Efeu - Die Kulturrundschau

Ehre, Freiheit, Vatermord

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30.03.2017. Nachdenken über die moderne Stadt: In der Zeit plädiert Pritzkerpreisträger Ryūe Nishizawa für Nachbarschaft als Lebensform. In München entwerfen Allmann, Sattler und Wappner eine Bungalowsiedlung, die Arbeit und Wohnen vereint. Und in Frankreich fordert Jean Nouvel den Staatspräsidenten auf, die Stadtplanung den Technokraten zu entwinden. Außerdem: die nachtkritik porträtiert die Frauenburschenschaft Hysteria. Die SZ versinkt in den minimalistischen Soundlandschaften Drakes.

Architektur


Ryue Nishizawas Moriyama House in Tokio. Mehr bei Dezeen.

In einem schönen Interview mit der Zeit erklärt der japanische Architekt und Pritzkerpreisträger Ryūe Nishizawa vom Architektenbüro ­Sanaa den Unterschied zwischen japanischer und europäischer Architektur und warum das Übereinanderstapeln von Wohnkästen für Kernfamilien in Suburbia nicht die Zukunft sein kann: "Ich denke, Nachbarschaft wird sich zur Lebensform entwickeln. Also sollten Architekten nicht einfach Häuser entwerfen, sondern eine Atmosphäre zum Leben. ... Die Grundlagen sind da. Und das Internet? Natürlich stellt sich die Frage nach den Orten der Arbeit damit ganz neu. Auch beim Einkaufen gibt es ganz neue Wege. Man muss nicht mehr in die Stadt fahren, man wartet einfach auf den Lieferservice. Aber gerade dadurch gewinnt der reale Raum an Bedeutung: Irgendwo müssen wir wirklichen Menschen begegnen. Und wir Architekten müssen die Räume dafür schaffen."

Auch in München will man von Suburbia nichts mehr wissen und denkt lieber über Verdichtung der Stadt nach. So auch die Architekten Markus Allmann, Amandus Sattler und Ludwig Wappner, die die riesige Pakethalle in München zu einer Art Bungalowsiedlung umbauen wollen, berichtet ein begeisterter Gerd Matzig in der SZ, der hier "eine Utopie für das Wohnen der Zukunft" entstehen sieht: "Das Büro lässt die ingeniöse Schalenkonstruktion der Halle im Grunde unangetastet. Darüber aber plant man - wie einen Brückenschlag - eine weitere Schale aus Stahl, um darauf ein nach Südwesten und Nordosten situiertes Terrassenwohnen in Leichtbauweise zu ermöglichen. ... Die Halle selbst, die im Grunde als gewaltige Klimahülle fungiert, würde inmitten eines vom Dachregenwasser gespeisten, ökologisch sinnfälligen Beckens Platz bieten für ein Hotel, für Büros, Sport, Gewerbe oder Kultur."

Und: Selbst Jean Nouvel hat kürzlich in Le Monde den modernen Städtebau gegeißelt, dem er Phantasielosigkeit, Zerstörung des architektonischen Erbes und Segregation vorwirft, berichtet Roman Hollenstein in der NZZ.
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Film


Schwarze Bürgerrechtsbewegung: Szene aus "I Am Not Your Negro" von Raoul Peck.

Mit seinem Essayfilm "I Am Not Your Negro" über den schwarzen Schriftsteller James Baldwin geht es Raoul Peck in seiner Montage historischer und aktueller Billder vor allem auch um einen Brückenschlag zu heutigen Kämpfen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, erklärt Matthias Dell im Freitag: "Pecks Film muss sich gegen etwas wehren, das er selber betreibt: Historisierung. Die bewirkt, einerseits, dass Geschichte überhaupt tradiert und damit immer wieder erzählt werden kann (...). Sie schafft, andererseits, aber Distanz, die es leichter macht, besichtigt zu werden. Der Bezug ist nur mehr mittelbar." Der Film ist "atemberaubend" in seiner Dichte, schreibt Wieland Freund in der Welt. Thekla Dannenberg hat den Film zur Berlinale für den Perlentaucher besprochen.


