Efeu - Die Kulturrundschau

Meine Seele lebt nicht in meinem Kopf

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24.04.2015. Großes Bohei um die Berufung Chris Dercons an die Volksbühne: Tagesspiegel und SZ hätten das gern mit Tim Renner vorher ausdiskutiert. Die Berliner Zeitung freut sich schon mal auf einen ganz neuen Stil. Im Tagesspiegel meint Peter Raue: Schön, dass man nach 25 Jahren Castorf jetzt auch mal was anderes wagen will. In Standard und Presse erklärt Tracy Emin, was sie mit Egon Schiele verbindet. Die Jungle World feiert Ana Lily Amirpours iranischen Vampirwestern "A Girl Walks Home Alone at Night". Critic.de berichtet vom 35mm-Filmfestival "Terza Visione". Die SZ fordert mit den Seaford Slobs: Beschimpft die herrschende Klasse.

Bühne

Nun also Gewissheit: Chris Dercon wird Frank Castorf 2017 als Intendant der Berliner Volksbühne ablösen, wie Berlins Bürgermeister Michael Müller gestern unter, laut Frederik Hanssen im Tagespiegel, hochkochenden Emotionen verlautete. Entsprechend rund geht es in den Feuilletons:

Rüdiger Schaper meldet im Tagesspiegel Zweifel an, dass Tim Renner sich darüber überhaupt im Klaren ist, in was für ein Hornissennest er da gestochen hat: "Renner hat, wie Goethes Zauberlehrling, starke Kräfte freigesetzt. ... Ist das koordinierte Politik, denkt er den angestoßenen Prozess zu Ende? Im Moment lautet die Antwort: Nein." Jens Bisky ist in der SZ ebenfalls mit Renners Stil unzufrieden: In den turbulenten 90ern hätte es noch eine gesittete Debatte gegeben, heutzutage würden einfach "selbstherrlich" Namen aus dem Hut gezaubert, meint er. "Wäre es anders, hätte er für seine Ideen geworben, Verbündete gesucht. Bislang verspricht der Volksbühnen-Coup bloß die streberhafte Re-Inszenierung einiger Berlin-Legenden: Zwischennutzungsatmosphäre im Hangar, ein Zusammenspiel der Künste, wie es etwa im Techno-Club Berghain längst betrieben wird, Internationalität, mehr vom Vorhandenen, nur größer."

Auch Harald Jähner von der Berliner Zeitung staunt über Renners Konfrontationskurs, findet Dercons Umgänglichkeit aber schon mal sehr einladend: "Mit dem Wechsel von Castorf zu Dercon [geht] tatsächlich eine Ära zu Ende. Die in historischen Kämpfen gestählten Erzcharaktere weichen alerten Gestalten, die ihren Spaß weniger an der Durchsetzung stilistischer Manien haben als am sozialen Spiel der Kräfte, am Spinnen von Netzwerken, an der Kombination ästhetischer Welten. Offenheit statt Stilwille ist ihr Kennzeichen. Während die alten Hasen ihr Charisma gern mit knorziger Schroffheit nähren, füttert Dercon seine Anziehungskraft durch Freundlichkeit." Auch kommt Jähner auf eine Episode der arte-Reihe "Durch die Nacht" zu sprechen, in der Dercon und Matthias Lilienthal durch London ziehen. Die Folge steht bei Youtube und bietet einige aus heutiger Perspektive aufschlussreiche Momente ("Volksbühne, kennste, oder? Dieses Ost-Berliner Theater."):



Dass Dercon an der Tate Modern auch ein Auge auf die Höhe der Bezahlung seiner Mitarbeiter hatte, rechnet tazlerin Katrin Bettina Müller ihm hoch an, auch wenn sie es schade findet, dass das Haus unter Dercon wohl seinen "Status als Grabungsstätte tief in die deutsche Geschichte hinein" verlieren werde: Erstaunlich aber, "wie heftig plötzlich gerade dieser Markenkern als wichtiges Berliner, wenn nicht gar deutsches Kulturgut beschworen wurde; stand diese Liebeserklärung an Castorf doch in einem merkwürdigen Kontrast zu einer Haltung, die ihm das Durchwaten der immer wieder gleichen Landschaften vorgeworfen hatte."

Im Tagesspiegel rollt Peter Raue über die Blut und Galle spuckenden Wortmeldungen aus dem Theaterfilz nur mit den Augen: "Castorf hat eine "Ära Volksbühne" gestaltet, aber rechtfertigt das ein Verbot, Neues zu wagen und nach 25 Jahren Castorf einen anderen Akzent setzen zu wollen? ... Sind die von Jürgen Flimm so gelobten "atemlosen Experimente" in der Volksbühne wirklich so kostbar, dass sich nichts anderes dort bilden darf?" In der Leitglosse der FAZ teilt Gerhard Stadelmaier nach allen Seiten aus, um schließlich zu verkünden, die Entscheidung für Dercon "passt aber auf den Misthaufen Volksbühne wie ein parfümiertes Taschentuch - also ganz wunderbar zu Berlin".

