Efeu - Die Kulturrundschau

Neue Wege des künstlerischen Ausdrucks

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2018. Die Kritiker wagen eine vorsichtige Palmen-Prognose: Alice Rohrwachers "Happy As Lazzaro" hat gute Chancen, glauben sie. In der SZ wünscht sich Salman Rushdie mehr Streitlust in der Literatur. Der Tagesspiegel erfährt von dem chinesischen Maler Liu Xiadong, wie man das System provoziert, wenn man die Augen offen hält. Das Essen könnte demnächst aus dem 3-D-Drucker kommen, befürchtet die Berliner Zeitung. Und in der NZZ ahnt Klaus Dörr, was an der Volksbühne falsch gelaufen ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2018 finden Sie hier

Film

Heute Abend werden in Cannes zwar die Palmen verliehen, doch vorab werfen wir einen Blick nach Berlin: Wird Cameron Bailey, bislang Direktor des gerühmten Filmfestivals in Toronto (TIFF) , der künftige künstlerische Leiter der Berlinale? Das jedenfalls will Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland unter Berufung auf "Informanten" aus Berlin herausgefunden haben: Suchslands Segen hätte Bailey jedenfalls, schließlich habe dieser es verstanden, "Toronto künstlerisch aufzuwerten, indem er qualitätvolle Filme von anderen Festivals abwarb". Und: Er ist kein Zögling des hiesigen Betriebsfilzes: "Keine Nachfolge aus dem Bereich der deutschen Förderung, der Sender, der Verbände, der Filmkritik. Sondern ein Ausländer, der im Verhältnis zu den eingeschliffenen Verfahrensweisen in Deutschland auch ein Außenseiter ist, der frischen Wind bringen wird." Monika Grütters' finale Entscheidung über den Vorsitz des Festivals ist für die kommenden Wochen angekündigt.

Zurück nach Cannes: Die Feuilletons wagen vorsichtige Bilanzen und Prognosen. Von "gedrückter Stimmung" an der Croisette und einem mittelmäßigen Jahrgang berichtet Verena Lueken in der FAZ: "Es wurde ständig geunkt, über die Zukunft des Direktors, über den Weg des Festivals in die Zukunft. " Dieses Jahrgang zeichnet sich durch eine Dominanz von "Messagefilmen" aus, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel nicht gerade begeistert: Dass Alice Rohrwachers "Happy As Lazzaro" (mehr dazu hier) unbedingt die Palme verdient hat, steht für ihn allerdings genauso außer Frage, wie er Yann Gonzalez' Thriller "Knife and Heart" für eine fulminante Entdeckung hält: "Der Film atmet Argento durch jede Pore: stahlblaues Licht mit roten Spots, ein entstellter Killer, ein blinder Rabe, 80er-Reminiszenzen. ... 'Knife and Heart' bringt zwischen gewichtigem Autorenkino und überambitionierten Messagefilmen zum Ende des Festivals noch mal etwas Farbe in den Wettbewerb. Blutrot."

Auch NZZ-Kritikerin Susanne Ostwald hat kaum einen Zweifel, dass Alice Rohrwacher mit einer Palme im Gepäck das Festival verlässt. Gemeinsam mit Matteo Garrones "Dogman" zeigte sich das italienische Kino in Cannes somit von seiner besten Seite: Diesen "beiden italienischen Filmen im Wettbewerb gelingt eine prägnante Gegenwartsanalyse auf der Folie christlicher Symbolik." In der Welt macht sich Hanns-Georg Rodek indessen für Nadine Labakis "Capharnaum" als Gewinnerfilm stark.

Außerdem lief ja noch Ulrich Köhlers "In My Room" - die apokalyptische Geschichte über einen Mann, der sich mit einem Mal als letzter Mensch auf Erden wiederfindet und in den Hinterlassenschaften herumwandelt (was uns bemerkenswert an die Prämisse von Thomas Glavinics Roman "Die Arbeit der Nacht" erinnert), hat Rüdiger Suchsland von Artechock ziemlich umgehauen: "Eine tolle Fantasie und eine philosophische Parabel." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte macht in diesem in einer Nebensektion gezeigten Film Urlaub vom enttäuschenden Wettbewerb: Er sah "bildkräftiges Kino von klassischer Präzision, leicht und zugleich formvollendet." Tazler Tim Caspar Boehme haben es vor allem die Tierszenen angetan.

