Efeu - Die Kulturrundschau

Dieses herrlich monotone Stimmkratzen

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07.06.2017. Die FAZ streift kurz vor Eröffnung der Documenta in Kassel durch die Weltmusikabteilung. Dezeen erzählt, warum Banksy jetzt lieber doch nicht die britischen Wahlen ungültig machen will. Auf ZeitOnline reist Michael Kumpfmüller nach Nowosibirsk und Tomsk und Irkutsk. Auf Netzpolitik fordert die EU-Abeordnete Julia Reda eine Vereinfachung der Online-Rechte für Rundfunkanbieter. Die FR lauscht Bob Dylans von Klaviermusik unterlegter Nobelvorlesung. Und die SZ erlebt im West Village die Luxusverödung von New York. 

Kunst


Erweitern den Blick auf die Kunst: Beau Dicks 22 Masken aus der Serie "Atlakim", 1990-2012. Installationsansicht, EMST - Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen, documenta 14, Foto: Mathias Völzke.

Am Wochenende eröffnet die Documenta auch in Kassel. Niklas Maak versucht in einem ersten Text in der FAZ, die Kunstschau zu fassen zu bekommen, die er sehr interessant findet, wenn es etwa um konkrete griechische Kunst geht, zum Teil aber auch etwas museal: "Nach dem Motto: So hätte die Documenta6 im Jahr 1977 aussehen können, hätte es damals den postkolonialen Blick schon gegeben. Wer in Kassel sucht, was manche jüngeren Küstler heute gerade umtreibt, wie sie sich mit der technologischen Revolution des Internet und seiner Indienstnahme und seinen ästhetischen Möglichkeiten auseinandersetzen, wird enttäuscht sein. Daher auch der nicht geringe Grimm jener Galeristen, die, während sie hofften, ihre Künstler in die Charts der Gegenwart zu bekommen, nun missmutig durch die Weltmusikabteilung stiefeln müssen." Kolja Reichert porträtiert zudem in der FAZ die Kuratoren.

Auf Dezeen erzählt Alice Morby, dass Banksy sich jetzt doch lieber nicht in den Wahlkampf einmischt. Der Street-Art-Künstler wollte Wählern, die in bestimmten Wahlkreisen nicht für die Konservativen stimmten, kostenlos ein Wahl-Souvenir-Poster schicken. Allerdings hat er sich belehren lassen müssen, dass dies an Stimmenkauf grenzt und ausgesprochen illegal ist: "'I have been warned by the Electoral Commission that the free print offer will invalidate the election result,' he said on his website. 'So I regret to announce this ill-conceived and legally dubious promotion has now been cancelled.'"

Weiteres: Standard-Kritiker Roman Gerold lernt in der Schau "Performing the Border" im Kunstraum Niederösterreich, wie man Grenzen ausweicht. Durchaus unterhaltsam findet Adrian Searle im Guardian die Grayson-Perry-Ausstellung "The Most Popular Art Exibition ever!" in der Serpentine Galerie in London, aber so richtig bringen es nicht einmal die exquisiten Brexit-Vasen: "Wenn seine Kunst doch nur etwas mehr zählte, mehr Biss hätte oder einen umhaute."

Besprochen wird die Schau von Hanne Darbovens Korrespondenz mit ihrem Gefährten Carl Andre im Hamburger Bahnhof in Berlin (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Documenta 14, Banksy, Brexit

Film

In einem weiteren Artikel unterstreicht die FAZ nochmals ihre Position, dass die EU derzeit einen Frontalangriff auf die europäische Filmindustrie unternehme (mehr dazu hier) und interviewt dafür Branchenfunktionär Alfred Holighaus. Für Außenstehende aufschlussreicher ist dieses Interview, das Netzpolitik mit der EU-Abgeordneten Julia Reda geführt hat. Sie sagt: "Wenn wir die Klärung von Online-Rechten für Rundfunkanbieter nicht vereinfachen, wird Netflix der einzige Anbieter mit attraktiven, grenzüberschreitend angebotenen Filmen und Serien in Europa sein. Netflix kann das durch die mit seiner schieren Größe verbundene Verhandlungsmacht durchsetzen und konnte auf Grund des großen US-Binnenmarkts wachsen. Was wir in Europa brauchen, wäre ein einheitliches EU-Urheberrecht, dann wäre das ohnehin nur sehr begrenzt hilfreiche Herkunftslandprinzip obsolet."

