Efeu - Die Kulturrundschau

Alt sind wir ja selbst schon

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12.01.2022. Die FAZ warnt vor den Mindbombs, die die Kunsthalle Mannheim mit ihrer Ausstellung zur Darstellung politischer Gewalt in der Kunst zündet. Die SZ kann's kaum glauben: Im Wiener Männergesang-Verein sind jetzt auch Tenörinnen und Bässinnen erlaubt. SZ und FAZ verlieren sich im königlich-morbiden Set-Design von Pablo Larraíns Diana-Film "Spencer". Der Observer blickt auf die Fotografie der brennenden Welt. Die Nachtkritik erlebt mit Ronald M. Schernikau die Poesie der Pailletten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2022 finden Sie hier

Film

Sehnsucht nach dem Freien: Kristen Stewart als Lady Di (DCM)

Pablo Larraín ist auf intime, auf das Bruchstückhafte fokussierende Biopics großer Frauen spezialisiert. Mit "Spencer" wirft er nun einen Blick auf drei Tage im Leben von Lady Di (gespielt von Kristen Stewart), als sich in der Prinzessin von Wales der Entschluss reift, aus dem goldenen Royalskäfig auszubrechen. Vor dem erlösenden Ende zu sehen sind "zwei quälerische Stunden Klaustrophobie", schreibt Fritz Göttler in der SZ. Doch Dianas "Verlorenheit ist Teil einer Selbstinszenierung, pathetisch und subversiv - eine aufgeschobene, verdrängte Rückkehr. Sie trägt eine lebhaft rotgrüne Jacke, im Palast ist dagegen jedes Rot verschwunden, alles wirkt grünstichig, morbid, angeschimmelt - dies ist auch der Film des großen Setdesigners Guy Hendrix Dyas. Pablo Larraín ist fasziniert von Familien und Clans, von ihren Hierarchien, die Zuflucht sind und Gefängnis und fast natürlich Neurosen generieren und Perversitäten."

Kann man einem heutigen, an "The Crown" geschulten Publikum wirklich noch ohne weiteres was von den Royals erzählen, fragt sich Maria Wiesner in der FAZ. "Larraín ist klug genug, auf plumpe Meta-Verweise in diese Richtung zu verzichten, stattdessen weiß seine Erzählung einfach darüber Bescheid, erklärt weniger und interpretiert mehr. ... Andere Figuren aus der königlichen Familie kommen in den bis ins letzte Detail durchdachten Bildern nur am Rand vor, verschmelzen mit den opulenten Möbeln und Tapeten zu Dekor. Stattdessen nimmt die Kamera immer wieder Diana in den Blick, bleibt nah bei ihr, wenn sie das Dinner unterbricht und panisch durch ein klaustrophobisches Labyrinth endloser Schlossgänge läuft."

Besprochen werden Ken Burns' epische Arte-Dokureihe über Muhammad Ali (online nachgereicht von der FAZ), Ninja Thybergs Pornografiekritik "Pleasure" (SZ), Simon Kirbergs Agentinnenthriller "The 355" ("ein geiler Frauenensemble-Actionfilm, mehr nicht", schreibt Mateja Meded in der Welt, "aber weniger auch nicht") und die Netflix-Dokuserie "Geschichten einer Generation" mit unter anderem Martin Scorsese und dem Papst (NZZ).
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Kunst

Khalid Albaih: Die Erschaffung des Sektenwesens, 2014-2021. Bild: Kunsthalle Mannheim

Ziemlich mitgenommen, vielleicht auch ein bisschen ratlos kommt FAZ-Kritiker Stefan Trinks aus der Ausstellung "Mindbombs", mit der die Kunsthalle Mannheim die Darstellung politischer Gewalt in der Kunst verfolgt, von Manets "Erschießung Kaiser Maximilians" bis zu Gerhard Richters "September": "Kaum eines der zu sehenden Bilder und vor allem der Horror-Installationen wird sich spurlos oder gar schnell von der Retina waschen lassen. Es liest sich schlicht zu harmlos, wenn die Kunsthalle schreibt, es würden 'Phänomene des Extremismus und Terrorismus aus Perspektive der zeitgenössischen Kunst beleuchtet'. Im Grunde müssten Warntafeln für Erwachsene vor Betreten der Schau aufgestellt werden. Stattdessen steht am Ende ein Abstimmungscomputer, der Zustimmung oder Ablehnung zur Schau festhält. Wie essenziell die Befragung von 'Terrorbildern' oder der asymmetrischen Erklärung zum Terroristen ist, lehrt der tägliche Blick in Zeitung oder Tagesschau."

Mak Remissa: My grandmother assisted her sick husband to walk, 2014. Bild: Prix Pictet

Im Observer empfiehlt Laura Cummings noch einmal die Schau mit den Finalisten des Prix Pictet, der Fotografie der Nachhaltigkeit prämiert und in seiner neunten Runde dem Thema "Feuer" gewidmet war. Dass die ohnehin schon berühmte Sally Mann den Preis gewonnen hat, findet Cummings allerdings ein bisschen verschenkt: "Ihr Kollege Mak Remissa von der European Pressphoto Agency stellt mit seiner berühmten Serie 'Left 3 Days' die Reportage auf den Kopf. Diese fast monochromen Fotografien zeigen die Nachwirkungen des Angriffs der Roten Khmer auf Phnom Penh am 17. April 1975. Allen wurde befohlen, die Stadt zu verlassen, auch Remissas eigener Familie. Seine Fotos zeigen, wie Kambodschaner verzweifelt versuchen, inmitten rauchender Gewalt Wasser, erste Hilfe oder Nahrung zu finden. Zumindest scheint es so. Aus der Nähe betrachtet handelt es sich um winzige Dioramen, deren Silhouetten aus schwarzem Papier herausgeschnitten und vom Rauch brennender Kokosnüsse umgeben sind." Hier eine fantastische Fotostrecke.

