Efeu - Die Kulturrundschau

Fortschreitender Kontrollverlust

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2018. Der Guardian steht in der Ozeanien-Ausstellung der Royal Academy vor der Göttin Dilukai und erblickt den Ursprung moderner Kunst. Die NZZ erlebt in Barrie Koskys Züricher Schreker-Inszenierung, wie die geschundene Kreatur zurückbeißt. In der FAZ erkennt Wilhelm Genazino: Werke sagen nicht zuwenig, meist sagen Worte zuviel. Als Pizza mit ein bisschen viel drauf genießt Republik.ch  Terry Gilliams Cervantes-Verfilmung ""The Man Who Killed Don Quixote".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2018 finden Sie hier

Kunst

Figur der Gottheit Dilukai. Linden-Museum Stuttgart; photo: © Anatol Dreyer


Guardian
-Kritiker Jonathan Jones weiß natürlich, dass Picasso von afrikanischer und pazifischer Kunst beeinflusst war. Aber wenn er durch die Ausstellung "Oceania" in der Royal Academy geht, sieht er noch einmal mit neuen Augen auf die Ursprünge moderner Kunst: "Stellen Sie sich nur mal vor, wie öde viktorianische Gemälde oder Statuen aussahen, wie sie sich an Prinzipien von Wahrhaftigkeit klammerten, die vierhundert Jahre zuvor entwickelt wurden, und vergleichen Sie sie mit der finster pulsierenden Statue des hawaianischen Gotts Ki'i, des Inselfressers, die 1839 in die Kollektion des British Museum kam. Die Europäer mögen solche Stücke primitiv genannt haben, aber es dauerte nicht lange und sie erschütterten mit ihrer Kraft die Fundamente der westlichen Kunst. Die Kreativität, die hier zu sehen ist, offenbart auch eine Freiheit, die zu erreichen Picasso, Matisse und Konsorten sich beeilen mussten."

Weiteres: Zum Auftakt der Wiener Kunstmessen Vienna Contemporary und Parallel Vienna befragt der Standard jüngere KünstlerInnen, ob Wien als Kunststadt fuinktioniert. Ganz hervorragend, meint etwa die Konzeptkünstlerin Barbis Ruder: "Die Wiener Neid- und Nörgelkultur funktioniert unterschwellig und bringt gerade in der bildenden Kunst viele Einzelkämpfer hervor. Ja, sooft wir daran Kritik üben: Genau genommen machen wir Künstler Marktwirtschaft und Kapitalismus pur." Natalia Bronny berichtet in der taz von der Amsterdamer Messe "Unseen" für zeitgenössische Fotografie.

Besprochen werden eine Ausstellung der Künstlerin Karin Sander im KunstMuseum Winterthur (FAZ) und eine Schau des Malers Stefan Hirsig in der Berliner Galerie Haverkampf (Tagesspiegel).

Archiv: Kunst
Stichwörter: Ozeanien, Ozeanische Kunst

Film

Fortschreitender Kontrollverlust: Terry Gilliams "The Man Who Killed Don Quixote"

25 Jahre und diverse abgebrochene Dreharbeiten und Schicksalsschläge hat es gedauert, doch jetzt kommt Terry Gilliams "The Man Who Killed Don Quixote" tatsächlich doch noch in die Kinos - oder zumindest eine Variante dessen, was Gilliam ursprünglich im Sinn hatte, denn sein jetziger "Don Quixote" ist den Kritiken nach zu schließen eher ein Meta-Film über den Stoff als eine direkte Adaption selbst. Wie immer bei dem Ex-Mitglied der Monty Pythons geht es fantasievoll turbulent zu, versichert Ekkehard Knörer im neu gegründeten Feuilleton des Schweizer Magazins Republik: "Ganz sicher kann man nicht sein, ob der Film nach dem Drehbuch von Gilliam und seinem häufigen Mitstreiter Tony Grisoni einen fortschreitenden Kontrollverlust bewusst inszeniert oder nicht doch selbst die Kontrolle über seine Geschichte verliert. Die wilden Tonlagenwechsel sind sicherlich Absicht. Von Thrillerspannung über unmotivierte Musicaleinlagen und Liebessentimentalitäten bis zu Monty-Python-Humor ist jederzeit alles möglich. Der Film versteht sich überhaupt als Summe des gilliamschen Werks, anders kann es bei der Vorgeschichte nicht sein." Was am Ende eine "Pizza mit ein bisschen viel drauf ist", aber das kann Knörer schlussendlich "verzeihen".

