Efeu - Die Kulturrundschau

Laut, blutig und mit vielen Körpersäften

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18.08.2016. Die FAZ kann mit politisch-moralischer Kunst nicht viel anfangen: Zu viel Didaktik, zu wenig Zukunft, findet sie. Die Zeit jubelt: Der Max-Brod-Nachlass wird endlich öffentlich! Aber wie soll man künftig mit unmoralischen Erben umgehen? Die Welt erklärt dem beleidigten Parzifal-Regisseur Uwe Eric Laufenberg das Prinzip Bayreuth. Eiji Uchidas indiekritischer Indie-Film "Low Life" fällt im Perlentaucher und auf critic.de durch. Und die NZZ flaniert durch das literarische Sofia.

Literatur

Nach jahrzehntelangen Verzögerungen durch die Erbinnen, Brod-Sekretärin Ester Hoffe und ihre Töchter, wird der Max-Brod-Nachlass bald öffentlich, verkündet Kafka-Biograf Reiner Stach in der Zeit - ein wenig besorgt, dass er nun alles umschreiben muss. Die Freude darüber, dass die Israelische Nationalbibliothek den Nachlass katalogisiert, möglicherweise auch online verfügbar macht, überwiegt, auch wenn sich Stach mit Blick auf den exemplarischen Fall fragt: "Wie umgehen mit den Erben literarischer Nachlässe, wenn sie mit dem, was ihnen anvertraut ist, verantwortungslos verfahren? Die jeden moralischen Kredit verspielen, sich juristisch jedoch auf der sicheren Seite wähnen? Eine naheliegende Antwort wäre: publizistischen Druck entfalten, denn Öffentlichkeit ist solchen Leuten meist wenig genehm."

(Bild: Joseph Oberbauer, Sofia with the clock tower)

Für die NZZ wandelt Thomas Veser durch das literarische Sofia, das von der kommunistischen Literatur einst als Ort des sozialen Elends und "urbane Kloake" verdammt wurde, seit 1989 aber zum populärsten litarischen Ereignisort wurde, so Veser: "Etwa bei Valentin Plamenov, der in seinen Erzählungen den Wandel eines volkstümlichen Wohnquartiers nahe dem Patriarch-Evtimii-Denkmal über einen längeren Zeitraum darstellt. Locker und unterhaltsam schildert er Anekdoten und Ereignisse aus dem Alltagsleben und porträtiert einzelne Persönlichkeiten des Quartiers. Seine Enttäuschung darüber, dass die Aufbruchsstimmung unter dem Motto '45 Jahre sind genug, uns gehört die Zeit' nur allzu schnell einer allgemeinen Ernüchterung wich, ist in diesem Werk deutlich zu spüren." Zeit, hierzulande bulgarische Literatur zu entdecken, findet Veser.

Weiteres: Die FAZ dokumentiert Sven Regeners in Kassel gehaltene Brüder-Grimm-Vorlesung, in der er über die Funktion des Humors in seinen Romanen nachdenkt. Jörg Bremer gratuliert dem Schriftsteller Roberto Pazzi zum Siebzigsten.

Besprochen werden Joshua Cohens "Solo für Schneidermann" (Tagesspiegel), Nuruddin Farahs "Jenes andere Leben" (Freitag), Han Kangs "Die Vegetarierin" (online nachgereicht von der FAZ), Wilhelm Genazinos "Außer uns spricht niemand über uns" (Freitag), Anna Katharina Hahns "Das Kleid meiner Mutter" (online nachgereicht in der Zeit), Hubert Fichtes "Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart" mit Briefen an Leonore Mau (SZ, mehr dazu hier) und Katarina Frostensos Gedichtband "Sprache und Regen" (FAZ).
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Bühne

In der NZZ spricht Katja Baigger mit dem syrischen Regisseur Omar Abusaada und dem syrischen Autor Mohammad al-Attar über ihr in Zürich aufgeführtes Stück "While I Was Waiting", Propaganda-Theater in Syrien und das Potenzial von Dokumentartheater gegenüber den Medien. al-Attar erklärt: "Die Dokumentartheater-Regisseure bohren aber tiefer. Ich lebe seit einem Jahr in Berlin und lese viele deutsche Medien. Dabei fällt mir die IS-Obsession auf. Doch die Anhänger der Terrororganisation sind eine relativ kleine Gruppe in Syrien. Es gibt keine Jihad-Kultur. Die meisten Syrer praktizieren einen gemäßigten Islam."

