Efeu - Die Kulturrundschau

Machtergreifung der Kunst

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02.07.2015. Mutter, bist das du? Die Filmkritiker kommen nachhaltig beunruhigt aus Veronika Franz' und Severin Fialas Horrorfilm "Ich seh, ich seh". In der Zeit erklärt sich Regisseur Dietrich Brüggemann kurzerhand zur Gesundheitspolizei Deutschlands. Im Freitag erklärt Jonathan Meese en detail, was dem Bayreuther Publikum entgeht ohne ihn. Die NZZ sieht Musik mit Klee und Kandinsky. Die Welt hüpft mit einem Eichhörnchen durch Mahlers Dritte.

Film


Trotz Nähe zum österreichischen Autorenfilm kaum kaschiert: Beunruhigende Szene aus "Ich seh ich seh".

Die Filmkritik ist begeistert von Veronika Franz" und Severin Fialas Horrorfilm "Ich seh ich seh", in dem zwei Jungs den Verdacht hegen, dass ihre Mutter nach einer Gesichts-OP ausgetauscht worden sei. Barabara Schweizerhof von der taz freut sich darüber, wie ernst die beiden Regisseure ihr Genre nehmen, ohne es der Parodie oder allzu offensichtlichen Genre-Mechanismen preiszugeben: "Selten etwa hat man so sinnlich-eindrücklich demonstriert bekommen, dass das Muttersein eine Handlung ist, die sich nur ausführen, nicht beweisen lässt. Das Diktum von den Filmen, die erst im Kopf des Zuschauers entstehen, trifft hier in vollem Maße zu: Im raffinierten Spiel von Zeigen und Verbergen, von drastischen Bildern und unsichtbarem Schrecken wird das, was sich im Unsichtbaren dieses Films abspielt, zu dem, was in den Bann zieht."

Das der Film trotz Arthouse-Ästhetik sehr unbehaglich geraten ist, imponiert Rajko Burchardt im Perlentaucher: Er "ist so garstig und drakonisch wie die allerbesten Filme des von gruseligen Knirpsen bevölkerten, zumeist eher schlecht beleumundeten Subgenres "Kinderhorror". ... Zwar stellt das Regieduo Severin Fiala und Veronika Franz bewusst eine Nähe zum sezierwütigen österreichischen Kino von Michael Haneke oder Ulrich Seidl (der als Produzent mit an Bord ist) her; eigentlich jedoch hat der überaus empfindsame, seine Verwandtschaft mit dem Melodram kaum kaschierende Film mit deren arthausig-verfremdetem Naturalismus kaum etwas gemein. Viel eher funktioniert "Ich seh ich seh" als hochgradig affektreicher Horrorfilm, der seine programmkinotaugliche Ästhetik heimtückisch als Mittel zum Zweck einsetzt - und nachhaltig beunruhigt." Im Freitag bespricht Thomas Groh, in der Zeit Katja Nicodemus den Film.

"Komisches Material ist eine Art Sprengstoff. Das liegt herum, bis einer das Feuerzeug dranhält", erklärt der Regisseur Dietrich Brüggemann im Gespräch mit Martin Machowecz und Stefan Schirmer von der Zeit über seine Neonazi-Komödie "Heil", die gerade auf dem Münchner Filmfest Premiere feierte und am 16. Juli in die Kinos kommt: "Man betrachtet die Welt wie ein Aasgeier. Der ist eine Art Gesundheitspolizei der Anden, weil er das ganze Aas auffrisst. Ich bin als Komödiant auch so eine Gesundheitspolizei. Man pickt sich die offensichtlich idiotischen Positionen raus und gibt sie öffentlich zum Totlachen frei."

Außerdem: Für die SZ spricht Susan Vahabzadeh mit dem Regisseur Alexander Payne, dem das Filmfest München eine Hommage widmet.

Besprochen werden Sobo Swobodniks Porträtfilm "Der Papst ist kein Jeansboy" über Hermes Phettberg ("Ein sperriges, kompromissloses, subversives Kino, humanistisch in der Konfrontation, grandios im Ganzen", schwärmt tazler Toby Ashraf), David Steinitz" Buch zur "Geschichte der deutschen Filmkritik", das von Ekkehard Knörer vom Freitag geradezu in der Luft zerrissen wird, Franz Müllers Beziehungskomödie "Worst Case Scenario" (taz, Perlentaucher), Thomas Cailleys "Liebe auf den ersten Schlag" (SZ), Anders Thomas Jensens "Men & Chicken" (Tagesspiegel, Welt, SZ), Pierre Coffins 3D-Film "Minions" (Welt), Thomas Cailleys Debütfilm "Liebe auf den ersten Schlag" (Standard) und Kiki Allgeiers Dokumentarfilm "Seht mich verschwinden" über das magersüchtige Model Isabelle Caro (FAZ).
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Bühne

