Efeu - Die Kulturrundschau

Harte Arbeit am Bewusstsein

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27.03.2017. Die Feuilletons bilanzieren die Leipziger Buchmesse, die ihnen bei drückender Themenlage  erstaunlich aufbruchswillig erschien. Die NZZ lernt in Basel mit Iannis Xenakis' "Oresteia" der Demokratie zu misstrauen. Die Nachtkritik erlebt Kleists "Zerbrochenen Krug" in Hamburg in seinem ganzen Schrecken. In der FAZ bangt Alexander Horwath um das analoge Filmerbe. Und die taz lauscht der Zufallssinfonie des Experimentalmusikers Alvin Lucier.

Literatur

"Trends? Resümee? Schwer zu sagen", schreibt Alex Rühle in der SZ aus Leipzig, wo gestern die Buchmesse zu Ende gegangen ist. Dass diese Buchmesse ganz besonders politisch war - "Trump, der Brexit, die 60-Jahr-Feier der römischen Verträge. Putin, Polen, Ungarn und die anstehende Frankreichwahl. Die Verhaftung von Deniz Yücel und Erdogans Attacken gegen Europa" -, daran lässt Rühle in seinem Fazit jedoch keinen Zweifel. "Man spürt die Besorgnis vieler, ihre Bereitschaft, sich noch aktiver und bewusster als vor zehn, fünfzehn Jahren gegen Negativ-Entwicklungen zu stemmen, sich einzusetzen für das Liberale, Großzügige, Integrative, wofür ein geeintes Europa immer eingestanden ist", schreibt dazu Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Auch Joachim Güntner von der NZZ beobachtet eine trotz drückender Themenlage erstaunlich aufbruchswillige Stimmung. Christian Egers von der Berliner Zeitung berichtet unterdessen von den Ständen des Gastlandes Litauen. Und Stefan Gmünder vom Standard hatte viel Freude an den Cosplay-Aktionen der Manga-Fans und stellt fernerhin fest, dass die einst ausschließlich Papier verarbeitende Industrie sich unter dem Schlagwort "crossmedial" mit dem digitalen Wandel zu arrangieren scheint.

Im Standard mahnt Anton Thuswaldner die niedrigen Standards der Literaturkritik an: Sie versteife sich zu oft aufs Nacherzählen des Plots, bleibe in ihren Urteilen zu geschmäcklerisch, ergehe sich zu oft in Nettigkeiten, spreche zu wenig über biografische und historische Kontexte und überdies viel zu wenig über die spezifische Ästhetik der besprochenen Werke. Literaturkritik "ist harte Arbeit am Bewusstsein. Es ist von Vorteil, in einem literarischen Text das Fremde, das ganz Andere zu sehen, das sich grundsätzlich unterscheidet von allem, was ich selbst denke. Als Kritiker suche ich nicht das, womit ich konform gehe, Literatur ist kein Unterfangen der Selbstbestätigung. Die Abweichung macht einen Text zu Literatur, ein individueller Zugriff, ein unerwarteter Gedanke, der Zweifel an dem, was uns allen einleuchtet."

Weiteres: Für den Standard unterhält sich Flaminia Bussotti mit dem Schriftsteller Claudio Magris über dessen neuen Roman "Verfahren eingestellt" und über die politische Lage Europas. Außerdem bringt der Standard Kurt Palms Erzählung "Klopfgeräusche".

Besprochen werden Fatma Aydemirs "Ellbogen" (FAZ), Joann Sfars Comic "Klezmer" (Tagesspiegel), Gusel Jachinas "Suleika öffnet die Augen" (FR), Eva Menasses "Tiere für Fortgeschrittene" (FR) und Roberto Bolaños "Die romantischen Hunde" (SZ)

In der online nachgereichten Frankurter Anthologie schreibt Gisela Trahms über Jorge Luis Borges' "An die deutsche Sprache":

"Mein Schicksal ist die kastilische Sprache,
die Bronze des Francisco de Quevedo,
doch in der sacht schreitenden Nacht..."
Archiv: Literatur

Bühne


Carlo Ljubek als Dorfrichter Adam. Foto: Matthias Horn, Hamburger Schauspielhaus.

Hochästhetische Wucht bescheinigt Nachtkritikerin Katrin Ullmann Michael Thalheimers Inszenierung von Kleist "Zerbrochenem Krug" am Hamburger Schauspielhaus, bei der das Unrecht von Anfang an offenbar ist: "Thalheimer, Experte für radikale Reduktion und subkutan Bedrohliches, inszeniert den 'Krug' als bedrückende Parabel über Macht, Ohnmacht und die ganz persönliche Interpretation von Wahrheit. Die Mittel sind die typisch Thalheimer'schen: Straff gekürzt ist seine Version des Textes, die Figuren agieren frontal und mit nur wenigen Gesten. Unterschwelligen Druck erzeugen drei wechselnde, raunende Streicherklänge in steter Wiederholung. Thalheimers stimmige und dichte Inszenierung provoziert nur selten ein Schmunzeln, der Schrecken überwiegt."

