Efeu - Die Kulturrundschau

Demutvolles Dröhnen

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18.05.2018. Die Filmkritiker feiern Lukas Feigelfelds Filmdebüt, den Mittelalter-Alpenhorrorfilm "Hagazussa", dessen Hauptfigur die Schwester heutiger depressiver und gemobbter Mädchen ist, so Silvia Szymanski im Perlentaucher. In der Kunst hat Political Correctness nichts zu suchen, meint im Freitext-Blog die Schriftstellerin Dagmar Leupold. Die SZ besucht den Theater- und Filmszenografen sowie "amtierenden Weltmeister der Drehbühne", Aleksandar Denić, in Belgrad.

Film



Was für ein faszinierendes Debüt, freut sich Andreas Busche im Tagesspiegel über den in den spätmittelalterlichen Alpen spielenden Hexen-Horror-Kunstfilm "Hagazussa" des Berliner Filmstudenten Lukas Feigelfeld, dem ein Abschlussfilm geglückt ist, "wie ihn deutsche Filmhochschulen äußerst selten hervorbringen: mit einer erkennbaren Handschrift, einem klaren ästhetischen Konzept." Gemeinsam mit "Kamerafrau Mariel Baqueiro erzeugt er mit sparsamsten Mitteln eine hypnotische Atmosphäre der Beklemmung. ... Feigelfeld hat seine Bilder mit einem wummernden Drone-Sound ausgestattet, ein demutvolles Dröhnen, das durch Mark und Bein geht. Die Übergänge von Realität und Delirium verfließen." Auch Silvia Szymanski zeigt sich im Perlentaucher außerordentlich beeindruckt: "Albrun ist eine Schwester heutiger depressiver und gemobbter Mädchen. Zu existieren wird für sie immer fremder und gruseliger. Sie wird selber eine gruselige Person, doch sie zeigt keine Reaktionen auf die Bosheiten der anderen. Und als sie sich am Ende doch wehrt, ist sie nicht mehr unmittelbar zu verstehen." Und Joachim Kurz von Kino-Zeit fühlt sich an die Filme von Andrej Tarkowskij und Bela Tarr erinnert.



Seit #MeToo steht Roman Polanski wegen seiner Vergewaltigung einer 13-Jährigen in den 70ern wieder im Rampenlicht der kritischen Berichterstattung, woran auch Barbara Schweizerhof in der taz zum Start seines neuen Films "Nach einer wahren Geschichte" erinnert: Denn gottlob ist die Verfilmung eines Romans von Delphine de Vigans kein Meisterwerk, sodass man in Rechtfertigungsverlegenheiten gar nicht erst gerät. Thomas E. Schmidts Besprechung in der Zeit liest sich da fast trotzig: "Polanski ist ein Regisseur, der die Frauen mit der Kamera liebt", schreibt er über den Psychothriller rund um eine lesbische Amour Fou. Und den Frauen "erspart er nichts. Dies immer wieder zu inszenieren, dass Begehren auch eine Zerstörungskraft ist, muss wohl sein Schicksal sein." Cornelia Geißler von der Berliner Zeitung hält den Film für missraten, macht aber auch Vorschläge, wie er besser hätte werden können.

In Cannes ist derweil Endspurt angesagt: Mit Lee Chang-Dongs "Burning" hat sich im Wettbewerb zum Ende nochmal eine Perle versteckt, die "ein luzides Spiel mit Unsicherheiten" treibt, schreibt Dominik Kamalzadeh im Standard. Taz-Kritiker Tim Caspar Boehme lässt sich von diesem Film "sehr gern auf falsche Fährten führen". Im Tagesspiegel stellt Andreas Busche die neuen Filme von Matteo Garrone ("Dogman") und Ulrich Koehler ("In my Room") gegeneinander: Während Garrones derber Film "eine Bankrotterklärung das Festivals" darstellt, das sich doch gerade in diesem Jahr als besonders sensibel in Genderfragen inszenieren wollte, umkreist Köhler in einem von "somnambuler Stasis" getragenen Film in einem "Endzeitszenario das Selbstverständnis von Männlichkeit." Im FAZ-Blog berichtet Verena Lueken vom Verlorengehen in Filmen und vom melancholischen Erlebnis, Bi Gans 3D-Film "Long Days Journey into Night" zu sehen, der definitiv wettbewerbtauglich gewesen wäre.

Sehr beeindruckt zeigt sich Frédéric Jaeger in der Berliner Zeitung unter anderem von Gabriel Abrantes' und Daniel Schmidts in der "Semaine" gezeigtem "Diamantino", der "sich in einem fantastischen Modus am Mythos Ronaldo abarbeitet. Seine mediale Inszenierung, seine familiären Verhältnisse und die Gerüchte um seine Sexualität werden in eine absurde Science-Fiction-Story gegossen. So soll der Fußballer etwa für die nationalistische Politik Portugals geklont werden und zwei lesbische Geheimagentinnen versuchen ihn der Steuerflucht zu überführen."

