Efeu - Die Kulturrundschau

Am Ende verliert alles an Bedeutung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.01.2022. Die NZZ beobachtet, wie die Teilnehmerliste der Documenta im Fegefeuer der Rechtschaffenheit zusammenschmirgelt. Die SZ bewundert die prachtvollen Damaststoffe, die im Voralberg für das bitterarme Mali hergestellt werden. Die taz singt ein Loblied auf das Stricken. Die FAZ erkennt die gewaltige Überlegenheit von Michel Houellebecqs Gehirn. Der Tagesspiegel meldet, dass Kirill Serebrenniko nach Hamburg ausreisen durfte. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2022 finden Sie hier

Literatur

Ist "Vernichten" Michel Houellebecqs letzter Roman? Eine Bemerkung vor dem Text deutet dies zumindest an, weshalb Edo Reents seine FAZ-Rezension vorsorglich schon mal als Feuilleton-Hochamt und Nachruf zu Lebzeiten konzipiert. Mit seinem literarischen Werk hat "Houellebecq so ziemlich das Äußerste an Skeptizismus vollbracht, das man einem Gegenwartsschriftsteller noch zutrauen mag. Mit Hohn und Spott, mit Treffsicherheit und Verachtung hat er die Landschaften vieler gut gemeinter, biedersinniger und das Leiden der Welt nur beschwichtigender Überzeugungen durchpflügt, ohne dabei etwas darauf zu geben, wenn man ihm Menschenfeindlichkeit unterstellt. Aber-, womöglich letztmals wird man Zeuge, wie ein gewaltig überlegenes Gehirn sich eines Daseins bemächtigt, auf dem wohl bald gar kein Segen mehr ruht, und kann sich vor diesem verkappten Humanisten, diesem wirklich freien Geist nur verneigen."

Benedict Neff widmet eine seiner zwei NZZ-Seiten ebenfalls einer Würdigung von Houellebecqs Leben und Schaffen, bevor er auf der zweiten Seite auf den vorliegenden Roman zu sprechen kommt. Der tut so, als sei er die ganz große Geschichte vor internationaler Kulisse, doch handelt es sich um eine "Politthriller-Attrappe", die auf die Geschichte einer glückenden Liebe zusammenschmurgelt - was an sich schon bei Houllebecq einer Sensation gleich kommt. "Zu zweit ist es ein bisschen leichter. Man findet in dem Buch die ganze Houellebecqsche Untergangssemantik", doch "am Ende bleibt so etwas wie Hoffnung, Menschlichkeit. ... Erst indem Houellebecq das große Bild aufbaut, um es dann zu zerstören, legt er das Drama der individuellen Existenz frei. Am Ende verliert alles an Bedeutung, es bleibt nur die Partnerschaft, Familie vielleicht." Sehr enttäuscht zeigt sich dagegen Dirk Fuhrig im Dlf Kultur: Dieser Houellebecq ist "fade, matt und milde".

Weitere Artikel: Ronja von Rönne spricht in der Welt über ihre neuen Roman "Ende in Sicht" und ihre Depression. In der "Nichts Neues"-Kolumne der SZ freut sich Johanna Adorján über einen der wenigen, aber zum Glück im Netz dokumentierten öffentlichen Auftritte von Joan Didion:



Besprochen werden unter anderem Hanya Yanagiharas "Zum Paradies" (Freitag, SZ), der von Andreas Kilcher herausgebene Band mit Zeichnungen von Franz Kafka (taz), die Wiederveröffentlichung von Theodor Wolffs "Die Schwimmerin" aus dem Jahr 1937 (Zeit), Stefan Hornbachs "Den Hund überleben" (FR) und Constanze Neumanns "Wellenflug" (FAZ).
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Architektur

Filmstill aus Jean-Luc Godards "Opération Béton"

