Efeu - Die Kulturrundschau

Es sind auch die Pferde, die erzählen

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08.11.2021. Die KritikerInnen feiern Yael Ronens Musical zur Cancel-Culture "Slippery Slope" als entspannteste Ideologie-Zertrümmerung seit Mel Brooks "Springtime for Hitler". Vom Londoner Old Vic Theatre wird derweil der ehemalige Monty Python Terry Gilliams gecancelt, wie die SZ berichtet. Die taz lernt vom frisch gekürten Büchner-Preisträger Clemens Setz  Klopfzeichen zu verstehen. Der Filmdienst erliegt der glimmenden Schönheit Vicky Krieps'. Warum sieht man auf gerenderten Architekturentwürfen, fragt die NZZ, nur noch Cappuccino schlürfende Hipster, aber keine Schneidereien?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2021 finden Sie hier

Bühne

Vidina Popov und Riah Knight in "Slippery Slope". Foto: Ute Langkafel/Maxim Gorki

Der Broadway soll sich warm anziehen, frohlockt Christine Wahl im Tagesspiegel über Yael Ronens Musical zu Cancel-Culture "Slippery Slope" am Maxim Gorki Theater, eigentlich Zentralinstanz linksmodischer Diskurse: Aber nein: "Wirklich grandios, welche Komplexität der von Ronen gemeinsam mit dem Komponisten und Musiker Shlomi Shaban, Riah May Knight und Itay Reicher entwickelte Abend schafft; wie viele Diskurse und Konfliktlinien er in den Blick bekommt mit seiner Methode, Narrative in ein bewusst mit Klischees spielendes Musical-Personal zu verpacken und via Bühnen-Crash luzide in ihre Einzelteile zu zerlegen. Da hat jede Teilfrage das Potenzial für einen abendfüllenden After- Show-Diskurs. Zum Beispiel die nach dem 'richtigen' Feminismus, wenn neben der Enthüllungsjournalistin auch ihre Chefredakteurin auftritt - die von Anastasia Gubareva mit grandioser Naturgewalt auf die Bretter geknallte Gustav-Gattin Klara, die ihrem Mann über den Kopf streicht, während sie ihm in einem kultverdächtigen Song darlegt, wie Sky ihn für ihr eigenes Fortkommen benutzt hat."

In der SZ feiert Peter Laudenbachs die Revue als "das entspannteste Ideologie-Zertrümmerungs-Musical seit Mel Brooks 'Springtime for Hitler'": "Die Regisseurin steuert jedes Fettnäpfchen der politischen Inkorrektheit zielsicher an und springt begeistert hinein: Nehmt das, Polit-Kommissare!" Nachtkritiker Georg Kasch nimmt außerdem die Erkenntnis mit, dass auch böse Menschen schöne Lieder haben: "Der 'Accusation Song' etwa ist eine herrlich zungenbrecherische Aneinanderreihung aller möglichen Beschuldigungen... Alle besitzen sie Charakterstimmen und die Fähigkeit, lässig zwischen Text und Gesang zu wechseln. Lindy Larssons Gustav stiefelt zwischen seinen Selbstmitleidanfällen ziemlich robust über die Bühne und legt all seine echten Gefühle ins falsche Ethno-Pathos seiner Songs (und umgekehrt). Wenn er aus den Tiefen seines irisierenden Baritons loslegt, weiß man plötzlich selbst nicht mehr, was wahr und was gelogen ist."

In London erlebt dagegen der frühere Monty Python Terry Gilliam seine eigene Cancel-Farce: Sein Stück "Into the Woods"  wurde vom Old Vic Theatre aus dem Programm gemobbt. Sein Vergehen: Er hat David Chapelles Netflix-Show "The Closer" empfohlen: In der SZ blickt Michael Neudecker fassungslos auf den Niedergang des britischen Humors, der einst die Tochter der Anarchie war: "Nach zwei Wochen innerbetrieblicher Diskussionen über die Äußerungen Gilliams gab das Old Vic faktisch das Ende der Zusammenarbeit mit dem Monty Python und Regisseur von 'Brazil' und '12 Monkeys' bekannt. Chappelle ist schwarz, Rassismus eines seiner großen Themen, wenn nicht das Thema, und er wäre kein Komiker mit Gespür fürs Timing, wenn er sich nicht zum Druckausgleich andere Marginalisierte vorknöpfen würde. Für die LGBTQ-Gemeinschaft ist Chappelle deshalb eine Art Gottseibeiuns, wenn er sagt: 'In diesem Land kannst du einen Schwarzen erschießen, aber verletz' ja nicht die Gefühle einer schwulen Person.'"

