Efeu - Die Kulturrundschau

Glaube an das Diesseits

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12.05.2016. Die Filmkritiker streiten über Woody Allens Eröffnungsfilm für Cannes, eine Hommage an das Hollywood der Dreißiger. In der NZZ erklärt der amerikanische Autor David Mitchell die Elektroisolierungen seines jüngsten Romans. Der Freitag geißelt das Kapitulantentum deutscher Theater vor dem Islamismus. Der Tagesspiegel versichert: Keine Pimmel, nirgends, bei den Mülheimer Theatertagen. Die FAZ blüht auf mit der Kopf-ab-Symphonie Beethovens. Die NZZ bewundert Tingatinga-Künstler aus Tansania.

Film


Leuchtendes Bild: Kristen Stewart - intelligent, schnell, schön - in "Café Society" von Woody Allen.

Cannes
- die Spiele sind eröffnet. Zu Beginn gab es mit "Café Society" den 46. Spielfilm von Woody Allen. Der Film sei "ebenso eine Liebeserklärung an das Hollywood der Dreißigerjahre wie an das New York dieser Zeit", freut sich ein vergnügter Tim Caspar Boehme in der taz. Michael Kienzl von critic.de macht eher ein langes Gesicht: "Man muss Allen nicht an seinen frühen Arbeiten aus dem alten Jahrtausend messen, um festzustellen, dass 'Café Society' nichts richtig falsch macht, aber doch eine gewisse Müdigkeit ausstrahlt." Auch Tobias Kniebe von der SZ winkt ab: "Es geht um wahre Liebe versus Materialismus, mit vielen seelenvoll inszenierten Blicken. So recht funktioniert das nicht, es ist zu sehr aus der Zeit gefallen." In der FAZ bespricht Verena Lueken den Film und hat doch nur Augen für Kristen Stewart: "Sobald sie als Vonnie auftritt, intelligent, schnell, schön, leuchtet das Bild."

"'Café Society' ist wieder ein Allen, in dem viel mehr drin steckt, als seine nostalgische Oberfläche vermuten lässt", versichert Hanns-Georg Rodek in der Welt. Das sieht Wenke Husmann in der Zeit ähnlich: "Es ist ein gut arrangierter Lacher, wenn Bobbys jüdische Mutter an ihrer Religion beklagt, dass sie keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod anbietet: 'So läuft dem Judentum doch die Kundschaft weg.' Dabei ist es exakt dieser ausschließliche Glaube an das Diesseits und das Leugnen jedes Überdauerns, was den jüdisch aufgewachsenen Allen prägt und wozu er sich immer wieder bekennt." Einen internationalen Pressespiegel hat David Hudson auf KeyFrame Daily zusammengestellt.

Auch Joachim Kurz von Kino-Zeit taucht "nie wirklich in diese Welt ein", weist aber darüber hinaus auf ein interessantes Hintergrunddetail hin: Der Film wurde nämlich von Amazon produziert, womit für Kurz endgültig bewiesen ist, wie sehr man mit den neuen Playern aus dem Internet in der Filmwelt rechnen muss: Doch "im Fokus des Interesses der neuen Marktmacht stehen Filme bekannter Arthouse-Regisseure, die sich vor allem durch Prominenz und Verlässlichkeit, nicht aber primär durch Innovationskraft auszeichnen. Was das für die Zukunft des Kinos bedeutet, berechtigt gleich aus mehreren Gründen nicht unbedingt zu großem Optimismus: Auf diese Weise nämlich kann es einerseits geschehen, dass bestimmte Aspekte des Arthouse-Kinos nicht mehr in erster Linie in den Lichtspieltheatern der Welt abgebildet werden, sondern anderswo. Und andererseits zeigt es auch, dass es den neuen Playern nicht um künstlerische Innovation geht"

