Air
Roman

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN
9783462004571
Gebunden, 224 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
In der kleinen schottischen Stadt Stromness auf den Orkney Inseln lebt Paul, ein Schweizer Dekorateur und Inneneinrichter. Als er von einem Design-Magazin einen obskuren, aber lukrativen Auftrag aus Norwegen erhält, begibt er sich auf eine Reise, die ihn an die Grenzen seiner Welt und weit darüber hinaus führt. Christian Krachts Roman aus dem Geiste einer radikalen Romantik erzählt eine Geschichte vom Hier und vom Dort und katapultiert uns aus unserem Jetzt in eine verspiegelte Landschaft der Literatur.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 18.03.2025
Rezensent Jan Drees sieht im neuen Buch von Christian Kracht einen neuerlichen Beweis der Größe dieses Autors. Wie Kracht hier germanische Mythologie, KI-Fantasien und Yeats-Visionen unter einen Hut bringt, indem er einen Innenarchitekten auf die Reise schickt, den perfekten White-Cube zu gestalten, und ihm dabei ein keltisches Heldenepos an die Seite stellt, findet Drees raffiniert. Auch wenn man das Buch ohne all seine Verweise auf Mythologie, Yeats, Wittgenstein und KI lesen kann, mehr Spaß macht es allemal mit, verspricht Drees. Sich auf das Spiel mit wiedererkennbaren Kinderbuch- und Hollywoodfilm-Motiven einzulassen, ist wie ein dauerndes Déjà-vu-Erlebnis, meint er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 17.03.2025
Irgendwie sind doch alle Figuren von Christian Kracht heimatlose Reisende, befindet Rezensent Timo Feldhaus zu dessen neuen Roman, in dem der Protagonist nun sogar noch eine Schippe drauflegt und auch noch durch die Zeit reist. In wechselnden Episoden werde die Geschichte des Innenarchitekten Paul, der der schottischen Kleinstadt auf den Orkney-Inseln wohnt, aber auch die einer alternativen Wirklichkeit in einer mittelalterlich anmutenden Welt. Hier begegnet Paul dem Mädchen Ildr, das Bogenschießen kann, außerdem Stein- und Eismenschen und dem Herzog Tviot. Alles schwebe hier "sehr artistisch" und "leicht haltlos" umher, so Feldhaus, der außerdem zahlreiche literarische Bezüge, zum Beispiel auf Lindgrens "Brüder Löwenherz" ausmacht. Ein "düsterer Nihilismus" herrsche hier vor, in dem eine völlig sinn- und inhaltsbefreite Dominanz des Ästhetischen etabliert wird, ganz ohne die für den Autor sonst typischen Bezüge auf die deutsche Geschichte. Alles ist hier in seiner Erhabenheit "wahnsinnig elegant", meint Feldhaus, der aber nicht umhin kommt, sich zu fragen, ob bei so viel Leichtigkeit, die Bedeutung nicht etwas zu sehr in den Hintergrund gerät.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.03.2025
Rezensentin Nadine A. Brügger vermutet, dass bei Christian Krachts neuem Roman nicht nur literarischer Spieltrieb, sondern doch auch aufmerksamkeitsökonomische Berechnung ins Gewicht fällt. Worum geht's? Der Innenarchitekt Paul ist aufgrund seines ästhetischen Gespürs sehr gefragt, ein Auftrag des Magazins "Küki", das Cohen herausgibt, soll das Highlight seiner Karriere werden, stattdessen kommt es zu einer massiven Naturkatastrophe und Paul verschwindet in eine mittelalterlich-archaische Welt. Er trifft dort auf das Mädchen Ildr, das ihn für einen Magier hält, Cohen indessen versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen und landet irgendwie bei den beiden Paul und Ildr. Für Brügger laufen hier die vielen Fährten zusammen, die Kracht legt. Die Motive wie Moderne-Kritik, das bewusst Offen-Undefinierte der Handlung und die "losen Maschen", die beinahe jede Interpretationsmöglichkeit offen lassen, und die Bezüge zu so verschiedenen Autoren wie Martin Suter und Astrid Lindgren sind für Brügger typisch Kracht - aber auch mittlerweile etwas überstrapaziert. Das Spiel mit der Auslegung macht der Kritikerin in diesem Roman nicht mehr so viel Spaß wie früher, bekennt sie.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 15.03.2025
Ein echter Kracht, meint Rezensent Jan Küveler: Irgendwo zwischen einer ins Fantastische tauchenden Reise und der menschlichen Vergänglichkeit findet sich der Innenarchitekt Paul, der für die oberste Oberschicht die passenden Wandfarben raussucht und plötzlich einen Auftrag der wohl bedeutendsten Ästhetik-Zeitschrift "Küki" erhält. Ein norwegisches Datenzentrum soll einen Anstrich im "perfekten, einmaligen Weiß" erhalten, aber ein Sonnensturm kommt dem Projekt in die Quere, verrät Küveler, und Kracht lege direkt mal den "bislang unentdeckten dritten Hauptsatz der Thermodynamik" vor, nämlich die Beobachtung, dass eine Geschichte unbeeinflusst von Raum und Zeit immer weiterlaufen muss. Küveler gefällt gut, wie Kracht Poetisches mit dem Abgesang auf die warenförmige Postmoderne verknüpft.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2025
