Efeu - Die Kulturrundschau

Ich Papst, du keine Ahnung!

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.02.2020. Die NYRB denkt mit Tom Stoppards neuem Theaterstück "Leopoldstadt" über den britischen Antisemitismus nach. Die taz fragt: Wann ist ein Foto illegal, und was hat das mit sozialen Privilegien zu tun? In Frankreich streitet man über die Auswahl der César-Filmpreise, berichtet Le Monde, und mit Roman Polanski hat das nur am Rande zu tun. Warum das Literarische Quartett von der Kritikerrunde zum Salon mutiert, erklärt in der SZ Thea Dorn.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2020 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Leopoldstadt". Foto: Marc Brenner


Am Londoner Wyhndham's Theatre hatte gerade Tom Stoppards "Leopoldstadt" Uraufführung. In dem Stück verarbeitet der britische Dramatiker, der 1937 als Tomáš Straussler in Zlín, heute Tschechien geboren wurde, die Geschichte seiner Familie: "Für Stoppard ist dieses Stück ein persönliches 'Coming-out'", erklärt Kate Maltby in der NYRB. "Das mag für einige amerikanische Juden schwer zu verstehen sein, insbesondere für diejenigen aus großen jüdischen Gemeinden in den Metropolen an der Küste, denen die Vorstellung man müsse jüdische Identität und Geschichte unterdrücken, zutiefst fremd ist. Aber England ist nicht Amerika. Viele jüdische Flüchtlinge aus der Mitte des Jahrhunderts bezahlten ihren Versuch, Briten zu werden - und wenn man es wirklich versuchte, Engländer - nicht nur mit ihrer Namensänderung, sondern auch mit dem Beitritt zur örtlichen anglikanischen Kirche. Es gibt natürlich eine stolze, praktizierende jüdische Gemeinde in Großbritannien. Es ist nur so, dass zu Beginn der Karriere Stoppards ihre Mitglieder nur selten in das Establishment aufgenommen wurden. Quoten für Juden waren bis in die letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts an den Privatschulen der High Society normal. Stoppard berührt in 'Leopoldstadt' auf intelligente Weise den englischen Antisemitismus  als eine Untergruppe des englischen 'Snobismus'..."

Weiteres: Petra Kohse hat sich für die FR mit dem Schweizer Theatermacher Milo Rau getroffen. Besprochen werden Stef Lernous' Inszenierung von Alfred Jarrys "Rex Ubu" am Berliner Ensemble (Berliner Zeitung), Hanna Müllers Inszenierung von Strindbergs "Fräulein Julie" am Mainfranken Theater Würzburg (nachtkritik), die Uraufführung von Thomas Freyers neuem Stück "letztes Licht. Territorium" in der Inszenierung von Jan Gehler am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik) und Carl Heinrich Grauns Barockoper "Montezuma" am Theater Lübeck (taz).
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Architektur

In der SZ macht sich Gerhard Matzig für die Architekturskizze stark, die auch durch KI nicht ersetzt werden könne.
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Stichwörter: Ki

Kunst

Das illegale Bild. Foto: © Espen Eichhöfer


Mit gemischten Gefühlen geht Tilman Baumgärtel durch die pathetisch betitelte Ausstellung "Das illegale Bild. Fotografie zwischen Bildverbot und Selbstzensur" im Berliner "freiraum für fotografie". Zu sehen ist dort auch ein Bild des Straßenfotografen Espen Eichhöfer, der am Bahnhof Zoo eine Frau fotografiert hatte, die die Ausstellung des Bildes wegen Verletzung ihres Persönlichkeitsrechts gerichtlich verbieten ließ. Die Frau hat er jetzt für die Ausstellung aus dem Bild retuschiert, eine weiße Fläche ist jetzt dort zu sehen. "Bilderverbot" findet Baumgärtel etwas stark für diesen Vorgang. Andererseits: Wenn man jeden Passanten fragen müsste, wäre dies das Ende der Straßenfotografie. Die Ausstellung bietet also reichlich Stoff für Diskussionen: Was ist zum Beispiel mit den Blinden auf einem der Fotos? "Wer blind ist, merkt nicht nur nicht, dass er fotografiert wird und kann sich das darum nicht verbitten. Vor allem kann er aber auch nicht die Bilder sehen, auf denen er gezeigt wird. So wird die Debatte über Street Photography schnell zu einer Debatte über Macht und soziale Privilegien. Die Frau mit dem Schlangenmusterkleid konnte nur deswegen klagen, weil sie offenbar aus einer sozialen Schicht stammt, in der man überhaupt mitbekommt, dass das eigene Bild in einer Galerie zu sehen ist. Und weil sie sich einen Anwalt leisten konnte. Der abgerissene Mann mit den Glubschaugen oder der türkische Rentner, die auf anderen Bildern Eichhöfers zu sehen sind, werden vielleicht nie erfahren, dass sie in den Augen eines deutschen Fotografen repräsentativ für die Situation rund um den Bahnhof Zoo waren."