Nach Uwe Eric Laufenbergs Kritikerschelte auf nachtkritik.de (hier) antwortet Manuel Brug dem Parsifal-Regisseur in der Welt: "Hat Laufenberg das Eigentliche nicht verstanden, dass es bei Bayreuther Premierenrezensionen schon längst nicht mehr nur um das Gesehene geht? Das ist bei einer Produktion pro Jahr für nicht wenige doch nur der Vorwand, um der nach den obligatorischen Proben-'Skandalen' auf dem Grünen Hügel aufgeheizt sensationslüsternen Öffentlichkeit die Leitung und die Institution als Ganzes vorzuführen. Der Regisseur fungiert da nur als Crashtest-Dummy. Das hätte er kritisieren können."

Besprochen werden Pilobolus Dance Theaters in Frankfurt gezeigtes Schattenspiel "Shadowland 2" (FR) und die konzertante Salzburger Aufführung von Jules Massenets Oper "Thaïs" mit Plácido Domingo (SZ).
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Film



Mit dem japanischen Independent-Film "Lowlife Love" setzt der japanische Indepent-Filmer Eiji Uchida zum Angriff auf die japanische Independent-Film-Szene an. Und das ist eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit, entnehmen wir den Kritiken zum Film. Der Regisseur führe eine Szene "vor, die sich viel darauf einbildet, abseits des Mainstreams zu arbeiten, tatsächlich aber einen durch und durch inhumanen Hardcore-Kapitalismus lebt", schreibt Michael Kienzl im Perlentaucher. Dass Uchida in das System, das er bloßstellt, selbst verstrickt ist, sich aber außerhalb davon zu verorten scheint, findet Kienzl allerdings inkonsequent. "Der Faszination der Hässlichkeit, die das dargestellte Milieu umgibt, kann man sich als Zuschauer trotzdem nur schwer entziehen. Während andere Filme Illusionen verkaufen, hat es sich dieser zur Aufgabe gemacht, sie zu zerstören."

Schmerzen durchlebte auch Kasten Munt von critic.de bei der Sichtung dieses Films: Von Ferne erinnert er ihn zwar an die Filme von Hong-Sang Soo. "Doch die Rohmasse der Filmgrammatik, die der Südkoreaner Hong, in ständigen Variationen, aufheizt und abkühlt, um aus ihr Figurenkonstellationen und Beziehungen neu zu formen, verliert bei Uchida ihre Elastizität. ... Wo Hong die Zeit in ständig wiederholten Arbeitsschritten zu vielen Schichten der gleichen Legierung formt, hämmert Uchida mit gleicher Kraft auf ein einziges Stück ein, bis es zu glühen beginnt. Die Hitze, mit der 'Lowlife Love' zynische Abrechnung und satirische Überzeichnung zu einem Amalgam der japanischen Filmindustrie verschweißt, lässt sich dabei schwer aushalten, was mitunter auch am pedantischen Gestus liegt, mit dem Uchida das eigene Milieu immer wieder durch den Dreck zieht." Weitere Besprechungen in taz und auf kino-zeit.de.