Ähnlich sieht das FAZ-Kritikerin Irene Bazinger: "In seiner grandiosen, radikal entschlackten Inszenierung entblößt Michael Thalheimer nicht nur den Richter als tyrannisch brutalen Triebtäter, sondern die gesamte Konfliktanlage als humoresk verbrämte Unterdrückungsmechanik: Buckeln und Treten, Gewalt und Leidenschaft." In der SZ sieht Till Briegleb das Stück dagegen um alle Komik gebracht.



Iannis Xenakis' "Oresteia" am Theater Basel. Foto: Sandra Sandra Then

Als eine Misstrauenserklärung gegen die Demokratie sieht Thomas Schader in der NZZ Calixto Bieitos Aufführung von Iannis Xenakis' "Oresteia" am Theater Basel: "Bieitos Deutung zeigt sich erst in der finalen Abstimmungsszene in ihrer ganzen Radikalität: Orestes heftet den Choristen - die plötzlich in Kleidern wie zu Zeiten der Einführung des schweizerischen Frauenstimmrechts stecken - ihre Stimmzettel an die Stirnen, so dass sie nichts mehr sehen können. Aigisthos tritt derweilen als Demagoge auf und hetzt das Volk auf der Bühne und auch die Zuschauer im Parkett gegen Orestes auf. Schließlich hat dieser seine Buhle Klytaimnestra umgebracht."

Ganz ernst nehmen will Matthias Heine in der Welt den "Zickenkrieg" zwischen Volksbühne und Chris Dercon zwar nicht, findet es aber eigentlich ganz richtig, das Räuberrad abzumontieren: Schließlich habe Dercon "oft genug betont, wie sehr ihn die von Piscator, Benno Besson, Heiner Müller und Castorf geprägte Tradition dieser Bühne anödet und wie sehr er das spezifisch Berlinische daran als Einengung seiner Globalkunstträume empfindet. Ein komplett anderes Theater - möglicherweise gar kein Theater mehr, das den gewohnten Vorstellungen entspricht - in der alten Verpackung zu verkaufen, wäre Schwindel."

Besprochen werden Jo Fabians Inszenierung von Brechts "Der gute Menschen von Sezuan" in Konstanz (NZZ), Dušan David Pařízeks Aufführung von Ödön von Horváths "Niemand" am Deutschen Theater in Berlin (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Nachtkritik) und Alexander von Zemlinskys Oper "Der Zwerg" in Graz (FAZ).
Archiv: Bühne

Film

In der FAZ plädiert Alexander Horwath vom Österreichischen Filmmuseum für ein Umdenken in der deutschen Debatte um das Filmerbe: Selbst engagierte Kommentatoren versteiften sich schon viel zu sehr auf die Digitalisierung als einzige Möglichkeit der Überlieferung der Bestände. Der Film selbst drohe dabei, verloren zu gehen und bloß auf Content reduziert zu werden. Denn: "Der historische Charakter des Mediums wird erst begreiflich, wenn man darin nicht primär ein 'Ding' sieht, sondern ein Aufführungsereignis, das maschinell hervorgebracht wird und zeitlich bestimmt ist." Für die historischen Archive ergeben sich laut Horwath drei Sammelaufträge: "Erstens: seine Notation - die aufgerollten und kopierfähigen Filmstreifen ... Zweitens: die Projektionsvorrichtungen, um Serien statischer Fotografien in jene vergrößerten und zeitlich bestimmten Bewegtbild-Ereignisse zu verwandeln, die Film sind. Drittens: die gebauten und verdunkelbaren Räume, um das Ergebnis solcher Verwandlungen adäquat sichtbar zu machen." An der Sicherung der Bestände auf Analogfilm führt für Horwath daher kein Weg vorbei.



Passend dazu: Auf klassischem Filmmaterial hat tatsächlich auch Aki Kaurismäki seinen neuen Film "Die andere Seite der Hoffnung" gedreht, der zum Kinostart in einigen wenigen Häusern von einer analogen Filmkopie gezeigt wird (so etwa hier in Berlin). In der Zeit schwärmt Georg Seeßlen von dem Film, der zwar keine politische Hässlichkeit verschweigt, aber dennoch nicht bloß ein "realistischer Film" ist: "Das hat nicht nur mit Kaurismäkis höchsteigener Poetik der Reduktion zu tun, mit den wundersam dekorierten Innenräumen, dem Nebeneinander von moderner Technik und nostalgischen Reminiszenzen in Gerätschaften aus den fünfziger und sechziger Jahren - Schreibmaschinen, Jukeboxes, Radiomonstren. Es liegt auch an der Verflechtung von Musik und Handlung (...), an den wunderbar unbewegten Gesichtern der Schauspieler in den Rollen von Menschen, die fest entschlossen scheinen, sich von keiner Gemeinheit des Lebens noch überraschen zu lassen." Hier unsere Besprechung zur Berlinale-Premiere des Films.