Besprochen werden außerdem Mario Rizzis Videoarbeiten zu sozialen Bewegungen der arabischen Welt in der Berlinischen Galerie (Tsp).
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Literatur

Am literarischen Kanon führt kaum ein Weg vorbei, selbst wenn man ihn dekonstruiert oder gezielt nach Alternativen zum männlich-westlichen-weißen Überlieferungszusammenhang sucht, muss der Schriftsteller Deniz Utlu in einem mitunter etwas mäandernden Gastbeitrag für die SZ feststellen. Sein Vorschlag: Klassiker rückwirkend neu kontextualisieren, denn so lasse "sich die körperliche Erfahrung in der Sprache Goethes mithilfe des schwarzen Feminismus gegen einen westlichen, mithin totalitär wirkenden Dualismus wenden." So "erweitert sich der Kanon, und an die Seite von Hölderlin stellt sich zum Beispiel der sufistische türkischsprachige Dichter aus dem 12. Jahrhundert Yunus Emre. ... Hafis ist Teil des europäischen Kanons, aber was ist mit den anderen Dichtern aus dem 'West-Östlichen Divan'? Sie brauchen in den kanonischen Texten nur aufgerufen werden, um auch heute endlich wieder ohne Kälte über Liebe (und Nachtigallen) sprechen zu können."

Außerdem: Paul Jandl wirft für die NZZ einen Blick auf die Debatte um W.G. Sebald, die gerade im englischsprachigen Raum geführt wird (unsere Resümees hier, dort und auch an dieser Stelle). Im Dlf Kultur spricht Ronja von Rönne über ihren neuen Roman "Ende in Sicht".

Besprochen werden Michel Houellebecqs "Vernichten" (TA, Standard), Daniel Mendelsohns "Flüchtige Umarmung" (Tsp), Kitty Crowthers Jugendbuch "Kleine Gutenachtgeschichten" (Zeit) und Bücher von Frauen über Frauen, darunter Nicole Seiferts "Frauen Literatur" (SZ).
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Bühne

Im Mittelpunkt die linke Faust: Der Schernikau-Abend "der himmel ist ja da. der himmel fängt hier unten an". Foto: Claudia Heysel / Anhaltinisches Theater Dessau

Den schillernden Glanz der Pailletten erlebt Nachtkritiker Tobias Prüwer in "der himmel ist ja da. der himmel fängt hier unten an", einem szenischen Abend zum Leben des Schriftstellers, Wahl-Kommunisten und Schwulen Ronald M. Schernikau im Anhaltischen Theater Dessau. Ganz überzeugt ist Prüwer nicht, aber in der ersten Hälfte gelingen der Produktion einige poetische Bilder: "Der ganze Raum wird bespielt und somit zur Versuchsanordnung, die auch ein Gedankenstrom in Schernikaus Kopf sein könnte. Aus dem Podest entsteht mal ein Fahrzeug, mal ist es eine Brötchenstraße in einer Backfabrik, um unterschiedliche Produktionsweisen in Sozialismus und Kapitalismus zu verdeutlichen. Inhaltlich geht es um das Scheitern der sozialistisch-utopischen Idee, an die Schernikau fest glaubte, um den Unterschied von Heiner Müller und Marilyn Monroe, die Flucht über die DDR-Grenze, unerfüllte Liebe und den Auftritt auf dem letzten Kongress des Schriftstellerverbandes der DDR. Und einiges mehr. Die Spielenden - Bianka Drozdik, Niklas Herzberg, Nicole Widera - geben wechselweise mal Schernikau selbst, erzählen, moderieren oder agieren als Backroboter."
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Musik

Der Wiener Männergesang-Verein - einst die Zierde der Donaumetropole - sieht sich zum Äußersten gezwungen: Weil ihm der Nachwuchs ausgeht, öffnet er sich nun für Frauen. Und prompt sieht sich Direktor Wilfried Mandl kaum in der Lage, dem Ansturm der Tenörinnen und Bässinnen Einhalt zu gebieten, wie er Helmut Mauró im SZ-Gespräch verrät. Da hilft nur Indiskretion: "Ich frage gleich am Telefon nach dem Alter, das finden viele natürlich sehr unhöflich. Ist es ja auch, aber über achtzig ergibt es halt wenig Sinn, die bleiben uns ja nicht lange. Auch wenn sie sagen, sie spielen noch Tennis und sind fit. ... Ich sage dann immer: Entschuldigen Sie, gnädige Frau, aber Sie sind zu alt. Alt sind wir ja selbst schon." Man müsse "auch sehen, ob sie Gebiss tragen, da kann es auf der Bühne schon auch kleinere Unfälle geben, wenn das nicht richtig befestigt ist. Also, das ist alles eine unsichere Sache."

Weitere Artikel: Lars Fleischmann stellt in der taz das engagierte Indie-Label Papercup vor. NZZ-Kritiker Thomas Schacher freut sich auf das Zürcher Gastspiel des Komponisten John Adams.

Besprochen werden Vivien Goldmans Buch "Die Rache der She-Punks" (FR), The Weeknds neues Album "Dawn FM" (NZZ), das neue Album von Aeon Station (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter FKA Twigs' "Tears in the Club" (TA, SZ). Wir hören rein:

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