Efeu - Die Kulturrundschau

Traumtrichter

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18.02.2020. In der FAZ rät Berlinale-Chef Carlo Chatrian den deutschen Filmemachern, genauer hinzusehen. Die FR wagt mit Hortensia Mi Kafchin einen Blick in rumänische Höllen-Paradies-Labore. Die NZZ purzelt mit Stefan Bachmann aufs glatte Gesellschaftsparkett. 54books wünscht der Kapitänin Thea Dorn gute Fahrt auf ihrem rostigen Literaturkahn. ZeitOnline trauert um den Musikproduzenten Andrew Weatherall, der mit Acid und Ecstasy die Dunkelheit der Achtzigerjahre vertrieb.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2020 finden Sie hier

Film

Im FAZ-Gespräch über ihre erste Berlinale kommen Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die neue Führungsspitze des Festivals, auch auf den deutschen Filmnachwuchs zu sprechen. "Da ist eine starke neue Generation sichtbar", sagt Chatrian. "Nur manchmal habe ich den Eindruck, sie könnten noch mehr erreichen, wenn sie ein bisschen mehr auf ihr Land schauten. Wenn ich jetzt mal als Filmkritiker spreche, kümmern sie sich zu sehr um die Innenperspektive. Das italienische Kino, Pietro Marcello oder Alice Rohrwacher etwa, hat Filme gemacht, die nicht nur über ihr Land reden, sondern auch hinsehen. Die beiden deutschen Filme im Wettbewerb, 'Berlin Alexanderplatz' und 'Undine' wiederum haben einen anderen Blick auf Berlin."

Für die Welt hat sich Hanns-Georg Rodek die Mühe gemacht, die filmpolitischen Forderungen der AfD mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Sein Fazit: Nicht nur wünscht sich die Partei einen Film, dem sämtliche Potenziale zum Diskurs und zur Kritik genommen wurden, würde man darüber hinaus noch die mit allerlei Sperrungsdrohungen durchsetzten Vorschläge dem Wortlaut nach umsetzen, käme die hiesige Filmproduktion schlagartig zum Erliegen. Wenn die Partei nicht weiß, was sie da tut, "würde sie den deutschen Martk, der sowieso zu zwei Dritteln von Amerika dominiert wird, komplett Hollywood ausliefern", meint Rodek, der aber eh davon ausgeht, dass die Partei sehr wohl weiß, was sie da schreibt: Dann "handelt es sich um eine Drohgeste gegenüber den Filmemachern, denselben Sack mit Knüppel, den sie seit Jahren Theatern und Museen zeigt: Seht her, wir werden euch die Mittel wegnehmen, wenn ihr nicht kuscht."

Weiteres: In seinem Blog schreibt der Filmemacher Christoph Hochhäusler über seine "sanfte Enttäuschung" über den von der Kritik durchaus gefeierten Polanski-Film "Intrige". Besprochen werden die bei 3sat online gestellte Doku "Kino Kanak - Warum der deutsche Film Migranten braucht" (SZ) und Johannes Holzhausens Dokumentarfilm "The Royal Train" über die Bestrebungen der rumänischen Kronprinzessin Margareta, der Bevölkerung die Monarchie wieder schmackhaft zu machen (SZ).
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Kunst

Hortensia Mi Kafchin: Ana Aslan, 2020. Bild: Galerie Judin

Fasziniert verfolgt FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe in der Berliner Galerie Judin, wie die rumänische Künstlerin Hortensia Mi Kafchin ihre emotional aufwühlende Umwandlung zur Frau ins surreale Bild setzt: "Die Nebenwirkungen der Hormone und ersten Operationen gerinnen zu rätselhaften Motiven: Albträume, Ängste, anderen und sich selbst nicht zu genügen, ausgegrenzt zu werden. 'Mein schlimmster Feind bin ich selber', sagt sie. Aber das Malen, diese Bildwelten aus virtuosem Handwerk und entgrenzten kunsthistorischen Referenzsystemen, sind die Rettung. An den Galeriewänden hängt das Resümee der letzten Jahre. Höllen-Paradies-Labore, okkulte Hexenkessel mit Hightech-Mikroskop. In Rundkolben köcheln rote, grüne, gelbe Flüssigkeiten, baumeln Infusionsschläuche. Eine der Frankenstein'schen Szenen zeigt die rumänische Arztlegende Ana Aslan, die um 1970 angeblich ein Mittel gegen das Altern erfand. Von ihr ließen sich Marlene Dietrich, Salvador Dalí, Indira Gandhi, auch Mao Zedong behandeln."