Besprochen werden Oren Bovermanns "The Dinner" mit Richard Gere (Standard, unsere Kritik hier), Robert Budreaus Biopic "Born to be Blue" über Chet Baker mit Ethan Hawke (FAZ) und der von Arte online gestellte Dokumentarfilm "Die letzten Männer von Aleppo" (FR).
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Bühne


Mozart hat ihnen nichts getan: "Les Robots ne connaissent pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail". Foto: Theater Bremen

Ziemlich ernüchtert kommt taz-Kritiker Uwe Mattheis aus der Produktion "Les Robots ne connaissent pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail", für die Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen bei den Wiener Festwochen Mozarts exotisierende Oper mit Künstlern aus der Elfenbeinküste bearbeitet haben, die ziemlich verloren wirkten: "Das Unbehagen an der Kultur, das sie vortragen, scheint nicht ihres zu sein, sondern vielmehr das ihrer AuftraggeberInnen. Mozart hat ihnen nichts oder nur wenig getan. Dieser Instrumentalisierung zur eigenen Kulturkritik rutscht gerade jenes Exotismusklischee durch, das Mozart durch diese Übung ausgetrieben werden sollte."

Jonathan Meeses "Mondparsifal" beschreibt er dagegen als intellektuelles und sinnliches Vergnügen. In der NZZ nennt Daniel Ender Meeses Produktion eher bemüht originell und am Ende doch "ein konventionelles Opern-Setting". In der FAZ hätte sich Reinhard Kager statt Meeses Naivität etwas von Christoph Schlingensiefs subversiver Kraft gewünscht. Ljubisa Tosic lobt im Standard allerdings den subtilen Klang der Musik.

Besprochen wird außerdem Marius von Mayenburgs Farce "Peng" an der Berliner Schaubühne, die Prenzlauer-Berg-Eltern-Bashing, Flüchtlingsthematik, Trump und Medienkritik miteinander verrührt (Tagesspiegel, Berliner Zeitung)
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Literatur

Schriftsteller Michael Kumpfmüller reist für sein Leben gern nach Russland - nur schlau wird er aus dieser schwärmerischen Liebe nicht, wie er in einer langen, literarischen Reisereportage im Freitext-Blog auf ZeitOnline gesteht. Warum man sibirische Städte den klassischen alteuropäischen, touristisch erschlossenen Reisezielen vorziehen sollte, erfährt man dabei auch: Zwar "wird man sie kaum als Schönheiten bezeichnen. Venedig oder Rom sind schön, dafür sind Nowosibirsk und Tomsk und Irkutsk interessant. Nicht so sehr, weil sie immer noch sowjetisch sind, sondern weil sie auf drastische Weise illustrieren, dass Städte chaotische, ungeordnete, eigentlich unwahrscheinliche Gebilde sind, keine willfährig vor uns ausgebreiteten Schönheiten, sondern eine unaufgeräumte Ansammlung aller möglichen Vergangenheiten, in denen das eine unverbunden neben dem anderen steht, ohne dass dem Betrachter klar würde, was nun gelten soll."

Weitere Artikel: Im Freitag schreibt Erhard Schütz über die Zeitschrift Schreibheft, die ihr vierzigjähriges Bestehen feiern kann. In seiner Freitag-Kolumne schlachtet Andreas Merkel Kat Kaufmann, lobpreist Emmanuel Carrère und empfiehlt Les Edgerton. Manuela Kalbermatten erprobt in der NZZ mit aktuellen Kinder- und Jugendbüchern das Reisen.

Besprochen werden Karl Ove Knausgårds "Kämpfen" (SZ), Dorothy Parkers Gedichtsband "Denn mein Herz ist frisch gebrochen" (NZZ), Tom Tiraboscos Comic "Wunderland" (NZZ), Milena Mosers "Hinter diesen blauen Bergen" (NZZ), J. J. Voskuils "Das Büro 6: Abgang" (Freitag), Nico Bleutges Gedichtband "nachts leuchten die schiffe" (Zeit), Andreas Stichmanns "Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk" (Tagesspiegel), Zerocalcares Comic "Kobane Calling" (Tagesspiegel) sowie neue E-Books von Jonathan Franzen und David Safier (online nachgereicht von der FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Architektur


Jane Jacobs in Matt Tyrnauers Film "Citizen Jane - Battle for the City".

