Efeu - Die Kulturrundschau

Gestern noch friedliche Nachbarn

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.09.2020. In Europa sind wir keine Feinde mehr, rief Navid Kermani in einer Rede zur Eröffnung des Harbour Front Literaturfestival in Hamburg den Autoren zu, die nicht mit Lisa Eckhart auf eine Bühne wollten. Die Zeit dokumentiert die Rede. In Sachen sexueller Belästigung hat sich in der Opernwelt kaum was geändert, seit Enrico Caruso im New Yorker Affenhaus verhaftet wurde, meint das Van Magazin. Zuviel Glanz und Gloria erlebt die SZ in der Jubiläumsausstellung des Metropolitan Museums in New York. In Venedig wurde Frederick Wisemans Doku über die Bostoner "City Hall" gezeigt: Bombay oder Teheran wären interessanter gewesen, meint Artechock. Die FAZ fragt: Warum fehlen die freien Ensembles auf der Karte der Deutschen Orchestervereinigung?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2020 finden Sie hier

Literatur

Eigentlich hätte beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg auch Lisa Eckhart auftreten sollen - die Geschichte, wie es dazu nicht kam, ist bekannt. Die Zeit dokumentiert die Rede, die Navid Kermani zum Auftakt des Festivals am gestrigen Abend gehalten hat. Er richtet sich an jene Schriftsteller, die mit Eckhart keine Bühne teilen wollten, wodurch die ganze Geschichte in Gang gesetzt wurde. Für ihn ein Angriff ad personam. "Ihre Weigerung, mit Frau Eckhart auf einer Bühne zu stehen, gilt nicht dieser oder jener Aussage, sie gilt nicht der Kabarettistin, sie gilt dem Menschen, den Sie für verächtlich erklären." In Europa "sind wir keine Feinde mehr und sollten uns dagegen verwahren, uns als solche zu betrachten, denn wir riskierten Zustände wie in einem Bürgerkrieg. Nicht erst die aktuellen Bilder aus den Vereinigten Staaten zeigen, wie rasend schnell Gegnerschaft in Feindschaft umschlagen kann; unsere eigene europäische Geschichte ist voll von Gewalt zwischen Bürgern, die gestern noch friedliche Nachbarn waren."

Besprochen werden unter anderem China Mievilles "Die letzten Tage von Neu-Paris" (Freitag), Joachim Meyerhoffs autobiografischer Roman "Hamster im hinteren Stromgebiet" (Tell), Jonas Eikas Erzählband "Nach der Sonne" (Tagesspiegel), Marcel Beyers Gedichtband "Dämonenräumdienst" (online nachgereicht von der Welt), Iris Wolffs "Die Unschärfe der Welt" (SZ) und Ilija Trojanows "Doppelte Spur" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Konsequente Minderheitenpolitik: Bostons Bürgermeister Marty Walsh in "City Hall"

In Venedig lief der neue Film von Frederick Wiseman, der mit seinen ausufernden Filmen bekanntlich gesellschaftliche Institutionen und Prozesse dokumentiert. In den viereinhalb Stunden von "City Hall" geht es um das Rathaus in Boston. Meist feiern die Kritiker seine Filme, Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland ist aber nur halb überzeugt: "Nichts davon ist falsch, vieles interessant, alles nicht zwingend. ... Ich würde gerne einen solchen Film über die Stadtverwaltung von Bombay sehen oder von Teheran. Da gäbe es mehr zu entdecken." Spannender fand ihn Andreas Busche im Tagesspiegel: Bürgermeister "Walsh betreibt eine konsequente Minderheitenpolitik: gegen Rassismus, für Gleichstellung, Diversität, LGBTQ-Rechte, obdachlose Jugendliche. 'City Hall' konstituiert gewissermaßen ein amerikanisches Ideal als Gegenentwurf zum Präsidenten. So offen parteilich war noch keiner von Wisemans Filmen." Für die taz bespricht Tim Caspar Boehme Gianfranco Rosis "Notturno", zu dem wir bereits gestern Kritiken zitiert haben.