Hingerissen ist jetzt auch Kia Vahland in der SZ von der großen Jan-van-Eyck-Schau in Gent, allerdings nicht ganz einverstanden mit der Deutung des flämischen Malers als optischen Revolutionär. Jan van Eyck, meint Vahland, überwältigt mit seiner Menschenkenntnis und seiner sensiblen Bildkunst: "Ein Realist im modernen Sinn aber ist Jan van Eyck nicht. Das, was bis heute so frappiert an seiner Malerei, sind eben nicht nur Details wie die beiläufig gezeigte Waschschüssel der Jungfrau, die kostbaren bunten Bodenfliesen eines Palastes, die so steinhart funkelnden Juwelen im Kopfschmuck eines Engels. Es ist die selbstverständliche Spiritualität, mit der seine Figuren ohne Pathos ihr Leben bestreiten, als wären das Göttliche und das Menschliche nicht zweierlei."

Besprochen werden die Ausstellung "Krieg kuratieren" im Kunstraum Innsbruck, die der Verbindung von Kunst und Rüstungsindustrie nachspürt (Standard), die David-Hockney-Schau im Bucerius Kunstforum in Hamburg (Tsp), eine Ausstellung über das "Trauern" in der Hamburger Kunsthalle, eine Schau des Genremalers Ludwig Knaus im Museum Wiesbaden (FR) und die Ausstellung "Augen/Blicke" der Berlinale-Fotografin Birgit Kleber im Museum für Fotografie (Tsp).
Archiv: Kunst

Architektur

Moskau-Kino in Jerewan. © Travis K. Witt / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0


Voller Trauer wandert Sophie Jung für die taz durch Armeniens Hauptstadt Jerewan, wo die Bauten der zweiten Sowjetmoderne dem Verfall oder dem Abriss anheimgegeben werden. In ihnen verband sich die Leichtfüßigkeit, die sowjetische Kosmopoliten für sich verbuchten, mit dem dunkel-erhabenen Stil der mittelalterlichen Königshauptstadt Armeniens, hat Jung in der Ausstellung "The City of Tomorrow" im Goethe Institut erfahren: "In den 1960er Jahren ließ die armenische Regierung den grünen Ringboulevard um die Innenstadt vollenden, den bereits der Nationalbaumeister Alexander Tamanyan im Zuge der Hauptstadtgründung 1924 geplant hatte, und platzierte darin die ungewöhnlichen Loisir-Architekturen: Wie ein rostiger Seedampfer ragte der Schachclub von Zhanna Meshcheryakova aus dem Ringpark empor. Als würde über einem Wasserbassin ein gigantisches Tischtuch gerade aufgeworfen und in der Schwebe gehalten - so sah das Poplavok-Café von Feniks Darbinyan und Felix Hakobyan aus. Und das Rossiya-Kino von Artur Takhanyan, Spartak Khachikyan und Hrachya Poghosyan war eine vollends kühne Konstruktion: Zwei monumentale Waagschalen aus Beton hingen über den Boulevard, gerade so, als wären sie aus der Balance geraten und stünden kurz davor, ins Gleichgewicht zurückzukippen."

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Archiv: Architektur

Bühne

Im Max frischs "Graf Öderland" am Theater Basel. Foto: Birgit Hupfeld

Daniele Muscionico huldigt in der NZZ dem Regisseur Stefan Bachmann, der als Intendant in Köln beständig an der Öffnung des Theaters an sich arbeitet und zum Beispiel seine Stücke türkisch übertiteln lässt. Am Theater Basel hat er jetzt Max Frischs ungeliebtes Stück "Öderland" rehabilitiert und mit Olaf Altmann, dem "Bühnenbildner der Stunde", grandios auf die Bühne gebracht, wie Muscionico jubelt: "Altmann hat für Max Frischs märchenhafte Moritat in zwölf Bildern eine riesige Raumskulptur entworfen. Es ist ein Traumtrichter, in den die winzigen Menschlein durch eine kleine Öffnung stürzen und haltlos in die Tiefe fallen. Dem Publikum kullern sie direkt vor die Füße. In diesem Kunstraum wird jede noch so kleine Geste, präzise gesetzt, in ihrer Wirkung überdimensional. Und wie artistisch und sportiv dem Ensemble das Tasten und Tappen, das Suchen nach Halt und Haltung im freien Fall glückt! Doch Altmanns Raum ist böse; hier können Menschen nur böse sein oder es werden. Der Trichter und seine halbrunden Wände sind auch ein kritisches Bild für die Glätte des Gesellschaftsparketts."