Ganz New York läuft in die Dokumentation "Citizen Jane" über die Architekturkritikerin Jane Jacobs, berichtet Peter Richter in der SZ, doch niemand kommt auf eine Idee, wie sich die Stadt retten lässt: "35.000 Dollar Ladenmiete pro Monat wollte jetzt der Vermieter von Arleen Bowman, die 1987 ihren ersten Klamottenladen in der Bleecker Street aufgemacht hatte, damals noch für 1.500 Dollar, und fünf Jahre später in einen etwas größeren umgezogen war, für 2.500... Bis vor Kurzem sah die Bleecker Street ab Ecke Sixth Avenue aus wie ein mit dem Nudelholz in die Waagerechte gewalztes Bergdorf Goodman: ein Designer neben dem anderen, und dazwischen halt Cupcakes, um sicherzustellen, dass die Leute, in die eben gekauften Sachen am Ende nicht mehr reinpassen. Was da passierte, war eine Art Luxusverslumung."
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Stichwörter: New York, Luxusverslumung

Musik

Am Ende waren die 820.000 Euro Preisgeld der Schwedischen Akademie doch zu verlockend: Bob Dylan hat seine Nobelpreisrede knapp fristgerecht eingereicht - hier kann man sie sich online anhören. Harry Nutt von der FR hält den von Klaviermusik unterlegten Vortrag, in dem Dylan seine Texte ins Verhältnis zur Literaturgeschichte setzt, für ein 27-minütiges "Klangkunstwerk". Der Preisträger leistet eine "ziemlich stringente Nacherzählung der drei literarischen Werke, die ihn in der Schule am stärksten beeindruckt haben", erklärt Jan Kedves in der SZ, der sich ansonsten in die geradezu  haptische Textur dieses "herrlich monotonen Stimmkratzens" verliebt. Und "überhaupt: seine Idiosynkrasien in der Aussprache. Er erzählt, dass er als Junge 'ein natürliches Gespür für klassische Balladen und Country-Blues' gehabt habe, den Rest aber 'from scratch', also von Grund auf, habe lernen müssen. 'Scratch' klingt bei ihm so: 'skrätz'."

Das Gespräch, das Christian Meier für die Welt mit BMG-Chef Hartwig Masuch über die Musikindustrie geführt hat, wird am Ende doch noch interessant, wenn Streamingdienste als Erlösung des lange Zeit siechenden Musikgeschäfts am Horizont auftauchen: "Wir werden in den nächsten drei bis vier Jahren den historischen Höhepunkt der Musikindustrie mit etwa 31 Milliarden Dollar Marktwert wieder einholen", sagt Masuch. "Es reichen ja schon 500 Millionen Haushalte, die im Monat fünf Euro fürs Musik-Streaming bezahlen, um auf mehr als 25 Milliarden Euro Umsatz im Jahr zu kommen. In Autos wären Streamingdienste vorinstalliert, das wird Standard."

Weiteres: Philipp Rhensius hat für die taz das Moers Festival besucht. Max Tholl berichtet im Tagesspiegel vom Festival Primavera in Barcelona (mehr dazu im gestrigen Efeu). Für die Welt porträtiert Marcel Reich die Newcomerin Betsy. In der FAZ gratuliert Ralph Siegel Roberto Blanco zum 80. Geburtstag. Ebenfalls 80 wird der Dirigent Neeme Järvi, dem Jan Brachmann in der FAZ gratuliert.

Besprochen werden das neue Album von Käptn Peng und die Tentakel von Delphi (SZ), ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Yutaka Sado (Tagesspiegel), Noga Erez' "Off the Radar" (Spex), ein Konzert der Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim (Tagesspiegel) und neue Popveröffentlichunten, darunter das neue Album von Sufjan Stevens (SpiegelOnline).
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