Efeu - Die Kulturrundschau

Die Prinzessin trägt nur Rosa

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01.02.2017. Die Welt ärgert sich über die Eskapaden Daniel Barenboims, der mit der Staatskapelle auf Steuerzahlerkosten auf Welttournee geht und sein eigenes Haus nicht mehr bespielt. Im SZ-Interview bekundet Fachmann Marcus Staiger Verständnis für den Antisemitismus im deutschen Rap. Die NZZ porträtiert die Schauspielerin Sunny Melles. Die FAZ bewundert in Chemnitz das revolutionäre Parolen- und Posenporzellan der russischen Avantgarde. Außerdem stellt die FAZ die Autorin Christina Sharpe vor.

Musik

Manuel Brug ärgert sich in der Welt darüber, dass Daniel Barenboim und seine Staatskapelle mitten in der Saison für fünf Wochen auf Steuerzahlerkosten auf Welttournee gehen, während in Berlin die Türen verschlossen bleiben. Das ist neuer Opernhausnegativrekord: "Keiner sagt etwas. Die Politik schaut einfach weg. Aber dafür können die Berliner Steuerzahler stolz darauf sein, dass sich Barenboim und seine über 120 Musiker einen 'Bruckner-Monat' in Wien, Paris und New York gegönnt haben und dass sie nach Japan nun auch in den USA 'den historisch ersten komplette Zyklus aller nummerierten Symphonien Anton Bruckners' nicht unerheblich mitfinanziert haben. Kannste nich' meckern, wa? Nur komisch, dass solches bisher keiner in New York oder Tokio mit Orchestern vor Ort bezahlen wollte."

Dass im deutschen Rap immer wieder antisemitische Äußerungen fallen, findet Genre-Experte Marcus Staiger zwar auch nicht erfreulich. Dennoch zeigt er im SZ-Gespräch mit Jens-Christian Rabe viel sozialpädagogisches Verständnis für solche Betätigungen: Schließlich gibt es auch "einen anti-muslimischen Rassismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, der sich im Moment spürbar verstärkt. ... Dazu kommt das wirtschaftliche Problem, dass diese Menschen, die meist nicht zu den am besten ausgebildeten gehören, als Arbeitskräfte immer weniger gebraucht werden. In dieser Situation ist der Underdog Palästina, also die Gegend, in der die muslimische Bevölkerung vielleicht am offensichtlichsten von der westlichen Welt schlecht behandelt wird, eine Art Identifikationsfläche."

In der taz freut sich Philipp Rhensius auf den morgigen Auftritt von DJ Stingray beim Berliner Festival Club Transmediale, der den Techno wieder politisch macht: In dessen "Tracks hallen immer noch die Geister von Detroits Verfallsgeschichte nach, aber längst auch die neoliberale Gegenwart, in der ökonomische Sicherheit durch das Prekariat und Solidarität durch individuelle Verantwortung ersetzt wurde."

Weiteres: Manuel Brug porträtiert in der Welt Philip Glass, der 80 Jahre geworden ist. Für den Tagesspiegel hat sich Reinhold Jaretzky mit ihm unterhalten. Und Felix Zwinzscher staunt in der Welt: Im Internet gelten die Südstaatenrapper von Migos mit ihrem Trap-Stil mittlerweile als besser als die Beatles. In dieser Playlist kann man sich deren neues Album anhören, außerdem daraus das aktuelle Video:



Besprochen werden ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Santtu-Matias Rouvali (Tagesspiegel), Mahlers Neunte mit Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu Gast im Wiener Musikverein (Presse) und das Album "Nothing Feels Natural" von Priests (Pitchfork).
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Literatur

In den USA spitzt sich der gesellschaftliche Rassismus zu, während zugleich schwarze Lebensrealitäten in Literatur, intellektuellem Leben und im Kino immer sichtbarer werden, stellt Verena Lueken in der FAZ fest. Insbesondere die Literaturwissenschaftlerin Christina Sharpe ist ihr dabei aufgefallen, die in ihrer Arbeit die Frage umkreist, was es bedeutet, schwarz zu sein. Zu deren Arbeitsweise schreibt Lueken: "Sie geht aus von Bildern, Texten, Songs, von Nachrichten, verheerenden zumeist, und ihrer Darstellung in den Medien. Den Bildern schwarzen Leids, dem weißen Voyeurismus preisgegeben. Sie schreibt in einer anderen Sprache, einer Prosa, die sich lyrisch liest, in einer wissenschaftlichen Publikation, die bei aller Genauigkeit im Argument literarisch anmutet, angereichert mit Anleihen beim Rap, bei der Ballade, mit Wiederholungen arbeitend, mit Refrains. Mit Bezügen auf Claudia Rankine - auch ihr Buch 'Citizen' sollte deutsche Leser finden - und immer wieder auf Toni Morrison."

Weiteres: Die SZ meldet betrübt, dass Katharina Wagenbach-Wolff aus Altersgründen ihren kleinen feinen Verlag, die "Friedenauer Presse", einstellt. Anlässlich der Veröffentlichung von "Ein neuer Name", des zweiten Bands von Elena Ferrantes Neapelsaga, hat die Historikerin Gundula Werger für den Freitag in den Stadtarchiven die Geschichte des deutschen Familienzweigs der mutmaßlichen Autorin Anita Raja recherchiert. Auf ZeitOnline bekundet Schriftsteller Norbert Niemann gegenüber Trump einen Zustand von Fassungs- und Sprachlosigkeit.

