Efeu - Die Kulturrundschau

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21.07.2016. Für Bruno Latour ist das Globale am Ende, lernt die FAZ in einer Karlsruher Ausstellung. Im Tagesspiegel erklärt der Filmregisseur Przemyslaw Wojcieszek, warum so viele junge Polen für Kaczynski gestimmt haben. Im Standard sucht Dieter Dorn das "secret play" hinter Becketts "Endspiel".Welt und NZZ denken über Architektur für den Stadtrand nach. Die SZ plant neue Einkaufszentren.

Film


Szene aus Przemyslaw Wojcieszeks "Knives out"

Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt der regierungskritische Theater- und Filmregisseur Przemyslaw Wojcieszek, warum ausgerechnet junge Polen für Kaczynski gestimmt haben. "Die genaueren Gründe versucht Wojcieszek in seinem neuen Film 'Knives Out' zu erklären. Er porträtiert vier polnische Jugendliche und eine Ukrainerin, wie sie in einer alkoholdurchtränkten Nacht über die Situation in ihrem Land debattieren. Ressentiments kommen zur Sprache, die Angst vor Flüchtlingen, die Arbeitslosigkeit, die schlechten Berufschancen und die Perspektivlosigkeit, die keine Generation so gut nachvollziehen kann wie die aktuelle. 'Viele junge Polen fahren entweder ins Ausland oder radikalisieren sich', sagt Wojcieszek. 'Auch wenn sich die Situation ökonomisch verbessert: Der Mehrheit geht die Veränderung nicht schnell genug.'" In Polen fand der Film übrigens keinen Verleih, deshalb veranstaltet Wojcieszek morgen eine Benefiz-Party im Berliner Club der polnischen Versager.

Eher gemischt fallen die Besprechungen zu Steven Spielbergs neuem Film "BFG - The Big Friendly Giant" aus: "Spielbergs Handschrift [verschwindet] förmlich im Disneystil", meint Daniel Kothenschulte in der FR. Zu einem ähnlichen Fazit kommt Thomas Groh im Perlentaucher, ergänzt aber: "Als Kinderfilm und hübscher Zeitvertreib erfüllt er seinen Zweck vorzüglich." In der taz ist Tim Caspar Boehme recht angetan, auch Andreas Platthaus von der FAZ hat seinen Spaß an Spielbergs "geradezu kindlicher Freude".

Weitere Artikel: Im neuen Podcast von critic.de sprechen Frédéric Jaeger, Ekkehard Knörer, Lukas Foerster und Friederike Horstmann über Maren Ades "Toni Erdmann" (auch unter Berücksichtigung von Christoph Hochhäuslers kritischen Notizen zu dem Film) und dem ersten Teil von Miguel Gomes' "1001 Nacht"-Projekt. Im Zuge dessen hat sich Lukas Foerster auch in seinem Blog nochmal Gedanken über "Toni Erdmann" gemacht. Im Standard unterhält sich Marietta Steinhart mit dem österreichischen Kameraspezialisten und Erfinder Otto Nemenz, der in Hollywood eine erfolgreiche Kameraverleihfirma aufgebaut hat. Zum Tod des Regisseurs Gary Marshall schreiben Christian Schröder (Tagesspiegel) und Andreas Kilb (FAZ).

Besprochen werden Mika Kaurismäkis Kostümfilm "The Girl King" (Perlentaucher, taz), Ivan Calbéracs "Frühstück bei Monsieur Henri" (Filmgazette), der Dokumentarfilm "Bolschoi Babylon" (Welt), Maren Ades Film "Toni Erdmann" (NZZ), der auf DVD erschienene "Bunker" von Nikias Chryssos (Filmgazette) und Justin Lins "Star Trek: Beyond" (taz, FAZ, SZ).
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Bühne

In Salzburg bastelt Dieter Dorn gerade an seiner Inszenierung von Becketts "Endspiel", das am 30. Juli Premiere haben soll. Im Interview mit dem Standard erzählt Dorn von seiner Suche nach dem "secret play" hinter dem Stück: "Es verblüfft, mit welcher Präzision Beckett ein Netz strickt; in dem jede Pause, jeder Gang ein absoluter Teil der Partitur ist. Wie der Notentext zu einem Stück Zwölftonmusik. Du darfst nicht einen Ton überspringen. Du hörst vielleicht als Laie nicht, wenn ein Ton womöglich zweimal vorkommt. Darunter sind viele Bedeutungen verborgen."