Weiteres: In der taz berichtet Tom Mustroph vom Festival "Kosovo Theatre Showcase 2021" in Prishtina. In der FAZ würdigt Wiebke Hüster Hans van Manen, der fünfzig Jahre lang Choreographien fürs Düsseldorfer Ballett und am Wochenende veranschiedet wurde.

Besprochen werden Volker Löschs Inszenierung "Angst" am Theater Bonn (Nachtkritik) und Tue Bierings Hamlet-Version "Prince of Denmark" am Staatstheater Darmstadt (FR).
Archiv: Bühne

Literatur

Am Samstag wurde Clemens J. Setz in Darmstadt mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Die SZ dokumentiert seine Dankesrede, in der der Schriftsteller von Karl Krall erzählt, der einst Pferden, die schließlich im Ersten Weltkrieg verheizt wurden, per Klopfen das Buchstabieren beibringen wollte. Diese Rede, im Grunde eine Erzählung, "war von Zartheit geprägt, der Zartheit (und zarten Ironie), wie Sprache als Verständigungsmittel funktionieren kann, wie Missverständnisse poetisch sein können, wie Bescheidenheit in der Kommunikation kein Nachteil sein muss, sondern vielleicht sogar in den Kern der Poesie führt", schreibt Judith von Sternburg in der FR. Im Saal herrschte bei Setz' Auftritt eine durchweg heitere Stimmung, berichtet Marie Schmidt in der SZ.

Tazler Dirk Knipphals bezeugt in einer knappen Notiz "eine sehr kunstvolle Rede", die "manche manifestartige Ausführungen zum Wesen der Literatur, die man zu diesem Anlass auch schon gehört hat, unelegant wirken" lässt. "Wer erzählen will, sollte, so Setz, 'sprechen lernen in einer Art des ständigen und beherzten Verfehlens von Seelen […]. Im Grunde kann dich niemand je verstehen. Also erklär dich. Verwalte das Unübertragbare gut.' Und ganz am Schluss der Rede, kurz bevor er Joseph Winkler, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker als seinen Vorbildern dankt, wird klar, mit wem Clemens Setz sich zumindest teilweise identifiziert. Er bezeichnet seine Rede als 'Klopfzeichen'. Es sind auch die Pferde, die erzählen." Der Preisträger "ist, mit gerade einmal 38 Jahren, ein kompletterer Schriftsteller als viele ältere Kollegen und manche Büchnerpreisträger vor ihm", staunt Jan Wiele in der FAZ: "Den Pferden zu erklären, was Krieg ist: 'Das ist für mich das geheime Herz aller Erzählkunst.'" Dlf Kultur hat vorab ein großes Gespräch mit Setz geführt. Weitere Interviews und Beiträge finden sich in der ARD Audiothek.

Außerdem: In der NZZ berichtet Thomas Ribi von der Verleihung des Schweizer Buchpreises an die Schriftstellerin Martina Clavadetscher - "die einzig richtige Entscheidung", kommentiert Nora Zukker dazu im Tages-Anzeiger. Im Freitag spricht Florian Illies über sein neues Buch "Liebe in Zeiten des Hasses". Maxim Biller berichtet in seiner Zeit-Kolumne von seiner innigen Zuneigung zum Literaturkritiker Philipp Tingler. Und die Historikerin Annette Kehnel gewinnt für ihr Buch "Wir konnten auch anders - Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit" den NDR-Sachbuchpreis 2021, mehr dazu beim NDR.

