Efeu - Die Kulturrundschau

Wie leer der Saal wirkt

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19.03.2020. Die FAZ erstarrt fast vor der Dichte der Zeichen in einem David-Bowie-Bildband. Die SZ lässt sich von der  Literaturwissenschaftlerin Eva Horn erklären, warum Epidemienfilme gerade Konjunktur bei den Streamingportalen haben. Die NZZ besucht eine hochluxuriöse Künstlerresidenz in Dakar. Die Zeit denkt über die Gründe von Uwe Tellkamps Systemverachtung nach.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2020 finden Sie hier

Musik

Der Heilige der Askese: David Bowie im März 1972 (Bild: Taschen Verlag/Mick Rock)


Dietmar Dath sieht für die FAZ den großen Bildband "The Rise of David Bowie" durch, der zahlreiche Fotografien von Mick Rock aus den Siebzigern versammelt und überantwortet sich gerne dem Sog, der von dieser Zeitreise ausgeht: Dieser Mick Rock war ein echter Archivar und das, "obwohl alles, womit er es zu tun hatte, nur vom Verbrennen jeder Vergangenheit, Kulturgeschichte und Tradition in absoluter Gegenwart handeln wollte. Manchmal zeigt er seinen Helden, der sich der Lust so ausgeliefert hat wie die Heiligen der Askese, auch im Konzert, vor vielen Menschen. Wenn man das betrachtet, erlebt man einen kleinen Schock: Wie leer der Saal wirkt, gemessen an der Dichte der Zeichen, mit denen Bowie vollgepackt ist, mit Bedeutung, mit souveräner Spinnerei! Wahrscheinlich konnte man, wenn man dabei war, hören, wie sein Aussehen hallt."

Die Sopranistin Christina Landshamer erzählt im VAN-Gespräch, wie es ist, wenn man in der Bayerischen Staatsoper ein Konzert vor leerem Saal gibt. An Desinfektionsmittel und Abstand herrschte kein Mangel, erfahren wir. Und: "Es ist schon komisch. Man kommt raus, sieht vier Kameras und einen leeren Saal. Ich habe nachher gemerkt, dass ich fertiger war als nach 'normalen' Konzerten. Die Resonanz und der Dialog mit dem Publikum, die einen sehr beflügeln können, fallen weg. Ich musste also die ganze Energie und Konzertspannung alleine aus mir schöpfen, das laugt mehr aus als sonst. ... Ich habe daran gedacht, dass es ein bisschen ist wie früher bei den Rundfunkorchestern, die in einem leeren Studio spielten und es wurde live im Radio übertragen. In gewisser Weise sind wir also zurück zu den Wurzeln gegangen."

Außerdem: In der VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker in dieser Woche über Lili Boulanger. Die Berliner Clubs haben mit United We Stream eine Streaming- und Spendenplattform gestartet, meldet Das Filter. Für die Klassikfans hilfreich ist dieser Katalog an Streaming-Hinweisen, den das VAN-Magazin zusammengestellt hat. Und ein Podcast-Tipp: Für BR Klassik befasst sich Igor Levit 32 mal mit Beethoven. Levits Onlinekonzerte während der Corona-Krise finden Sie weiterhin hier.

Archiv: Musik

Film

Lernfähiges System: Clint Eastwoods "Richard Jewell"

Mit dem Film "Richard Jewell" über einen übergewichtigen FBI-Beamten, der erst ein Bombenattentat aufdeckt und dann zum Verdächtigen wird, beginnt Clint Eastwoods "Uralterswerk", meint Andreas Platthaus in der FAZ: Der Regisseur plädiert mit diesem Film "für die Grundwerte einer unabhängigen Justiz und Presse - gerade weil es sie in diesem Film nicht gibt. Dass Richard Jewell ungeachtet seiner Behandlung durch die Ermittlungsbehörden nach seiner Rehabilitierung in den Polizeidienst zurückkehrt, ist nicht nur ein persönlicher Triumph für ihn. Es ist auch einer des Systems, das dadurch in Eastwoods Film als lernfähig erscheint. Die Hoffnung starb im Werk dieses Regisseurs schon immer zuletzt." Perlentaucher Patrick Holzapfel schmerzt hingegen, "dass Eastwood seine am Anfang so faszinierend dargelegte Figurenkonstellationen entwertet für eine recht plumpe und überzogene Erzählung vom Guten und Bösen oder zumindest vom Falschen und Richtigen. ... Eastwood kann nie verstecken, dass er ein Kino macht, das unbedingt wenig subtile und zum Teil wenig durchdachte Kommentare zu zeitgenössischen Themen loswerden will: Terror, Fake-News, Waffenbesitz, zu allem gibt es eine Eastwood-Szene. Er agiert hier, als wäre er auf Seite der Würde selbst. Die ständig im Bildhintergrund wehenden amerikanischen Flaggen werden gerade gerückt von einer Idee namens Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit bleibt aber abstrakt."

