Efeu - Die Kulturrundschau

Sagt jemand 'Coolness', sagt jemand 'Dekadenz'

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04.07.2015. In Klagefurt traf Ronja von Rönne auf eine enttäuschte Jury, die sich nicht einmal richtig provoziert fühlte. Viel interessanter fand Zeit Online ohnehin die Lesung von Monique Schwitter. Die taz erkundet, wann die Kreativität ihre Unschuld verlor. Die Welt picknickt mit Oper in Glyndebourne. Außerdem fragt sie seufzend, warum nur in Amerika Frauen aussehen können wie intellektuelle Statements. Die SZ erlebt beim Filmfest München mit dem Schauermärchen "Nachtmahr" einen heftigen Filmrausch.

Film


Erotik aus der Nische: Das schauerromantische Technomärchen "Der Nachtmahr". Bild: Filmfest München.

Für die SZ resümiert David Steinitz das Filmfest München, genauer: dessen Schwerpunkt mit deutschen Filmen, die seiner Ansicht nach in diesem Jahr von besonderer Wildheit waren. "Der Nachtmahr" des Regisseurs AKIZ (d.i. Achim Bornhak) etwa, eine Schauergeschichte im Stil der deutschen Romantik über ein von einem Gnom heimgesuchtes Mädchen: "Achim/AKIZ erzählt diese Geschichte als erotischen Pubertäts-Albtraum, im blitzenden Stroboskoplicht und mit heftigen Technobässen ... Solche heftigen Filmräusche könnte das deutsche Kino öfter vertragen." Denn wo die großen deutschen Produktionen einen eher indifferenten Eindruck hinterließen, "pulsiert das wilde Leben in den Nischenfilmen, die ein bisschen aus dem Nichts kommen."

Könnte der deutsche Film also besser kaum sein? Ganz im Gegenteil, meint Lothar Herzog, Absolvent der dffb, im Freitag in einem Plädoyer für eine stärkere kulturelle Ausrichtung der Filmförderung. Dazu müssten jedoch nach französischem Vorbild endlich Sachverständige, also Leute vom Film und Kritiker, Zutritt zu den entsprechenden Gremien finden: "Würde es deutschen Politikern einfallen, Theater, Opern, Museen, Galerien oder Buchverlage als "Industriezweig" an der chemischen Industrie zu messen? Warum fördern wir nicht auch gezielt qualitativ hochwertige Filme, sondern sehen in unserer Filmkultur nur einen Vorwand für Wirtschaftsstandortpolitik?" Wie gut der deutsche Film mal war, kann man derzeit im übrigen im Onlinekino von SpOn nachvollziehen: Dort gibt es aktuell Johannes Flütschs und Manfred Stelzers raren und ziemlich tollen Dokumentarfilm "Monarch" (1980) über einen professionellen Spieleautomat-Meister zu sehen. Eine echte Empfehlung für den warmen Samstagabend!

In der Berliner Zeitung freut sich Thomas Klein über 30 Jahre "Zurück in die Zukunft". Rolf Giesen trägt für die Welt Näheres zu Walt Disneys heiklem Besuch in Nazi-Deutschland 1935 zusammen. Besprochen werden der österreichische Horrorfilm "Ich seh, ich seh" (FAZ, Perlentaucher) und Thomas Cailleys "Liebe auf den ersten Schlag" (Tagesspiegel, FAZ).
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Architektur

Bundespräsidenten und -kanzler hatten nicht immer so ein gutes Verhältnis zu Architekten wie Joachim Gauck, bemerkt Gerhard Matzig (SZ) nach einer Feier auf Schloss Bellevue, zu der der Bundespräsident zahlreiche Architekten geladen hatte: "Gut, dass der Bundespräsident sich der wahren Baukultur und ihren Schöpfern zuneigt. Nach der Ära der Architekturverdrossenheit unter deutschen Politikern ist das eine schöne Aussicht."
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Stichwörter: Baukultur, Joachim Gauck

Kunst

Daniel Kortschak berichtet in der FR von seinem beschwerlichen Ausflug nach Mons, einer der beiden aktuellen europäischen Kulturhauptstädte. In der FAZ schreibt Dietmar Dath zum Tod des Science-Fiction-Illustrators Klaus Bürgle (hier einige Kostproben). Berthold Seewald folgt in der Welt den Nachforschungen des Kunsthistorikers Jürgen Kloosterhuis zu Menzels offenbar aus Unlust unvollendet gebliebenem Leuthen-Gemälde.

Besprochen werden die Ausstellung "Über Wasser" in Hamburg (Tagesspiegel), die Schau "Klimt und die Ringstraße" im Wiener Belvedere (Standard), eine Ausstellung des Künstlers und "somnambulen Wanderers" Jun Yang in der Galerie Janda in Wien (Standard) Julia Voss" Kunstbetriebsstudie "Hinter weißen Wänden - Behind the White Cube" (taz) und die Ausstellung "Ansichtssache - Leipziger Maler und ihre Stadt" in der Galerie des Neuen Augusteums in Leipzig (FAZ).
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Musik

taz-Kritiker Frank Schäfer reibt sich eher am neuen Album "The Monsanto Years", mit dem Neil Young die Faust gegen böse Agrarkonzerne reckt. Der Gestus mag wohl stimmen, so Schäfer, doch die Ästhetik gibt"s nicht her: "Endlich liegen die Dinge wieder klar, endlich gibt es wieder ein eindeutiges Feindbild, gegen das man seine Gitarre in Stellung bringen kann. Diese Maschine killt skrupellose Firmenbosse. Allein die Musik will hier gar nicht so recht passen, ein schunkelnder Shuffle, der sich auch noch in scheinheiliger Flöterei gefällt, es hat fast den Eindruck, die bräsige Form soll die knallharte Anklage etwas abfedern." Mehr zum Album hier.