Machtvolle Femme-Ikone: Scarlett Johannson in "Ghost in the Shell"

Mit Spannung erwartet wurde Rupert Sanders' Anime-Remake "Ghost in the Shell", ein CyberTech-Noir über die Verschmelzung von Mensch und Technik, in dem Scarlett Johansson das mit menschlichem Bewusstsein ausgestattete Robot-Hybridwesen Major spielt, das einen Kriminalfall und gleichzeitig das Rätsel um seine eigene Identität zu lösen hat. Der Film bietet neben sehr viel Spezialeffekte-Zucker für die Augen auch einige hochinteressante Körperbilder, schreibt Katrin Doerksen im Perlentaucher: "Vor ihren Kämpfen zieht Major sich komplett aus, erst frei von jeglicher textiler Restriktion kann die künstliche Hülle ihre volle Funktionalität entfalten und wird - ein entscheidender Vorteil - bei Bedarf transparent. Scham ist keine Kategorie, in der Major denkt". Weitere Besprechungen in NZZ und taz. In epdFilm referiert Marcus Stiglegger die Geschichte der stildbildenden japanischen Comic- und Zeichentrickvorlage aus den Neunzigern.


Beinahe eine postkoloniale Perspektive: James Grays "Die versunkene Stadt Z"

Gute Kritiken erhält auch James Grays Abenteuerfilm "Die versunkene Stadt Z" über den Entdecker Percy Fawcett, der in den 20ern im Dschungel Boliviens verschwunden ist. Andreas Busche attestiert im Tagesspiegel eine skeptische Haltung gegenüber dem Genre: Eindeutig eine Stärke "von Grays Film, dessen mattes Farbspektrum und meditative Kamerafahrten auch visuell jegliche Faszination an der Exotik des Regenwalds aus den Bildern getilgt hat. Eine Heldenbiografie als Anti-Epos." Hier lauert keine Indiana-Jones-Sause, versichert Dominik Kamalzadeh im Standard, "sondern das mit leidenschaftlicher, herrlich anachronistischer Note erzählte Porträt eines rastlosen Entdeckers. ... Dass dieser Mann verlorengeht, kann man auch als Sinnbild verstehen. Männer, die losziehen, um Grenzen der Vorstellung zu erweitern und um das Wissen zu vermehren, sind selten geworden." Der Regisseur schmuggelt "im Handgepäck seines eigentlich retrofixierten Abenteuervergnügens eine beinahe postkoloniale Perspektive über die Genregrenze", erklärt Janis El-Bira im Perlentaucher.

Ärgerlich, das hatten wir gestern versäumt: Claudia Schwartz befasst sich in der NZZ mit den neuen deutschen Serien, mit denen die hiesige Produktion ans internationalen Niveau anschließen will (siehe dazu auch Efeu von gestern). Warum die Forderung nach einem "deutschen 'Breaking Bad'" ihrer Ansicht nach ein Irrweg ist, liegt nicht nur daran, dass "in Amerika pro Jahr mittlerweile über 400 Serien produziert werden ...  Nicht zuletzt skandinavische Werke wie 'Borgen' oder 'Die Brücke' illustrieren, wie Unverwechselbarkeit zum Erfolg führt, indem sie universelle Themen sehr authentisch festmachen. Das deutsche Kino hat dieses Bewusstsein in der Dekade nach der Wiedervereinigung wieder herausgebildet mit den eigenständigen Handschriften eines Wolfgang Becker ('Goodbye, Lenin!'), Andreas Dresen ('Halbe Treppe') oder Christian Petzold ('Barbara'). Sie reüssierten international, indem sie unbeirrt deutsche Stoffe entwickelten und zeigten, wie eine Nation und ihre Gesellschaft sich wandeln." Ohne Abstriche überzeugend von den deutschen Serien findet sie im übrigen nur die ab Mai ausgestrahlte Crime-Serie "4 Blocks" - eine Produktion des Privatsenders TNT.