Weiteres: Das Interview-Magazin bringt Sandra Hüller und Isabelle Huppert miteinander ins Gespräch (hier unsere Besprechung von Hupperts neuem, diese Woche anlaufenden Film "Alles was kommt"). In Epd-Film porträtiert Anke Sterneborg den Schauspieler Viggo Mortensen, dessen neuer Film "Captain Fantasic" heute ins Kino kommt (mehr zum Film in der taz und auf kino-zeit.de). In der taz empfiehlt Thomas Groh eine Reihe zum deutschen Schlagerfilm im Berliner Zeughauskino. Außerdem wird Robert Redford heute 80 - es gratulieren Ekkehard Knörer (taz), Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel), Gerhard Midding (Berliner Zeitung), Verena Lueken (FAZ) und Susan Vahabzadeh (SZ).

Besprochen werden David Ayers Comicverfilmung "Suicide Squad" (Standard, FAZ), Kirsi Marie Liimatainens Dokumentarfilm "Comrade, where are you today?" (taz), Paul Feigs "Ghostbusters"-Remake (Freitag) und Karin Jurschiks Doku "Krieg und Spiele" (ZeitOnline, Tagesspiegel, taz).
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Kunst

Kolja Reichert fühlt sich vom Trend zur politisch-moralischen Kunst gefangen genommen, gesteht er im großen Feuilletonaufmacher der FAZ. Aktuelles Beispiel: Eine Ausstellung auf Samos, die sich, nachdem die großen Flüchtlingsmassen dort nach dem EU-Deal mit der Türkei von der Insel weiter gezogen sind, mit der Flüchtlingskrise befasst: Kunst und gute Absicht würden deckungsgleich in eins gebracht, wer das erstere kritisiere, mache sich verdächtig, zweitere nicht zu teilen. "Es entsteht der Eindruck, dass es hier vor allem um Didaktik geht und um das Herbeten moralisch einwandfreier Allgemeinplätze statt um die Transformation des Materials und das Schaffen symbolischer Formen, welche in der Lage wären, die Landkarte des Wünschenswerten und Machbaren umzuschreiben. ... War [die Kunst] nicht mal ein Ort, an dem man das andere leben und fordern konnte und sich über die Zeiten hinweg darüber verständigen konnte, wie man leben und arbeiten will? Beschränkt man die Politik der Kunst auf ihren Inhalt, gibt man diese Freiheit preis. Hier wird keine Zukunft gefordert. Es werden die Verluste betrauert."

Weiteres: Marc Peschke schreibt im Freitag zum Tod des Pop-Fotografen Daniel Josefsohn. In der Zeit erinnert sich Christoph Amend an den Fotografen, der "den Blick auf den Alltag veränderte".

Besprochen werden die Ausstellung "Buddha - 232 Meisterwerke buddhistischer Kunst aus 2000 Jahren" in der Völklinger Hütte (SZ) und die Ausstellung "Gärtner führen keine Kriege" im Schloss Sacrow in Potsdam (FAZ).
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Musik

In den Chor der bislang sehr positiv gestimmten Rezensenten des Buchs "Pop - Panorama der Gegenwart", in dem Jens Balzer seine in Popkritiken für die Berliner Zeitung getätigten Beobachtungen bündelt und verdichtet, kann Julian Weber von der taz nicht voll miteinstimmen. Das Buche zeige mitunter "argumentative Schwächen" und bekräftige seine These, dass der heterosexuelle, weiße, männliche Typus des Popmusikers ausgedient habe, mitunter zu subjektiv in seiner Zuspitzung: "Vor allem das Drastische, Größenwahnsinnige, Sadomasochistische in künstlerischen Inszenierungen erscheint ihm als Diagnose der Pop-Gegenwart: Am besten laut, blutig und mit vielen Körpersäften. Daher beschäftigt er sich eingehend mit Subgenres wie Witchhouse und Dronemetal und dem von ihm so bezeichneten 'Digitalfeminismus' der Künstlerinnen Grimes und Holly Herndon."

Besprochen werden Konzerte von Morrissey (taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Welt) und Rihanna (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Welt), der Soundtrack zur Netflix-Serie "Stranger Things" (PItchfork), das neue Album von Dinosaur Jr (Freitag) und der Auftritt von Musica Aeterna bei der Ruhrtriennale (FAZ).
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