Efeu - Die Kulturrundschau

Meinst Du Kant oder Cunt?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2018. Nachtkritik und NZZ geraten in Zürich mit Chris Kraus ins feministisch-crossreferentielle Delirium.  Die SZ reiht sich beim Steirischen Herbst in die Volksfronten ein, während Yoshinori Niwa den Grazern kostbare Memorabilien abluchst. Außerdem steigt sie noch einmal mit Prince in zärtlichste Falsetts auf. Die Jungle World würdigt die obskuren Expertisen, die sich in den Kellern des kanadischen Edmonton entwickeln. Wolf Wondratschek wünscht sich mehr Leser mit Stift in der Hand.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2018 finden Sie hier

Bühne

Dick, Dick, Dick: Friederike Hellers Chris-Kraus-Adapation am Zürcher Neumarkt-Theater. Foto: Barbara Braun

Als Drama weiblicher Erniedrigung preist Mirja Gabathuler in der Nachtkritik die Zürcher Bühnenadaption von Chris Kraus' hyperfeministsiche Roman "I Love Dick". Der Roman oder das Stück erzählt, wie sich die erfolglose Filmemacherin Chris in eine Obsession zum Kunstkritiker Dick steigert, mit Unterstützung ihres Mannes Sylvère, eines Philosophieprofessors ("Meinst Du Kant oder Cunt?"). Gabathuler findet das komisch und bitter zugleich: "Brief für Brief steigert sich das Paar hinein in diesen 'Concept Fuck', die 'Schizophrenie' des Begehrens, in diese 'masturbatorische Passion', dieses 'crossreferentielle Delirium' - ohne je eine Zeile abzuschicken. Alles dreht sich um Dick, die körperliche Erregung, die überspulten Gedanken, die querschlagenden Referenzen, die Worte: Je mehr Briefe sie sich 'dicktieren', je mehr sie 'ficktionalisieren', desto mehr sind sie 'addickted'. Dick, Dick, Dick füllt nach und nach auch den Bühnenboden." In der NZZ schreibt Daniele Muscionico: "Es gelingt, was man kaum für möglich hielt: ein ehrenhafter Kniefall vor Simone de Beauvoir in der Atmosphäre eines Strukturalismus-Seminars für Einsteiger. So viel männliche Selbstironie, verpackt in kurzen 100 Minuten, müssen erst einmal überboten werden."

Weiteres: In der SZ rekonstruiert Dorion Weickmann das Debakel von Wuppertal, nachdem die Intendantin Adolphe Binder fristlos entlassen worden ist und nun eine gütliche Einigung abgelehnt hat. In der Berliner Zeitung schreibt Regisseur Jürgen Flimm über den Schauspieler Christian Grashof.

Besprochen werden die "Iran Conference" beim Steirischen Herbst (Standard), ein Gastspiel des Ensemble Le Tendre Amour mit Giuseppe Lidartis spätbarockem Oratorium "Esther" beim Festival Alter Musik in Bernau (das Katharina Granzin in der taz schlichtweg brillant findet), Eugen Ruges DDR-Familiensaga "In Zeiten des abnehmenden Lichts" am Potsdamer Hans-Otto-Theater (Nachtkritik), Olga Bachs und Ersan Mondtags Stück "Die Vernichtung" am Konzert Theater Bern (Nachtkritik)  Armin Petras' Stück "Dragonfly" in Bremen (SZ), Vera Nemirovas Inszenierung von Beethovens "Fidelio" am Prager Ständetheater (FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Unter der neuen Direktorin Ekaterina Degot hat sich der Steirische Herbst von der Bühne stärker auf die Kunst verlegt. Aber wie Catrin Lorch und Wolfgang Kralicek in der SZ berichten, bedeutet dies keine leichte Kost für Kunsttouristen. Im Gegenteil. Zum Auftakt spielte die Band Laibach, die ja besonders vom "Yuppie-Faschisten" Jörg Haider geschätzt wurde, und Yoshinori Niwa empörte die Grazer mit seiner Aktion "Withdrawing Adolf Hitler from a Private Space", bei der die Grazer ihre Andenken an den Nazi-Opa auf dem Hauptplatz entsorgen können: "Während der Unmut über die Aktion sich in sozialen Netzwerken schon in so bizarren Vermutungen Luft macht, der japanische Künstler wolle womöglich gutwilligen Grazern nur kostbare Memorabilien abschwatzen ('Wird das wirklich entsorgt oder teuer an Sammler verkauft?'), fordern andere offen: 'Bitte, die Leitung für so ein Event sollte doch eher eine Steirerin übernehmen. Oder zumindest eine Österreicherin.' Schon wegen dieser Äußerungen hat man das Gefühl, dass in Graz ein Umfeld da ist für das Konzept der Volksfronten des neuen Steirischen Herbstes."

