Efeu - Die Kulturrundschau
Stimmig, kostbar, seltsam und schräg
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14.10.2023. Gut, dass Salman Rushdie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, meint die taz. Aber gerade jetzt hätte die Jury auch würdigen können, dass Rushdie mit den "Satanischen Versen" eines der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Auf Zeit Online betont der polnische Fotograf Rafal Milach die Bedeutung linker Protestkultur in Polen, nur: Die katholische Kirche ist immer mächtiger. Der Tagesspiegel lernt in der Berliner AdK, dass die Masse allen verbauten Betons bald die weltweite Biomasse übertrifft. Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück ist gestorben, melden die Zeitungen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.10.2023
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Literatur

Die US-Lyrikerin Louise Glück, die Literaturnobelpreisträgerin von 2020, ist gestorben, wie die Agenturen gestern Abend meldeten. Deutschsprachige Nachrufe gibt es in den Feuilletons bislang kaum, was auch daran liegen mag, dass die hiesige Literaturkritik schon vor drei Jahren ratlos mit den Achseln zuckte, als die Schwedische Akademie Glück auszeichnete. Kurz vor unserem Perlentaucher-Redaktionsschluss ging Gerrit Bartels Nachruf im Tagesspiegel online - zu knapp für eine Auswertung. Und immerhin analysiert Jan Röhnert in der Frankfurter Anthologie der FAZ Glücks Gedicht "Lied". Englische Nachrufe gibt es in der New York Times, in der Washington Post, in der L.A. Times und im Guardian.
In der NZZ führt Jörg Plath durch die slowenische Literatur, die dieses Jahr bei der Frankfurter Buchmesse im Mittelpunkt stehen wird, und freut sich: "Aus dem kleinen Land zwischen Alpen und Adria mit nur zwei Millionen Einwohnern liegen sogar nicht wenige Klassiker auf Deutsch vor, was in Litauen, Bulgarien und Griechenland Neid wecken dürfte. ... Aber man kann auch einfach einen Blick werfen auf Autoren, die fast keine geworden wären: Slavko Grum (1901-1949) fand zeit seines Lebens keinen Buchverlag, was ja für die europäische Moderne durchaus ein Qualitätskriterium ist. Wie Benn war Grum schreibender Arzt, aber ohne Zynismus, mit runder Nickelbrille, schutzlosen Augen, schmaler Gestalt, drogenabhängig und einsam. Er umkreist in seiner fragmentarischen Prosa den Selbstmord wie die Maus den Speck. Wobei Grum zudem in großer Schärfe Elend und Sinnlosigkeit festhält."

Außerdem: Adania Shibli wird für ihren Roman "Eine Nebensache" nach den Diskussionen der letzten Tage (unser Resümee) nun nicht auf der Frankfurter Buchmesse mit dem "LiBeraturpreis 2023" ausgezeichnet, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt, meldet Paul Ingendaay in der FAZ. Die SZ hat ihre Literaturbeilige zur Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr von der KI "Midjourney" bebildern lassen: Von den Schwierigkeiten, die dabei entstehen, wenn man einer KI Schlüsselszenen der Literaturgeschichte begreiflich machen will, erzählt Andrian Kreye. In der Literarischen Welt erzählt Georg Stefan Troller in einem großen Essay von seiner Bibliophilie. Der Schriftsteller Andreas Maier erzählt in der FAZ, dass er als Jugendlicher in seinem Heimatort Wetterau zwar NPD-Aufkleber von Verkehrsmasten abgeknibbelt hat, aber der Ort heute dennoch eine AfD-Hochburg ist. Im "Literarischen Leben" der FAZ erinnert Tilman Spreckelsen an den Kinderbuchautor Otfried Preußler, der vor 100 Jahren geboren wurde. Die ARD-Audiothek bringt dazu Features und Hörspiele. Der Tagesspiegel gibt die besten Comics des Quartals bekannt: Die Spitzenposition nimmt Anke Feuchtenbergers autobiografisch angehauchter Comic "Genossin Kuckuck" ein. Tobias Rüther schreibt in der FAS einen Nachruf auf die Schriftstellerin Louise Meriwether.
Besprochen werden unter anderem Necati Öziris "Vatermal" (Tsp), Steffen Kopetzkys "Damenopfer" (FR), Hugo Balls "Sämtliche Werke und Briefe" (Welt), die Anthologie "Mein Nachbar auf der Wolke" mit slowenischer Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts (SZ), Thomas Hettches "Sinkende Sterne" (NZZ), Jan Peter Bremers "Nachhausekommen" (SZ) und Dovid Bergelsons Erzählband "Die Welt möge Zeuge sein" (FAZ).