Weiteres: Im Essay auf kino-zeit.de denkt Rajko Burchardt über Filmkritik und Aufmerksamkeitsökonomie im Klick-Zeitalter nach, in dem wichtige Debatten nur noch im marktschreierischem Duktus geführt werden: Die "diskussionswürdigen Punkte verpuffen in Provokation und Entrüstung." Christiane Peitz macht sich im Tagesspiegel Gedanken über die Nachfolge von Dieter Kosslick, dessen Berlinale-Intendanz 2019 zu Ende gehen wird. Fabian Tietke schreibt in der taz über das Arabische Filmfestival Berlin.

Besprochen werden Aki Kaurismäkis "Die andere Seite der Hoffnung" (Tagesspiegel, NZZ, unsere Kritik hier), Philip Gnadts Dokumentarfilm "Gaza Surf Club" (taz) und Amma Asantes "A United Kingdom" (taz).
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Bühne


Plakataktion der Hysteria. Foto: Facebook / Hysteria

In der nachtkritik stellt Theresa Luise Gindlstrasser die Wiener Hysteria vor. Das ist keine Theatertruppe, sondern eine Burschenschaft, in der nur Frauen Mitglieder sein dürfen, die aber mit einer Mischung aus Feminismus, Kunst und Aktivismus das in Österreich oft noch vorherrschende reaktionäre Männerbild bloßstellt: "Die Hysteria leistet eine zweifach Umdrehung der Umstände. Denn sie trägt nicht nur das Patriarchat zu Grabe (wie im September 2016 auf der Prater-Hauptallee geschehen), sondern tut's als Burschenschaft. Der Anblick einer im Gleichschritt marschierenden, Fahnen schwenkenden, 'Ehre, Freiheit, Vatermord' und 'Heil Hysteria!' skandierenden Gruppe widerspricht dem Vokabular des linken Aktivismus und der feministischen Performance gleichermaßen. Zufällige Passanten und Passantinnen reagieren verwirrt. Die Burschenschaft präsentiert sich als autoritäre Elite, sprengt aber, schon vor allen Aktionen, durch die bloße Tatsache, dass nur Frauen als Mitglieder erlaubt sind, die gewohnte Rahmung rechter Männerbünde, die ausschließlich Männer als Mitglieder zulassen."

Für die Welt besucht Eva Biringer die Theaterregisseurin Susanne Kennedy, die gerade in München die "Selbstmord-Schwestern" inszeniert und demnächst mit Chris Dercon an die Volksbühne kommt: Ihre Figuren machen oft einen autistischen Eindruck, der durch Masken und Playback noch verstärkt wird. "Kennedys Schauspieler sind zum Stummsein verdammt, statt ihrer lesen Laien die Texte ein. Erstmals verwendete sie diesen Effekt bei 'Warum läuft Herr R. Amok?', bei den 'Selbstmord-Schwestern' spricht, abgesehen von Timothy Leary, eine Frau, deren Identität geheim bleiben soll. Brecht-Kenner ziehen da schnell die V-Effekt-Schublade auf, V für Verfremdung. Kennedy hingegen besteht auf dem Gegenteil: 'Für mich ist das Hyperrealismus.'"

Besprochen wird die Uraufführung von Sarah Nemtsovs und Dirk Lauckes Oper "Sacrifice" in Halle (SZ).
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Literatur

In der NZZ porträtiert Franz Haas die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini, die ihn an die Zeit der großen, engagierten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts erinnert. In ihren Büchern versteht sie, "immer so herrlich Altmodisches wie Engagement, Feminismus und Poesie zu kombinieren. ... [Sie] hat nichts von einer eifernden Predigerin. Sie ist eine besonnene Femme de Lettres, die ihre liberale Meinung unaufgeregt vorbringt, oft mit einem Schuss linker Überzeugung oder einem gerüttelt Mass an Feminismus."