Die Academy hat verkündet, dass bei den Oscars zumindest für die Kategorie "Bester Film" in absehbarer Zeit Diversitätskriterien gelten sollen (siehe dazu auch eine ausfürliche dpa-Meldung in der taz). Eine gute Entscheidung, meint der Politikwissenschaftler Joshua Kwesi Aikins im Dlf Kultur, der "gerade für die Kreativität und für die Kunstfreiheit" einen Vorteil darin sieht, "wenn man diese Barriere abbaut." Es gehe "um das Aufbrechen verkrusteter und diskriminierender Strukturen." Die Hollywoodschauspielerin Kirstie Alley sieht das laut Daily Mail ganz anders: "Can you imagine telling Picasso what had to be in his f**king paintings!", schrieb sie auf Twitter.

Zeitreisefilme haben schon mal deutlich mehr Spaß gemacht, stöhnt Alex Hess im Guardian, nachdem er sich von Christopher Nolans "Tenet" auf links gewendet fühlt und darin einen Trend entdeckt: Zeitreisefilme nehmen sich in den letzten Jahren fürchterlich ernst. Doch "vielleicht hat der eigentliche Trend auch gar nichts mit dem Thema 'Zeitreisen' an sich zu tun, sondern damit, wie philosophische Gedanken plötzlich von der Speerspitze der Popkultur gewälzt werden. Debatten, die einst nur in dicken Büchern und Vorlesungen geführt wurden, bilden plötzlich die Grundlage für publikumsaffines Fernsehen" und auch "in Hollywood werden mit einem Mal einst Spike Jonze und Darren Aronofsky vorbehaltene Ideen von Hulk und Ant-Man diskutiert. ... Werden Blockbuster also smarter? Oder strengen sie sich einer Zeit, in der all der intellektuelle Lobpreis über dem Fernsehen niedergeht, einfach nur mehr an, um so zu wirken?"

Weitere Artikel: Zum Kinostart von "Vitalina Varela" (hier im Tagesspiegel besprochen) führt Sascha Westphal in epdFilm durch Pedro Costas Filmschaffen. Tilman Schumacher schreibt auf critic.de über Michael Mann, dem das Berliner Kino Arsenal eine Retro widmet. In der Welt porträtiert Hanns-Georg Rodek Nicola Galliner, die nach 26 Ausgaben das von ihr gegründete Jüdische Filmfestival Berlin verlässt (mehr dazu in der Berliner Zeitung). In der SZ verneigt sich Jan Jekal vor Buster Keaton, der vor hundert Jahren im zarten Alter von 24 Jahren damit begann, seine eigenen Filme zu drehen. Den Auftakt machte "One Week":



Besprochen werden Charlie Kaufmans auf Netflix gezeigter Film "I'm Thinking of Ending Things" (Filmbulletin) sowie Jennifer Baichwals, Nicholas de Penciers und Edward Burtynskys Essayfilm "Die Epoche des Menschen - das Anthropozän" (Berliner Zeitung).
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Kunst

Kent Monkman, Welcoming the Newcomers, 2019. Courtesy of the artist


Ganz schön enttäuscht ist Sebastian Moll von der großen Jubiläumsausstellung zum 150-jährigen Geburtstag des New Yorker Metropolitan Museum. Das kolonialistische Erbe wird zwar angesprochen, aber eigentlich nur in Fußnoten, kritisiert er in der SZ. "Der Rest der Ausstellung erzählt jedoch im Wesentlichen die Geschichte dieser Welt-Schatzkammer als glanzvolle Geschichte seiner Expansion." Anders sieht es im aktuellen Programm des Museums aus, das für Moll eindrucksvoll "den  Willen zur Selbstkritik" demonstriert: "Da ist etwa die herausragende Ausstellung des afroamerikanischen Zeichners Jacob Lawrence mit seinem Zyklus zu den amerikanischen Revolutionskriegen, in denen er den Widerspruch zwischen dem Kampf gegen Versklavung nach außen und der Beibehaltung der Sklaverei im eigenen Land wirkungsvoll herausarbeitet. Da ist auch die Ausstellung zur Kunst der Sahel, die einen ganz unkolonialistischen Blick auf die Kulturen dieser Region wirft. Und da sind die großen Wandgemälde des indigenen Künstlers Kent Monkman."

