Efeu - Die Kulturrundschau

Beton ist von großer Anmut

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05.08.2019. Der FAZ fällt nichts ein, was Neo Rauch anstelle seines "hingeschmierten" Bildes "Der Anbräuner" Wolfgang Ullrichs Kritik hätte entgegensetzen sollen. Die NZZ lässt sich in Luzern von William Turners Bewegungsenergie mitreißen. Die taz erinnert daran, dass vor Notre Dame schon die Klosterkirche Deir Turmanin , 30 Kilometer westlich von Aleppo, mit Doppeltürmen und einem Rosettenfenster prunken konnte. FR und Berliner Zeitung trauern um den Filmemacher D.A. Pennebaker. Und die SZ schlägt Alarm: Dem Bau geht der Sand aus.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2019 finden Sie hier

Kunst

William Turner: Luzern bei Mondlicht, 1842. Bild: Tate, London

In der NZZ schwärmt Maria Becker von der Malerei William Turners, dem das Kunstmuseum Luzern eine große Ausstellung widmet: "Ein klassischer Landschaftsmaler? Turner hat die niedere Gattung, die in seiner Heimat auf guter Tradition fusste, in Höhen getrieben wie keiner vor ihm und auch lange nach ihm. Er suchte die Elemente der Natur, das Wasser, die Wolken, das Licht, den Sturm. Bewegungsenergie ist die Essenz seiner Malerei. Die enorme Dynamik seiner Motive - selten gibt es beschauliche Ansichten, und auch sie leben von sphärischer Spannung - liegt darin begründet. Die Energie des Feuers und der modernen Technik gehört selbstverständlich dazu: Der Brand des Londoner Parlamentsgebäudes, die Dampfschiffe, die Eisenbahn - sie verkörperten für ihn elementare Gewalt."

In der FAZ verteidigt Rose-Maria Gropp Neo Rauch gegen die Vorwürfe des Kunsthistorikers und Kritikers Wolfgang Ullrich (unsere Resümees). Er sei vielleicht konservativ, meint Gropp, aber nie als rechter Aktivist aufgetreten. Und selbst seinem Bild "Der Anbräuner" kann sie Qualitäten abgewinnen: "Es ist ein abscheuliches, buchstäblich hingeschmiertes Bild, mit dem Rauch, das ist schon eine Pointe, sarkastisch beweist, dass er ein schlechter Maler ist - jedenfalls, wenn er das sein will; manche kriegen das nicht einmal aus Versehen hin. Was auch anderes hätte er den Anwürfen entgegensetzen sollen? Hätte er sich verbal die Hemdbrust aufreißen sollen für ein Credo à la: Ich bin nicht rechter Gesinnung? Aha, er muss dementieren, hätte es dann gut heißen können."

Michael Martens beschreibt ebenfalls in der FAZ, wie riskant es für Marina Abramovic ist, nach fast fünfzig Jahren in ihr Geburtstland Serbien zurückzukehren, wo sie von den Medien zwar zur Nationalikone stilisiert werde, aber von manchen alten Bekannten auch mit unglamourösen Erinnerungen an junge Jahre konfrontiert. Im Observer feiert Laura Cumming das Programm des Programms Artists' Film International in der Londoner Whitechapel Gallery, das sie nach Ouagadougou, Turin und ins Hochland der östlichen Türkeo führte  Besprochen wird Ólafur Elíassons Schau "In real life" in dre Tate Modern (Standard)

Architektur
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Architektur

Westgiebel der Klosterkirche von Turmanin. Bild: Wikipedia/CC
In der taz erinnert Fabian Goldmann an die arabischen Einflüsse auf die europäische Architekturgeschichte, denen Notre Dame nicht nur die Fensterrosette, sondern auch die Doppeltürme zu verdanken habe : "Sie reichen zurück bis ins Syrien des 5. Jahrhunderts. In einem Gebiet, das Archäologen heute die 'Toten Städte' nennen, vollzog sich die Geburtsstunde des christlichen Kathedralenbaus. Im Nordwesten des Landes bauten frühbyzantinische Christen die ersten großen Basiliken. Rund 30 Kilometer westlich von Aleppo entstand eine der prächtigsten, die Klosterkirche Deir Turmanin. Von ihr ist heute nichts mehr übrig, doch auf archäologischen Zeichnungen dürfte Notre-Dame-Besuchern eine Sache auffallen: die Fassade mit zwei Türmen."