Besprochen werden Britta Thies an den Münchner Kammerspielen gezeigte Airbnb-Sitcom (Freitag), ein Abend mit dem Les Ballets Trockadero de Monte Carlo in der Komischen Oper in Berlin (Tagesspiegel) und Nick Reads Dokumentarfilm "Bolschoi Babylon", das nach Rainer Ganseras Ansicht (SZ) die Geheimnisse am Bolschoi-Ballett nur mäßig aufdeckt.
Archiv: Bühne

Architektur


Schloss-Arkaden Braunschweig, Grazioli und Muthesius Architekten, 2005-2007, Braunschweig, Deutschland. Foto © Thomas Meyer

Aus guten Gründen haben Einkaufszentren einen schlechten Ruf, dennoch widmet ihnen das Deutsche Architekturmuseum in München nun eine Ausstellung, die Laura Weißmüller von der SZ mit einigem Interesse besucht hat: Einst haben die Zentren Stadtraum ausgedörrt und Öffentlichkeit in einen von ökonomischen Partikularinteressen geprägten privaten Raum verwandelt - jetzt aber wird ihnen vom Onlinehandel die wirtschaftliche Substanz abgegraben: "Die Städte könnten diese Notlage der Malls ausnützen, indem sie vorgeben, was dort alles Platz haben muss. Es reicht nicht, nur einen Wettbewerb für eine hübsche Fassade auszuloben. Jetzt ließe sich die Hierarchie umdrehen: Die Öffentlichkeit steht über allem, sie gibt nicht nur die Richtlinien vor, sondern behält auch das Hausrecht."

Mit den Plänen des Berliner Senats für eine Megasiedlung am Rande Berlins sieht Dankwart Guratzsch in der Welt eine neue Baublamage kommen. Mit der Siedlung will der Senat auf die derzeitige Wohnungsnot reagieren, doch die günstigen Mieten seien lediglich ein "Rechentrick", so Guratzsch, und "wenn der Siedlungstyp Großwohnsiedlung bei oft lauthals beklagter Wohnungsnot heute an chronischem Bewohnerschwund und Leerstand leidet, so lässt sich unschwer daraus ablesen, dass viele Stadtbewohner inzwischen den Schwindel durchschauen. Spätestens seit der Wiedervereinigung hat sich der Trend gedreht. Aus den Bettenburgen, Schlafstädten und Arbeiterschließfächern strömen die Menschen zu Zehntausenden zurück in die Altbauviertel der Städte."

Wie man Ballungsgebiete am Stadtrand attraktiver gestaltet und verdichtet, weiß Jürg Sulzer in der NZZ: "Ensemble-Städtebau und Raumgeborgenheit in der Agglomeration neu zu gestalten, ist die radikale Antwort auf die heutigen Rahmenbedingungen der Globalisierung."
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Literatur

In der Zeit nimmt Peter Nadas Abschied von seinem Freund und Kollegen Peter Esterhazy: "Das will ich vielleicht noch erzählen, dass er der einzige Mensch in meinem Leben war, der mich auch dann nicht falsch verstand, wenn er mich nicht verstand. Und um­gekehrt war es auch so, voll und ganz. Es bedeutete Offenheit füreinander, ja, ich darf ruhig sagen, bedingungslose Offenheit und Zutrauen, aber es bedeutete längst nicht, dass wir uns gegenseitig in alle Einzelheiten unseres Lebens ein­geweiht hätten. Was in Ordnung war. Man braucht ja vom anderen bei Weitem nicht alles zu wissen. Wer darauf pocht, erfährt eventuell zu viel. Und darf dann nicht davon sprechen, ja, am besten formuliert er es nicht einmal für sich selbst. Eigentlich haben wir nicht einmal über andere, und nicht einmal in Konfliktsituationen, viel gesprochen."