Besprochen werden Paul Austers "4321" (FR), Hanya Yanagiharas "Ein wenig Leben" (ZeitOnline), ein von Petra von Boden und Rüdiger Zill herausgegebener Interviewband mit Erinnerungen an die Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik" (NZZ), Julia Zanges "Realitätsgewitter" (Tagesspiegel), Denis  Johnsons "Die lachenden Ungeheuer" (Tagesspiegel), Ismail Kadares "Die Dämmerung der Steppengötter" (SZ), eine Neuübersetzung von Andrej Platonows "Die Baugrube" (FAZ) und neue Bilderbücher, darunter Patrick McDonnells "Eine perfekt verhunzte Geschichte" (NZZ).

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Kunst

Einfach spektakulär findet Andreas Platthaus in der FAZ die Schau "Revolutionär!" mit russischer Avantgardekunst in den Kunstsammlungen Chemnitz. Nicht unbedingt wegen Malewitsch, Lissitzky und Gontscharowa, sondern wegen der Petersburger Künstler, die alle für die Kaiserliche Porzellanmanufaktur in Petrograd arbeiteten: "Dieses Parolen- und Posenporzellan ist ein Zeitzeugnis allerersten Ranges. Und so viel davon ist noch nie in Deutschland gezeigt worden. Mehr als zweihundert Objekte werden aufgeboten, und es ist eine Freude, die Besucher dabei zu beobachten, wie sie ihre früheren Russischkenntnisse aus dem DDR-Unterricht reaktivieren, um die Aufschriften zu übersetzen. Dass hier wahre Künstler am Werk waren, bekommt man eindrucksvoll vorgeführt. Und auch die Größten machten mit. Die berühmte halbierte Porzellantasse, die Malewitsch als suprematistischen Haushaltsgegenstand für Ausstellungen im dekadenten Westen ausformen ließ, kennt jeder." (Bild: Teetasse, Suprematismus. Form: Kasimir Malewitsch, 1923. Dekor und Bemalung: Nikolai Sujetin, 1923/1926. SPM, 1926. Vladimir Tsarenkov's Collection, London)

Heinz Peter Schwerfel bilanziert im art-Magazin vierzig Jahre Centre Pompidou, das zunehmend die junge Kunst ans Palais de Tokyo verliert und die Mäzenaten an private Museen.
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Bühne

In der Welt stellt Eva Biring die norwegische Regisseurin Lisa Lie vor, für die Theater verstören muss: "Stelle Sechstklässlern die Aufgabe, jene Mitschüler zu quälen, die sie hassen. Sie werden großartige Ideen haben. Grausamkeit macht kreativ."

Daniele Muscionico porträtiert in der NZZ Sunnyi Melles, Europas "exzentrischste Schauspiel-Prinzessin", die von der Wiener Burg ans Schauspielhaus Zürich gewechselt ist: "Die Anwesenheit von Melles ist so, als ob im Haus rosa Wolken hängen. Die Prinzessin trägt nur Rosa und Schwarz, das erzeugt mit ihrem wasserstoffblonden Haar ein effektvolles Reizklima."

Weiteres: In der SZ wird Eva-Elisabeth Fischer nicht glücklich mit dem Pferdespektakel, das Choreograf Bartabas zu Mozarts Requiem in der Salzburger Felsenreitschule veransteltete. Bernd Noack erzählt in der NZZ die Geschichte des Anwalts Hans Litten, der Hitler 1931 vor Gericht gezerrt hatte und dessen Schicksal nur am Nürnberger Theater auf die Bühne kommt, mit der Tochter Patricia Litten in der Rolle ihrer Großmutter.

Besprochen werden Nicolas Stemanns "Kirschgarten"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen (FAZ), die uraufführung von Avner Dormans "Wahnfried"-Oper in Karlsruhe (Standard), die NGO-Parodie "Not My Revolution, if ...: Die Geschichten der Angie O." des Berliner Theaterkollektivs andcompany & Co. im Wiener Brut (die Helmut Proebst im Standard eigentlich ganz lustig findet).
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Film



In "Hidden Figures" schildert Regisseur Theodore Melfi die Geschichte dreier afroamerikanischer Frauen, die in den 60ern bei der Nasa gearbeitet haben, dort aber unter der Segregation litten. Das Resultat ist zwar kein cinephiler Genuss, aber "solide" und "filmisches Handwerk", schreibt Fabian Tietke in der taz. Von Hollywood wünscht er sich für die kommenden Jahre wagemutigere Filme. Im Standard bespricht Dorian Waller den Film.

Weitere Artikel: Für den Freitag spricht Frank Breitenreiter mit der Filmemacherin Helke Sander, die gestern ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, über die bewegten 60er Jahre, die sie rund um die Berliner Filmhochchule dffb erlebt hat. Der Filmemacher Christoph Hochhäusler dokumentiert in seinem Blog den Vortrag, den er in Saarbrücken zu Max Ophüls' "Madame de..." gehalten hat. Der deutsche Nachwuchsfilm wendet sich vermehrt dem "visuellen Lyrismus" zu, beobachtet SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier beim Besuch des Max-Ophüls-Festivals in Saarbrücken. In der Berliner Zeitung wirft Christian Schlüter einen Blick ins Programm der Berlinale-Retrospektive, die sich mit dem Science-Fiction-Kino befasst. Katrin Doerksen empfiehlt im CulturMag den frühen Berlinale-Ticketkäufern erste Filme. Im Freitag schreibt Hanna Bochmann über die Serie "Shameless".

Besprochen werden Asghar Farhadis "The Salesman" (SZ, FAZ),
und Ang Lees "Die irre Heldentour des Billy Lynn" (ZeitOnline).
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