Man kann von Jonathan Meese halten, was man will. Dass es ohne ihn deutlich langweiliger wäre, ist allerdings unbestritten. Für den Freitag hat er Harald Falckenberg mit einer Meese-Textkaskade bedacht, dass es sich gewaschen hat. Natürlich geht es einmal mehr in endlosen Tiraden um die Kränkung, von Bayreuth vor die Tür gesetzt worden zu sein. Weil man dort dem sicheren Mittelmaß huldigen möchte, wie er meint: "Jetzt sind da mit Ausnahme von Neo Rauch bis 2020 optimiert-mittelmäßige Typen, die nichts anderes tun werden, als den Wagnerianern in den Arsch zu kriechen. Bei mir wäre man wenigstens noch das Risiko eingegangen, etwas total Beschissenes abgeliefert zu bekommen, ein Fiasko. Oder das Allergeilste. Es wäre zur Machtergreifung der Kunst gekommen. Jetzt gibt es nur Operettisierung."

In der Zeit beschreibt Peter Kümmel "Das Kongo-Tribunal" des Theaterregisseurs Milo Rau, dessen zweiter Teil am vergangenen Wochenende in den Berliner Sophiensaelen abgehalten wurde. Mit tatsächlich Betroffenen sowie renommierten Teilnehmern wie dem Soziologen Harald Welzer (als Geschworenem) und der Schriftstellerin Kathrin Röggla (als Gerichtsschreiberin) wurde insgesamt vierzig Stunden über die Verbrechen in Zentralafrika getagt: "In Wahrheit, sagt der teilnehmende Jurist Wolfgang Kaleck, würde ein solches Verfahren Jahrzehnte dauern. Es ist also nur ein Modell - aber als solches von hohem Wert. Auch die Datensammlung, die hier, provoziert von Fragen des Gerichts, entsteht, dürfte einmalig sein: Wie wurde diese Mine enteignet? Welche Rolle spielte der kongolesische Staat? Wann trat die kanadische Minengesellschaft Banro im Ost-Kongo auf den Plan?"

Besprochen werden Jossi Wielers "Rigoletto"-Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart (NZZ), Ferdinand Schmalz" bei den Autorentheatertagen in Berlin aufgeführtes Stück "dosenfleisch" (Freitag) und Alain Platels bei den Schlossfestspielen Ludwigsburg aufgeführtes "En avant, marche!" (SZ).
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Kunst


Wassily Kandinsky, Impression III (Konzert), 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Eine Gegenüberstellung von Klee und Kandinsky war eigentlich schon lange mal fällig. Jetzt kann man sie im Paul Klee Zentrum in Bern, freut sich in der NZZ Hans Christoph von Tavel. Noch mehr gefreut hätte er sich allerdings, gäbe es mehr Informationen zur Beziehung der beiden "Gründerväter der abstrakten Kunst" zu den "Gründervätern" der Musik des 20. Jahrhunderts, Arnold Schönberg und Alban Berg: "Im Gegensatz zu Kandinsky, dem Theoretiker in Bezug auf die Musik, war Klee ein ausübender Violinspieler, der anfänglich zwischen dem Beruf des Musikers und des Malers geschwankt hatte. Der Vergleich mit Kandinsky zeigt überraschende Annäherungen - etwa von der Darstellung eines Glockenspiels in Klees "Lied des Spottvogels" zu den glockenartig übereinander getürmten Dreiecken in Kandinskys "Drei Klängen". Beiden Künstlern gemeinsam, so erkennt der Besucher an diesem Beispiel, ist die Bedeutung des Spielerischen in der Kunst."

Im Standard bewundert Anne Katrin Feßler die Zeitungscollagen der amerikanischen Künstlerin Laura Owens, die derzeit in der Wiener Secession ausgestellt werden. Owens macht gewissermaßen ihre eigene Zeitung und stellt dabei eine ganz andere Wirklichkeit her: "Die gefundenen Zeitungsdruckplatten vom April 1942, wenige Monate nach dem Angriff der Japaner auf die in Pearl Harbour vor Anker liegende US-Flotte, wurden eingescannt und per Siebdruck auf Leinwand übertragen, vorher aber am Computer manipuliert: Owens schummelte etwa homoerotische Bilder von Tom of Finland oder Fotos ganz anderer Zeit oder eines ganz anderen Kriegs, jenem der Eislaufprinzessinnen Tonya Harding und Nancy Kerrigan, hinein. Die Zeitung, ohnehin eine Collage aus Weltpolitik und Alltäglichem, wird also in den Arbeiten Owens, die verschiedenste Zeiten und Realitätsebenen collagiert, noch mehr zu dem, was Medienphilosoph Marshall McLuhan als kubistisches Kunstwerk bezeichnete." (Bild: Laura Owens, 2015)