Weiteres: Tom Mustroph besucht für den Tagesspiegel das Moskauer Gogol-Center, wo das Deutsche Theater mit Kirill Serebrennow "Decamerone" probt. Besprochen werden Sophie Rois' Soloabend "Gegen die Wand" am Deutschen Theater (FAZ), Jonathan Meeses "Lolita (R)evolution (Rufschädigendst)" in Dortmund (taz), Händels "Alcina" in Düsseldorf (NMZ) und Dvořáks "Rusalka" in Oldenburg (NMZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Das Literarische Quartett ist ohnehin nur noch ein "Geisterschiff" seiner selbst, kommentiert Johannes Franzen auf 54books.de, was soll man den alten Kahn da noch unter alleiniger Führung Thea Dorns weitersegeln lassen? Schon die "Exhumierung" vor wenigen Jahren rund um Volker Weidermann war für ihn kein Vergnügen, sondern stellte lediglich ein unangenehmes Hauen und Stechen dar, geboren aus einer nostalgischen Erinnerung an eine frühere Sendung, die ihrerseits schon als nostalgische Veranstaltung den "Ausdruck der Unsicherheit über den Status von Literatur in Zeiten der Medienkonkurrenz" darstellte: "Ein 'Literaturpapst' wie Reich-Ranicki trat ja bereits als Karikatur eines Gatekeepers auf." Heute "stellt sich die Frage, ob das Produktionsbudget für eine solche Sendung nicht anderweitig besser investiert wäre, für ein neues Programm, jünger, diverser, innovativer."

Außerdem: Der SWR meldet, dass der Schriftsteller Ror Wolf gestorben ist. Besprochen werden unter anderem Frank Witzels "Uneigentliche Verzweiflung. Metaphysisches Tagebuch I" (Zeit), Katya Apekinas Debütroman "Je tiefer das Wasser" (FR), Hanns Zischlers "Der zerrissene Brief" (NZZ), Koleka Putumas "Kollektive Amnesie" (NZZ), Hinrich von Haarens "Blaues Reich. Winterstadt" (taz), Hans Magnus Enzensbergers Gedichtband "Wirrwarr" (SZ) und Peter Handkes "Das zweite Schwert" (FAZ, mehr dazu hier).

Mehr in unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau. Alle besprochenen Bücher und viele mehr zum Bestellen finden Sie natürlich in unserem neuen Online-Buchladen Eichendorff21.
Archiv: Literatur

Musik

Der Musikproduzent Andrew Weatherall ist im Alter von 56 Jahren überraschend gestorben. Jens Balzer würdigt ihn im ZeitOnline-Nachruf als einen großen experimentellen Erneuerer, der die bis dahin mäßig interessante Bluesrock-Band Primal Scream mit seinen waghalsigen Remixes in den Neunzigern fit für die Rave der Neunziger machte und zahlreichen heute namhaften Acts damit eine ästhetische Blaupause lieferte. Ursprünglich kam Weatherall aus den düsteren Achtzigern, doch dann kam Ecstasy und "vertrieb die Dunkelheit und den Nihilismus. ...  In dem erstickenden restaurativen Klima, das nach einem Jahrzehnt der Herrschaft Margaret Thatchers das Land beherrschte, waren die plötzlich überall veranstalteten illegalen Partys - unter Brücken, auf Wiesen und Feldern, in aufgelassenen Fabrikgebäuden - auch ein Ventil für die frustrierte Jugend. ... Weatherall stand von vornherein auf der politischen Seite, er sah sich in einer proletarischen Tradition des Widerstands gegen das Bürgertum und auch gegen dessen verwöhnte Kinder." Einen weiteren Nachruf schreibt Christoph Dallach beim Spiegel. Hier Weatheralls erster, auf Grundlage dieses Stücks entstandener Remix für Primal Scream:



Außerdem: Für die Welt spaziert Dennis Sand mit dem Rapper Friedrich Kautz durch den Berliner Grunewald für einen Plausch über dessen beiden neuen - unter den Namen Prinz Pi und Prinz Porno veröffentlichten - Alben. Philipp Krohn begibt sich für die FAZ auf Beethovens Spuren in der Popkultur.

Besprochen werden Beatrice Dillons Album "Workaround" (taz), Stefan Karl Schmids Oktett-Album "Pyjama" (FR), das Berliner Konzert der Strokes (taz), eine neue Platte von Justin Bieber (Standard), das neue Album von Tame Impala, dem Standard-Kritiker Karl Fluch immerhin noch zugute hält, dass es sich hervorragend als "Hintergrundgeräusch für gedankenintensive Beschäftigungen wie Geschirrspülereinräumen oder Sockenzusammenrollen" eignet, und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Strauss-Aufnahme der Cellistin Raphaela Gromes (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Weatherall, Andrew, 90er