Weiteres: In der SZ befragt David Steinitz Christopher Nolan nach den Qualitäten von Stanley Kubricks SF-Klassiker "2001: Odyssee im Weltraum", den der Regisseur zum 50. Jubiläum in einer restaurierten 70mm-Kopie präsentiert. David Hugendick schreibt auf ZeitOnline zum Tod des rumänischen Filmemachers Lucian Pintilie.

Besprochen werden außerdem Hans Blocks und Moritz Riesewiecks Dokumentarfilm "The Cleaners" (SZ), die Superheldenkomödie "Deadpool 2" (Standard), Tom Volfs Kino-Dokumentarfilm über Maria Callas (Tagesspiegel), Nimrod Antals "The Whiskey Bandit" (Perlentaucher) und die zweite Staffel von Matthias Schweighöfers Amazon-Serie "You are wanted" (FAZ).
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Literatur

Im Zeit-Blog Freitext denkt die Schriftstellerin Dagmar Leupold am Beispiel des Streits um Eugen Gomringers "Avenidas"-Gedicht über Political Correctness in der Kunst nach, die ihrer Ansicht nach Rollenzuschreibungen verfestigt: "Es ist alles andere als ausgemacht, dass ich, weil ich eine Frau bin, einen ausschließlich weiblichen Blick auf ein Gedicht, einen Roman, eine Skulptur oder ein Gemälde werfe... Im Analogen, also im echten Leben, sind wir wechselnden Spannungen ausgesetzt, das macht die Sache schwieriger, aber auch interessanter als der binäre Antagonismus von 0 und 1, von E und U, von ihr da oben und wir da unten, den sämtliche Aufheizer und Lautsprecher populistischer Couleur bevorzugen und befördern. Wir brauchen die Kunst als Störenfried und Unruheherd, aber wir brauchen keine Hetzer, Zensoren und bigotte Sittenwächter, die spalten und damit letztlich zu einer Paralyse führen."

Weitere Artikel: Christian Thomas erinnert in der FR daran, wie Goethe sich einst bis an den Kraterrand des Vesuvs schleppen ließ. Besprochen werden unter anderem Michael Angeles Porträt Frank Schirrmachers (Zeit), Serhij Zhadans "Internat" (NZZ), Philippe Jaccottets Gedichtband "Gedanken unter den Wolken" (SZ) und J. L. Carrs "Ein Tag im Sommer" (FR).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne


Szene aus Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung auf der von Aleksandar Denić eingerichteten Bühne. Foto: Thomas Aurin

Christine Dössel besucht für die SZ in Belgrad den Theater- und Filmszenografen sowie "amtierenden Weltmeister der Drehbühne", Aleksandar Denić. Eine Drehbühne hat er auch für Frank Castorfs nächste Inszenierung eingerichtet, Leoš Janáčeks Gefangenen-Oper "Aus einem Totenhaus", die am Pfingstmontag an der Bayerischen Staatsoper Premiere hat: "Der Schnellredner Denić lässt einen an seinem Denkprozess teilhaben, wenn er erzählt, wie er von Janáčeks 'Totenhaus' auf Leo Trotzki kam, den sowjetischen Revolutionsführer und Gründer der Roten Armee, weil dieser nämlich federführend gewesen sei bei der Umwandlung des zaristischen Straflagersystems Katorga in den sowjetischen Gulag. Die ersten Gulag-Insassen waren tschechische Soldaten, und Janáček - Achtung! - war ein tschechischer Komponist. Von Stalins Erzfeind Trotzki ist es dann gar nicht so weit nach Mexiko, weil Trotzki dort im Exil war..."

Weitere Artikel: Im Standard annonciert Ronald Pohl das Auschwitz-Figurendrama "Kamp" von Pauline Kalker und Herman Helle, das morgen bei den Wiener Festwochen Premiere hat. In der taz berichtet Katrin Bettina Müller über die Reihe "Shifting Perspectives", die während des Berliner Theatertreffens Künstler aus Brasilien und Kenia vorstellt.

Besprochen werden Martin Kušejs Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Residenztheater München (bisschen zäh, meint Christian Muggenthaler in der nachtkritik: "Der tragende Ton des Abends ist wund, schicksalsbehaftet und in dicken Schillerschichten tragisch bis zur Schockstarre.") und die Maria-Callas-Filmhommage des Fotografen Tom Volf (nmz hier und hier).

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Architektur

Eigentlich haben sich die Achtundsechziger wenig für Architektur interessiert. Trotzdem prägten sie sie, meint in der Welt Berlins ehemaliger Bausenator Hans Stimmann und verweist aufs eigene Beispiel: "So wurde ich durch das Studium der Stadt- und Regionalplanung Anfang der 70er-Jahre zu einem typischen Achtundsechziger, der nicht mehr bauen, sondern Abrisse und monströse Architekturprojekte verhindern wollte. Der aber vor allem davon überzeugt war, dass man die Unwirtlichkeit der Städte überwinden musste und dass sich die Entwicklung steuern ließe mit Raumordnungs-, Flächennutzungs- und sektoralen Entwicklungsplänen."