Weitere Artikel: Peter von Becker schreibt im Tagesspiegel über die Essays des Filmkritikers André Bazin. Besprochen werden Romuald Karmakars Filmausstellung in der Berliner Galerie Ebensperger (Tagesspiegel), die Superheldenkomödie "Deadpool 2" (SZ), Roman Polanskis Psychothriller "Nach einer wahren Geschichte" (FAZ), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" (Welt, FAZ) und die HBO-Serie "Barry" (FR).
Archiv: Film

Kunst

Bild: Three Transsexuals , 2001 Oil on Canvas 200 x 200cm © Liu Xiaodong
Im Tagesspiegel hat sich Gregor Dotzauer mit dem chinesischen Maler Liu Xiadong getroffen, der als Chinas berühmtester Maler gilt und dem die Kunsthalle Düsseldorf und das NRW-Kunstforum ab Juni eine große Retrospektive widmen. Im Gespräch erfährt er, weshalb Liu in seinen neorealistischen Gemälden vor allem durch die Wahl des Gegenstandes provoziert: "'Ich bin in einem System aufgewachsen, das ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit verlangt', gesteht er. Dabei habe er sich stets gefragt: 'Was kann ich als Einzelner tun, um mich vor mir selbst rechtfertigen zu können? Habe ich alles getan, was ich tun konnte? Ich habe versucht, nur dem zu trauen, was ich unmittelbar sehe.' Dafür ist er auch ins Ausland gereist. Er hat die Sperranlagen im Westjordanland gemalt, die Israelis und Palästinenser gegeneinander abschotten."

Weiteres: Die NZZ widmet ihr Literatur- und Kunst-Dossier Ferdinand Hodler, der heute vor hundert Jahren in Genf gestorben ist. Der Kunsthistoriker Oskar Bätschmann schreibt zur internationalen Bedeutung Hodlers. Frank Zelger bespricht die Hodler-Ausstellungen im Musée d'art de Pully und im Musées d'art et d'histoire Genf. Philipp Meier analysiert die Parallelen im Werk von Ferdinand Hodler und Alberto Giacometti, denen sich derzeit eine Ausstellung im Museum Winterthur widmet. Angelika Affentranger-Kirchrath bespricht den vierten Band des Catalogue raisonné der Gemälde. Ebenfalls in der NZZ gratuliert Philipp Meier dem Schweizer Künstler Roman Signer zum Achtzigsten. Für die Weltkunst hat sich Ulrich Clewing das von dem belgischen Sammler und Innenarchitekten Axel Vervoord entworfene, gigantische museale Kunstquartier "Kanaal" in Antwerpens Industriehafen angeschaut.

Besprochen wird Katarzyna Krakowiaks Klanginstallation "Dust" im Berghain (Berliner Zeitung) und die unter dem Titel "Liquid City" stattfindende Kunst-Triennale in Brügge (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Liu Xiadong, China

Literatur

Sehr ratlos steht Salman Rushdie im SZ-Feuilletonaufmacher vor einem Paradox der Gegenwart: Einerseits akzeptieren wir, dass die Vielzahl literarischer Stimmen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten das Bild einer multiperspektivischen Realität auffächern, andererseits stehen wir vor dem Scherbenhaufen einer Öffentlichkeit, die von Fake News, trötenden Rechtspopulisten und anderen groben Verzerrungen weiter erodiert wird. Er sieht die Literatur in der Pflicht: "Wir müssen den Glauben unserer Leser an Argumente, die auf Beweisen basieren, wiederherstellen. Und wir müssen das tun, worin die Literatur schon immer gut war: eine Verständigung über die Realität zwischen Autor und Leser schaffen. Ich will nicht den begrenzten, exklusiven Konsens des 19. Jahrhunderts rekonstruieren. Ich mag den weiter gefassten, streitlustigeren Blick auf die Gesellschaft in der modernen Literatur."