Der Bauindustrie geht der Sand aus, den sie für ihren Zement braucht. Denn wie Gerhard Matzig in der SZ informiert, taugt der viele Wüstensand der Sahara leider überhaupt nicht zu dessen Herstellung, während der geeignetere Mondstaub zu teuer wäre. Ein Grund zur Freude kann dies nicht sein, gibt er den Beton-Verächtern mit auf den Weg: "Beton ist der Stoff, aus dem auch eine formal aufgeladene Zuversicht, ein gebauter Optimismus geschaffen sind. Auch das macht ihn schön. Wer einmal den Konferenzpavillon in Weil am Rhein auf dem Vitra-Gelände besucht hat, der von Tadao Ando zum Ende des 20. Jahrhunderts realisiert wurde, der weiß, dass Beton auch heute und morgen von großer architektonischer Bedeutung ist und bleiben wird. In Weil kann man sich überzeugen, dass sich der gut ein Vierteljahrhundert alte, exzellent verarbeitete Sichtbeton noch immer anfühlt wie die glückliche Liebe von Samt und Sand. Beton ist von großer Anmut."
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Bühne

Anita Rachvelishvili und Anna Netrebko in "Adriana Lecouvreur". Foto: Marco Borelli/Salzburger Festspiele

Erst gab es Tumulte in Salzburg, weil Anna Netrebko nicht sang, dann weil sie sang. Auch SZ-Kritiker Egbert Tholl hatte bei der konzertanten Festspiel-Inszenierung von Francesco Cileas Oper "Adriana Lecouvreur" nur Augen und Ohren für die 49-jährige und ihre einzigartige Stimme: "Dann stellt sich die absolute Faszination ein, wenn sie diese Stimme bruchlos, mit äußerster Eleganz und Mühelosigkeit in die höchsten Höhen führt und dort entfliehen lässt, als trenne sich die Stimme von ihrem Körper, als sei dieser reine Klang einfach da wie ein Ereignis."

Besprochen werden Katharina Wagners Inszenierung von "Tristan und Isolde" in Bayreuth (die FAZ-Kritiker Clemens Haustein zufolge auch in der Wiederaufnahme nicht an Klarheit gewonnen habe), Friedrich von Flotows Spieloper "Martha" in Rheinsberg (von deren Leichtigkeit Tagesspiegel-Kritiker Frederik Hanssen ganz begeistert ist), das Fontane-Spektakel "Theodor und wie er sich in die Welt schrieb" in Senftenberg (Nachtkritik) und Jose Agudos Choreografie "Silk Road", mit der er sich zum Ärger von Standard-Kritiker Helmut Ploebst zu effekthascherisch fremde Tanzstile aneigne: "Flamenco, indischer Tanz, gute Musik, Seidenstraße, ein bisschen Glanz von Akram Khan, und passt."
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Literatur

Besprochen werden unter anderem William Saroyans "Tja, Papa" (taz), Philipp Schönthalers "Der Weg aller Wellen" (SZ), eine Neuausgabe von Jules Vernes "Die Jangada. 800 Meilen auf dem Amazonas" (online nachgereicht von der FAZ), Robert Prossers "Gemma Habibi" (Presse), neue Comics über die Pubertät (Standard), die von Lars Eidinger, bzw. Charly Hübner eingelesenen Hörbücher von Jörg Fausers "Rohstoff" und "Das Schlangenmaul" (online nachgereicht von der FAZ) und neue Kriminalromane, darunter Sefi Attas "Die amerikanische Freundin" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt der Dichter Arno Rautenberg über sein Gedicht "du denkst":

"du hast etwas zu sagen"
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Stichwörter: Amazonas

Film

Der "Direct Cinema"-Auteur und Konzertfilme-Macher D.A. Pennebaker ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Pennebaker "führte die Handkamera als stilprägendes filmisches Mittel ein, die es ihm erlaubte, sich als Filmemacher weitgehend unsichtbar zu machen", erklärt Harry Nutt in der Berliner Zeitung. Kaum jemand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den er nicht vor der Linse hatte: Angefangen von Kennedy über zahlreiche Pop- und Rocklegenden bis zu Franz Josef Strauß, dessen Aufnahmen der Junge Deutschen Film später begierig aufgriff, woran Willi Winkler in der SZ erinnert: "Wild zoomt die Kamera ins Publikum, schaukelt über Tische und in die Gesichter, aber das ist kein Dokumentarfilm, sondern hier macht jemand Politik, in diesem Fall gegen Strauß. Er sei entschlossen gewesen, Strauß sympathisch zu finden, behauptete D. A. Pennebaker später, doch es wollte ihm nicht recht gelingen. 'Aber die schlechten Bilder nehmen Sie raus?', fragt Strauß seinen Begleiter im Film, aber natürlich benutzt sie Pennebaker, er braucht sie genauso wie die feierlichen."