Nicht in Cannes ist Patrick Holzapfel - und das aus gutem Grund: Die Filmkunst regiere hier schon lange nicht mehr, sondern ein System aus Kumpanei und ästhetischer Implosion, wie er in einem bösen Essay auf Kino-Zeit darlegt: Nicht die großen Meisterwerke würden hier gesucht und gezeigt, sondern Cannes definiere überhaupt erst, was ein Meisterwerk sei - was "im Umkehrschluss bedeutet (und das ist tatsächlich normal in Cannes), dass ein mittelmäßiger oder sogar völlig uninteressanter Film eines bereits bekannten Mannes (es sind vor allem Männer, aber was sollte sich auch ändern bei Frémaux?) einem hochinteressanten, großartigen Film unbekannter Frauen und Männer vorgezogen wird. ... Für junge Filmemacher, die ihren Vorbildern nachstreben, bedeutet das ein ähnliches Denken. Cannes hat eine Vorbildfunktion und erzählt uns Jahr für Jahr, dass es Muster gibt, wie ein 'Autorenfilm' auszusehen habe, wie er funktionieren müsse, damit er einen Preis gewinnt. Nicht die Vielfalt des Kinos wird gefeiert und gefordert, sondern die Einheitlichkeit eines Systems."

Weiteres: Für die taz spricht Toby Ashraf mit dem Videokünstler Omer Fast, dessen Kinodebüt, der Thriller "Remainder", heute anläuft. In der taz empfiehlt Katrin Doerksen Djibril Diop Mambétys 1973 im Senegal entstandenen Film "Touki Bouki", den das Berliner Kino Arsenal in einer Reihe zum Thema "Farbe im Film" zeigt. Frédéric Jaeger (critic.de), Daniel Kothenschulte (FR) und Philipp Bovermann (SZ) resümieren die Oberhausener Kurzfilmtage. Für die Spex berichtet Sonja Matuszczyk vom FilmPolska-Festival in Berlin. Michael Kienzl von critic.de hat sich in Frankfurt eine Retrospektive der auf 35mm erhaltenen Filme von Eloy de la Iglesia angesehen, der "flexibel im Umgang mit Genres ist und eine ungewöhnliche Gratwanderung zwischen einem klassischen Geschichtenerzählen und der Lust an der Grenzüberschreitung vollzieht."

Besprochen werden Laura Lackmanns gleichnamige Verfilmung von Sarah Kuttners Bestseller "Mängelexemplar" (SZ) und Adolf Winkelmanns Verfilmung von Ralf Rothmanns Ruhrpottroman "Junges Licht" (Tagesspiegel, ZeitOnline, FAZ).
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Architektur

In Berlin hat Architekt Jan Kleihues eine Schar von Journalisten zum Rundgang durch das neue, in seinen Dimensionen gewaltige Gebäude des Bundesnachrichtendiensts in der Berliner Chausseestraße geladen. Andreas Kilb fühlte sich gestern in der FAZ an eine Festung erinnert. In der SZ beschreibt Laura Weißmüller das Gebäude heute als "ein Monster von Symmetrie und Strenge .. . Der BND hat sich eine uneinnehmbare Burg gewünscht und ein Schloss bekommen, mit versteckten grünen Innenhöfen, Wassergraben und etwas Goldpuder." Im Tagesspiegel staunt Bernhard Schulz unterdessen aufs Staatstragendste über die Dimensionen und Facetten des Gebäudes: "Allein die Lichthöfe sind atemberaubend. ... Es ist schon ein Jammer, dass die beiden fabelhaften monumentalen Innenhöfe der Öffentlichkeit niemals zugänglich sein werden."

Außerdem: Gerhard Matzig (SZ), Bernhard Schulz (Tagesspiegel), Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) und Niklas Maak (FAZ) gratulieren Daniel Libeskind zum 70. Geburtstag.
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Literatur

Im NZZ-Interview mit Jürgen Brôcan spricht der amerikanische Autor David Mitchell über seinen neuen Roman "Die Knochenuhren". Obwohl er versucht, jedes Buch anders zu schreiben, gibt es doch eine Gemeinsamkeit, erfährt man: "Manchmal denke ich, dass meine optimale Form eigentlich die Novelle ist und dass meine großen Romane eine Reihung von Novellen sind, wie Legosteine ineinandergesteckt. Die Wände der Novellen, aus denen die 'Knochenuhren' bestehen, sind Elektroisolierungen, die es ein und demselben Roman ermöglichen, Entwicklungsroman, Gesellschaftsroman, politischen bzw. Kriegsroman, Satire, Fantasy und Dystopie zu enthalten, ohne die Kohärenz zu sprengen. Hoffe ich jedenfalls."

