Efeu - Die Kulturrundschau

Ach so unübersichtliche Zeiten

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.06.2017. In der SZ setzt der österreichische Regisseur Paul Poet auf die politische Sprengkraft des Schmuddelkinos. In der NZZ spricht der Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez über politisches Engagement und den Friedensprozess. In der taz gleicht Matthias Borgmann Hans Schefczyks Roman "Das Ding drehn" mit seiner eigenen Vergangenheit bei den Revolutionären Zellen ab. Die FAZ liest die erotischen Liebesbriefe von Hanne Darboven. Der Standard tritt mit Frank Kunert in den Abgrund.

Bühne


Castorfs Abschiedsspiel an der Volksbühne: "Ein schwaches Herz"

Bei Frank Castorfs allerletzter Inszenierung an der Volksbühne hat Katrin Bettina Müller eigentlich vor allem das Ende berührt, doch nach dem "Faust" ist "Das schwache Herz" kein großer Wurf mehr: "Artistisch ist dies ruckelnde Spiel eine große Freude. Aber möglicherweise, denkt man dann auch, hat dieser Energieaufwand verschluckt, was man mit der Geschichte vom in die Gegenwart geschleuderten Zaren vielleicht sonst noch hätte erzählen können. So bleibt alles skurrile Anekdote." In der SZ findet Peter Laudenbach die Inszenierung "irre eitel und pathetisch", aber auch sehr selbstironisch. Peter Becker erscheint sie im Tagesspiegel dagegen melancholisch und innig. Weitere Kritiken in Berliner Zeitung, Nachtkritik und FAZ.

Im SZ-Interview tönt Jonathan Meese, der morgen bei den Wiener Festwochen seine Wagner-Adaption "Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutter der Abwehr)" auf die Bühne bringt: "Nur Kunst kann die Welt retten." Beim Probenbesuch hat Welt-Kritiker Lucas Wiegelmann begriffen, wie die von Komponist Bernhard Lang bearbeitete Version funktioniert: "Wenn Kundry den bösen Zauberer Klingsor fragt, ob er keusch sei, schimpft dieser nicht wie bei Wagner: 'Verfluchtes Weib!', sondern: 'Verfluchtes Weib! Verfluchtes Weib! Verfluchtes Weib! Verfluchtes Weib!' Jedes Mal mit derselben Musik."

Besprochen wird Monika Gintersdorfers Balzac-Performance "Die selbsternannte Aristokratie" mit der Gruppe La Fleur bei den Wiener Festwochen (Standard-Kritiker schwirrt Helmut Ploebst der Kopf: "Gepokert wird mit dem französischen Literaturkanon, ernst genommen wird ein hedonistischer Identitätsfirlefanz inklusive Gendermischmasch.").
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Film

Schon seit Jahren gibt es immer wieder Pläne, die Bestseller-Autobiografie "Der Minus-Mann" des einstigen Wiener Milieuverbrechers Heinz Sobota zu verfilmen - aktuell hegt solche der österreichische Regisseur Paul Poet, wie er Julia Niemann von der SZ verraten hat. Poet interessiert sich vor allem für die kathartischen Aspekte des drastischen Stoffs und "glaubt an die politische Sprengkraft des Schmuddelkinos und seiner wilden, unkorrekten, schmutzigen Erzählungen. 'Die Geschichte funktioniert aber nur, wenn man den Exorzismus darin herausarbeitet. Wenn man nur die harte Verbrechergeschichte erzählt, bleibt man an der Oberfläche. ... Gerade sehen wir in Filmen vor allem funktionelle Superhelden, Powerfrauen und andere idealisierte Figuren, wo der Mensch als grundsätzlich fehlbares Wesen nicht mehr mitkommt. Dabei finde ich es wesentlich aufklärerischer, über den menschlichen Dreck zu schreiben als über idealisierte Abziehbilder. Der Minus-Mann ist ein österreichischer 'Taxi Driver'."

Im SissyMag schreibt Rajko Burchardt über queere Serien, die vor allem im Post-Fernsehen der reinen Streaminganbieter gedeihen können: "Im frei empfänglichen US-Fernsehen gibt es viele queere Figuren, tatsächlich queer aber treten die wenigsten in Erscheinung. Nicht sprachlich oder visuell Explizites hebt deshalb die neuen Streaming-Serien von der Konkurrenz ab. Sondern ihre Weigerung, Begehren zu isolieren."

Weiteres: Für die Berliner Zeitung unterhält sich Christina Bylow mit Regisseur Matti Geschonneck über dessen Ruge-Verfilmung "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Besprochen werden Jonathan Teplitzkys Biopic "Churchill" (NZZ) und der Dokumentarfilm "Deportation Class" über die hiesige Abschiebepraxis (FAZ).
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Musik

Ist das die Platte, die wir wirklich gewollt haben, fragen sich die Kritiker nach Veröffentlichung von "Is This The Life We Really Want", dem ersten Soloalbum von Ex-Pink-Floyd-Frontmann Roger Waters seit 25 Jahren. Darauf zu hören gibt es in erster Linie übliche Protestfolklore, ist den Kritiken zu entnehmen. "Musikalisch bietet Waters nicht viel Neues", seufzt jedoch Frank Junghähnel in der FR. Pink-Floyd-Nostalgiker erhalten aber immerhin "die beste Pink-Floyd-Platte seit Ewigkeiten", ganz ohne Pink Floyd. Allerdings ist dieses "musikalische Gewand" auch schon "reichlich abgewetzt", gibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel zu bedenken. Das Album klinge "abgehangen authentisch, aber nicht retrofuturistisch - und damit nicht nach einer Popmusik, die man in der Gegenwart hören will, in diesen ach so unsicheren, ach so unübersichtlichen Zeiten zumal. Die aber verlangen nach kongenialerer musikalischer Aufbereitung."