Sehr wenig Freude hatte Andreas Busche, Kritiker vom Tagesspiegel: Der Film "hat sein Verfallsdatum reichlich überschritten, Gilliam wollte ihn offensichtlich bloß noch aus seinem System haben. Man sieht 'The Man who killed Don Quixote' seine Budgetbeschränkungen in fast jeder Szene an - leider mangelt es seinem Regisseur aber auch an der kindlichen Fantasie von 'Time Bandits' oder einem Gespür für die bedrohlichen Schwundzustände zwischen Realität und Delirium wie in 'Twelve Monkeys'.Gilliams 'Don Quixote' ist streckenweise kindisch, manchmal auch einfach nur blöd." Dlf Kultur hat sich mti dem Filmemacher über den beschwerlichen Entstehungsprozess unterhalten.

Weitere Artikel: Christoph Schröder schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Regisseur Ottokar Runze. Besprochen werden Uwe Dierksens neue Filmmusik-Komposition für Paul Cinners Stummfilm-Liebeskomödie "Der Geiger von Florenz", die derzeit bei Arte online steht (FR), Michael Moores in den USA gerade an den Kassen krachend gescheiterte Anti-Trump-Doku "Fahrenheit 11/9" (Welt), Eva Trobischs Spielfilmdebüt Vergewaltigungsdrama "Alles ist gut" (SZ), Michael Herbigs DDR-Fluchtthriller "Ballon" (Zeit),

Archiv: Film

Literatur

Jean-Claude Arnault, der den Skandal um die Schwedische Akademie ausgelöst hat, wurde gestern noch im Gerichtssaal verhaftet. Der in den letzten Monaten beobachtbare Erosionsprozess der Akademie bekommt dadurch eine eindeutige Perspektive, schreibt Thomas Steinfeld in der SZ: "Der Strafantrag der Staatsanwältin, vor allem aber die Untersuchungshaft, setzt nun im Nachhinein die Abtrünnigen ins Recht - und lässt die Rest-Akademie mehr denn je als Klüngel erscheinen, in dem persönliche Interessen alle intellektuellen oder ästhetischen Kriterien außer Kraft setzen."

Die FAZ füllt ihre erste Feuilletonseite mit einem großen Essay des Schriftstellers Wilhelm Genazino, der unter der Überschrift "Wie ich ich wurde" Fragen des glückenden und gelingenden Lebens im Hinblick auf das selbstgewählte Leben als Literat in nicht immer ganz eindeutiger Weise umkreist. "Es gibt viele Schriftsteller, die eines Tages nicht mehr nur erfolgreich sein, sondern auch noch gute Bücher schreiben wollen. Das Schreiben ist undurchsichtig, weil es nicht nur eine Beschäftigung ist wie viele andere auch. Im Schreiben steckt ein Biografieversprechen, das viele Schreibende voreilig positiv auslegen. Sie übersehen, dass Anerkennung oft Zufall ist, der Erfolg ebenfalls. ... Die Werke der Schriftsteller entstehen unaufgefordert, meistens selbstlos, an niemanden gerichtet, mit ihrer zukünftigen Verlassenheit früh vertraut. Tatsächlich wenden sie die Werke an alle: Sie sind kraftlos, gebärden sich aber als omnipotent und geltungssüchtig. Dabei wird nicht klar, ob die Werke eine Entblößung, eine Verausgabung, eine Selbstverzehrung oder eine Opferung sind oder sein wollen. Man müsste den Werken in die Augen schauen dürfen, wenn sie Augen hätten. Keines ihrer Werke sagt zu wenig, alle Wörter sagen zu viel."

Besprochen werden Emil Ferris' als Sensation gefeierter Comic "Am liebsten mag ich Monster" (SZ), Wolfgang Herrndorfs postumer Erzählband "Stimmen: Texte, die bleiben sollten" (Tagesspiegel), Joan Didions Essaysammlung "Süden und Westen" (NZZ), Aka Morchiladzes "Der Filmvorführer" (NZZ), Antonio Ruiz Camachos Debüt "Denn sie sterben jung" (taz), Stephan Thomes "Gott der Barbaren" (FR), Elias Canettis "Ich erwarte von Ihnen viel". Briefe 1932-1994" (online nachgereicht von der Welt), Ulla Berkéwiczs Essay "Über die Schrift hinaus" (SZ) und Adolf Muschgs "Heimkehr nach Fukushima" (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