Besprochen werden die Ausstellung "Zarte Männer in der Skulptur der Moderne" im Georg-Kolbe-Museum in Berlin (für die Direktorin Julia Wallner empörte Proteste geerntet hat, wie Peter Richter in der SZ berichtet)  die Ausstellung "Lust der Täuschung" in der Münchner Kunsthalle (NZZ), die Schau "Im Zweifel für den Zweifel" über Verschwörungstheorien im NRW-Forum Düsseldorf (FAZ) und die Archäologie-Ausstellung "Bewegte Zeiten" im Berliner Gropiusbau (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Ziemlich beeindruckend findet Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche den filmischen Nachwuchs, der sich beim First-Steps-Award in Berlin als ziemlich wagemutig präsentiert. Insbesondere Tilman Singers auf analogem 16mm-Material gedrehter "Luz" hat ihm imponiert: "Der deutsche Regie-Nachwuchs bringt seit Jahren starke Genrefilme hervor, aber die Konventionen des Horrorfilms einerseits zu bedienen und die Sehgewohnheiten dabei so rigoros zu unterlaufen, ist ein kleines Kunststück. Es geht in 'Luz', verkürzt gesagt, um das Re-Enactment eines Verkehrsunfalls - oder eine Dämonenaustreibung. Ganz klar wird das auch im furiosen Finale nicht. Singer wechselt in den knapp 70 Minuten fortlaufend Zeit- und Wahrnehmungsebenen, sein visueller Stil ist slick in einem Retro-Sinn (man denke an Dario Argento), dabei komplett eigenständig."

Weitere Artikel: Fritz Göttler freut sich in der SZ darüber, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien endlich nach vielen Jahren David Cronenbergs Kult-Klassiker "Videodrome" vom Index genommen hat: Der intellektuell verrätselte Medien-Horrorfilm "war auf unheimliche Weise prophetisch, viel dunkler und verstörender als die kleinen Horrorfilme, die Cronenberg bis dahin gemacht hatte." Für die Berliner Zeitung plaudert Susanne Lenz mit Michael Herbig über dessen neuen Film "Ballon", der ausnahmsweise keine Klamotte, sondern ein DDR-Fluchtthriller ist. Im ZeitMagazin träumt Regisseurin Emily Atef. Besprochen wird Oliver Haffners "Wackersdorf" (Freitag).
Anzeige
Archiv: Film

Literatur

Geht es nach Wolf Wondratschek, wird viel zu wenig mit dem Stift in der Hand gelesen. Sagt der Schriftsteller jedenfalls im Gespräch mit Arno Widmann in der Berliner Zeitung. Sein eigenes Werk ist ihm bescheidenes Beispiel genug: "'Beethoven fängt mit dem Ende an und kann dann nicht mehr damit aufhören.' Diesen Satz hat noch keiner gewürdigt. Eigentlich sollte so ein Satz, auch was ich über das Schubert-Spielen schreibe, Diskussionen auslösen. Dabei wünsche ich mir Leser, die einen Bleistift in der Hand halten und solche Stellen anstreichen, über sie nachdenken. ... Natürlich ist es schön, wenn die Geschichte, wenn der Rhythmus einen weiterträgt, aber wenn man dann müde ist und nicht mehr ganze Seiten lesen kann, dann muss da etwas im Gedächtnis bleiben, ein Detail, ein Satz, ein Wort, die nachklingen, zu denen man zurückkehrt. Ich wünsche mir Leser, die die Geduld für dieses Nachklingen aufbringen."

Weitere Artikel: Die FAZ hat Christian Metz' Loblied auf die deutsche Gegenwartslyrik - ein Auszug aus seinem neuen Buch - online nachgereicht: "In Begriffe gefasst, wäre die neue Lyrik so etwas wie eine 'experimentelle Erlebnislyrik' und eine 'Postpop-Avantgarde' zugleich." Ebenfalls online nachgereicht präsentiert Denis Scheck Anna Achmatovas Gedichte als Neuzugang zu seinem Welt-Literaturkanon.