Weitere Artikel: Für den Freitag hat David Graaf das Poesiefestival in Medellín besucht. Jan Wiele berichtet in der FAZ von einer literaturwissenschaftlichen Tagung in Bamberg zum Werk von Clemens J. Setz. In der Zeit erinnert sich Durs Grünbein an die verbotenen Hitler-Briefmarken seiner DDR-Kindheit, die er vorsichtshalber auf dem Kopf stehend in sein Album steckte.

Besprochen werden Anna Kordsaia-Samadaschwilis "Wer hat die Tschaika getötet?" (FAZ) und Jean Hatzfelds Erzählung "Plötzlich umgab uns Stille - Das Leben des Englebert Munyambonwa" (SZ). Mehr in unserem Metablog Lit21.
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Musik

Pitchfork dokumentiert ein ausführliches Gespräch, das der Pophistoriker Simon Reynolds 2002 mit dem gerade verstorbenen Punkmusiker Alan Vega geführt hat..

Besprochen werden die Ausstellung "Luther, Bach und die Juden" im Bachhaus in Eisenach (Freitag), das neue Album von Factory Floor (SZ), das neue Album von Betty Davis (Standard) und Jens Balzers Bilanz "Pop - Ein Panorama der Gegenwart" (SZ, mehr dazu im gestrigen Efeu).
Archiv: Musik
Stichwörter: Simon Reynolds

Kunst


Franz Matsch, "Porträt vom Sohn des Künstlers als 'Prinz Ludwig von Ungarn'" (1907). Abbildungen: Matsch / Belvedere

Fast alle Maler des späten 19. Jahrhunderts haben für ihre Bilder auf Fotografien zurückgegriffen, lernt Roman Gerold, der für den Standard die Ausstellung "Inspiration Fotografie" in der Orangerie des Wiener Belvedere besucht hat: "'Inspiration Fotografie' führt nun in jene spannende Phase, in der die Maler ihre spätere Unterlegenheit allenfalls befürchteten. In Wien war man selbstbewusst - die Diskussion über das Kunstpotenzial der Fotografie sollte hier später einsetzen als in England oder Frankreich. Einstweilen steckten die meisten die Kamera als Mittel zum malerischen Zweck in die Tasche. Sie sei ein 'vortreffliches Hilfsmittel', könne aber 'die Hand des Menschen nie entbehrlich machen', versicherte die Grätzer Zeitung 1842."


Andrés Jaque und das Office for Political Innovation. SUPERPOWERS OF TEN. 2013-16. Requisiten der Performance und 1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 43 Min. ZKM

Mit der von ihm im ZKM Karlsruhe kuratierten Ausstellung "Reset Modernity!" bedient sich der Soziologe Bruno Latour der Kunst für ein Gedankenexperiment, schreibt Ursula Scheer in der FAZ: Der Schub der Digitalisierung habe bewirkt, so die These der Ausstellung, dass das "Globale am Ende [ist]. Weil kein Mensch tatsächlich einen globalen Blickwinkel einnehmen kann. Man sieht immer nur lokal, aus einem bestimmten Blickwinkel, heutzutage meistens im Rahmen eines Displays, das uns aufbereitete Datenlandschaften darbietet. Der Globus ist für Latour eine Erfindung aus der Zeit der Kartographen, die noch glaubten, der Mensch könne die Erde betrachten wie ein Objekt und sich über sie stellen, als habe er nichts mit ihr zu tun. Das Ich hier, die Welt da."

Weitere Artikel: Andrea Tedeschi beobachtet für die NZZ mit der Museumswächterin Marianne Singer die Besucher im Kunsthaus Zürich. In der NZZ schreibt Urs Bühler den Nachruf auf den Schweizer Clown Dimitri.

Besprochen werden die Ausstellung "Undressed. A Brief History of Underwear" im Victoria and Albert Museum (NZZ), eine Ausstellung der Skulpturen von David Smith in der Zürcher Galerie Hauser & Wirth (NZZ) und der Bildband "Standpunkte" des Fotografen Werner Bischof (Freitag).
Archiv: Kunst