Weiteres: Für die Welt unterhält sich Hanns-Georg Rodek mit der britischen Autorin Paula Milne, die das Drehbuch zu Oliver Hirschbiegels ZDF-Dreiteiler "Der gleiche Himmel" geschrieben hat, in dem Tom Schilling einen Romeo-Spion der DDR in den 70ern spielt (hier ab 10 Uhr die erste Folge online).
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Archiv: Film

Kunst


Katharina Sieverding: Transformer, 1972 in der Ausstellung "Kunst und Kapital" in der Bundeskunsthalle.

Sehr sehenswert findet Peter Iden in der FR die große Retrospektive zu Katharina Sieverding in der Bonner Bundeskunsthalle: "Ihr Stoff ist die Welt. Von der Welt, wie wir sie leben, handelt Katharina Sieverding in ihren fotografischen, oft durch farbige Eingriffe malerisch überformten Werken mit der während fünf Jahrzehnten erworbenen Fähigkeit zur Transformation konkret gegebener Wirklichkeit in Konstellationen, die vordringen wollen zu Wahrheiten jenseits unmittelbarer Eindrücke. Es sind Verwandlungen des Abbilds, das Inbild wird."

Besprochen werden die Ausstellung "Ersehnte Freiheit" zu Abstraktion in den 1950ern im Frankfurter Museum Giersch (FAZ) sowie die beiden großen Otto-Dix-Ausstellungen im Zeppelin Museum in Friedrichshafen und im K20 in Düsseldorf (SZ).
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Musik

In der taz porträtiert Tabea Köbler den Experimentalmusiker Alvin Lucier, der beim 30-stündigen Abschluss der Berliner MaerzMusik mit einer "intensiven Zufallssinfonie aus Feedback und psychoakustischen Phantomtönen" auftrat: Lucien geht es um "Nichtbeeinflussung und Absichtlosigkeit", schreibt Köbler. "Es interessiert ihn nicht, sich auszudrücken; er sucht nach dem Ausdruck des Klangs selbst: 'Man sollte nicht eingreifen. Man überlässt den Klang für eine Weile sich selbst, und etwas Wunderbares wird passieren. Es ist, als würde man in einem Wald auf ein Tier warten. Man muss ruhig verharren, sonst taucht es nie auf.'"

Der vor zehn Jahren verstorbene, russische Cellist Mstislaw Rostropowitsch gilt als politisch engagierter Humanist. Zu seinem heutigen neunzigsten Geburtstag erinnert der aserbaidschanische Komponist und Journalist Elmir Mirzoev, der selbst aus seiner Heimat fliehen musste, im Tagesspiegel allerdings auch daran, dass der in Baku geborene Rostropowitsch politisch nicht frei von Fehlern war. So suchte er etwa die Nähe zum aserbaidschanischen Despoten Heydar Aliyev: "1997 lud Aliyev Mstislaw Rostropowitsch zu dessen 70. Geburtstag in sein Heimatland ein. Die Rückkehr des weltberühmten Sohns von Aserbaidschan wurde pompös gefeiert, mit einem 'Volksfest' zu Ehren des Großen von Baku. Kinder trugen Trachtenkostüme, traditionelle Sänger priesen ihn als Freund von Aliyev, dem Maestro wurden Orden verliehen."

Weiteres: Tilman Krause sichtet für die Welt die Bestände von Johann Sebastian Bachs Bibliothek, die in Eisenach rekonstruiert wurde und ausschließlich aus religiöser Literatur besteht. Martina Läubli porträtiert in der NZZ die Jazzsängerin Elina Duni. Freitag-Autorin Christine Käppeler besucht mit den Musikerinnen von Schnipo Schranke die Dresdner Ausstellung "Scham - 100 Gründe, rot zu werden".

Besprochen werden Arturo Toscaninis zu dessen 150. Geburtstag herausgegebenen "Essential Recordings" (Zeit), das neue Album von Candelilla (SZ), ein Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters unter Vladimir Jurowski (Tagesspiegel), ein Konzert des hr-Sinfonieorchesters mit dem Pianisten Yefim Bronfman (FR), das Comeback-Album von The Jesus and Mary Chain (FR, Welt) und Glenn Goulds Goldberg-Variationen (Pitchfork).
Archiv: Musik