Hanno Rauterberg durchstreift für die Zeit die Berlin Biennale und seufzt: "Alles Eindrückliche und Kuriose wirkt auf dieser Biennale zugleich konventionell, ja altbacken. Denn seit Jahrzehnten folgt ein Großteil der Kuratoren den immer gleichen Mustern der Systemkritik, wobei nicht unbedingt die Kritik selbst fragwürdig ist, sondern ihr Schematismus."

Eva-Christina Meier unterhält sich für die taz mit zwei der KuratorInnen der 11. Berlin Biennale, Renata Cervetto und Lisette Lagnado, über die Schwierigkeiten, eine internationale Kunstausstellung in Zeiten der Pandemie zu organisieren. Das funktionierte ganz gut bei Arbeiten, in denen nicht der einzelne Künstler im Mittelpunkt steht: "Ich denke gerade an die Arbeit von Paula Baeza Pailamilla, die im KW zu sehen ist. Ihre Landkarte des Territoriums der Mapuche war das Ergebnis eines kollektiven Prozesses, der von einer Videoaufzeichnung begleitet wurde. Der Film ist kein Kunstwerk, sondern eine Dokumentation. Es war wichtig, deutlich zu machen, dass es sich bei der textilen Landkarte nicht um eine autonome Skulptur handelt, sondern um etwas, dass die Energie der strickenden Frauen, die daran beteiligt waren, enthält. Die Installation ist wunderschön geworden. Aber wir mussten viele Fotos machen, einige Videos schicken und oft miteinander sprechen", sagt Lagnado.

Besprochen werden Evelyn Schels Künstlerinnen-Dokumentarfilm "Body of Truth" über Marina Abramović, Shirin Beshat, Sigalit Landau und Katharina Sieverding (taz), zwei Berliner Ausstellungen zu Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne im Haus der Kulturen der Welt und in der Gemäldegalerie (taz, Zeit), die Impressionismusausstellung im Potsdamer Barberini Museum (FR) und die Ausstellung "Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht" im Landesmuseum Mainz (FAZ).

Der Guardian bringt eine sehr schöne Fotostrecke zu japanischer Fotografie von 1957-72, verkörpert durch die Vivo-Gruppe und das Magazine Provoke. Hier ein Beispiel aus der Serie "Circulation: Date, Place, Events" von Takuma Nakahira, 1971:

Foto: Gen Nakahira/Collection Per Amor a l'Art


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Bühne

Im Van Magazin beschreibt Olivia Giovetti die Parallelen von zwei Fällen sexueller Belästigung in der Opernwelt: Einmal durch Enrico Caruso, der 1906 im New Yorker Zoo verhaftet worden war, weil er im Affenhaus mehrere Besucherinnen belästigt hatte, und gut hundert Jahre später durch Placido Domingo: "In Bezug auf sexuelle Belästigung hat das amerikanische Justizsystem, das schon zu Carusos Zeiten - trotz Verurteilung - nicht angemessen funktioniert zu haben scheint, was den Opferschutz angeht im letzten Jahrhundert eher abgebaut als dazugelernt", stellt sie fest.

In der FAZ berichtet Stephan Löwenstein über die Proteste gegen die regierungsnahe Besetzung der Leitung der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst. Bei aller Kritik an Orban und seinen Kadern fällt ihm doch eine gewisse "Spiegelbildlichkeit" zur Linken auf: "Lässt man politische und kulturelle Geschmacksfragen beiseite, so wird man immerhin zugestehen können, dass Orbán sich hier als ein gelehriger Schüler der alten kommunistischen, später linksliberal gewendeten Eliten erweist. Dass die sich zum Teil in Kultur und Medien nach der Wende in Positionen gehalten haben, von denen aus sie eine Lufthoheit über den öffentlichen Diskurs behielten, hat es nicht nur in Ungarn gegeben."