Auch nicht mehr rundum gegenwärtig sind DAF, die sich dieser Tag eine Retrospektiven-Box des eigenen Werks gegönnt haben. Dieser nähert sich taz-Kritiker Klaus Walter von der Lindenstraße her, um am Ende mit DAF gegen biedere Sozialdemokratie und postlinke PC-Kritik anzutanzen. Reichlich retro fällt auch der Sound der Gospelband Como Mamas aus, die gerade ihr zweites Album "Move Upstairs" deren "träge Eleganz" Karl Fluch vom Standard allerdings auch gottesunfürchtigen Menschen unbedingt ans Herz legt: "Die Reibeisenstimmen der Mamas transportieren die Informationen des harten Alltags, die Stimmung ist dennoch optimistisch. ...Das Gottvertrauen der Como Mamas funktioniert als infizierender Optimismus abseits der Konfessionen."



Besprochen werden ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle (Tagesspiegel), ein Berliner Merzbow-Konzert (taz) und Kraftklubs neues Album "Keine Macht für niemand" (FAZ.net).
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Literatur

Mit dem Kriminalroman "Das Ding Drehn" arbeitet Hans Schefczyk eine späte Episode der Revolutionären Zellen literarisch leicht camoufliert auf: Um sich finanzielle Mittel zu sichern, überfallen sie einen Geldtransporter. taz-Redakteur Andreas Fanizadeh nimmt das zum Anlass, sich mit Matthias Borgmann zu unterhalten, in den achtziger Jahren selbst Mitglied der Revolutionären Zellen und einer derjenigen war, die um 2000 in einem Kronzeugenprozess verurteilt wurden. Der Roman beschreibe "ziemlich gut die Situation, in der sich die RZ damals befanden", sagt Borgmann. "Die einzelnen Zellen hatten sich Ende der 1980er Jahre weitgehend aufgelöst oder waren in Auflösung begriffen. Aber diejenigen, die polizeilich gesucht wurden und deswegen im Ausland mit anderen Identitäten in einer Art Exil lebten, konnten sich ja nicht so einfach auflösen. Nach ihnen wurde weiter gefahndet. Und wenn dein Netzwerk wegbricht, musst du dein Überleben in Freiheit anders sichern." Doch "die Geschichte ist anders angelegt als in unserem Fall. Der Polizeiagent wird von außen eingeschleust. Das war bei uns nicht so. Jedenfalls meines Wissens nach nicht."

Für die NZZ spricht Martina Läubli mit dem Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez über dessen zivilgesellschaftliches Engagement in seiner Heimat Kolumbien, das sich mit dem Friedensprozess tief gespalten hat: "Während 52 Jahren hat die Farc-Guerilla gekidnappt, getötet, Terrorakte begangen, das Land mit Landminen übersät. Aber natürlich ist alles viel komplizierter. Der Krieg hatte viele Akteure, die rechten Paramilitärs ebenso wie jene, die bezahlte Mörder losgeschickt haben. Es gibt unzählige Opfer. Die Hälfte der Kolumbianer lehnt den Friedensprozess ab wegen der Konzessionen, die an die Farc-Guerilla gemacht wurden. Doch letztlich wird das Friedensabkommen das Leben vieler Menschen retten und das Leiden verringern. Wir müssen das vergangene Leiden zu einem Grund für den Frieden machen und nicht zu einem Hindernis."

Weiteres: Philipp Haibach macht in der Literarischen Welt Anmerkungen zum "wilden Leben" Dorothy Parkers, deren Gedichte jetzt auf Deutsch erschienen sind. In der FAZ schreibt Ulf von Rauchhaupt über lateinische Ausgaben von Kinder- und Jugendliteraturklassikern. Außerdem bringt die FAZ Auszüge aus Victor Klemperers "Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen - Ein Leben in Briefen", das übernächste Woche im Aufbau Verlag erscheint (bei Google Books kann man in dem Buch bereits blättern). Marco Schwartz erinnert in der SZ an Gabriel García Márquez' vor 50 Jahren erschienenen Roman "Hundert Jahre Einsamkeit".

Besprochen werden u.a. Amos Oz' und Avraham Shapiras "Man schießt und weint - Gespräche mit israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg" (taz), Rachel Cusks "Transit" (taz), Enrique Vila-Matas' "Kassel: eine Fiktion" (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Comics! Mangas! Graphic Novels!" in der Bundeskunsthalle in Bonn (taz) und eine Oskar Maria Graf gewidmete Ausstellung im Münchner Literaturhaus (SZ).
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Kunst

Als "Bühnenbilder für die Fantasie" preist Roman Gerold im Standard den Fotografen Frank Kunert, der für seine Bilder täuschend echt anmutenden Miniaturmodelle schafft: "Eine heile Puppenstubenwelt hat Kunert aber nicht im Sinn. Der Abgrund respektive das Abgründige ist in seiner surrealen, schwarzhumorigen Bildwelt nie fern." (Bild: Frank Kunert: Mit Balkon)

FAZ-Kritiker Georg Imdahl beugt sich angeregt über die Liebesbriefe, die Hanne Darboven 1970 an Carl Andre schickte und die der Hamburger Bahnhof in der Ausstellung "Korrespondenzen" zeigt. Darboven zeichnete nicht nur die Umrisse ihrer Hand auf Papier: "Es geht noch weiter. Die Künstlerin malte, umringt von Kringeln, ihre Vulva darüber, beklebte diese mit Schamhaar und sandte die dringliche Post aus Harburg retour in den Big Apple."
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