Sehnsuchtsorte, Träume und verschiedene Bewusstseinsschichten spielen eine wichtige Rolle in Christian Krachts neuem Roman, stellt der begeisterte Rezensent Tilman Spreckelsen fest: Die beiden Protagonisten Cohen, Verleger, und Paul, Innenarchitekt begegnen sich in diesen verschiedenen Sphären immer wieder. Angereichert durch viele Verweise innerhalb und außerhalb der Textwelt, von Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz" bis zu Sushi, das als archaischer roher Fisch wiederkehrt, gibt Kracht seinen Figuren eine Grundstruktur vor, in der sich die beiden immer wieder in nordischen Gefilden treffen, in einem mittelalterlich-märchenhaften Wald umherwandeln und vor allem die Träume des Anderen in die eigene Lebensstruktur integrieren, schildert Spreckelsen. Diese Mise en abyme-Konstruktion der unendlichen Bezüge aufeinander bereitet ihm mit ihrem Verweisreichtum große Freude, wie er resümiert.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 13.03.2025
Der hier rezensierende Literaturwissenschaftler Moritz Baßler fühlt sich wohl in Christian Krachts neuem Roman. Hauptfigur ist Paul, ein Inneneinrichter, der Immobilien veredelt, indem er ihnen eine scheinbare Authentizität verleiht, und der mit einem Designmagazin-Herausgeber namens Cohen zu tun bekommt. Die beiden landen dann in einer Fantasy-Welt, in der die vorher nur als Luxusgüter präsenten authentischen Dinge plötzlich ganz alltäglich sind. Baßler fühlt sich angesichts dieser alternativen Realität an Werke von Poe und Spielberg erinnert, weist aber darauf hin, dass bei Kracht die beiden Welten immer wieder durcheinander geraten: Hier kommt dem Rezensenten das jüngste Erzählexperiment "Wackelkontakt" von Wolf Haas in den Sinn. Dass das alles trotz Ironie und doppeltem Boden mitreißend ist, liegt daran, glaubt Baßler, dass die klassische Heldenreise sich eben immer noch gut liest. Mehr noch: Der Mix aus Fantasy, Metakommentar, Glitches und Naturidyllik funktioniert für Baßler so gut, dass er sich nach dieser bunten ästhetischen Reise bestens gerüstet fühlt für die sorgenvolle Realität.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.03.2025
Mit der Exegese dieses neuen Romans von Christian Kracht werden "Fans und Feinde" einiges zu tun haben, vermutet Rezensentin Marie Schmidt, so richtig durchschaubar ist der Autor nicht. Der neue Roman nimmt seinen Anfang mit dem Innenarchitekten Paul, der sich der Ästhetik der Stilzeitschrift "Küki" verschrieben hat. Dessen Chefredakteur Cohen hat einen Auftrag in Norwegen für ihn als ein "planetarer Magnetsturm" alles durcheinander bringt. Es entfaltet sich eine zweite Ebene, in der Cohen mit zwei Kindern und einigen Tieren durch eine fast märchenhafte Welt reist, von der Schmidt von Kracht erfährt, dass "Die Brüder Löwenherz" dafür Pate gestanden haben. Die ganzen inter- und extratextuellen Verweise schaffen einen Sog, dem sich die Kritikerin kaum entziehen kann, angefangen bei der Kritik postmoderner Sauerteigbrot-Glorifizierung bis zu den Gemälden von Odd Nerdrum, die Kracht als "künstlerischen Gegenentwurf zum Stress der Stilavantgarden" ins Feld führt (und von denen eines auch den Umschlag schmückt). Kracht-Profis haben "hier viel zu tun", meint Schmidt, es gibt es hier aber auch für alle anderen eine Menge zu entdecken.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.03.2025
Rezensent Tobias Rüther hat keine Lust mehr, bei der Lektüre von Krachts neuem Roman schon wieder das "Spiel" des Skandal-Autors mitzuspielen, mit dem dieser die Presse mittlerweile gezielt zu seiner Mystifizierung bzw. Verehrung anstifte. Kopfschüttelnd zitiert er etwa nochmals Denis Scheck, der den vorletzten Kracht-Roman als eine dem Tonfilm zu vergleichende "Revolution" bezeichnete - und schlägt für den neuen Roman säuerlich "die größte Erfindung seit Bofrost" vor: Er spielt in einer eisigen Gegend, in die ein typischer Kracht-Protagonist - strapazierter "Geschmacksmensch" mit "Distinktionssehnsucht", fasst Rüther müde zusammen - irgendwie katapultiert wurde, um sich dort mit einem neunjährigen Mädchen durch die Wälder zu schlagen. Und das "Spiel" sei hier wieder, möglichst allen literarischen Anspielungen und abgelegenem Fachwissen auf die Spur zu kommen, das hinter der perfekten Textoberfläche höchstwahrscheinlich schlummere. Füge man sich dem aber nicht, bleibt wenig übrig, urteilt Rüther: eine so "unspannende" Story, dass der Kritiker sie nicht einmal richtig wiedergibt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 06.03.2025
Rezensent Adam Soboczynski bespricht, ziemlich begeistert, Christian Krachts neuen Roman im Rahmen eines Gesprächs, das er mit dem Autor in Kolkata führt. Hauptfigur ist ein Innenarchitekt namens Paul, der den Auftrag erhält, die Farbe Weiß perfekt zu malen, dann aber, während er in einem Datencenter unterwegs ist, aufgrund einer Sonneneruption in eine Parallelwelt geschleudert wird. In der lernt er unter anderem ein Mädchen namens Ildr kennen, die Freundschaft zwischen den beiden findet Soboczynski ausgesprochen rührend. Im Kern handelt dieses anspielungsreiche Werk von der traumartigen Macht der Literatur selbst, die immer wieder neue Geschichten erfindet und eigengesetzliche Welten erschafft, analysiert der Rezensent. Kracht neuer Roman ist utopischer, freundlicher als "1979", in dem die Hauptfigur ebenfalls ein Innenarchitekt war, meint Soboczynski. Er ist froh darum. Mit dieser eskapistischen, eleganten Literatur, die sich den Glauben an die Schönheit bewahrt hat, kann er gut leben.