Efeu - Die Kulturrundschau

In zu grellen Farben

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11.03.2016. Cargo gibt sich in Paris den Energieströmen von Daidō Moriyamas Tokio-Schnappschüssen hin. Die Welt staunt über die Strategie kunstvoller Selbstunterbietung in den Werken Jean Dubuffets. Der Tagesspiegel stellt die Fukushima-Fotos von Masamichi Kagaya vor. Words without Borders übersetzt zehn marokkanische Autoren. Die taz hört unerhört Musiknerdiges auf einem Allgäuer Bauernhof.

Kunst


Daido Moriyama, Tokyo Color, 2008-2015. Courtesy of the artist / Daido Moriyama Photo Foundation

Straßenszenen in Tokio, "aufgeblasen, verrauscht, in zu grellen Farben (ja, es sind alles Farbfotografien)", mit Billigkameras fotografiert - Daidō Moriyamas in der Pariser Fondation Cartier ausgestellte Fotos drängen dem Betrachter keine Handschrift oder einen Stil auf. Sie entladen sich als Energieströme, schreibt Ekkehard Knörer in Cargo, auch wenn die Art der Präsentation das eher behindere. Die Fotos machen "um ihre Machart nur insofern Aufhebens (...), als sie das Snapshothafte, das ihre Art ist, nicht herunterspielen, sondern in der Diskrepanz von Größe und Qualität noch betonen", so Knörer: "Nähme jedes Bild - wie es Balzac laut Nadar fürchtete - von dem, was es zeigt, eine den Gegenstand nach und nach abtragende Schicht, so wäre diese Schicht bei Moriyama hauchdünn; fast nähme sie von der Wirklichkeit nichts. Sie ist leicht, sie verlangt der Netzhaut so wenig ab wie dem Denken. ... Ich gehe zurück auf die Straße, entlang am Cimetière Montparnasse. Nicht so sehr reicher an Bildern; aber reicher an Begehren, die Stadt als Energie von Bildmöglichkeiten zu erleben."

Mit "kultureller Kunst" wollte Jean Dubuffet nie etwas zu tun haben. Direkt aus dem Leben sollte sie kommen. Aber je länger Hans-Joachim Müller für die Welt durch die große Jean-Dubuffet-Ausstellung in Basel geht, desto unterverständlicher wird ihm, "wie sich das Urteil bis heute hat halten können, Dubuffet sei im Grunde ein heiterer Maler, der stets zu Bild-Späßen aufgelegt gewesen sei und dem pathetischen Ernst des Surrealismus seine Pfannkuchenleiber und Punkt-Punkt-Komma-Strich-Gesichter entgegen gehalten habe. Eher klingt der Grundton finster. Und bei allen Strategiewechseln, bei denen der Maler geradezu wandlungssüchtig sein eigenes Spiel immer wieder neu erfindet, scheint er fast panisch bedacht, sich nicht selber auf die Schliche zu kommen. Selbsterfüllung durch kunstvolle Selbstunterbietung, vielleicht müsste man es so sagen." (Bild: Jean Dubuffet, Ponge feu follet noir (Ponge als schwarzes Irrlicht), 1947. Foto: Peter Schibli, Basel)



Christiane Peitz stellt im Tagesspiegel eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Fukushima-Katastrophe vor, die man auch als App besichtigen kann: "Die Bilder, die der japanische Fotograf Masamichi Kagaya mit dem emeritierten Biotechnologieprofessor Satoshi Mori mittels Autoradiografie-Technik erstellt hat, machen das Unsichtbare sichtbar: Radioaktivität. Geduldig haben sie verstrahlte Objekte gesammelt und mit der Technik aus der Mikroskopie wie der Medizin experimentiert, bis es funktionierte." Das Foto zeigt einen verstrahlten Kindergummistiefel.

Besprochen werden die Ausstellung "Ich" in der Frankfurter Schirn (FR), James Caseberes Ausstellung "Flüchtig" im Haus der Kunst in München (FAZ), die Ausstellung "Klimt, Kupka, Picasso und andere - Formkunst" im Wiener Belvedere (Standard) und Henning Albrechts Biografie über Horst Janssen (FAZ).
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Literatur

Words without Borders hat eine neue Ausgabe herausgebracht mit einem Schwerpunkt auf marokkanischen Autoren. Nur eine Handvoll wurde bisher ins Englische übersetzt, schreibt Emma Ramadan im Vorwort. Aber sie hofft, dass die zehn vorgestellten Autoren, die für das Heft aus verschiedenen Sprachen und Dialekten Marokkos ins Englische übersetzt wurden, "eine Anregung für jeden sind, der sich für literarische Entdeckungen aus Marokko interessiert. Diese Autoren tun wichtige Dinge in der Literatur ihres Landes seit der Unabhängigkeit, einer Periode voller neuer Energie, Vitalität und Ehrlichkeit. Keiner konnte bisher ein ganzes Buch auf Englisch veröffentlichen. Die jungen arabophonen Autoren Mohammed El Khadiri und Soukaina Habiballah haben bisher gerade mal Exzerpte veröffentlicht. Ihre Arbeiten sind aus dem klassischen Arabisch und aus dem Französischen übersetzt, aber - im Fall von Mourad Kadiris spielerischer reimender Lyrik - auch aus dem Darija (dem marokkanischen Arabisch) und - im Fall von Khadija Arouhals militanter feministischer Arbeit - aus dem Tamazight." Stoff zum Entdecken (alle Texte kann man auf Englisch und manchmal auch in beiden Sprachen lesen) und zum Weiterforschen also.