Außerdem: Oliver Herwig schreibt in der NZZ über neue Unternehmens-Architektur.
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Stichwörter: Hans Stimmann

Kunst


Jutta Koether, Emma, 1984. Foto: Jutta Koether

Das Münchner Museum Brandhorst hat die Künstlerin Jutta Koether wiederentdeckt, die Teil des "Kölner Expressionismus der Achtzigerjahre" war, dann aber vergessen wurde. Die Kuratoren mussten dann auch nur auf Koethers Dachboden klettern, um das Material für eine Ausstellung zusammenzutragen, die SZ-Kritikerin Catrin Lorch "überfällig findet: "Schon in den ersten Sälen ziehen sich die vielen Motive, die man über die Jahre vereinzelt zu sehen bekam, zum konsistenten Œuvre zusammen: vom im vergangenen Jahr gemalten 'More than Naked #2', einer in zartroten Strichen konturierten Frauenfigur, zurück bis zu 'Straight Girl', gut dreißig Jahre zuvor entstanden, aber in die gleichen hellroten Häute gewickelt, im gleichen Duktus gemalt. Malerei, das wird sichtbar, war tatsächlich 'das organisierende Zentrum' aller künstlerischen Aktivitäten von Jutta Koether, wie Achim Hochdörfer sagt."

Weiteres: Alexander Menden begutachtet für die SZ David Chipperfields Sanierung der Royal Academy in London. Besprochen werden die Ausstellung "Wissen und Macht. Der Heilige Benedikt und die Ottonen" im Kloster Memleben (Tagesspiegel) und eine Ausstellung im Museumsdorf Düppel über den Alltag vor 800 Jahren (Berliner Zeitung).
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Musik

Florian Bissig stellt in der NZZ den Zürcher Pianisten Nik Bärtsch und das neue Album seines Jazz-Projekts Ronin vor. Bei diesem geht es um absolute Gleichberechtigung aller Spieler, erfahren wir. "Die Instrumentalisten spielen repetitive Figuren oder Patterns, die sich polymetrisch ineinander verzahnen. So verschieben sich die simplen Motive gegeneinander und treffen sich an immer anderen Punkten. ... So entsteht aus dem radikal reduzierten Spielmaterial des Einzelnen eine reiche, sich organisch entwickelnde Klangfülle, die sich gleichsam von selbst in ekstatische Passagen emporschraubt." Ein Eindruck daraus bietet sich auf Youtube:



Viel Freude hat derweil tazler Jan Paersch an dem Album "Your Queen is a Reptile" von Sons of Kismet. Hinter dem Projekt steckt Shabaka Hutchings und der "ist der Mann der Stunde im britischen Jazz". In den neun Stücken geißelt er die Royals-Begeisterung seiner Landsleute und stellt Aktivistinnen in den Mittelpunkt, etwa Harriet Tubman, die 1849 geflohene Sklaven unterstützte. Und dann ist da natürlich noch die Musik: "Zu den tranceartigen Grooves der beiden Drummer wummert der tiefe Bass der Tuba, dazu kommt Hutchings' orkanartiges Saxofon - mehr Rhythmus- als Melodieinstrument. So kreiert er Musik wie maßgeschneidert für den Dancefloor - das erinnert an Second-Line-Rhythmen aus New Orleans genauso wie an ein abgefahrenes Mixtape eines Grime-DJs aus South-London." Hier die Hommage an Tubman als Kostprobe:



Außerdem erscheint heute das neue Album "Rausch" von Wolfgang Voigts Kunst-Ambient-Projekt GAS, der seit den Neunzigern mit seinen trance-artigen Klassik-Samples das Unterholz deutscher Sehnsuchtsorte erkundet. Als "Nationalpop" taugt das allerdings nicht, versichert SpOn-Rezensent Benjamin Moldenhauer: "Bläser-Samples, Synthesizer-Flächen und allerhand Ungreifbares, Krautrockartiges schieben sich übereinander und mäandern durch die Klanglandschaft. Der Sound evoziert Entrückung, aber der stoische Beat klingt, als würde er aus durchaus bekannten Gefilden herüberwehen." Ein kleiner Eindruck:



Weitere Artikel: Für die NZZ plaudert Adrian Schräder mit Michi Beck von den Fantastischen Vier unter anderem über die Lust am Hit. Besprochen werden ein Roger Waters' Pink-Floyd-Coverabend in Wien, von dem Standard-Kritiker Christian Schachinger vorbildlich schlecht gelaunt nach Hause geht (Standard), Jürgen Manemanns und Eike Brocks Buch "Philosophie des HipHop" (Freitag), ein Britten-Konzert des Pianisten Leif Ove Andsnes unter dem scheidenden Tonhalle-Orchester-Dirigenten Lionel Bringuier (NZZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter Leon Bridges' "Good Thing", mit dem er das Genre des "Retro-Retro-Soul" erfindet, wie Fabian Wolff auf ZeitOnline schreibt.

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