Wege in die Zukunft sieht NZZ-Kritikerin Sabine von Fischer nicht unbedingt in der Ausstellung "Beton" im Schweizerischen Architekturmuseum, aber als Abgesang auf einen Baustoff der Vergangenheit findet sie die Schau großartig inszeniert: "Der Filmemacher Jean-Luc Godard schrieb nicht nur Kinogeschichte, er beteiligte sich auch unmittelbar an einer heroischen Phase der Schweizer Bauindustrie. Als Telefonist verdiente er sein erstes Geld auf der Baustelle der Grande-Dixence-Staumauer, der damals höchsten und höchstgelegenen Gewichtsstaumauer der Welt. Dort, hoch oben in den Schweizer Bergen, entstand 1954 sein erstes Werk: Der Dokumentarfilm 'Opération 'Béton' dauert 16 Minuten und zelebriert den gewaltigen Aufwand für dieses monumentale Bauwerk, das zwischen seiner 200 Meter starken Basis und der fast 700 Meter langen Krone gut 6 Millionen Kubikmeter Beton verschlang. Weil Godard dies so stimmungsvoll in Szene setzte, kaufte die Betreiberfirma der berühmten Staumauer ihrem Telefonisten den Film ab und finanzierte ihm so den Start einer großen Karriere."
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Stichwörter: Beton, Godard, Jean-Luc

Film

In der SZ freuen sich Alexander Gorkow und Nils Minkmar über den Golden-Globes-Erfolg der britischen HBO-Serie "Succession", denn diese Serie sollte nicht nur jeder sehen, "der Shakespeare verehrt für seine Tragik, seine Komik und sein Timing", sondern auch alle Menschen, die dies nicht tun. Christiane Peitz schreibt im Tagesspiegel über die Hintergründe, warum die Golden-Globes-Verleihung der skandalerschütterten Hollywood Foreign Press Asscociation in diesem Jahr nur auf Twitter stattfand (mehr dazu bereits hier). Im Standard gratuliert Dominik Kamalzadeh Jane Campion zu ihrem Golden-Globes-Erfolg.

Besprochen werden Pablo Larraíns "Spencer" mit Kristen Stewart als Lady Di (Thomas Hummitzsch vom Intellectures-Blog sah ein "grandioses Dokument einer Befreiung") sowie der mit Jessica Chastain, Lupita Nyong'o, Penélope Cruz, Fan Bingbing und Diane Kruger hochkarätig besetzte Agentinnenthriller "The 355" (online nachgereicht von der FAZ).
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Design

Mali lebt in Armut. Dennoch ist in dem Land edler Damast so beliebt wie kaum ein zweiter Stoff, stellt Jonathan Fischer von der SZ zu seinem Erstaunen vor Ort fest. Kurios wird es aber, als er dem Geld folgt: ein Großteil der in Mali nicht nur an Feiertagen getragenen, bunten Stoffe stammt aus Deutschland und Österreich. Die Firma Getzner aus Vorarlberg erschloss den Markt als Reaktionen auf einen wirtschaftlichen Engpass in den 70ern: "Nigerianische Kaufleute hatten als erste Kontakte in die ehemalige DDR zu Damastwebereien in Sachsen und Thüringen geknüpft. Andere Hersteller bekamen Wind von der Afrika-Connection. Besonders für Getzner erwies sie sich als Glücksgriff. Heute gehen 98 Prozent der Damast-Produktion in den Export." Doch stellen sich Fischer damit auch Fragen: "Bereichert sich der Westen womöglich ein weiteres mal am wirtschaftlichen Gefälle zu Afrika? Schaden europäische Stoffe - analog zu den aus der EU exportierten überschüssigen Tomaten oder Gefrier-Hähnchen - dem heimischen Markt? Steckt dahinter gar so etwas wie Kulturimperialismus?"

Klar wird Stricken lächerlich gefunden, denkt sich Waltraud Schwab in der taz, ist ja auch eine Kulturtechnik, die seit Jahrhunderten von Frauen ausgeübt wird. Aber, meint sie, auch das Stricken hat seine Geschichte: "In der Geschichtsschreibung der Neuzeit betreten Strickerinnen - nach den Madonnen - wieder öffentlich die Bühne in der Französischen Revolution als sogenannte Tricoteusen. Es waren Jakobinerinnen, die strickend auf der Tribüne im Nationalkonvent saßen oder strickend den Hinrichtungen folgten. Bis heute gilt das Wort 'tricoteuse' im Französischen als Synonym für eine politische Radikale."