Ebenfalls in der NZZ feiert Jan Koneffke "Alle Eulen", den neuen Roman des rumänischen Autors Filip Florian: "Florian ist ein Meister des langen, eleganten, eher ausschwingenden als ausschweifenden Satzes und so anschaulicher wie überraschender Metaphern und Sprachbilder. Er liebt das Detail, ohne es auszuwalzen. Sein ästhetisches Verfahren verleiht der Erzählung den Charakter von großer Sinnlichkeit, die an keiner Stelle gewollt oder aufdringlich wirkt."

Außerdem: Im Nachtstudio des Bayerischen Rundfunks fragt sich Thomas Palzer angesichts der zusehends überalternden Popliteratur: "Wie pop ist noch deutsche Literatur?" (hier gibt es zudem das Manuskript zur Sendung)

Besprochen werden Lasha Bugadzes "Der Literaturexpress" (Freitag), Don Winslows "Germany" (Freitag), Nell Zinks "Der Mauerläufer" (FAZ) und Neel Mukherjees "In anderen Herzen" (SZ).
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Bühne

Gegen die Intoleranz von AfD und Pegida herrscht Konsens im Theaterbetrieb - auf eine Position zum islamistischen Terror angesprochen, reagiert man unterdessen verschnupft, ärgert sich Martin Eich im Freitag. Ja, schlimmer noch: Man mache mitunter sogar lieb Kind. "Kapitulantentum (...) bewies Ostermeiers Schaubühne. Kaum hatte man erfolgreich einen Rechtsstreit wegen Falk Richters AfD-kritischer Inszenierung 'Fear' durchgefochten, fuhr man im Januar mit Hamlet zum Fajr-Theaterfestival nach Teheran. Auch das Nationaltheater Mannheim gastierte vor zwei Jahren im Iran, das Berliner Ensemble unter Claus Peymann schon 2008. Dass noch immer die 1989 gegen Salman Rushdie wegen seines Romans 'Die satanischen Verse' verhängte Fatwa gilt und das Kopfgeld jüngst auf knapp vier Millionen Dollar erhöht wurde: egal! "

Auch im Tagesspiegel geht es um Grundsätzliches: Ein beliebter Vorwurf an moderne Inszenierungen lautet, dass diese außer Pimmeleien und Neurosen nicht viel bieten zu haben. Christine Wahl, Jurorin der Mülheimer Theatertage und entsprechend im Gegenwartstheater bewandert, kann dies nicht nachvollziehen: "Kein Pimmel, nirgends in der Uraufführungsliste! Dafür hätte die Mülheim-Jury dieses Jahr mindestens drei Festivals zur Flüchtlingsthematik kuratieren können, letztes Jahr zum NSU und vorletztes zur Realkapitalismuskritik. Jeweils unter rein quantitativen Gesichtspunkten, versteht sich. Denn dass bei Weitem nicht jeder die Qualität einer Elfriede Jelinek, eines René Pollesch, eines Wolfram Lotz oder eines Ewald Palmetshofer erreicht, ist unbestritten. Diesbezüglich dürften sich die 2010er nur unwesentlich von den 1960ern unterscheiden." Dann können wir ja beruhigt schlafen.

Weiteres: Tazler Sascha Ehlert porträtiert den Jungregisseur Ersan Mondtag, dessen Stück "Tyrannis" beim Berliner Theatertreffen gezeigt wird. Am Berliner Ensemble erinnerte man an das vor 12 Jahren geschlossene, jetzt mit einer Buchveröffentlichung gewürdigte Frankfurter Theaterlabor TAT, berichtet Peter von Becker im Tagesspiegel. Die Zeit hat Christine Lemke-Matwey mit Cecilia Bartoli online nachgereicht.