FAZ, SZ und WamS bringen heute außerdem ihre Literaturbeilagen zur Frankfurter Buchmesse, die wir an dieser Stelle zum Teil schon mit unseren Buchnotizen ausgewertet haben oder in den kommenden Tagen noch auswerten werden. Dort finden Sie auch bereits unsere Notizen zur aktuellen Literaturbeilage der Zeit.
Kunst


Wie Gemälde aus der Neuen Sachlichkeit, dem Surrealismus der Symbolismus erscheinen Ursula Scheer (FAZ) die Werke des rumänischen Künstlers Victor Man. Auch Verweise auf die Vorrenaissance klingen in den Werken an, die nun unter dem Titel "Linien des Lebens" in der Galerie der Alten Meister im Frankfurter Städel ausgestellt sind: "So ergeben sich interessante Blickwechsel zwischen um 1500 von Wolfgang Beuer oder dem Meister der Stalburg-Bildnisse Verewigten und Victor Mans Selbstbildnis 'Self With Father' von 2017, in das sich als geisterhafter Schattenriss das Profil des Künstlers schiebt. Gemeinsam ist den Bildern die unnahbare Ausstrahlung, ein Ernst, den Man zur existenzialistischen Melancholie steigert. Wo in der alten Kunst mittelalterlicher Goldgrund strahlt, setzt Man in seiner seegrün verschatteten, von Ikonen beeinflussten Malerei fast grelle Farbakzente: Im Bild des Vaters ist es eine fluoreszierend wirkende blaue Linie am Haaransatz; in anderen Arbeiten leuchten Haut oder Stoff unwirklich gelb auf, glühen Haare in Rot oder durchbohrt der Schimmer weißer Perlen das Dunkel." "Alles wirkt unheimlich stimmig, kostbar, seltsam und schräg", schreibt Boris Pofalla in der Welt: "Aber fordert diese Kunst einen wirklich heraus? Geht sie Risiken ein? Keins der Gemälde tritt in den Dialog mit der Gegenwartskunst ein, oder überhaupt mit der Gegenwart. Das unterscheidet ihn von den zitierten Meistern."
Außerdem: Auf den Bilder und Zeiten Seiten der FAZ unternimmt Bernd Eilert einen Streifzug durch die letzten Bilder großer Maler. In der NZZ porträtiert Philipp Meier die Künstlerin Zilla Leutenegger, die heute die NZZ als Kunstausgabe gestaltet hat. Ebenda spricht Birgit Schmid mit Leutenegger unter anderem über die Frage, ob zu viele Leute Kunst studieren.
Besprochen werden die Ausstellung "Ukrainian Dreamers. Charkiwer Schule der Fotografie" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz).
Film
Vor hundert Jahren gründete Walt Disney sein eigenes Studio. Zuvor hatte er seine ersten Cartoons anderen zugeliefert und sich im Zuge nach allerlei Urheberrechts-Scharmützel geschworen, nie wieder die Rechte einer seiner Kreationen aus der Hand zu geben. Dies bestimmt "die Firmengeschichte weit über den Tod ihres Gründers 1966 hinaus: Bis heute bewahrte das Unternehmen als einziges der alten Hollywoodstudios seine Unabhängigkeit", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Wie kaum ein zweites Studio wird Disney bis heute für seine Geschichte gefeiert. "Wer würde Universal, Paramount, Sony Pictures (ehemals Columbia) oder Warner heute an ihrer Produktion aus den Zwanziger- bis Sechzigerjahren messen? Oder sie mit problematischen Inhalten aus dieser Vergangenheit konfrontieren?" Den Anfang machte 1923 übrigens nicht Micky Maus, wie man vielleicht denken könnte, sondern Disneys Alice-Cartoons, die schon damals Trick- und Realfilm vermengten.
Außerdem: Rochus Wolff befasst sich für den Filmdienst mit den Verfilmungen von Erich Kästners "Das fliegendee Klassenzimmer" im Wandel der Zeit. Valerie Dirk führt im Standard durchs Programm der Viennale. Besprochen werden Wes Andersons für Netflix gedrehte Roald-Dahl-Kurzfilme (FD), Mike Flanagans Netflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher" nach der gleichnamigen Poe-Vorlage (Zeit, Welt), die dritte Staffel der Netflix-Serie "Lupin" (Welt) und die Apple-Serie "Lessons in Chemistry" (TA).