Um ähnlich grundsätzliche Fragen der Literatur dreht sich auch Katharina Teutschs Einwurf in der Welt: Geschichte wird zur Verhandlungsmasse, was - da die Zeitzeugen zusehends wegsterben - insbesondere auch für die Zeit des Zweiten Weltkriegs gilt: "Wir werden uns aber vor allem jetzt, im Jahrhundert der Nachgeborenen, damit abfinden müssen, dass die Geschichte des Faschismus und der Schoah mehr denn je 'Erzählung' sein wird - sich als solche überliefert und aktualisiert. Erlaubt ist da so einiges, wenn's der Wahrheitsfindung dient." Teutschs Text begleitet Tilman Krauses Porträt von Éric Vuillard, der sich in seinen Büchern "mit den Mitteln der Groteske" an die Geschichte wagt.

Hilmar Klute trifft für die Seite-3-Reportage der SZ Monika Maron, die von einigen neuerdings für eine "rechte" Autorin gehalten wird und ihrem Roman "Munin" doch das sich hysterisierende Klima beschreibt und zitiert die Autorin selbst: "'Ich hätte nicht geglaubt, dass ein Buch durch die stereotype Behauptung, eine Autorin hätte sich in die rechte Ecke verirrt, so unter Verdacht geraten kann.' Die Einladungen zu Lesungen sind spärlich, lange Freundschaften sind heruntergekühlt und ein paar Buchhändler boykottieren den Roman schlichtweg."

Weitere Artikel: Melchior Frommel, Neffe von Wolfgang Frommel und heutiger Leiter des George-Kreises, weist im Welt-Gespräch gegen Mara Delius jegliche Kenntnis von sexuellem Missbrauch in dem literarischen Zirkel von sich. Schriftstellerin Marlene Streeruwitz macht sich im Standard Gedanken über Prinzessinnen. Für die FAZ stattet Marlene Grunert der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig einen Besuch ab, wo bis 2030 die zehnbändige Ausgabe des "Althochdeutschen Wörterbuchs" (hier eine Onlineversion) vollendet werden soll. Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Lu Xuns "Tagebuch eines Verrückten." Die Welt bringt außerdem einen Vorabdruck aus dem nächsten Band von Fernando Pessoas Werkausgabe.

Besprochen werden unter anderem Svenja Leibers "Staub" (taz), Melissa Broders "Fische" (Welt), Claire Gondors Debüt "Ein Kleid aus Tinte und Papier" (FR), Nanae Aoyamas "Bruchstücke" (Freitag), Margery Sharps ursprünglich 1944 erschienener Gesellschaftsroman "Die Abenteuer der Cluny Brown" (FR), Denis Johnsons postum veröffentlichte Erzählungen "Die Großzügigkeit der Meerjungfrau" (SZ) und Ghayath Almadhouns Gedichtband "Ein Raubtier namens Mittelmeer" (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Musik

Andreas Schäfler legt uns in der taz die nur in Teilen Albaniens und Griechenlands gespielte "Iso-polyphone" Saze-Musik nahe. Iso-polyphon, klärt er uns auf, ist ein "mehrstimmigen Gesang eigenständiger Stimmen, die um ein tonales Zentrum herum geführt werden." Insbesondere das Orchester Saz'iso herbt er hervor, das sich auf die Kunst des "kollektiven Lamentierens" versteht: "Die melodieführende Stimme prescht vor, eine zweite antwortet, die dritte fängt beide wieder ein. Geige und Klarinette doppeln nach, gesichert von Laute und Trommel. Man hört, wie der Klarinettist das Mundstück bearbeitet, wie der Geiger die Obertöne sucht und findet, wie die Sänger vor keiner Stimmbandstrapaze zurückschrecken. ...  In der konzertanten Darbietung arbeiten alle mit Hingabe am Ensembleklang." Nachzuvollziehen in einem knappen Mitschnitt der BBC:



Weitere Artikel: Laura Aha berichtet in der Welt von Razzien gegen Clubs in Tiflis und die starken Proteste dagegen. In der NZZ wirft Thomas Schacher einen Blick in die nächste Spielzeit des Zürcher Kammerorchesters. Für die FAZ führt Wiebke Hüster ein großes Gespräch mit dem Jazzcrooner Gregory Porter. Karl Fluch gratuliert im Standard Grace Jones zum Siebzigsten. Außerdem bringt die taz eine global-pop-Beilage: Steffen Greiner stellt die Dresdner Kapelle Banda Internationale vor, die mit Geflüchteten zusammenarbeitet. Diviam Hoffmann porträtiert die Rapperin Ace Tee. Philipp Rhensius schreibt über Reynaldo Andersons afrofuturistisches Projekt Black Speculative Arts Movement. Christian Rath berichtet von der Folkszene Estlands. Wilfried Urbe erklärt, wie der TV-Sender Trace zum Forum für afrikanische Musik geworden ist. Rezensionen gibt es zu Seun Kutis und Egypt 80s neuem Album "Black Times" (hier), Hailu Mergias "Lala Belu" (hier) und Ebo Taylors "Yen Ara" (hier)