Es lag an den Versicherungsgesellschaften, die wegen der US-Sanktionen kniffen, dass die deutsch-iranische Archäologieausstellung "Tod im Salz" vorerst doch nicht nach Deutschland kommen kann, erzählt im Interview mit der FR Wolfgang David, der Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt. Die Kontakte mit den Kollegen im Iran sind nach wie vor gut, sagt er und bleibt optimistisch: "Es gibt Reisebeschränkungen. Aber die Menschen sind sehr offen. Deutschland und Iran haben immer enge Kontakte gehabt. Ich plädiere dafür, diese Kontakte unbedingt zu halten. Wir sind nicht blauäugig, was die politische Unterdrückung und außenpolitischen Umtriebe angeht. Aber wir Wissenschaftler müssen im Gespräch bleiben."

Performance artist Pandemonia at Frieze Los Angeles 2020 (Foto: Renée Reizman)
Weitere Artikel: Renée Reizmann (Hyperallergic) amüsiert sich prächtig - untermalt mit vielen schönen Fotos - auf der Frieze in Los Angeles.In der Berliner Zeitung erzählt einer von Ai Weiweis Berliner Studenten, wie der Unterricht bei ihm war (den meistens seine Assistenten bestritten).  Tom Mustroph besucht für die taz Kunst- und Kulturzentren in Moskau. Katharina Cichosch besucht für monopol die Künstlerin Helga Schmidhuber in ihrem Atelier. Sarah Khan unterhält sich für monopol mit dem Künstler Jeremiah Day über dessen Ausstellung im Badischen Kunstverein. Und Hakim Bishara erzählt auf Hyperallergic die Geschichte von Frank Stellas Gemälde "Isfahan III", das 20 Jahre verschwunden war und als Mittagstisch für Arbeiter diente.

David Bomberg: The Mud Bath, 1914. Tate, London
Besprochen werden die Ausstellung "Young Bomberg and the Old Masters" in der National Gallery in London (NYRB), die Ausstellung "Jetzt!" mit junger Malerei aus Deutschland in den Hamburger Deichtorhallen (taz) und die Ausstellung "Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart" im Museum Rietberg in Zürich (FAZ).
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Literatur

Nach dem Rückzug von Volker Weidermann wird Thea Dorn das "Literarische Quartett" im ZDF künftig alleine, mit drei je Sendung wechselnden Gästen, bestreiten. Den Weg, den Weidermann bereits eingeschlagen hatte - weg vom Großkritikertum des alten Sendeformats rund um Marcel Reich-Ranicki -, werde man konsequent weiterführen, verrät die Autorin im SZ-Interview: Zwar wolle man auch Kritiker nicht grundsätzlich vor der Studiotüre stehen lassen, "aber das neue Orientierungsbild ist für uns nicht die Kritikerrunde, sondern eher, etwas bescheiden ausgedrückt, der Lesekreis oder, etwas mondäner ausgedrückt, der Salon. ... Reich-Ranicki oder Karasek waren patriarchale Autoritäten, die im alten patriarchalen System funktionierten. Das geht heute im Guten wie im Schlechten nicht mehr. Diese Autoritäten werden infrage gestellt. Es gibt sehr kluge Kundenrezensionen bei den Online-Buchhändlern. Jemand, der so etwas schreibt, lässt sich nicht mehr vom Literaturpapst sagen: Ich Papst, du keine Ahnung!" Dieser Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit habe auch mit dem schwindenden Platz für Literaturkritik in den Feuilletons zu tun, meint Dorn. Claudius Seidl widerspricht dem auf Twitter ganz energisch:



Außerdem: Sylvia Staude spricht in der FR mit Else Laudan vom Ariadne-Verlag, der ausschließlich Krimi-Autorinnen verlegt. Für die SZ ist Alex Rühle auf den Spuren des Hölderlin-Jahrs durchs Land hinterher gereist. Außerdem bringt die Literarische Welt einen Auszug aus Peter-André Alts Buch über erste Sätze der Weltliteratur.

Besprochen werden unter anderem Peter Handkes "Das zweite Schwert" (Dlf Kultur, SZ, Standard), Regina Porters "Die Reisenden" (Intellectures), Aris Fioretos' "Nelly B.s Herz" (FR), Bov Bjergs "Serpentinen" (taz), Robert E. Lerners Biografie über Ernst Kantorowicz (Literarische Welt) und Tine Høegs "Neue Reisende" (FAZ).
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Design

Eher poppig als puppig: Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood, Advertising Campaign, FW 18/19 © Juergen Teller

Anne Feldkamp führt im Standard durch die große Überblicksschau, mit der sich das Wiener MAK der Geschichte der österreichischen Mode widmet: "'Bloß keine klassisch brave Kostümausstellung mit großer Puppeninszenierung und distanzschaffenden Schauvitrinen' habe man im Sinn gehabt, hatte das Kuratorenduo Ulrike Tschabitzer-Handler und Andreas Bergbaur im Vorfeld erklärt. Tatsächlich ist Show Off eher eine poppige als puppige Angelegenheit geworden.
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Stichwörter: Österreichische Mode

Film

Still aus Aysun Bademsoys Doku "Spuren - die Opfer des NSU"


