Efeu - Die Kulturrundschau

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01.06.2017. Die FAZ fürchtet um den europäischen Film, sollten alle ihn sehen dürfen. Die NZZ bewundert die Feldforschungen Peter Stamms. Die SZ lernt von Willy Fleckhaus, dass Wissen nicht grau sein muss. Der Guardian stellt die neuseeländische Künstlerin Susan Te Kahurangi King vor. Die taz besucht eine Ausstellung über Bunker.

Film

Der FAZ kann derzeit offenbar keine Überschrift zu grell sein: Vor kurzem annoncierte sie das Ende der freien Presse, sollte das Wissenschaftsurheberrecht reformiert werden. Jetzt verdächtigt sie die EU gar, Europas Filmwirtschaft "zerstören" zu wollen. Hintergrund der Hysterie ist, dass die EU das leidige Geoblocking zumindest im eigenen Gebiet aufheben will: Filme, die in der Mediathek eines europäischen Fernsehsenders (oder im Angebot eines VoD-Anbieters) landen, sollen demnach auch den Bürgern in anderen Ländern zugänglich sein. Für die FAZ und ausgesuchte Branchenvertreter, deren Mitteilungen das Blatt undifferenziert übernimmt, ein Fanal zur Abschaffung des europäischen Films. Iris Berben bringt es nach Ansicht von FAZ-Autor Jörg Seewald "auf den Punkt: 'Ein funktionierender Markt braucht keine Reform, die ihn schwächt. Eine Verordnung, die das kulturelle Markenzeichen Europas, nämlich die Vielfalt der Ideen und Identitäten, ignoriert und beschädigt, ist ein politischer Offenbarungseid. Und der Dumme ist am Ende das Publikum.'" Im Falle einer Filmlandschaft, die maßgeblich durch öffentliche Gelder finanziert wird, von einem "funktionierenden Markt" zu sprechen, muss man allerdings auch erstmal hinbekommen.

Weitere Artikel: Für die taz hat sich Andreas Fanizadeh mit Matti Geschonneck auf ein Gespräch über dessen (in der Welt besprochene) Verfilmung von Eugen Ruges DDR-Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" getroffen. Urs Bühler spricht in der NZZ mit Andres Veiel über dessen (von Christina Tilmann besprochene) Künstler-Doku "Beuys". In der taz empfiehlt Fabian Tietke die Iranischen Frauenfilmtage in Berlin. Dorian Waller wirft im Standard einen Blick ins Programm des Wiener Kurzfilmfestivals. Im Podcast von critic.de plaudern Frédéric Jaeger, Till Kadritzke, Lukas Stern und Rüdiger Suchsland über Cannes. Philipp Bovermann (SZ) und Christian Geyer (FAZ) gratulieren Morgan Freeman zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden der auf BluRay wiederentdeckte Pop-Art-Kannibalinnen-Film "Die Weibchen" von Zbynek Brynych mit Uschi Glas (taz, Tagesspiegel, kino-zeit), Ry Russo-Youngs Thriller "Before I Fall" (Perlentaucher, Standard), Bertram Verhaags Öko-Dokumentarfilm "Code of Survival" (taz), Seth Gordons Neuverfilmung des Trash-TV-Klassikers "Baywatch" (Perlentaucher, Welt) und Dominik Grafs vom Ersten ins Netz gestellter Fernsehfilm "Am Abend aller Tage" (Welt, FR).
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Kunst


Annalisa Cannito, "Silence ist Violence", 2017

351 Menschen hätten möglicherweise einen Atomschlag auf das ehemalige Jugoslawien überlebt. So viele passen in einen Bunker, den Tito hatte erbauen lassen. Eine Schau im Württembergische Kunstverein setzt sich nun mit dem Phänomen Bunker auseinander, erzählt in der taz Christian Hillengaß, der hier etwas über den Krieg und seine Darstellung lernt: "Da ist Alexander Sokurows Meisterwerk 'Spiritual Voices' von 1995. Mit seinen dokumentarischen Filmaufnahmen begleitet er russische Soldaten an der Grenze zu Afghanistan. Die tödliche Gefahr eines plötzlichen Angriffs liegt genauso in der Luft wie die tödliche Langeweile eines schier endlosen Abwartens. Die beinahe meditativen Aufnahmen beobachten die Soldaten in diesem Alltag, konzentrieren sich in langen Einstellungen auf ihre schönen, feinen und blutjungen Gesichter und erzählen dabei vielleicht mehr vom Krieg als die Darstellung von Mord und Totschlag."