Daniel Kothenschulte weist in der FR darauf hin, "dass Pennebaker mehr als ein Bewahrer von Wirklichkeit war, sondern selbst ein Künstler von hohen Gnaden", wie "seine Anfänge im Experimentalfilm zeigen. Schon sein Erstling 'Daybreak Express' (1958) ist ein früher Farbfilm zu Musik von Duke Ellington - und bewahrt, in rasanten Hell-Dunkel-Blitzen, die Erinnerung an die bald darauf abgerissene New Yorker U-Bahn-Station an der Third Avenue."



Und Bert Rebhandl sieht in dem Verstorbenen im FAZ-Nachruf auch als Pionier für die Medienwelt der Gegenwart: "Im Rückblick wird das 'direkte Kino' von D.A. Pennebaker wohl auch auf die zunehmenden Formen von 'embeddedness' hin neu zu betrachten sein. Mit den manchmal prekären Übergängen zwischen Auftragsarbeit und revelatorischen Momenten führte er das dokumentarische Kino bis nahe an die radikal abgedichteten Mediengegenwarten von heute."

Weiteres: Verena Lueken (FAZ) und David Steinitz (SZ) berichten, dass Kevin Spacey im Römischen Nationalmuseum wohl in Anspielung auf den #MeToo-Skandal um ihn Gabriele Tintis Gedicht "Der Boxer" gelesen hat, in dem es unter anderem heißt: "Alles, was ich fühle, ist Schmerz. Ich habe das Land erschüttert, die Arenen vibrieren lassen, meine Gegner zerrissen."

Besprochen werden Lars Henrik Gass' Buch "Filmgeschichte als Kinogeschichte" (Filmdienst), der Anthologiefilm "Berlin, I Love You", dessen diverse Kotaus vor China ein verärgerter Hanns-Georg Rodek in der Welt aufzählt, Ritesh Batras Amazon-Produktion "Photograph" (Presse), die Verfilmung von Rita Falks Krimi "Leberkäsjunkie" (SZ), die neue Staffel der Serie "Blochin" mit Jürgen Vogel (Berliner Zeitung), die Copserie "City on a Hill" mit Kevin Bacon (ZeitOnline, Freitag) und neue Heimmedienveröffentlichungen, darunter Robert Wienes "Orlacs Hände" von 1924 (SZ).
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Musik

Thomas Steinfeld staunt in der SZ darüber, wie Don Breithaupts Band Monkey House die Pionierleistungen von Steely Dan aufgreift, referenziert und weiterdenkt. Pop im Stillstand also? Ja und nein. Schließlich zeichneten sich ja auch Steely Dan schon durch das Moment des Déjà-vu aus. Monkey House verhalten sich dazu so, "dass sie das Prinzip der dämonischen Wiederholung um eine Spiralwindung weiterdrehen: In ihrer Musik erkennt man etwas wieder (Steely Dan), was schon in einem Wiedererkennen bestand, und zwar mit einer handwerklichen Präzision, die das schon extrem hohe Niveau des Vorbilds noch einmal übertrifft. Etwas Neues entsteht dadurch nicht. Aber man sieht, wie bei Baudelaire, einen Stern fallen, strahlend schön, ohne Wärme, doch voller Melancholie." Youtube bietet eine Hörprobe:



Weiteres: In der taz rollt Reinhard Wolff die Geschichte um den in Schweden nach einer Schlägerei festgenommenen, seit kurzem aber wieder freigelassenen Rapper A$AP Rocky auf. Bjørn Schaeffner spricht in der NZZ mit dem Techno-DJ Richie Hawtin. Für The Believer spricht Filmmusik-Komponist Angelo Badalamenti über seinen Werdegang und seine enge Zusammenarbeit mit David Lynch. John Foster wirft für The Vinyl Factory einen Blick zurück auf die Covergestaltung der Stereolab-Alben in den 90ern. Samir H. Köck berichtet in der Presse vom Jazzfestival Outreach. Jan Brachmann spricht mit dem Forscher und Kontrabassisten Eberhard Spree über die Lebenssituation Anna Magdalena Bachs, über die Spree ein Buch verfasst hat, nach dem Tod ihres Ehemanns.

Besprochen werden Tellavisions Album "Add Land" (Jungle World), Banks' neues Album "III" (taz), ein Salzburger Strauss- und Schostakowitsch-Abend mit den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst (bei dem SZ-Kritiker Michael Stallknecht Todeskampf und Überschwang gleichermaßen erlebte) sowie ein Salzburger Beethoven- und Brahms-Abend mit Grigory Sokolov (FAZ)

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Buchholz über "Cigarettes and Alcohol" von Oasis:

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