Sehr beeindruckt ist Anne Küper auf critic.de von Aysun Bademsoys Dokumentarfilm "Spuren - die Opfer des NSU", der einen einfühlsamen Blick auf die Hinterbliebenen der Opfer der rechtsextremen Terroristen wirft: "Es geht um die Materialität von Zeit, Gedenken und Trauer", der Film frage, "was übrig geblieben ist: von den Ermordeten und dem Schmerz ihrer Familien. Da sind die Sammlungen von Zeitungsartikeln, digitale wie analoge Fotos, die Gedenktafeln, das Tattoo auf dem Oberarm von Tochter Gamze Kubaşık, die Aufnahme von der Schweigeminute des Lieblingsfußballvereins... eine Arbeit am Nicht-Vergessen." Dlf Kultur hat mit der Filmemacherin über ihren Film gesprochen.

Der Aufsichtsrat des französischen César-Preises ist geschlossen zurückgetreten. Hat es mit den zwölf Nominierungen für Roman Polanskis "Intrige" (mehr zum Film hier) zu tun? Eher nicht, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt, denn Auswirkungen auf die Verleihung Ende des Monats dürfte dieser Rücktritt wohl eh nicht haben: Er werde "erst im März wirksam, und die Mitgliederabstimmung über die Gewinner in den diversen Kategorien ist bereits im Gang." Susan Vahabzadeh erklärt in der SZ die Hintergründe: Am vergangenen Montag hatte ein von Hunderten Filmschaffenden unterschriebener offener Brief in Le Monde die Entscheidung des Rats gerügt, dass die feministischen Filmemacherinnen Claire Denis und Virginie Despentes "von der Führungsclique der Académie ohne Begründung von einer Veranstaltung ausgeschlossen worden, bei der die Nominierungen präsentiert werden. Den Unterzeichnern geht es um Transparenz: Warum, wollen sie wissen, dürfen sie eigentlich ihren Vorstand nicht wählen oder sonst wie an seinen Entscheidungen partizipieren?"

In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Tsui Hark zum Siebzigsten. Einen guten Eindruck des Irrsinns, der in den Filmen des Hongkong-Actionregisseurs waltet, vermittelt dieses Video:



Ai Weiwei hatte zuletzt wieder böse auf die Berlinale geschimpft, die seine Filme einfach nicht zeigen wolle. Ein bisschen anders stellt sich das schon dar, wenn man den Ergebnissen von Christiane Peitz' Nachfrage für den Tagesspiegel beim Festival folgen darf. Sie hat erfahren, dass Ais "Produktionsfirma Mitte Dezember auf eine schnelle Entscheidung gedrungen habe, wegen einer anderen Festivalanfrage. Diese habe die Sektion Panorama, wo der Film gesichtet worden war, mitten im Auswahlprozess noch nicht treffen können."

Weiteres zur Berlinale: Tim Caspar Boehme stimmt in der taz auf das Festival ein, die sich im ersten Jahrgang der neuen Doppelspitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek eher durch "kleine Änderungen" auszeichnet. Sehr schön geraten ist Claus Lösers großes Gespräch für die Berliner Zeitung mit den Berliner Cinephilen Erika und Ulrich Gregor, die mit der Gründung des Berlinale-Forums vor 50 Jahren und des Kino Arsenals die Filmgeschichte entscheidend geprägt haben.
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Musik



Billie Eilishs
gestern veröffentlichter Song zum neuen James-Bond-Song "No Time to Die" ist von "düsterer Getragenheit", schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel. Die Zutaten für einen Bond-Song stimmen zwar, meint Laura Sophie Jung in der Welt. Aber im Vergleich zu den letzten Bond-Songs ist hier etwas anders: Die anderen Songs "waren Hymnen, die mit ihrem Retroklang die alte Stärke des Einzelkämpfers anklingen ließen. Eilishs 'No Time to Die' lässt sich hingegen auf Daniel Craigs verhärmten, einsamen Bond ein. Sein zerfurchtes Gesicht, auf dem neue Narben die alten überdecken, sein stoischer Ausdruck, den kein noch so großer Verrat mehr ins Wanken bringen kann, das alles besingt Eilish mit dem notwendigen Pathos." Ein wenig schade findet es allerdings Adrian Daub auf ZeitOnline, dass hier eher Eilish dem Bond-Sound anverwandelt wurde als umgekehrt: "Bei aller Kraft, die Eilishs rauchig-verhauchte Stimme in diesem Lied entfaltet - man spürt, welche neuen und innovativen Möglichkeiten in den rigiden Konventionen des Bond-Titellieds bestanden hätten, wenn man sich nur getraut hätte, sie ein wenig infrage zu stellen."

Besprochen werden ein von Alain Altinoglu dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters (FR), Tame Impalas neues Album "Slow Rush" (Pitchfork, Dlf Kultur), ein Konzert der Strokes (Tagesspiegel), sowie neue Alben der Miracle Whips (FR), von Justin Bieber (ZeitOnline, FAZ.net) und Grimes: "Sie macht Musik mit den Maschinen, in denen die Hoffnungen der Menschen ruhen", meint Welt-Kritiker Michael Pilz. Wir hören rein:

Archiv: Musik