Susan Te Kahurangi King: Untitled, 1965-1970

Im Guardian stellt Paula Cocozza die neuseeländische Künstlerin Susan Te Kahurangi King vor, die nicht mehr gesprochen hat, seit sie vier Jahre alt ist. 32 ihrer phantastischen Zeichnungen werden derzeit in der Marlborough Contemporary Gallery ausgestellt. Chris Byrne "has curated all of King's shows. Some of the 32 works exhibited at the Marlborough Contemporary gallery, with their tightly segmented shapes, faces and body parts, tessellate like vibrant, jagged jigsaws. More recent works resemble intricate mosaics. Many childhood drawings depict a nightmarish party, peopled by Disney characters, 'Fantaman', and occasionally the Queen. 'The vocabulary is expansive, cumulative. Susan doesn't scale things up. What's happening is happening,' Byrne says. 'It's almost like she's transcribing something. Even though her line is very direct and consistent, there's no in-between steps.'"

Weitere Artikel: Ebenfalls im Guardian porträtiert Susanna Rustin den Kurator und enorm erfolgreichen Direktor der Tate Gallery, Nicholas Serota.

Besprochen werden eine Ausstellung "Performativer Skulpturen" des Bildhauers Erwin Wurm im 21er Haus in Wien (Standard), die Pink-Floyd-Ausstellung Londoner Victoria and Albert Museum (Standard), eine Ausstellung mit Kunst des alten Iran in der Bundeskunsthalle in Bonn (FAZ) und die Spitzweg-Wurm-Ausstellung im Wiener Leopold Museum (NZZ).
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Literatur

Martina Läubli hat für die NZZ den Schweizer Schriftsteller Peter Stamm besucht, der sich für seine in bedächtigem Tempo verfassten Romane - 600 Wörter pro Tag, mehr nicht! - gerne auch ins Feld aufmacht: "Die journalistische Recherche ist ein elementarer Bestandteil des Schreibens. Für seinen letzten Roman 'Weit über das Land' führte Stamm Interviews mit einer Hundeführerin, mit der Polizei und dem Sozialamt. Und er war draußen unterwegs. 'Ich halte nicht viel von Schreibtischrecherchen. Google Earth hat keinen Geruch und kein Wetter.' Nur so kann es passieren, dass Stamm plötzlich auf ein Detail stößt, das ihn fesselt, das zu sprechen beginnt."

Weiteres: Im Freitext-Blog auf ZeitOnline umkreist die Schriftstellerin Lena Gorelik Fragestellungen zum Begriff "Heimat". Für die FAZ hat Katharina Laszlo auf den Faröer Inseln eine Tagung besucht, bei der auf Inseln geborene Schriftsteller das Schreiben über Inseln diskutiert haben.

Besprochen werden der von Bernd-Jürgen Fischer herausgegebene Band "Proust zum Vergnügen" (online nachgereicht von der Zeit) und Georg M. Oswalds "Alle, die du liebst" (FAZ).
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Bühne

Gunda Bartels besucht für den Tagesspiegel an der Neuköllner Oper die Probe des Musiktheaterstücks "Der Schuss" über den Tod Benno Ohnesorgs.

Besprochen werden die Uraufführung der Valentin-Hommage "Valentin" inszeniert von Herbert Fritsch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (FAZ), das Tanzstück "Jaguar" der kapverdischen Choreografin Marlene Monteiro Freitas im Berliner HAU (Tagesspiegel), Oliver Frljics Inszenierung von Stanisław Wyspianskis "Der Fluch", die in Polen einen Skandal ausgelöst hatte, am Gorki-Theater (Berliner Zeitung) und Li Jianjuns Inszenierung eines Stücks der New Youth Theatre Group, "Ein Mann, der hoch zum Himmel fliegt", bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen (nachtkritik).
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Design

