Efeu - Die Kulturrundschau

Stetiger Fluss der Energie

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22.03.2017. Die Berliner Volksbühne kündigt an, ihr Wahrzeichen, den Räuberzinken, abzubauen, um es ja nicht Chris Dercon in die Hände fallen zu lassen. Das Rad ist unser und also die Rache?, fragt der Tagesspiegel. Der Standard erkennt in Moskau das Kontinuum in der europäischen Kunst. NZZ und taz feiern den französischen Autor Mathias Enard, der heute den Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Und große Trauer herrscht über den Tod der großen amerikanischen Choreografin Trisha Brown.

Bühne

"Was bitte ist die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ohne das Rad? Ohne den Räuberzinken mit Speichen drin und Füßen dran? Zum Weglaufen wären Bühne und Platz." Christiane Peitz ist im Tagesspiegel erschüttert, dass die Volksbühne tatsächlich ihr Wahrzeichen abräumen lassen will: "Chris Dercon, der heftig umstrittene Nachfolger des Vierteljahrhundert-Theatermanns Frank Castorf würde das Rad gerne behalten. Aber der scharfe Wind, der ihm auch aus dem Hause entgegenbläst, fegt die rostige Skulptur davon. 'Wenn das Rad stehen bleiben würde, würde das eine Kontinuität suggerieren, die es nicht gibt', sagte Chefdramaturg Carl Hegemann gegenüber der Deutschen Presse Agentur. 'Wir sollen das Haus ja auch besenrein verlassen.' Ganz schön sarkastisch. Das Rad ist unser und also die Rache?" Für Ulrich Seidler stellt sich in der Berliner Zeitung allerdings die Frage, wem das Rad eigentlich gehört: "Es wurde doch sicher aus dem Etat der Volksbühne, also aus Steuermitteln finanziert.

Zum Tod von Trisha Brown erinnert Katrin Bettina Müller in der taz daran, wie die Choreografin in den sechziger Jahren den Aufbruch in den Tanz brachte: "Browns Blick auf den Körper hatte etwas Sezierendes, Analytisches, ebenso wie ihre spätere Nutzung von Mathematik und Geometrie als Elemente der Komposition. Aber obwohl sie Erzählung, Rollen, Expressivität aus dem Tanz strich, jedenfalls in den meisten Werken, waren die nie bloß mechanisch oder kalt. Etwas von Freude, von der Lust an der Differenzierung, lag in den oft auch farbenprächtigen Schauspielen; etwas, als ob die Körper hier strahlen würden vor Wohlbehagen über den Anschluss an einen stetigen Fluss der Energie."

In der FAZ rühmt Wiebke Hüster die Choreografin als Jahrhunderterscheinung. Weitere Nachrufe schreiben schreiben Helmut Ploebst im Standard, Sandra Luzina im Tagesspiegel, Eva-Elisabeth Fischer in der SZ und Alastair Macauly in der New York Times.

Hier ihr letzter Auftritt auf den Stufen des Pariser Théâtre national de Chaillot:



Weiteres: Auch bei Benjamin Brittens "Tod in Venedig" bleiben nach Andrea Scartazzinis Oper "Edward II." an der Deutschen Oper in Berlin die Jungs unter sich. Für FAZ-Kritiker Jan Brachmann geht diese "momentane Zielgruppenbevorzugung" völlig in Ordnungt. Sehr überzeugend findet Michael Stallknecht in der SZ, wie der Regisseur Bernd Roger Bienert und sein Teatro Barocco mit Mozarts "Cosí fan tutte" im österreichischen Laxenburg die barocke Theaterpraxis widerbeleben: "Indem die barocken Spielformen von Beginn an 'nur' Theater sind, wird der Trug allumfassend."