Manuel Brug durfte für die Welt zum Opernfestival nach Glyndebourne reisen, bei dem er die "Entführung aus dem Serail" in Maßen genießen konnte: "Und doch stimmt vieles nicht, bleibt spießig konservativ. Erfüllt aber alle Niedlichkeitsklischees, die man gegen die Country House Opera als wohlfeiles Entertainment der Reichen ins Feld führen könnte."

tazler Thomas Winkler unterhält sich ausgiebig mit Konstantin Wecker. Außerdem hat sich die sonst so streamingkritische SZ von DJ Koze eine vierstündige Spotify-Playlist fürs Aushalten der hohen Temperaturen erstellen lassen.

Besprochen werden ein Auftritt von ZZ Top (Tagesspiegel), das laute Berghain-Konzert von Lightning Bolt (Berliner Zeitung) und ein Klavierkonzert von Marc-André Hamelin (FAZ).
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Bühne

Besprochen werden die in Manchester aufgeführte, von Blur-Frontmann Damon Albarn erstellte Musicalvariante von "Alice in Wonderland" (SZ) und Alain Platel in Ludwigsburg aufgeführtes Musiktheaterstück "En avant, marche" (FAZ).
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Stichwörter: Alain Platel, Damon Albarn

Literatur

Zweiter Tag in Klagenfurt - und der Auftritt der bereits im Vorfeld umstrittenen Welt-Redakteurin Ronja von Rönne mit ihrem Text "Welt am Sonntag" (hier als pdf). Annabelle Seubert (taz) sieht in dem Text die Geschichte "eines Großstadtmädchens, das sehr früh erwachsen geworden ist", eine Geschichte, über die sich die Jury kaum eins wurde: Es werden "Begriffe gesagt, die jetzt gesagt werden müssen. Sagt jemand "Coolness", sagt jemand "Dekadenz". Sagt jemand "Sinnsuche", sagt jemand "Sehnsucht". Sagt jemand "Anpassung", sagt jemand "System". Nur Sandra Kegel von der FAZ: Die sagt gar nichts."

Rönnes Text fiel "einigermaßen schlapp vor Publikum und Jury auf den Boden ", meint derweil Wiebke Porombka auf ZeitOnline. Viel anregender fand sie die Texte von Falkner (pdf) und Monique Schwitter (pdf), zumal diese auch die Juroren ordentlich in Fahrt brachten: Wer diesen "zuhörte, konnte sich (...) davon überzeugen, dass es durchaus eine Qualität ist, wenn man sich erst einmal die Mühe macht, einen Gegenstand zu durchdringen, seine Machart, sein Ansinnen zu verstehen, zu formulieren, um in einem zweiten Schritt dann zu begründen, warum man dieses für gelungen hält oder eben auch nicht. Klingt nach einer Banalität. Wird aber leider allzu oft vergessen, im Leben wie in der Literaturkritik."

In der NZZ urteil Roman Bucheli knapp: "Viel Trash an diesem zweiten Tag, viel guter Wille aber auch, doch wenig poetische Überzeugungskraft." In der Presse bilanziert Harald Klauhs die ersten Tage des nach den Finanznöten "durchlüfteten" Wettbewerbs: "Selbst die schwächsten Anfangstexte waren bereits besser als die besten des Vorjahrs." Alle Aufnahmen aus Klagenfurt hier.

Hannah Lühmann trifft die amerikanische Schriftstellerin Lydia Davis zum Tischgespräch und ist hin und weg: "Lydia Davis lächelt. Sie sieht ein bisschen aus wie eine attraktivere Version von Michel Houellebecq, auf eine coole Weise farblos. Irgendetwas ist in Amerika besser, denke ich, weil Frauen da so aussehen können: wie intellektuelle Statements. Lydia Davis könnte einen Detektiv in einem Film noir spielen."

In Andreas Reckwitz" Studie "Die Erfindung der Kreativität" findet Dirk Knipphals von der taz ein gutes Werkzeug, um die Gegenwartsliteratur auch im Hinblick auf den Zwang zum Kreativsein gut aufzuschlüsseln: "Bei Maier und bei Knausgard kann man erfahren, dass Kreativität tatsächlich keineswegs unschuldig ist. Wenn man so will: Statt den Weg zur Selbstverwirklichung leben ihre Helden die großen Dramen zwischen Selbstentwerfen und Scheitern an den eigenen Ansprüchen aus, die mit ihr verbunden sein können. Hinzufügen lässt sich aber gleich, dass der Wunsch, dann eben nicht kreativ sein zu wollen, nichts bringt. Das schaffen wir nicht. In unserer Angestellten- und Beziehungswelt muss man, um ein eigenes Leben zu gewinnen, durch solche Dramen hindurch, auch als Nichtkünstler.""

Weiteres: Franz Haas erinnert in der NZZ an die vor hundert Jahre geborene, lange missachtete österreichische Dichterine Christine Lavant: "Glaube, Liebe und Hoffnungslosigkeit, Katholizismus, Armut und Aberglaube sind Lavants Minenfelder." In der Welt schreibt Gisela Trahms über die laut Thomas Bernhard "völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene". In der FAZ schreibt Jürg Altwegg über den Schriftsteller Michel Tournier. Mortel Freidel (FAZ) gratuliert dem Schriftsteller Josef Haslinger zum Sechzigsten.

Besprochen werden Luise Boeges "Kaspers Freundin" (taz), der Abschluss von Manu Larcenets Comic "Blast" (Tagesspiegel), einige "Mr. Duckworth"-Kriminalromane von Tim Parks (SZ) und Peter James Bowmans "Ein Glücksritter" (FAZ).
Archiv: Literatur