Besprochen werden unter anderem ein Band mit Franz Kafkas Zeichnungen (NZZ), Hartmut Binders "Gestern abend im Café" über Kafkas Prag (Dlf Kultur) und Colm Tóibíns "Der Zauberer" (Welt).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Thomas Klings "DIE LETZTE ÄUSSERUNG DES DELPHISCHEN ORAKELS II":

"geht übern sender. aus der ekstasehöhle
eine frauenstimme, richtig krass.
'geh, erzähl' ..."
Archiv: Literatur

Architektur

In der Stadtplanung sind zeichnerische Visualisierungen, die oft in wochenlanger Arbeit entstanden, dem digital erstellten Rendering gewichen, bemerkt Tom Avermaete in der NZZ. Mit einem gravierenden Nachteil: Sie geben weder über die Auswirkungen des Klimawandels noch über die gewünschte Atmosphäre eine Auskunft. Wenn wir uns die Darstellungen der heutigen Stadt genauer ansehen, können wir zumindest zwei Gründe für diese Ratlosigkeit entdecken: Erstens wird die komplexe Realität der Stadt in der zeitgenössischen Bildsprache oft auf vervielfältigte Ebenen mit Wohnungen über, pointiert ausgedrückt, 'sterilem' Kommerz reduziert. In generischen Supermärkten oder trendigen Cafés schlürfen Hipster Cappuccinos, oder sie schlendern mit Einkaufstüten über sauber gewischte Plätze. Alle anderen Tätigkeiten und Bewohner der Stadt scheinen auf diesen Bildern ausgelöscht. Die Idee davon, was die Stadt ist und wie sie funktioniert, ist offensichtlich eingeschränkt: Wo sind die Schneidereien, Reparaturwerkstätten, Kinos und Schulen?"
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Archiv: Architektur
Stichwörter: Klimawandel

Design

Prototyp eines Toasters von Michele de Lucchi, 1979. Mehr Objekte von de Lucchi im Museum Boijmans Van Beuningen


In der FAZ gratuliert Claudius Seidl dem Designer Michele de Lucchi zum 70. Geburtstag: Mit "Memphis", der von ihm 1980 mit ins Leben gerufenen Bewegung, unternahm de Lucchi einen "Anschlag gleichermaßen auf die cremefarbene Gediegenheit des bürgerlichen Geschmacks wie auf das strenge 'Form follows function'-Diktat der Moderne." Er "entwarf mit der größten Sinnlichkeit, Farbenfreude und einem bis dahin in der ganzen Branche völlig unbekannten Humor die wundersamsten Lampen, Tische, Regale, Stühle: Objekte, immer an der Grenze zwischen Möbelstück und Skulptur, ein Design, das darauf angelegt war, dass der Betrachter es hässlich und grell finden würde auf den ersten Blick. So verspielt und so desinteressiert am puren Funktionieren waren Möbel seit dem Historismus nicht mehr gewesen."
Archiv: Design
Stichwörter: Lucchi, Michele de

Kunst

Besprochen werden die Schau der russischen Kunstkollektion Morosow in der Pariser Fondation Louis Vuitton ("Die Ausstellung ist von atemberaubender Qualität", schwärmt Renata Stih in der taz, "die kuratorische Philosophie von Anne Baldassari zeigt sich nicht zuletzt in der Perfektion von Inszenierung und Lichtregie"), die Ausstellung "Der geteilte Picasso" im Kölner Ludwig Museum (FAZ) und der Band mit Franz Kafkas "Zeichnungen" (NZZ).
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Film

Vicky Krieps in "Bergman Island"


Im Filmdienst porträtiert Esther Buss die Schauspielerin Vicky Krieps, die aktuell in Mia Hansen-Løves "Bergman Island" (unsere Kritik) zu sehen ist. Insbesondere das Gesicht der Luxemburger Schauspielerin fasziniert sie: "Es ist fein gezeichnet und blass, melancholisch und forschend - schön auf eine nicht gefällige Weise, man denkt sofort an Renaissance-Gemälde (verglichen wurde es schon mit Raffaels 'Madonna' und Meryl Streep). Ausgiebig studieren ließ sich dieses Gesicht in 'Das Zimmermädchen Lynn' (2014)", in dem sie "eine verhuschte Frau mit Phobien und schlechtem Gang spielt, die sich an ihrem Arbeitsplatz in andere Leben hineinschleicht. ... Erst als sie durch die Begegnung mit einer Domina ihr masochistisches Begehren entdeckt, bekommt sie ein Gefühl auch für ihr eigenes Leben - und ihren Körper. Mit der Entdeckung der Lust wird ihr steifer, fast schon mechanischer Leib weich und empfänglich. Innere Bewegungen, leise, glimmend und nervös oder körperlich und aufgewühlt, sind für Krieps' Rollen (zumindest für die markanten) charakteristisch."