Für die SZ hat Kathleen Hildebrand bei der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn nachgefragt, warum ausgerechnet Epidemienfilme wie Steven Soderberghs "Contagion" oder Wolfgang Petersens "Outbreak" auf den Streamingportalen gerade eine beträchtliche Konjunktur erleben: "'Was Fiktion kann', sagt sie, 'ist, ein konkretes Bild von einer Situation zu erzeugen, die sich eigentlich niemand vorstellen kann.'" Angstlust sei also nicht der alleinige Impuls dafür: "Horn erklärt die Wirkung katastrophischer Szenarien in ihrem Buch 'Zukunft als Katastrophe' einerseits als alarmistisch - sie weisen auf Gefahren hin, machen sie anschaulich und können so aktivieren, mindestens zum Händewaschen. Andererseits beschreibt sie sie mit dem Konzept der Interpassivität: Man delegiert durch die Fiktion eines Films oder eines Romans das Handeln an jemand anderen, einen Filmhelden wie den Familienvater, der die Seuche überlebt. 'Das Starren auf die Katastrophe' schreibt Horn, entlaste von der schwierigen Aufgabe, angesichts der Katastrophe zu handeln."

Außerdem: Zugegeben, das ist jetzt ein paar Tage nachgereicht, aber beim Filmdienst gibt es einen neuen Kracauer-Stipendiaten, Till Kadritzke, der dort nun ein Jahr lang ein Blog führen wird. "Im Affekt" nennt er sein Jahresthema, für das er sich künftig vor allem den politischen Affekten des Kinos widmen will. Jens Balkenborg nutzt das Social Distancing und arbeitet sich für Artechock durch das Schaffen des dänischen Genre-Auteurs Nicolas Winding Refn, der - Achtung, Tipp für alle, die gerade ebenfalls zuhause bleiben - auf byNWR einen gratis Streamingdienst kuratiert, der auf Exploitation, B-Movies und andere Formen des Para-Cinema setzt. Für den Filmdienst durchforstet Stefan Stiletto die Streamingdienste und Mediatheken nach sehenswerten Kinderfilmen, nach denen jetzt vor allem Eltern Ausschau halten dürften, deren Kinder nun nicht mehr in die Schule gehen. Ein ähnliches Projekt verfolgt Rochus Wolff schon seit geraumer Zeit mit seinem Kinderfilmblog.

Besprochen werden der zum Tod von Toni Marshall von Arte online gestellte Film "Schöne Venus" von 1999 (Perlentaucher), Peter Bergs Actionkomödie "Spenser Confidential" mit Mark Wahlberg (taz), eine DVD von Phillip Noyce' Actionfilm "Blinde Wut" von 1989 ("macht sehr großen Spaß", versichert Ekkehard Knörer in der taz - allerdings "muss man die Erwartungen entsprechend justieren"), die "Star Wars"-Serie "The Mandalorian", mit der der neue Streamingdienst Disney+ ab 24. März auch bei uns ein Publikum gewinnen will (Filmdienst), die Netflix-Serie "Freud" (NZZ) und der ARD-Dreiteiler "Unsere wunderbaren Jahre", der von den deutschen fünf Jahren 1948 bis 1953 handelt - ein "antiaufklärerisches, geschichtsklitterndes Machwerk" von "grundwiderlicher Trostlosigkeit" und "ästhetischer Tristesse", meint Matthias Dell auf ZeitOnline.
Archiv: Film

Bühne

Die Theater sind geschlossen. Aber Gott sei Dank gibt es das Internet. Hier der Online-Spielplan und die Streaming-Angebote der Theater, von nachtkritik zusammengetragen. Oh, und die Pariser Oper streamt jetzt auch!

Für Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung) lassen diese Angebote allerdings noch einiges zu wünschen übrig: "Dass Theater auch fürs Streamen tatsächlich mal interessant werden kann, sofern es den PC als Produktions- und Rezeptionsmittel von Beginn an mitdenkt und eine eigene Hybrid-Kunst daraus entwickelt, deutet das Theater Luzern zumindest schon an. Regisseur Franz von Strolchen hat dort die Theaterserie 'Taylor AG' entworfen, die in mehreren Staffeln à 30 Folgen von Menschen der Zukunft handelt, die ihre Arbeit längst an die KI abgegeben haben, aber einmal im Jahr noch zusammenkommen müssen, um eine eigene, neue Idee zu entwickeln."
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Archiv: Bühne

Kunst

Black Rock, 2019. Foto © Kehinde Wiley. Mehr Bilder bei The Spaces

Eine staunende Katja Müller erkundet für die NZZ das "Black Rock", eine luxuriöse, vom afroamerikanischen Maler Kehinde Wiley in Senegals Hauptstadt Dakar finanzierte Künstlerresidenz. Entworfen hat den Bau der senegalesische Architekt Abib Djen. Der Luxus - Koi-Fischteich, Infinity-Pool, goldene Monogramme auf den Handtüchern, eine große Bibliothek etc. - hat hier Programm, lernt Müller: "Kehinde Wiley, Sohn einer Afroamerikanerin und eines Nigerianers, will mit seinem Projekt eine Brücke schlagen und die Türe nach Afrika wieder aufstoßen, um den Westen in einen Dialog mit dem Kontinent treten zu lassen. Durch die künstlerische Entwicklung soll sich der Diskurs über Afrika ändern. Er wolle von 'Black Rock' aus Freude und Kreativität in die Welt tragen, jenseits der alten Stereotypen und jenseits des immer wiederkehrenden Narrativs von Krieg, Desaster und Angst, das mit Afrika verbunden sei, sagte er gegenüber der französischen Zeitung Le Monde."