Besprochen werden unter anderem Philipp Weiss' "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" ("ein Projekt, wie es noch keines gab", staunt Ekkehard Knörer in der taz), Daniela Dröschers "Zeige deine Klasse" (taz), Jakob Knabs Biografie "Ich schweige nicht - Hans Scholl und die Weiße Rose" (FR), Eckhart Nickels dystopisches Debüt "Hysteria" (Tagesspiegel), Ursula Krechels "Geisterbahn" (Zeit), Karoline Menges "Warten auf Schnee" (SZ), 

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Wilhelm Kühlmann über Max Herrmann-Neißes "Das erste Sonett":

"Ich sehe einen schmalen Purpurstreifen
hinrieseln über meines Thrones Stufen,
und während rings im Saal sie 'Vivat' rufen
..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Lyrik, Wondratschek, Wolf

Musik

Gerade einmal 35 Minuten dauerte Prince' Probesession im Jahr 1983, die nun auf dem postumen Album "Piano & a Microphone" dokumentiert ist, informiert Jan Kedves in einer schwärmerischen Besprechung in der SZ.  "Unter Aufbietung seiner maximalen Princehaftigkeit" nehme der 2016 verstorbene Musiker hier Anlauf zum Weltruhm. "Prince schnauft, croont, kiekst, röchelt und rauscht mit seiner superwandelbaren Stimme ins zärtlichste Falsett hinauf und, an der krächzenden Mitte vorbei, wieder in den wärmsten Soul-Bariton runter. ... Weil weder Schlagzeug noch Drum-Computer dabei sind, tritt er sich mit dem Fuß selbst oder klopft ihn mit der Hand in den Rahmen rein. Das Hockerchen, auf dem er sich hin und her wirft und das ganz hoch gedreht gewesen sein muss, weil Prince doch eher klein war, quietscht ins Mikro. Wäre sogar dieses Quietschen rhythmisch synchron, wäre Prince kein Mensch mehr gewesen, sondern Gott, und nicht nur ein Genie." Wir hören rein:



Jungle-World-Autorin Anna Seidel zieht das kanadische Edmonton New York City jederzeit vor. Grund dafür ist die vibrierende Underground-Szene, die das Do-It-Yourself-Ethos und -Erbe kanadischer Hardcore- und Punkbands der achtziger Jahre aufrecht erhalten: "Im Grunde ist das die klassische Do-it-yourself-Geschichte, die so natürlich auch für Mannheim oder Kopenhagen gilt. In Edmonton, dem letzten urbanen Flecken, bevor sich weiter im Norden Prärie und Ölfelder abwechseln, hat der DIY-Gedanke aber eine größere Dringlichkeit. Die Isolation wird unwillkürlich zur Inspiration. Im Winter ziehen sich gezwungenermaßen alle zurück ins Warme und das Leben wird etwas langsamer. Die Leute entwickeln obskure Expertisen und widmen sich ihren Kellerprojekten."

Weitere Artikel: Manuel Brug meldet in der Welt, dass Gustav Kuhn, Leiter der Tiroler Festspiele, nach Missbrauchsvorwürfen dort nun auch nicht mehr dirigieren darf, nachdem er zuvor bereits die Leitung ruhen gelassen hatte. Florian Bissig porträtiert in der NZZ das Zürcher Gamut-Kollektiv, das sich zwischen Jazz, Rock und Noise bewegt. Nadine Lange äußert im Tagesspiegel leise Skepsis, ob Paul Simon nach seinem New Yorker Abschiedskonzert der Bühne tatsächlich fern bleiben wird. Für die Welt am Sonntag hat sich Martin Scholz auf einen Plausch mit Countrysängerin Carrie Underwood getroffen. Für Pitchfork hat Jeff Chang nochmal De La Souls "3 Feet High and Rising" von 1989 aus dem Plattenschrank geholt. Wir erinnern uns mit:



Besprochen werden das neue Album von Christine And The Queens (Tagesspiegel), ein Auftritt des Tallest Man on Earth (taz), ein Bruckner-Konzert der Berliner Philharmoniker unter Daniel Harding (Tagesspiegel), ein Bruckner-Konzert der Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev (SZ), ein Konzert des Ensembles Modern, bei dem György Ligetis "Atmosphères" gegeben wurde (FR), eine Ravel-Aufnahme des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Robin Ticciati (Tagesspiegel), Philipp Jedickes Porträtfilm "Shut Up and Play the Piano" über den Entertainer Chilly Gonzales (StandardSZ) und ein Konzert von Goat Girl in Berlin (taz).
Archiv: Musik