Weitere Artikel: Verena Fischer-Zernin schickt der nmz einen Bericht über die Proben von John Neumeiers neuem Schubert-Ballett "Ghost Light" in Hamburg. Margarete Affenzeller porträtiert im Standard den Dramatiker Thomas Köck. Außerdem bringt die Zeit ein Spezial zur Saisoneröffnung. Im Aufmacher spricht die Pianistin Hélène Grimaud über das Musikleben in Zeiten der Pandemie. Peter Kümmel gibt eine "höchst subjektive Vorschau" auf den Theaterherbst. Hannah Schmidt besucht die Dirigentin Marie Jacquot und Katja Nicodemus den Schweizer Maler Christoph Hänsli. Wiebke Hüster berichtet in der FAZ über den Abschlussbericht zu Missständen an der Staatlichen Ballettschule Berlin.

Besprochen werden Henriette Hörnigks Inszenierung von Tom Stoppards Epos "Die Küste Utopias, 1 Teil: Aufbruch" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik, FR) und eine "Madame Butterfly" mit Asmik Grigorian in der Titelrolle an der Wiener Staatsoper (Standard).
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Musik

Eine Karte der Deutschen Orchestervereinigung zeigt zahlreiche Klangkörper im ganzen Bundesgebiet - doch die freien Ensembles und Orchester fehlen, ärgert sich Hartmut Welscher auf VAN. Komplexitätsreduktion? Zufall? Er glaubt: Solche geflissentlichen Unterschlagungen haben System oder sind zumindest symptomatisch. "Die mentale Landkarte von Zentrum und Peripherie ist auch materialistisch geformt. Die Machtposition öffentlich finanzierter Orchester wird aufrechterhalten durch einen komparativen Vorteil im Sichtbarkeitswettbewerb: Die bürgerlichen Konzerttempel, deren Gatekeeper die 'Kulturorchester' oft sind, zementieren einen steingewordenen Platzhirsch-Anspruch, das Marketing-Budget ermöglicht stadtweite Plakatierungen, die technische Infrastruktur virtuelle Reichweite. Sichtbarkeit macht attraktiv, mit ihr geht ein Qualitätsnimbus einher, zumindest in der klassischen Hochkultur, wo 'arm, aber sexy' weniger gilt als Repräsentation." Dabei "entstehen Innovationen meist an der Grenze, außerhalb der Gravitation bestehender Verhältnisse."

Weitere Artikel: Die Liebe, die Felix Hooss in einem online nachgereichten FAS-Artikel für das Projekt Crucchi Gang bekundet, das deutschen Pop ins Italienische überträgt, wird in Italien leider nicht geteilt: Ein Musikkritiker "antwortet, konfrontiert mit den Liedern, lapidar: 'Ich fand sie kurios und weiter nichts.'" Thomas Stadelmann besucht für die NZZ die Luzerner Allmend, in dem künftig Jazz, Klassik und Kirchenmusik gelehrt wird. Arno Lücker arbeitet sich für VAN durch drei Interpretationen von Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Außerdem schreibt Lücker in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen über Miriam Gideon. Joachim Hentschel staunt in der SZ nicht schlecht über den Erfolg, den die Rock-Opas von Deep Purple - Steve Morse, das Nesthäckchen der Truppe, zählt junge 66 Jahre - derzeit mit ihrem neuen Album hinlegen. In Berlin beginnt das Festival für selbstgebaute Musik, erfahren wir von Stephanie Grimm in der taz. Gerald Felber gratuliert in der FAZ der Staatskapelle Berlin zum 450. Jubiläum. Und Peter Kemper gratuliert in der FAZ dem Jazzmusiker Roy Ayers zum Achtzigsten.

Besprochen werden unter anderem Jan Assmanns Buch "Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst" (Tagesspiegel, FAZ), der vierte Abend von Igor Levits Beethoven-Reihe in Berlin (Tagesspiegel), das neue Album von Kitschkrieg (taz) und Verdis "Requiem" in Bergamo in einer Aufführung von Riccardo Chailly und dem Orchester der Mailänder Scala (Tagesspiegel).
Archiv: Musik