Weiterhin besprochen werden Wolfgang Voigts neues GAS-Album "Rausch" (Pitchfork), das neue Album von Courtney Barnett (ZeitOnline) Katarzyna Krakowiaks Klanginstallation "Dust" im Berghain (Berliner Zeitung), ein Schumann-Konzert der Berliner Philharmoniker unter dem Taktstock von Mikko Franck (Tagesspiegel) und ein Berliner Konzert der Violinistin Anne-Sophie Mutter (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Bühne

Im NZZ-Interview mit Daniele Muscionico spricht Volksbühnen-Interimschef Klaus Dörr über seine Pläne, eine Frauenquote und darüber, was seiner Meinung nach mit Chris Dercon falsch gelaufen ist. "Es war schlichtweg alles zu teuer", meint er. Und: "Der Anfang waren die Ernennung von Chris Dercon und die strukturelle Neukonzeption des Hauses mit den neuen Volksbühnen, im Plural. Wie die Kunstwerke, das Kinohaus Babylon, der Flughafen Tempelhof - ein riesiges Konstrukt (…) wofür aber niemand Geld hatte oder in der Konsequenz Geld zur Verfügung stellen wollte. Deshalb wurde die Konzeption immer kleiner, und am Ende war die Volksbühne übrig geblieben, aber ohne Ensemble."

Weiteres: Eher mäßig fällt in der Berliner Zeitung Ulrich Seidlers Zwischenbilanz des diesjährigen Berliner Theatertreffens aus, das sich bei aller Energie und Fantasie dann doch eine Spur zu viel mit der eigenen Selbstbezüglichkeit auseinandersetze: "Kann man sich jetzt zur Abwechslung vielleicht versuchsweise wieder ein wenig dem Denk-, Sag- und Spielbaren zuwenden?" Die nachtkritik veröffentlicht das Manifest, in dem das neue Leitungsteam des Nationaltheaters Gent um Milo Rau zehn Regeln für das Stadttheater der Zukunft formuliert hat: "Zweitens: Theater ist kein Produkt, es ist ein Produktionsvorgang. Recherche, Castings, Proben und damit verbundene Debatten müssen öffentlich zugänglich sein." In der Berliner Zeitung stellt Silvia Perdoni die senegalesische Gruppe Afrique Séné Danse vor, die beim Berliner Karneval der Kulturen auftreten wird.

Besprochen wird Martin Kusejs "Don Karlos" am Münchner Residenztheater (Nach einiger Zeit "intensiv, stark, fesselnd" meint Johan Schloemann in der SZ. Weitere Besprechungen in FAZ und Standard), Anta Helenas Reckes bereits an den Münchner Kammerspielen gezeigtes Stück "Mittelreich" (Unser Resümee), das sie ausschließlich mit Schwarzen Deutschen besetzte (taz, nachtkritik), Ulrich Rasches "Woyzeck" (nachtkritik) und Antú Romero Nunes' "Odyssee" beim Berliner Theatertreffen (Standard, nachtkritik).
Archiv: Bühne

Design

Fasziniert, auch vom "Ekelpotenzial" vieler Exponate, hat sich Susanne Lenz in der Berliner Zeitung die Ausstellung "Food Revolution 5.0" im Berliner Kunstgewerbemuseum angeschaut, die sich mit der Ernährung in Zeiten schwindender Ressourcen und Klimawandel mit der Zukunft des Essens beschäftigt: "Nicht nur die so eiweißreichen Insekten, auch der 3-D-Drucker könnte für das Essen der Zukunft eine große Rolle spielen. Der Katalane Martí Guixé schlägt vor, dass wir unsere Nahrung künftig nach Bedarf und beruhend auf unseren persönlichen Daten ausdrucken. In einer Vitrine liegen Beispiele, die aussehen wie bunte Bauklötze oder Legosteine."
Archiv: Design
Stichwörter: Zukunft des Essens