Besprochen werden die erst nach langen Rechtstreitigkeiten möglich gewordene Hans-Arp-Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Serial Classic" in Mailand (SZ).
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Literatur

Im Perlentaucher weist Ekkehard Knörer in der von Wolfram Schütte ausgelösten Debatte um ein Online-Literaturmagazin auf die neu gegründete Los Angeles Review of Books als Vorbild hin, "ein Online-Review-Format, das inzwischen auch periodisch Printausgaben produziert. (Aber in dieser Richtung: Es ist von online aus gedacht.) Es ist einzigartig in seiner Offenheit in viele Richtungen: Die Grenzen zwischen High und Low, Pop- und Hochkultur, Akademischem und Trivialem sind solche des Ressorts und der redaktionellen Zuständigkeiten, aber keine, an denen sich per se Wertungen oder In- und Exklusionsmechanismen festmachen. Auch die Schreibweisen reichen von sehr bloggig und locker bis ziemlich akademisch und alles Mögliche liegt in schönen Mixturen dazwischen."

Neue Literaturpreise - meist von reichen Golfstaaten ausgelobt - haben in der arabischen Welt eine rege Debatte ausgelöst, berichtet Hartmut Fähndrich in der NZZ: "Denn erstens fördern gerade die neuen Preise, der "Booker" und der katarische ebenso wie der saudiarabische, die Übersetzungen prämierter Werke: auf jeden Fall ins Englische und auf Antrag oft auch in andere Sprachen. Zweitens regen die so herausgestellten Werke auch die Lektüre in der arabischen Welt an. Dass hier trotzdem noch vieles im Argen liegt, hat auch politisch-soziale Gründe. Immer wieder geraten literarische Werke unter den Druck politischer Kontrolle oder religiösen Puritanismus."

Weitere Artikel: Andreas Fanizadeh gratuliert in der taz dem Schriftsteller Nanni Balestrini zum Achtzigten. In München las FC-Bayern-Trainer Pep Guardiola Gedichte von Miquel Martí i Pol, berichtet Hubert Spiegel in der FAZ.

Besprochen werden Ernest van der Kwasts "Fünf Viertelstunden bis zum Meer" (FR), Andreas Maiers "Der Ort" (Zeit), Li Kunwus Comic "Lotusfüße" (Tagesspiegel), Sandra Gugics Romandebüt "Astronauten" (NZZ) und Andrea Gerters Roman "Verlangen nach mehr" (NZZ).
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Musik

Andreas Rosenfelder, von Haus aus Theaterwissenschaftler, muss als Urlaubsvertretung für den Musikredakteur der Welt in die Philharmonie, und assoziiert sich durch Mahlers Dritte: "Inzwischen ist der erste Satz fortgeschritten, das Weltraumepos hat sich in einen Walt-Disney-Zeichentrickfilm verwandelt, von Streichern und Holzbläsern untermalt. Ein Eichhörnchen, dem Zubin Mehta mit seiner rechten Hand eigens den Takt vorgibt, hüpft in freudigen, kurzen Sätzen durch eine Blumenwiese, wobei es auf dem Scheitelpunkt der Sprünge jeweils zitternd in der Luft verharrt. Hm, Mahler muss etwas anderes gemeint haben, als er die "kosmischen Weiten und menschlichen Tiefen" seiner Musik beschwor."

An sexuellen Prahlereien herrscht im männlichen R&B weißgott kein Mangel, doch schlägt Miguel auf seinem neuen Album "Wildheart" dann doch einen neuen, vielversprechenden Weg ein, freut sich Anupa Mistry auf Pitchfork: "All of these supposed libertines are focused on the primacy of male pleasure, treating their sexual experiences with all the reverence of a bunch of wadded-up tissues. ... Miguel, the writhing, pompadoured soul singer, has a similar focus, but it"s sex-positive instead of sex-obsessed, a crucial difference. Languorous and detailed, it transcends the genre"s established narratives with a focus on pleasure and partnership instead of one-sided pursuit. ... Perhaps we will finally move on from minimalism and petulant misogyny and sluggish synths to follow Miguel (...) toward the next era of soul, one where sex is not an arbiter of masculinity but something that"s simpatico with fun and feelings."

Weiteres: In der Zeit nimmt Moritz von Uslar die erstmals in der Geschichte der deutschen Charts ausschließlich deutschsprachigen Texte der Top-Ten-Alben unter die Lupe. Besprochen werden das neue Album der Jon Spencer Blues Explosion (FR), ein Konzert der Alabama Shakes (taz), ein Konzert von Holly Herndon (The Quietus), ein Auftritt von Tom Jones (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), ein Konzert von Modest Mouse (Tagesspiegel), eine Aufführung vom Mahlers Dritter durch Zubin Mehta und die Staatskapelle (Tagesspiegel), ein Konzert von Muse (FAZ) und ein Konzert von Barbara Hannigan (SZ).
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