Außerdem: Rochus Wolff befasst sich für den Filmdienst mit den Verfilmungen von Erich Kästners "Das fliegendee Klassenzimmer" im Wandel der Zeit. Valerie Dirk führt im Standard durchs Programm der Viennale. Besprochen werden Wes Andersons für Netflix gedrehte Roald-Dahl-Kurzfilme (FD), Mike Flanagans Netflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher" nach der gleichnamigen Poe-Vorlage (Zeit, Welt), die dritte Staffel der Netflix-Serie "Lupin" (Welt) und die Apple-Serie "Lessons in Chemistry" (TA).
Bühne
Besprochen werden Matthias Faltz' Inszenierung von Goethes "Reineke Fuchs" an der Frankfurter Volksbühne (FR), die Inszenierung "High" der Performance-Gruppe She She Pop am Berliner HAU (nachtkritik, Tagesspiegel), Bruno Cathomas' Inszenierung "Moliéres Amphitryon" an den Bühnen Bern (nachtkritik), Nuran David Calis' Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Lies Pauwels' Stück "Love Boulevard" am Berliner Ensemble (nachtkritik), Emre Akals Inszenierung von Elfriede Jelineks "Sonne/Luft" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik) und Karin Beiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Anthropolis III: Ödipus" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik).
Musik
Als erster Berliner Club hat sich nun das (in der BDS-nahen Szene allerdings eh als pro-israelisch kritisierte) AboutBlank mit einer eindeutigen Botschaft mit Israel solidarisiert. Nadine Lange findet es im Tagesspiegel fragwürdig, wenn Popstars ihre Kinder in ihren Musikvideos auftreten lassen. Stefan Schickhaus wirft für die FAZ einen Blick in die Welt des Instrumentenhandels. Maik Bierwirth verschafft in der Jungle World einen Überblick über das Schaffen der Shoegaze-Band Slowdive, die eben ein neues Album veröffentlicht hat.
Besprochen werden Taylor Swifts Konzertfilm "The Eras Tour", der nur für drei Tage im Kino zu sehen ist (Standard, Tsp, Presse), das Comeback-Album "Hackney Diamons" der Rolling Stones ("Der Rock 'n' Roll ist nicht tot", schreibt tazlerin Jenni Zylka, "allerdings wird er auch nicht jünger"), Roger Waters' Neuaufnahme des Pink-Floyd-Klassikers "The Dark Side of the Moon" (Standard), ein neues Album des Rappers Ski Aggu (Tsp) und das Album "I Killed Your Dog" von L'Rain (Pitchfork).
Besprochen werden Taylor Swifts Konzertfilm "The Eras Tour", der nur für drei Tage im Kino zu sehen ist (Standard, Tsp, Presse), das Comeback-Album "Hackney Diamons" der Rolling Stones ("Der Rock 'n' Roll ist nicht tot", schreibt tazlerin Jenni Zylka, "allerdings wird er auch nicht jünger"), Roger Waters' Neuaufnahme des Pink-Floyd-Klassikers "The Dark Side of the Moon" (Standard), ein neues Album des Rappers Ski Aggu (Tsp) und das Album "I Killed Your Dog" von L'Rain (Pitchfork).
Architektur

Dass Neubauten und Abrisse schädlich fürs Klima sind - sie verursachen rund die Hälfte der weltweiten Klimaschadens-Emissionen - vergisst Bernard Schulz (Tagesspiegel) nach der Ausstellung "The Great Repair", die sich über drei Hallen in der Berliner Akademie der Künste erstreckt, so schnell nicht mehr. Lösungen werden hier aber kaum geboten, dafür gibt's Materialkunde, meint er: "Der Zeitpunkt liegt nicht mehr fern, an dem die Masse allen verbauten Betons die weltweite Biomasse übertrifft, ein kaum begreiflicher, eher Schrecken einjagender Umstand. Und doch muss mit all diesem Beton, diesem denn doch verwitternden, rissigen und abplatzenden Material umgegangen werden, es ist nun einmal da. Umgang mit vergänglichem, aber erneuerbarem Material wird gezeigt anhand von Lehmbauten in Afrika. Deren Ästhetik habe sich die europäische Moderne, voran Le Corbusier, angeeignet, wird im Katalog - einer Ausgabe der Zeitschrift arch+ - ausgeführt, 'ohne die vernakulären Ursprünge der modernen Architektur (…) explizit zu machen. Der Kolonialismus hat nicht nur Körper ausgebeutet, sondern auch jahrtausendealtes Wissen geplündert.'"
Außerdem: Auf den Bilder und Zeiten - Seiten des FAZ resümiert Franziska Krisch die fünfzigjährige Geschichte des Opernhauses Sydney.
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