über einen zentralen Konstruktionsfehler im Umgang mit dem Übernatürlichen hinweg täuschen, das ganz in seiner psychischen Funktion aufgeht: Geister oder Dämonen sind nichts als Projektionen von Schuld, Scham, Suizidgedanken. Der Film handelt letztlich ausschließlich von der Überwindung eines Traumas. Das Problem eines vollständig säkularisierten Horrorfilms ist, dass die Säkularisierung den Horror aufhebt und überflüssig macht. Wenn man selbst im Rahmen einer Fiktion nicht mehr an Dinge glauben möchte, die sich nicht wissenschaftlich erklären lassen, gibt es keinen rechten Grund mehr, Filme wie diesen zu machen.
Nicolai Bühnemann
The Woman in the Yard - USA 2025 - Regie: Jaume Collet-Serra - Darsteller: Danielle Deadwyler, Russell Hornsby, Peyton Jackson, Estella Kahiha, Okwui Okpokwasili Laufzeit: 88 Minuten.
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