In seine Stilkolumne fürs ZeitMagazin wirft Tillmann Prüfer einen Blick auf den Kragen in der Damenmode.
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Stichwörter: Damast, Mali, Stricken

Kunst

Man fühlt sich ein bisschen wie in Yael Ronens Musical "Slippery Slope", in dem eine Betriebsgröße nach der anderen über ihre moralischen Verfehlungen oder Gesinnungsirrtümer stürzt: In der NZZ berichtet Christian Saehrendt, wie sich die Künstlerliste der Documenta 15 ausdünnt: Mit Jimmie Durham war bereits der einzig prominente Teilnehmer verstorben, dem allerdings die Cherokee vorgeworfen hatten, kein echter Indianer zu sein. Dann wurde auch die Teilnahme des taiwanischen Künstlers Sakuliu Pavavaljung ausgesetzt: "Pavavaljung, Repräsentant der ursprünglichen Bevölkerung, die vor Eintreffen der Festlandchinesen auf der Insel mit früherem Namen Formosa lebte, zählt zu den bekanntesten Künstlern Taiwans und sollte das Land dieses Jahr sowohl in Kassel wie auch bei der Biennale von Venedig vertreten. Kürzlich behauptete eine Frau in einem Facebook-Beitrag, vor 16 Jahren beim Besuch einer Ausstellung Pavavaljungs von diesem belästigt worden zu sein. Museen und Stiftungen in Taiwan legten die Zusammenarbeit mit dem Künstler sofort auf Eis. Die Documenta zog nach." Und natürlich attackierte auch ein namenloser Autor bei den Ruhrbaronen das palästinensische Künstlerkollektiv KSCC als BDS-Unterstützer.

Besprochen werden Lynette Yiadom-Boakyes große Schau "Fliegen im Verbund mit der Nacht" in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf (taz) und Stefan Neubauers Band über den nostalgischen Charme der verfallenden sowjetischen Militärbasen in Ostdeutschland (FR).
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Bühne

Der Tagesspiegel meldet unter Berufung auf die dpa, dass der russische Regisseur Kirill Serebrennikow überraschend ausreisen durfte: "Seit Montag leite er die Proben seiner Inszenierung von Tschechows Erzählung 'Der schwarze Mönch' am Thalia Theater. Serebrennikow war im Sommer 2017 verhaftet und in Hausarrest gesetzt worden. Das von der Staatsanwaltschaft geforderte Straflager wegen angeblicher Veruntreuung von Geldern wurde beim Prozess im Sommer 2020 in eine dreijährige Bewährungsstrafe mit Ausreiseverbot aus Russland umgewandelt. Jetzt habe er sehr plötzlich die Erlaubnis bekommen, in Hamburg zu arbeiten, hieß es."

Besprochen werden Yosi Wanunus tiefschwarzes Musical "The Dead Class" über Schüler kurz vor dem Amoklauf im Wiener WUK (Nachtkritik), die Farce "Grufttheater" in Innsbruck (Standard) und Mozarts "Così fan tutte" in Prag (NMZ).
Archiv: Bühne

Musik

Mit dem neuen Album "Solotude" des aus Südafrika stammenden, nun aber im Bayerischen lebenden Jazzpianisten Abdullah Ibrahim erkundet SZ-Kritiker Andrian Kreye das "Futur Spei", eine Zukunftsform, unter die er "all jene Was-wäre-wenn-es-dann-mal-vorbei-wäre-Formen der vorausschauenden Erzählungen für die Zeit nach der Pandemie" fasst. Aus der Kohorte der unter Lockdownbedingungen geschaffenen Alben sei dieses Album "eines der wenigen Werke, das nicht nur übrig bleibt, sondern auch einen Einblick in die Gefühlswelt dieser Zeit gibt. Zwischen der Einsamkeit des Solo-Rezitals, der Verzweiflung der pandemischen Zeit und der Hoffnung auf ihr Ende, entstand da ein Album, das sehr viel mehr darstellt als nur das Ausloten einer Gegenwart, die mit jeder Woche bizarrer und quälender wird. So als sei Corona der Donald Trump unter den Viren." Wir hören rein:



Außerdem: Marit Schnackenberg sorgt sich in der Welt um die Tradition des Chorsingens, die sie im Zuge der Pandemie für gefährdet hält. Im Tsp gratuliert Frederik Hanssen den zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker zum 50-jährigen Bestehen als Ensemble im Ensemble. Sein Tsp-Kollege Ulrich Amling bespricht dazu passend deren Jubiläumskonzert. Michael Pilz schreibt in der Welt zum Tod des Woodstock-Erfinders Michael Lang. Besprochen werden das neue Album von Juliana Hatfield (online nachgereicht von der FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Corona