Besprochen werden die Uraufführung von Maxi Obexers Flüchtlingsstück "Gehen und Bleiben" im Potsdamer Hans-Otto-Theater (Berliner Zeitung), ein "Rigoletto" an der Oper Frankfurt ("ein richtiges Sängerfest", verspricht Hans-Klaus Jungheinrich in der FR, FAZ), die Uraufführung von Stephan Kimmigs Dramatisierung des Walser-Romans "Ehen in Philippsburg" am Schauspiel Stuttgart (FAZ), Bastian Krafts Inszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" Deutschen Theater in Berlin (FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst

"Grenzüberschreitende Gemeinsamkeiten" in der Kunst Europas findet Standard-Kritikerin Herwig G. Höller in der von ZKM-Direktor Peter Weibel, Eckhart Gillen aus Berlin und Danila Bulatow aus Moskau kuratierten Großausstellung "Die Kunst Europas 1945-1968", die jetzt im staatlichen Puschkin-Museum in Moskau angekommen ist: "Die kinetischen Installationen der Düsseldorfer Künstlergruppe Zero ergänzen jene des Moskauer Kollektivs Dwischenie ('Bewegung'). Mit dem Polen Zbigniew Gostomski und dem Slowaken Milan Dobeš entsteht ein gesamteuropäisches Kontinuum. Schwieriger wird es hingegen bei neuen Realismen, Konzept- oder gar Aktionskunst, die sich jeweils im sozialistischen Zentraleuropa fast gleichzeitig wie im Westen belegen lassen, in der deutlich autoritären Sowjetunion jedoch erst einige Jahre später in Erscheinung traten."

Zum Davolaufen findet Jonathan Jones im Guardian sämtliche Vorschläge für die vierte Säule auf dem Trafalgar Square, und das obwohl Britanniens beste Künstler am Wettbewerb beteiligt waren. Doch öffentliche Sockelkunst ist einfach kein Konzept, das in die Zukunft weist: "Forty years of this, and art will be back in the stone age."

Weitere Artikel: Anlässlich der Paula-Moderssohn-Becker-Ausstellung im Hamburger Bucerius-Kunst-Forum betrachtet Ursula Seibold-Bultmann für die NZZ Modersohn-Beckers Selbstporträt von 1906.

Besprochen werden die Schau "Okeanus" im TBA21 im Wiener Augarten, die den 2013 verstorbenen Künstler Allan Sekula als Pionier der Dokumentarkunst würdigt (FAZ), die Ausstellung "Füsslis 'Nachtmahr' - Traum und Wahnsinn" im Frankfurter Goethe-Museum (FR) und Ai Weiweis "Law of the Journey" in Prag (art).
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Literatur


Robert Silvers (Bild: Annie Schlechter/NY Review of Books)

Ein Leben am Schreibtisch, in Büchern und Debatten: Robert Silvers, der Gründer und Herausgeber der New York Review of Books, ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Er war "Haupt und Glieder, Kopf und Herz, messerscharfer Verstand und gnadenloser Redigierbleistift der bedeutendsten amerikanischen Zeitschrift", schreibt Willi Winkler in der SZ. Mara Delius würdigt den Verstorbenen in der Welt für dessen "radikalintellektuelle Haltung": "Ein halbes Jahrhundert angloamerikanische Geistestradition und gelebtes Denkerleben verbanden sich durch ihn zu einem intellektuellen Magazin, das mehr als einfach ein Literaturblatt war." NZZ-Kritikerin Andrea Köhler schätzt Silvers' "intellektuelle Kompromisslosigkeit." In seinem Magazin selbst erinnern sich Autoren und Wegbegleiter an ihren Herausgeber. Zahlreiche handverlesene Perlen aus der New York Review finden Sie in unserem Überblick in der Magazinrundschau.