Für die SZ hat Gerhard Matzig die Ausstellung besucht, die die Villa Stuck in München dem Designer und Blattmacher Willy Fleckhaus widmet. Der hatte seinerzeit nicht nur die Zeitschrift Twen auf Vordermann gebracht und damit den Look des Zeitgeists geprägt, sondern auch die Edition Suhrkamp gestaltet. Die ist längst ein Klassiker geworden - was so aber nie intendiert war, wie wir erfahren: "Als Fleckhaus, der vielleicht deshalb so genial die Regeln seines Gewerbes brach, weil er sie nicht kannte, der klugen Edition Suhrkamp ihr unfassbar simples und doch komplexes Regenbogen-Aussehen verlieh, waren die Verlagsmanager zunächst entsetzt. Das Wissen ist ja grau in Deutschland. Auf keinen Fall farbig. Farbig ist billig. Die popbunten Schutzumschläge, die Fleckhaus vorschlug, sollten daher nur ein Versuch sein. Darunter waren die grauen Bindungen. Das bunte Zeug sollte man wegwerfen können. Es hielt sich dann Jahrzehnte."

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Architektur

In Wien hat Angelika Fitz ihr Programm als neue Direktorin des Architekturzentrums mit dem jungen englischen Kollektiv (und Turner-Preis-Gewinner) Assemble eröffnet. Sehr zeitgeistig, findet Almuth Spiegler in der Presse: "Assemble ist kein englischer Spleen, sondern die Zukunft, sozusagen die Raum gewordene Generation Y, für die der Bau oder schon der Besitz eines Einfamilienhauses oder gar der Bezug eines Kobels in einem sterilen Newsroom Schauer des Ekels von den großen Kopfhörern bis hinunter in die weißen Sneakers jagt. Die Millennials wollen alles sharen und möglichst öffentlich alles liken, also sich darstellen. Die passenden architektonischen Displays für diesen Lifestyle müssen dementsprechend flexibel, gemeinschaftlich, günstig, aber bitte auch sozial und ökologisch nachhaltig sein. Und hohen ästhetischen Ansprüchen genügen. Denn chic muss die Scheune der Work-Life-Party-Farm schon sein."

Weiteres: Viele Fragen, wenig Antworten hörte Nicola Kuhn (Tagesspiegel) bei einer Pressekonferenz zum geplanten Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum: Weder zur Außenhaut des Museums noch zur Verkehrsführung gab es konkrete Infos. Jürgen Tietz würdigt in der NZZ den Architekten und Städtebautheoretiker Vittorio Magnago Lampugnani, der heute in Zürich seine Abschiedsvorlesung hält.
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Musik

In der Welt würdigt Michael Pilz die Collage, die dem vor fünfzig Jahren erschienenen Beatles-Klassiker "Sgt. Pepper's" als Cover diente und das Bildgenre "Plattencover" endgültig in den Rang von Kunst erhob: Damit "wurde der gesamte Adornismus überflüssig, jedes schlecht gelaunte Kreisen um 'Kulturindustrie' und 'Popularkultur'. Konsum und Kunst kompromittieren sich seit 'Sgt. Pepper' nicht mehr gegenseitig, die Kultur kann den Kommerz zum Kameraden haben." Über eine weitere messianische Facette des Albums schreibt John Higgs im Musikblog des Guardian: Er mutmaßt, dass es in seiner stilistischen Vielfalt selbst noch das heutige Brexit-Britannien heilen könnte. Bleibt im Grunde nur noch die Frage offen, welches Album die Popmusik heute vor ihrer Verkrustung und weite Teile der Popkritik vor ihrer grassierenden Retro-Seligkeit retten könnte.

Weiteres: Ed Power unterhält sich in The Quietus mit Momus. Für die SZ unterhält sich Marcel Anders mit Roger Waters unter anderem darüber, warum auch der ehemalige Pink-Floyd-Frontmann Trump fürchterlich findet.

Besprochen werden "Narkopop" von GAS (Welt), das Debüt von LeVent (taz),  ein Wiener Konzert von Gerald Finley ("war wirlich komplett super", applaudiert Stefan Ender im Standard), ein Konzert von Bryan Ferry (von "Schweiß und Applaus" berichtet ein rundum zufriedener Karl Fluch im Standard), ein Auftritt von Piotr Anderszewski (NZZ) und die Pink-Floyd-Schau im Victoria & Albert in London (Standard).
Archiv: Musik