Besprochen werden Stephan Kimmigs Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" am Deutschen Theater Berlin (Freitag), Rosamund Gilmores Leipziger "Ring" (FR) und Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks "Wut" (Freitag).
Archiv: Bühne

Kunst


Bild: Amonde

In der NZZ bewundert Sieglinde Geisel eine Ausstellung der Tingatinga-Künstler Agnes Mpata und John Kilaka in der Galerie Anke Tölle in Warnemünde. Schade, dass diese Kunst aus Tansania fast nur ins westliche Ausland verkauft wird: "Edward Saidi Tingatinga hatte die Malerei einst als Möglichkeit entdeckt, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen. Seine frühen Bilder zeigen Löwen, Elefanten, Leoparden in einfachen, klaren Formen, mit einem unverkennbaren Ausdruck. Seit seinem Tod im Jahr 1972 hat sich die Tingatinga-Malerei differenziert: Es gibt inzwischen ganze Familien, die einen eigenen Stil kultivieren. Die quasinaive Anmutung ist geblieben, doch die Tierdarstellungen sind komplexer und meist wird der leuchtend farbige Hintergrund von fein gezeichneten Blättern oder gepunkteten Linien strukturiert. Bäume verzweigen sich ornamental, ein Schwarm Fische dreht sich in einem spiralförmigen Strudel."

Besprochen werden eine Ausstellung des amerikanischen Künstlers Theaster Gates im Kunsthaus Bregenz (mit leisem Bedauern wünschte sich Hans-Joachim Müller in der Welt, "einmal eine 'afroamerikanische Kunst', die sich nicht gar so gefangen gibt in der Geschichte der Diskriminierung und sie etwas gelassener verschmäht, all die Stereotypen des weißen Befremdens vor dem schwarzen Fremden"), eine Ausstellung des Modefotografen Nick Knight in der Zürcher Galerie Christophe Guye (NZZ), Marcie Begleiters Dokumentarfilm über die Künstlerin Eva Hesse (Freitag), Theaster Gates' Ausstellung "Black Archive" im Kunsthaus Bregenz (taz) und die Wolfgang-Leber-Retrospektive im Märkischen Museum in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Musik

In Freiburg hat das SWR-Sinfonieorchester vor seiner umstrittenen Fusion mit dem Stuttgarter Rundfunkorchester seinen Abschied gefeiert. Mit weinendem Auge war auch FAZlerin Eleonore Büning anwesend. Zu hören gab es an diesem Abend unter anderem "eine atem- und rastlos losstürzende Beethovensche Fünfte, seine c-Moll-Symphonie, die mit dem penetrant alles durchwuchernden Revolutionsklopfmotiv, diesem Schicksals- und Kopf-ab-Motiv. Schneller und schärfer geht's nimmer: So deckt Roth auf, wie viel Grausamkeit und Wut in dieser Musik steckt, bis plötzlich, grundlos, ja vollkommen unlogisch, das Oboenmotiv aufblüht, als Hoffnungsregenbogen eine neue Zeit ankündigend. Auch das war die Botschaft dieses viertägigen Abschiedskonzert-Festivals: Das Leben geht weiter."

Timon Karl Kaleyta vom Freitag aalt sich geradezu im mediterranen Wohlstandsfluff, den die Düsseldorfer Band Stabil Elite auf ihrem neuen Album präsentiert. "Es klingt nach Zukunft, mindestens nach Gegenwart - denn Band und Stadt treffen sich nun in ihrer gemeinsamen Vision von der Riviera am Rhein. Fast alles am neuen Album Spumante klingt, als wäre es an Deck einer vor Saint-Tropez ankernden Segelyacht aufgenommen." Dazu das aktuelle Video:



Weiteres: Auf ihrem neuen Album "A Moon Shaped Pool" haben sich Radiohead nicht "neu erfunden", stellt ein dennoch zufriedener Jens Uthoff in der taz fest. Auf Pitchfork feiert Jayson Greene das Album. Klaus Doldinger wird 80: In der SZ lässt Andrian Kreye den Jazzer wichtige Stationen seines Lebens Revue passieren. In der Welt gratuliert Josef Engels, in der FAZ Wolfgang Sandner. Hans-Jürgen Linke gratuliert in der FR der Jazzkomponistin Carla Bley zum 80. Geburtstag. Hans-Klaus Jungheinrich erinnert in der FR an den Komponisten Max Reger, der vor 100 Jahren gestorben ist. Und zum Tod des Trio-Trommlers Peter Behrens schreibt Holger Kreitling in der Welt.

Besprochen wird das neue Album von James Blake (Pitchfork).
Archiv: Musik