In der Berliner Zeitung erzählt Irmgard Berner, wie wunderbar man sich im Netz in der Kunst verlieren kann. Zum Beispiel mit Google Arts & Culture als Einstieg. "Sie ist eine wahre Fundgrube an Kunstwerken aller Epochen der Kunstgeschichte, nach Künstlern, Medien, Themen, Orten, historischen Ereignissen und Persönlichkeiten sortiert. ... Mittlerweile präsentiert es an die 1200 Museen und Zigtausende von Kunstwerken in Gigapixel-Auflösung, aufgenommen mit dem Fotoroboter Gigapan ist es zudem mit dem hauseigenen Dienst Street View quasi im dynamischen 3D-Modus durchwanderbar. Zum virtuellen Rundgang steht uns also die Museumswelt offen. Mit der Qual der Wahl: Soll es nach Beijing, Schanghai, nach Dubai oder doch lieber nach St. Petersburg, Paris oder London gehen?" (Bei Monopol gibt Katharina Cichosch Tipps für Online-Museumsbesuche)

Weiteres: Elke Buhr unterhält sich für Monopol mit der Kuratorin Chus Martinez, die auf Instagramm kleine "Corona-Tales" erzählt. Moritz Uslar besucht für die Zeit die Malerin Karin Kneffel in ihrem Atelier in Düsseldorf, dringt aber nicht so recht durch zu ihr. Besprochen wird eine Ausstellung über mexikanische Malerei im New Yorker Whitney Museum (taz).
Archiv: Kunst

Literatur

Um Uwe Tellkamps kommenden Roman "Lava" gibt es manche Gerüchte. Schon veröffentlicht hat er das Büchlein "Das Atelier", das laut Thomas Assheuer in der Zeit Tellkamps Wendung ins AfD-Nahe belege. Die Beschwerden Tellkamps und anderer DDR-Künstler über mangelnde "Meinungsäußerungsfreiheit" empfindet Assheuer dabei als eher vorgeschoben: "Vieles spricht dafür, dass sich ihre Systemverachtung ursprünglich an etwas ganz anderem entzündet hat: an der Verbitterung darüber, dass ostdeutsche Künstler nicht mehr den gesellschaftlichen Einfluss besitzen, von dem sie glauben, dass er ihren Werken zusteht. Seine Meinung, so Tellkamp vielsagend, sei lediglich geduldet, erwünscht aber sei sie nicht. Wer gegen die herrschende künstlerische Norm verstoße, zum Beispiel dem Zwang zur Ironie, der bekomme es mit einer Öffentlichkeit zu tun, die nur das ästhetisch Konforme dulde, nur das Sekundäre und das Seichte."

Cornelia Geißler hört sich für die FR im Literaturbetrieb unter Frauen um, wie diese ihre Wahrnehmung durch den Betrieb beschreiben. Unter anderem ist sie dabei auch auf einen Unterschied zwischen den Generationen gestoßen: Die Schriftstellerin Berit Glanz etwa berichtet davon, dass es immer noch Leute wundert, dass sie als Frau über Technik schreibt. Und: "Als Frau und Mutter sei sie von den meisten Aufenthaltsstipendien ausgeschlossen, weil sie die Kinder nicht mitnehmen könne. 'Das betrifft alle Sorgeverpflichteten.' ... Und wenn Auszeichnungen für literarische Debüts eine willkürlich festgesetzte Altersgrenze bei 35 Jahren haben, seien eben auch die nicht dabei, die erst einmal Kinder großziehen. Dieses Argument kann Kerstin Hensel nur bedingt verstehen. Sie ist zwanzig Jahre älter als Berit Glanz. Als ihr erster Gedichtband erschien, war sie 25. 'Wenn ich wirklich schreiben will, ist es egal, ob ich ein Kind habe oder drei Hunde. Ich habe auch mein Kind allein großgezogen und Bücher veröffentlicht', sagt sie."

Außerdem: Nicole Seifert erinnert auf 54books.de an die vor 50 Jahren verstorbene Autorin Marlen Haushofer. Roswitha Budeus-Budde (SZ) und Tilman Spreckelsen (FAZ) gratulieren der Kinderbuchautorin Kirsten Boie zum 70. Geburtstag. Frank Herold (Tagesspiegel), Ulrich M. Schmid (NZZ) und Kerstin Holm (FAZ) schreiben Nachrufe auf den russischen Skandalautor Eduard Limonow.

Und: Thomas Glavinic veröffentlicht in der Welt die erste Folge seines Corona-Fortsetzungsromans.

Besprochen werden unter anderem Junji Itos Horror-Manga "Uzumaki" (Tagesspiegel) und Olivier Guez' "Koskas und die Wirren der Liebe" (SZ).
Archiv: Literatur