Michel Houellebecq

Vernichten

Roman
Cover: Vernichten
DuMont Verlag, Köln 2022
ISBN 9783832181932
Gebunden, 624 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 17.01.2022

Rezensentin Sigrid Brinkmann hält Michel Houellebecqs neuen Roman für "überladen und zerdehnt". Zu viele Themen, dabei zu wenig Kohärenz, zu wenig Sex und ein zu zaghafter Blick auf die Existenzkrisen seiner Figuren. Immer wenn Brinkmann "Momente der Wärme" wahrnimmt, kommt ihr der Autor mit Exkursen über Krebstherapien, Raymond Aron, Pascal oder die Trinkgewohnheiten seines Helden in die Quere. Brinkmanns Vermutung: Der Autor provoziert noch, indem er nicht mehr provoziert und mit dem intriganten Verhalten der Figuren wie auch mit Thriller- und Spionageroman-Elementen nur noch spielt. Wie die Katze mit der Maus.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.01.2022

Zunächst findet Rezensent Dirk Knipphals in diesem Roman um den Wirtschaftsminister-Berater Paul, der sich mit seinen Geschwistern um seinen pflegebedürftigen Vater kümmert, viel Houellebecq-Typisches: rätselhafte terroristische Anschläge, die böse Linke, flache Frauenfiguren, der Untergang des Abendlandes. Dann aber, und da staunt Knipphals nicht schlecht, schlägt der Provokateur auch ganz andere, weniger "reaktionäre" Töne an: So lasse er seine Figuren sich einander zuwenden und Halt in ihren Beziehungen finden, und Frauen zeichne er, zumindest im Mittelteil, differenziert, so der Kritiker. Berührend findet er auch, wie "zart" etwa das Verhältnis des Protagonisten zu den alternden Eltern beschrieben werde. Wenn so etwas selbst bei Michel Houellebecq möglich ist, gewinnt der Kritiker beinahe den Glauben an die "Sache mit der Mitmenschlichkeit" zurück.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.01.2022

Rezensent Adam Soboczynski hält Michel Houellebecqs neuen Roman für ein furchtbares, grandioses Werk. Er unterscheidet dabei klar zwischen der für ihn unzweideutig rechten politischen Botschaft des Buches und seinem ästhetischen Wert. So ist es ihm möglich, den Autor und sein neues Werk zu bewundern: für die Überwindung der Vereinzelung seiner Helden, für die erschütternde "Wucht", mit der Houellebecq diesmal die Verletzlichkeit seiner Figuren ausstellt (statt ihrer Coolness) und schließlich für die hemmungslose Romantik und das Plädoyer für die Liebe, in die der Autor seine Geschichte über Wahlkampf, digitalen Terror, den Verfall der europäischen Geistesgeschichte und soziale Missstände münden lässt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2022

Aus Angst, dies könnte vielleicht Michel Houellebecqs letzter Roman sein, holt Rezensent Edo Reents weit aus, um die Größe Houellebecqs zu würdigen, dieses "gewaltig überlegenen Gehirn", das spielend Theorien zahlreicher Philosophen von Adorno über Pascal bis Schopenhauer verarbeitet. "Vernichten" thematisiert den Wahlkampf im Frankreich der nahen Zukunft 2026/27 und beleuchtet zugleich die privaten Verstrickungen einer Familie zwischen Paris und der Provinz, fasst der Rezensent zusammen. Im Laufe der Handlung versickere jedoch der Hybrid aus Politthriller und Vater-Sohn-Konstellation in einer teils zu "flächig" erzählten Familien-, später Ehegeschichte und verliert so an Schlagkraft und Kongruenz, meint Reents etwas enttäuscht, wenngleich er sich des hohen Niveaus auf dem seine Kritik fußt, bewusst ist. Gebannt beobachtet er, wie gekonnt der Autor mit Ideologien jongliert, auch wenn sie letztendlich nicht essenziell seien. Was bleibt, sei die Einsamkeit des Einzelnen, ihr einziger Trost die körperliche Liebe. Die Sexualität erkennt der Rezensent aus früheren Werken Houellebecqs wieder, deren Beschreibung den Selbstzweck in einem "metaphysisch obdachlosen Dasein" erfülle.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.01.2022

Rezensent Benedict Neff betritt mit Michel Houellebecqs neuem Roman die ganz große Bühne, um am Ende ein paar einfache Wahrheiten mitzunehmen. Aber war der ganze Zirkus vorher nötig?, fragt er sich: Der Thriller um den französischen Wahlkampf im Jahr 2027, die drei Terroranschläge, die vielen unverkennbaren Verweise auf amtierende Politiker? Unbedingt, fährt Neff fort. Denn indem hier die ganze "Houellebecq'sche Untergangssemantik" aufgeboten wird, gewinnt das, worum es dem Autor eigentlich geht, erst an Strahlkraft, meint der Kritiker. Wenn ihm Houellebecq über sechshundert Seiten von der zerrütteten Beziehung zwischen Paul und Prudence, Pauls Krebsdiagnose und der langsamen Wiederannäherung des Paares erzählt, erscheint ihm Houellebecq so zärtlich und "versöhnlich" wie nie zuvor. Am Ende zählen eben doch nur Liebe und Familie, sogar bei Houellebecq, lernt der bewegte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 11.01.2022