Morgen beginnt die Leipziger Buchmesse, am heutigen Vorabend wird traditionell der Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen, der an diesem Jahr an Mathias Énard und dessen Roman "Kompass" geht. Zu Recht meinen die Kritiker, denn das Buch sei ein "ein Hohelied auf die Kunst und Kultur der arabischen Welt", wie etwa Joachim Güntner in der NZZ schwärmt, "ein Buch der Romanzen und der Gelehrsamkeit, das mit verführerischer Sprachkraft daran gemahnt, wie sehr doch einst der Orient den Okzident bezaubert und befruchtet hat." Der Roman unternehme "eine Rehabilitation des Orientalismus", schreibt Ulrich Gutmair in der taz und stimmt tatsächlich mit dem Autor überein, dass es an der Zeit, diese lang verfemte Haltung aus dem Bannfluch der Kritik zu holen: Sie lasse sich immerhin auch "als kulturelles Begehren begreifen, die eigene Beschränktheit hinter sich zu lassen. ... die Kritik des Orientalismus krankt an ebenjenem Denken in scharfen Kontrasten, das sie dekonstruieren möchte, sie ist selbst ein dichotomischer Apparat." Über diese und ähnliche Fragen unterhält sich Gregor Dotzauer im Tagesspiegel mit dem Preisträger. (Bild: Mathias Énard, 2013. Foto: The Supermat, CC BY-SA 3.0)

Weiteres: Für den Tagesspiegel porträtiert Andreas Busche Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo, die gerade ihr Debüt veröffentlicht hat. Richard Kämmerlings hat für die Welt Litauen besucht, das Gastland der Leipziger Buchmesse. Fridtjof Küchemann befasst sich in der FAZ mit Studien, die die Lektürequalität bei digital vorliegenden Texten erforschen.

Besprochen werden der erste Band der Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe (SZ), Clemens Meyers Erzählband "Die stillen Trabanten" (Freitag), Tom Kummers "Nina & Tom" (online nachgereicht von der FAS), Daniel Pennacs neuer Krimi seiner Malaussène-Saga (NZZ), Jakob Noltes "Schreckliche Gewalten" (ZeitOnline), Patrick Devilles "Viva" (FR), Jörg Späters Biografie über Siegfried Kracauer (Standard), André Hellers "Uhren gibt es nicht mehr. Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr" (Standard), Heinz Strunks "Jürgen" (SZ) und Antanas Skemas "Das weiße Leintuch" (FAZ).

Außerdem bringt die taz heute ihre Beilage zur Leipziger Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen auswerten. Besprochen wird darin unter anderem Julian Barnes' "Der Lärm der Zeit", außerdem spricht Stefan Hochgesand mit Saleem Haddad über dessen schwulen Roman "Guapa" und Tania Martini befragt Nora Bossong nach den Erfahrungen, die sie bei der Recherche zu ihrer Reportage "Rotlicht" gemacht hat.
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Archiv: Literatur

Film

Im Standard empfiehlt Michael Pekler eine Retrospektive des Filmarchivs Austria zum Kino der Weimarer Republik. Für die Berliner Zeitung spricht Frank Willmann mit Sönke Wortmann über dessen im Ersten ausgestrahlte historische Krankenhausserie "Charité". Norbert Joa hat sich für den Bayerischen Rundfunk ausführlich mit Josef Hader über dessen Regiedebüt "Wilde Maus" unterhalten.
 
Besprochen werden Marie-Castille Mention-Schaars "Der Himmel wird warten" über die IS-Radikalisierung einer französischen Jugendlichen (SZ), die Serie "Scandal" (Freitag), Kai Wessels "Nebel im August", der sich mit den "Euthanasie"-Programmen des Nationalsozialismus befasst (Freitag) und Daniel Espinosas Science-Fiction-Horrorfilm "Life", über den sich Dietmar Dath in der FAZ fürchterlich ärgert: "Scharf blödsinnig", lautet das Verdikt.
Archiv: Film
Stichwörter: Horrorfilm

Musik

Für The Quietus spricht Mark Andrews mit Cristina Martinez und Jon Spencer über deren Rock'n'Roll-Band Boss Hog, die sie nach vielen Jahren Pause reaktiviert haben.

Besprochen werden Drakes "More Life" (Pitchfork), das Comeback-Album von The Jesus and Mary Chain (Berliner Zeitung), ein Konzert des Arditti Quartetts (Tagesspiegel) und ein Monteverdi-Konzert unter Andrea Marcon im Rahmen des Festivals Alte Musik Zürich (NZZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Drake, Alte Musik