Simon Strauss unterhält sich für die FAZ mit Hans-Jürgen Syberberg darüber, was deutsch ist. Unter anderem geht es um den Aufbruch der deutschen Filmemacher Ende der Sechziger: "Der deutsche Film war damals in einem jämmerlichen Zustand, eigentlich wurden nur Heimatfilme und primitive Pornos produziert. ... Wir litten alle darunter, dass wir uns nie trafen. Es gab keine Hauptstadt - Bonn war für Künstler inexistent. Berlin war nicht zentral, und es gab auch keine gemeinsame Anlaufstelle mehr wie die DEFA oder früher die UFA. Wir hatten zwar eine Arbeitsgemeinschaft, aber da wurden meistens nur Kämpfe ums Geld geführt." Gegenüber dem politischen Aufbruch der damaligen Zeit war er jedoch skeptisch: "Das war mir eigentlich immer zu viel Gegenwart. Die ganze 68er-Zeit - hab mich da ziemlich rausgehalten, weil mir das zu banal war, ohne mythischen Hintergrund." Von dem Gespräch hat die FAZ auch ein Video veröffentlicht:



Außerdem: Hollywood diskutiert nach dem tödlichen Schusswaffenunfall auf dem Set von "Rust" über die teils desaströsen Arbeitsbedingungen beim Film, berichtet Rieke Havertz auf ZeitOnline. Kira Taszman resümiert im Filmdienst das Dokfilm-Festival in Leipzig. Nadine Lange berichtet im Tagesspiegel vom Festival des osteuropäischen Films in Cottbus. Magnus Klaue erinnert in der Jungle World an die TV-Serie "Ein Colt für alle Fälle", die vor 40 Jahren auf Sendung ging. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner dem Regisseur Paolo Taviani zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden die ZDF-Serie "Furia" über Neonazis, die den Umsturz versuchen (Welt, FAZ), der afro-amerikanisch besetzte Netflix-Western "The Harder They Fall" (Tagesspiegel), die Comicverfilmung "Y: The Last Man" über eine Welt, in der alle Männer bis auf einen sterben (Freitag), der Science-Fiction-Film "Finch" mit Tom Hanks (Welt, SZ), Yann Gozlans Thriller "Black Box" (Tages-Anzeiger) und Gerhard Klingenbergs DEFA-Komödie "Was wäre, wenn ...?" von 1960 (Berliner Zeitung).
Archiv: Film

Musik

Der Jazzbassist Eberhard Weber gestattet ZeitOnline im Gespräch anlässlich der Veröffentlichung seines wohl letzten Albums "Once Upon A Time" - einer Live-Aufnahme aus dem Jahr 1994 - einen Rückblick auf sein Schaffen, das mit einem Schlaganfall im Jahr 2007 jäh zum Erliegen gekommen ist. Im Grunde hat er damit seinen Frieden gemacht: "Manchmal, wenn ich Aufnahmen bei YouTube aufrufe, dann überkommt mich schon der Gedanke, dass es eigentlich ganz schön wäre, wenn ich das wiederholen könnte. Aber das verschwindet ganz schnell. Eine heilsame Erfahrung waren die hundert extrahierten Bass-Soli, die mir Jan Garbareks Tontechniker zuschickte. Nach dreißig habe ich einfach aufgehört, denn irgendwann geht einem das Zeug ziemlich auf den Geist, auch wenn es von einem selbst stammt." Ein Stück aus seinem Abschiedsalbum:



Außerdem: Sven Ferchow verliert in der NMZ angesichts der geballten Comeback-Offensive von Helene Fischer und ABBA den Glauben an die Menschheit. Jan Brachmann berichtet in der FAZ von den Mendelssohn-Festtagen in Leipzig.

Besprochen werden ein von Anoushka Shankhar kuratiertes, verlängertes Wochenende in der Elbphilharmonie (taz), Nate Wooleys Auftritt beim Jazzfest Berlin (FAZ), eine Box mit von Kent Nagano dirigierten Messiaen-Aufnahmen (FAZ), das neue Album von Eric Clapton (FAZ) und Pokey LaFarges Album "In the Blossom of their Shade" (Standard). Wir hören rein:

Archiv: Musik