 Franz Schrekers" Die gezeichneten" am Opernhaus Zürich. Foto: Monika Rittershaus

Mit Entsetzen verfolgt Christian Wildhagen in der NZZ, wie Barrie Kosky und Vladimir Jurowski zum Saisonstart in Zürich Franz Schrekers Oper "Die Gezeichneten" verstümmelten. Als notwendige Eingriffe will der Kritiker nicht gelten lassen, wie die beiden in der Partitur geholzt haben: "Man muss nicht das heikle Schlagwort von der Texttreue bemühen, um zu erkennen, dass hier eine Grenze überschritten wurde: Solche Rigorosität hat kein Komponist verdient. Erst recht nicht ein so gründlich seiner eigenen Wirkungsgeschichte beraubter wie Schreker, dessen zuerst verfemtes, dann jahrzehntelang als überholt gebrandmarktes Bühnenschaffen erst seit einigen Jahren allmählich in die Opernhäuser zurückkehrt. Es wirft zudem ein bedenkliches Licht auf den Dirigenten Jurowski, der als designierter Nachfolger Kirill Petrenkos im Amt des Generalmusikdirektors der Bayerischen Staatsoper ab 2021 dem für kühne Regiekonzepte bekannten Intendanten Serge Dorny weit mehr Eigengewicht und ein Beharren auf künstlerischer Integrität entgegensetzen müsste." Wildhagens Trost: "Das geschundene Kunstwerk beißt zurück."

Schön pompös wurde es in Prag, wo Welt-Kritiker Manuel Brug sich Smetanas "Libuse" anhören durfte: "Wird es den Tschechen aber national ums Herz, patriotisch, und lechzen sie nach Fanfarengedöns, dann muss zu jedem Nationalfeiertag, Jubiläum, Gedenkmoment, zu besonderer Ehrung 'Libuse' ran. Von Prag bis Pilsen ist sie weltberühmt, anderswo kennt sie kein Mensch."

Weiteres: Das Räuberrad ist vor der Berliner Volksbühne wieder aufgestelllt, gibt Hannes Soltau im Tagesspiegel zu Protokoll, wie von Kultursenator Klaus Lederer angeordnet. In der Berliner Zeitung freut sich Petra Kohse darüber sehr.

Besprochen werden das Maria-Stuart-Doppel mit Schiller und Jelinek am Landestheater Marburg (FR), Karl Schönherrs Intrige "Der Weibsteufel" am Volkstheater Wien (Standard), Voltaires "Candide" am Theater Bonn (SZ), Peter Steins Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Pariser Théâtre de la Porte Saint-Martin (FAZ) und die Boulevardkomödie "Willkommen bei den Hartmanns" im Berliner Schillertheater (Berliner Zeitung, Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Musik

In der SZ berichtet Helmut Mauró von seinem Treffen mit dem isländischen Pianisten Víkingur Ólafsson, dessen Arbeit der Kritiker überaus schätzt. Ólafsson erklärt, er wolle "herausfinden, was Original und was Arrangement ist. Bach ist ein großer Spiegel für alle nachfolgenden Komponisten. Sogar für die, die ihn nicht mochten; etwa Claude Debussy.' Wenn man konkret wissen will, wie er das meint, muss man sich nur August Stradals Arrangement der Bachschen e-Moll-Orgelsonate anhören. Wie Víkingur Ólafsson die umsetzt und auf dem Klavier einen tiefen schweren Orgelklang erfindet" und das "mit einer Intensität, die diese Klavierbearbeitung gleichsam als neues Original glaubhaft macht. Man vermisst nichts, im Gegenteil, man hat das Gefühl, dem Stück sei etwas an Transparenz und Feingliedrigkeit zugewachsen, was das Orgeloriginal nicht leisten kann." Ein aktuelles Musikvideo:



Philipp Kron erinnert in der FAZ an die Essener Songtage, die vor 50 Jahren den Startschuss für den Krautrock der siebziger Jahre gaben: "Mit Guru Guru, Amon Düül und Tangerine Dream im Programm kann man die Songtage tatsächlich als Geburtsstunde begreifen - eine zuvor nicht dagewesene Spielart deutscher Musik erhält eine Bühne. ... Die deutsche Musik, die in dieser Zeit entsteht, ist eine kulturelle Befreiung, die von Hiphop bis Post Punk und Techno Anstöße gegeben hat." Der WDR hat dazu eine zeitgenössische Dokumentation über das Festival im Online-Programm. insbesondere der damalige Auftritt von Frank Zappa und seinen Mothers of Inventions beeindruckte die junge Musikergeneration nachhaltig, auf Youtube gibt es daraus einen Ausschnitt:



Weitere Artikel: In der SZ-Retrokolumne stellt Jens-Christian Rabe Paul McCartney zur Seite, wenn es um die Verteidigung dessen früher Soloarbeiten geht: "Was einst offenbar seicht und orientierungslos klang, hört sich heute doch einfach nur famos beweglich und begnadet leichtfüßig dahingespielt an." Rolf Brockschmidt resümiert im Tagesspiegel die Arab Music Days. Steffen Greiner porträtiert in der taz die linke Songwriterin Dota.

Besprochen werden Dionne Warwicks Konzert in Glasgow (taz), der Berliner Auftritt von Blumfeld (Berliner Zeitung), der Wiener Auftritt des Electric Light Orchestras (Standard), ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Herbert Blomstedt (Standard), Prince' postum veröffentlichtes Klavieralbum "Piano & a Microphone" (Welt),
Archiv: Musik