Fade findet Rezensent Dirk Fuhrig Michel Houellebecqs neuen Roman. Bloß eine einzige nennenswerte Sexszene, kaum Provokantes oder Rotziges, schimpft er, und die Handlungsstränge Politikthriller, Cyberterror, Familiengeschichte, Beziehungsdrama und Todeserlebnis kriegt der Autor auf immerhin gut 600 Seiten auch nicht verknüpft. Immerhin, meint Fuhrig: Flott schreiben kann Houellebecq immer noch, und am Schluss blitzt die alte Größe des Autors auf, wenn der Held angesichts einer Krebserkrankung Fragen nach Tod, Liebe und Lebenssinn wälzt. Eine existenzielle Verdichtung findet statt, auf die der Rezensent leider viel zu lange warten musste.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.01.2022

Julia Encke entdeckt eine "Bombe" im neuen Roman von Michel Houellebecq: Da spricht der Autor vom Aufhören. Encke ist fassungslos. Vor allem, weil der neue Text, der für Encke politischer Roman und Liebesgeschichte in einem ist, Houellebecq auf der Höhe seiner Kunst zeigt, wie die Rezensentin findet, als da wären: der so wunderbar wegzulesende Houellebecqsche Nicht-Stil, die teils schlüsselromanartigen, abgründigen, von unterhaltsamer Ironie geprägten Bezüge zur französischen Politik und Kultur, die Thrillerelemente und das rasante Erzählen. Wie der Held im Buch, eine Art Ausputzer im schmutzigen französischen Präsidentschaftswahlkampf 2027, Stück für Stück jeglichen Halt verliert, bis er schließlich am Totenbett seines Vaters in der Provinz landet und die Liebe findet, das liest Encke mit Leidenschaft.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.01.2022

Judith von Sternburg gerät ins Schwelgen über den Romantiker Michel Houellebecq. Als solcher erweist sich der Autor in seinem neuen Roman allerdings erst nach weniger romantischen Umwegen. Sternburg zählt auf: es geht um die französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2027, um die Postdemokratie, einen Deepfake-Thriller, ein torpediertes Flüchtlingsboot und Conan-Doyle-Lektüren, kurz: um den Tod; alles vom Autor recht nüchtern, aber nie langweilig geschildert, so Sternburg. Dann aber wird der Text unversehens zum "gesellschaftspolitisch grundierten" Familienroman um ein Liebespaar, "große" Sexszenen inklusive, staunt die Rezensentin. Wie der Autor nun mit Perspektiven, Exkursen, Träumen jongliert, das hat laut Sternburg Klasse. Und am Ende triumphiert vielleicht die Liebe.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.01.2022

Rezensent Nils Minkmar kann es kaum glauben: Michel Houellebecq hat tatsächlich ein Buch geschrieben, das den Leser nicht fix und fertig, sondern sogar beschwingt und hoffnungsvoll zurücklasse. Zwar stehen auch am Anfang dieser Geschichte um den Protagonisten Paul mit erkalteter Ehe und schwerkrankem Vater noch "politisch-mediales Getöse" und "politisch-terroristischer Überbau", so Minkmar, und auch ein paar Houellebecqsche Kassenschlager dürfen nicht fehlen (hingebungsvolles Genörgel, Prominenz-Satire, "groteske" Frauenfiguren). Dann aber bewege sich der Roman fast schon Richtung Humanismus, staunt der Kritiker, wenn die Figuren im familiären Zusammenhalt, in guter Literatur (in dem Fall "Der Fetzen" von Philippe Lançon) und sogar in der Ehe (bei Houellebecq zwar gleichbedeutend mit wahnsinnig gutem Sex und "wenigen Worten", aber immerhin, findet Minkmar) Zuflucht finden. Nicht einmal der wirtschaftliche Untergang Frankreichs werde beschworen - meisterlich habe sich der Autor vom für Minkmar "unerträglichen" literarischen Programm der Prophezeiung freigemacht, lobt der Kritiker.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 08.01.2022

Rezensent Jan Küveler schildert dem ungeduldigen Leser erst mal lang und breit die literarische Karriere Michel Houellebecqs, bis er zur Sache kommt: Dem neuen Roman "Vernichten". Und der ist einfach klasse, kann man sein Urteil wohl zusammenzufassen. Es geht um allerlei große Verschwörungstheorien, mysteriöse Hacker, Superreiche, Welthandel und Zombierechner, mit denen das Jahr 2027 auf den Weltuntergang zuzusteuern scheint. Und mittendrin eine kleine feine Geschichte über eine unglückliche Familie in der Provinz. Küveler staunt, wie zart Houellebecq Genres und Stile mischt: "Matrix" mit Musset, Spannung mit Empfindsamkeit, Panorama und Detail. Der Rezensent ist hin und weg.