Weiteres: Für die taz führt Paul Wrusch durch das Programm der Lit.Cologne.

Besprochen werden Reiko Momochis Manga "Daisy aus Fukushima" (taz), Thomas von Steinaeckers "Die Verteidigung des Paradieses" (Freitag), Bov Bjergs "phantastischer, ebenso einfühlsamer wie dezent schnoddriger Roman" Auerhaus (Jungle World), Nis-Momme Stockmanns "Der Fuchs" (FR), Thomas Glavinics "Der Jonas-Komplex" (FR) und Ronja von Rönnes "Wir kommen" (Zeit). Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in unserem Metablog Lit21.


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Bühne



In der FAZ freut sich Andreas Rossmann darüber, wie glänzend es der Bundeskunsthalle in Bonn geglückt ist, Pina Bauschs Schaffen für eine Ausstellung aufzubereiten: "Das Tanztheater wird förmlich unters Mikroskop gelegt. Und bewahrt seine Magie. Es ist nicht zu fassen."

Außerdem: In der SZ resümiert Peter Laudenbach das Heiner-Müller-Festival im Berliner Haus, nach dem er dem so Geehrten ein nach wie vor bestehendes "erhöhtes Irritationspotenzial" attestiert.

Besprochen werden Yuval Sharons Inszenierung der Eötvös-Oper "Tri Sestri" in Wien (NZZ), Elias Perrigs Heidelberger "Richard III." (Nachtkritik) und Péter Eötvös' "Tri Sestri" an der Wiener Staatsoper (FAZ).
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Architektur

In München wurde der deutsche Pavillon für die Architekturbiennale in Venedig vorgestellt: Die von Oliver Elser kuratierte Schau befasst sich vor allem mit Fragen nach der Unterbringung von Flüchtlingen und den architektonischen Herausforderungen, die damit einher gehen, berichtet Laura Weissmüller in der SZ. Auf makingheimat.de gibt es weitere Informationen.
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Film

Traurig: Die BBC meldet den Tod von Ken Adam, dem großartigen, für die Gestaltung zahlreicher Klassiker wie Stanley Kubricks "Dr. Seltsam" und vieler James-Bond-Filme verantwortlichen Production Designer. Bei Nerdcore gibt es ein tolles Video über Adams Schaffen:



Weitere Artikel: Das Wiener Filmfestival Diagonale erinnert in seiner Retrospektive "Das zweite Exil" an fünf österreichische Künstler, die nach Ost-Berlin emigrierten: Wolfgang Heinz, Erika Pelikowsky, Otto Tausig, Lilly Schmuck und Karl Paryla, berichtet Ralf Schenk in der Berliner Zeitung. Und Claus Löser gratuliert dem widerspenstigen Regenbogenkino in Berlin-Kreuzberg zum 35-jährigen Bestehen. Mit Napster hatte Sean Parker die Musikindustrie aufgemischt, nun soll sein Startup The Screening Room dasselbe, wenn auch legal, für den Kinobetrieb besorgen, meldet David Steinitz in der SZ unter Rückgriff auf eine Variety-Meldung: Gegen einen Preis von 50 Dollar will das Angebot aktuelle Kinofilme parallel zum Kinostart und mit einer finanziellen Entschädigung für die Kinobetreiber direkt ins eigene Heim streamen.

Besprochen werden László Nemes' "Son of Saul" (FR, unsere Kritik hier), Jay Roachs "Trumbo" (FAZ, unsere Kritik hier), Sacha Baron Cohens neuer Film "Der Spion und sein Bruder" (Welt) und Doris Dörries "Grüße aus Fukushima" (FR, FAZ).
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Musik

Tazlerin Lisa Forster staunt: Den nerdigsten Equipment-Fachhandel findet der geneigte Vinylfreund nicht etwa in einem hippen Berliner Stadtteil, "sondern zwischen Kuhherden im Allgäu". Seit den 70ern geht der Hifi-Bauernhof in Altusried seinen Geschäften nach und veranstaltet mitunter auch Listening Sessions, wo die Fachleute unter sich sind: "Wäre man nicht dabei, man könnte nicht glauben, was sich hier gerade abspielt. Der Musiktreff auf einem Allgäuer Bauernhof übertrifft die Nerdigkeit jedes Bescheidwissen-Gesprächs in den Kneipen der Großstädte um ein Weites."

Das überraschend veröffentlichte Album "untitled unmastered" verleiht "dem großen Bildungsroman des Kritikerlieblings 'Kendrick Lamar' wieder neue Glaubwürdigkeit", meint Christian Werthschulte in der taz (eine weitere Besprechung bringt The Quietus). Für Skug hat sich Jannik Eder mit der Band Die Nerven unterhalten.

Besprochen werden ein Band mit 26 "Musikalischen Reisebildern" aus dem Nachlass des Philosophen und Musikwissenschafters Harald Kaufmann (NZZ), das neue Album von Fatima Al Qadiri (Pitchfork), Iggy Pops "Post Pop Depression" (Pitchfork), Patti Smiths neues Buch "M Train - Erinnerungen" (Spex) und ein Auftritt von Erika Stucky (FR).
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