Weiteres: Bodo Kirchhoff berichtet in einer literarischen Notiz für die FAZ von einer seltsamen Begebenheit, die ihm auf einem Bahnhof widerfahren ist.

Besprochen werden Adolf Muschgs Erzählung "Der weiße Freitag" (Tagesspiegel), Kasimir Edschmids wiederveröffentlichter Roman "Wenn es Rosen sind, werden sie blühen" (FR), Alex Beers "Der zweite Reiter" (Welt), Thomas Brussigs "Beste Absichten" (Berliner Zeitung), Andreas Stichmanns "Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk" (ZeitOnline) und Clemens Meyers Erzählband "Stille Trabanten" (FAZ).
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Kunst



Dana Schutz, "Open Casket," 2016. (Collection of the artist/Courtesy of Whitney Museum)

In der taz zeigt Brigitte Werneburg Verständnis für den Vorwurf gegen die weiße Künstlerin Dana Schutz, ihr Gemälde des 1955 ermordeten afroamerikanischen Teenagers Emmett Till münze "schwarzes Leid in Profit und Unterhaltung" um: "Gerade weil sie die Perspektive der Mutter als Ausgangspunkt ihre Gemäldes benennt, hätte es für Dana Schutz naheliegen können, sich die weiße Frau genauer anzuschauen, die Emmett Till beschuldigte, sie angemacht zu haben, wohl wissend, dass diese Anschuldigung seinen Tod bedeuten würde."

Besprochen werden eine Ausstellung über Nolde und die Brücke im Museum der bildenden Künste Leipzig (Tagesspiegel) und eine Ausstellung des slowakischen Künstlers Július Koller im Wiener Mumok (SZ),
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Stichwörter: Dana Schutz, Mumok

Musik

Jens-Christian Rabe staunt in der SZ: Drakes Album "More Life" wurde allein in der ersten Woche seit seinem Erscheinen satte 384,8 Millionen mal gestreamt - so oft wie kein anderes Album zuvor. Ein schlagender Beweis dafür, wie wichtig Streaming heute insbesondere für die schwarze Musik geworden ist. Das schlägt sich auch in der Ästhetik der Musik nieder, meint Rabe: Nicht nur die Zahl der Stücke pro Album ist deutlich gestiegen, sie sind auch "völlig anders konzipiert als traditionelle Star-Hits ... Die Songs auf 'More Life' sind eher edle, mitunter nahtlos ineinander übergehende, stark repetitive, manchmal avantgardistisch minimalistische Soundlandschaften, mal mit etwas mehr, mal mit etwas weniger tiefen Bässen, über die Drake dann mit seiner typischen, leicht leiernden Softie-Stimme rappt und singt. Letztlich ist es Musik, die einen nicht für ein paar Minuten mit einem Knall aus dem Alltag herauslotsen, sondern als Tonspur durchs Leben hindurch navigieren will."

Weiteres: Cornelia Geißler schreibt in der Berliner Zeitung über den Kapstadter Chor African Angels, der in die Berliner Philharmonie kommt. Frederik Hanssen schreibt im Tagesspiegel zum Tod des langjährigen Konzertmeisters der Berliner Philharmoniker Rainer Kussmaul.

Besprochen werden ein Konzert von Chilly Gonzales und Jarvis Cocker in der Berliner Volksbühne (Tagesspiegel, hier ein großes Interview in The Quietus), eine Ausstellung zur Geschichte der elektronischen Musik im Berliner Musikinstrumenten-Museum (taz), eine Ausstellung über Johann Sebastian Bachs Bibliothek in Eisenach (FR), ein Konzert von Sol Gabetta mit dem Kammerorchester Basel (FR), das neue Album von Grandaddy (Zeit), das neue Album von Judith Holofernes (taz) und ein Auftritt des Rock'n'Rollers Mike Tramp (FAZ).
Archiv: Musik