Und was den Ensemble-Gedanken angeht, den jemand wie Chris Dercon angeblich beerdigt, haben gestern in der taz Eva Behrend und in der Nachtkritik Matthias Weigelt darauf hingewiesen, dass "die Generation der Peymanns, Castorfs und neuerdings Ostermeiers selbst das Ende der Ensemble-Romantik eingeläutet [hat]. In den Metropolen haben autoritäre Egos darauf geachtet, dass kein anderer Hengst neben ihnen im Stall zu groß wird, dass nicht etwas wächst, was sie nicht kontrollieren. Und in den kleineren Theatern ist es die gleiche Generation, die sich gegenseitig die hochbezahlten Führungsjobs zuschustert, bestimmt, verlängert, nichtverlängert, während nachrückende Generationen gezwungenermaßen im prekären Strudel untergehen."

Abseits vom Berliner Theaterstreit: An Peymanns Berliner Ensemble hatte das "Faust"-Spektakel von Grönemeyer/Wilson an Peymanns BE Premiere. Ein "rockiges Musical", aber ansonsten "ein typischer Wilson", also "ganz großes Kunsthandwerk", schreibt Christine Dössel in der SZ. Ulrich Seidler gibt in der FR den amüsierte Chronisten: Erlebt habe er ein "ganz und gar unstrapaziöses Bilderbuch des Tiefsinns zum Mitschunkeln". In der Welt zeigt sich Matthias Heine nur wenig beeindruckt: "Was diese Wilson-Inszenierung so berechenbar macht, ist das Fehlen von Schauspielern, die wenigstens mal für einen magischen Augenblick das Konzept sprengen - so, wie es Angela Winkler in der "Dreigroschenoper" gelang." Im Tagesspiegel bespricht Rüdiger Schaper die Inszenierung.
Archiv: Bühne

Kunst


Tracey Emin, Diejenigen, die Liebe erleiden | 2009 © Courtesy Tracey Emin Studio © Bildrecht, Wien 2015

Im Wiener Leopold Museum ist derzeit eine Ausstellung zu sehen mit Akten von Tracey Emin, die sie neben Akte von Egon Schiele gestellt hat. Im Interview mit der Presse erklärt Emin, warum es nicht dasselbe ist, ob ein Mann eine nackte Frau mit gespreizten Beinen malt, ohne Gesicht, oder sie. "Es ist wichtig, dass es eine Frau ist, jede Frau. Es muss nicht ich sein. Aber es ist wichtig, dass ich als Frau sie gemacht habe." Im Interview mit dem Standard legt sie nach: "Ich mag Gustave Courbets Bild "Origine du monde" (der Schoß als Ursprung der Welt, Anm.). Viele Feministinnen hassen es, weil der Kopf fehlt. Aber ich finde es fantastisch - mit dem Schamhaar und allem. Wofür zur Hölle braucht es einen Kopf? Aber wenn jemand ein Bild von mir mit dem verbinden würde, was in mir vorgeht, fühlte ich mich schon angegriffen. Meine Seele lebt nicht in meinem Kopf. Schiele hat recht: Es zeigt sich etwas vom Wesen im Genital, aber es ist eben nicht alles. Und er zeichnete ja auch nicht nur Vaginen, sondern auch Berge, Bäume und Blumen."

Weitere Artikel: Clemens Schnur unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Josef Ibarr, der Fotos von Berlinern und ihren Narben schießt.

Besprochen werden die Ausstellung "Belle Haleine" (schöner Atem) im Baseler Museum Tinguely über barocke Bildwelten, die den Geruchssinn allegorisch verhandeln (NZZ), eine Ausstellung von Wim Wenders" Fotografien in Düsseldorf (FAZ), die Ausstellung "1945 - Niederlage. Befreiung. Neuanfang" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (FAZ, SZ) und die Helmut-Pfeuffer-Retrospektive in Rosenheim (SZ).
Archiv: Kunst

Film


Keine Debatte ums Kopftuch: Ana Lily Amirpours feministischer Vampirfilm "A Girl Walks Home Alone at Night"

Ein "iranischer Vampirwestern" ist Ana Lily Amirpours in den USA gedrehter und produzierter "A Girl Walks Home Alone at Night" nur bedingt, doch die Regisseurin hat iranische Wurzeln, der Film spielt im Iran und gesprochen wird Farsi, erfahren wir aus den Filmkritiken, die von dem mit der Ästhetik des US-Indiekinos spielenden Film überhaupt sehr begeistert ist. Heike Karen Runge von der Jungle World etwa, die hier an jeder Ecke Referenzen erblickt: "Dass der vor kulturellen Anspielungen und Zitaten quer durch die Kinogeschichte nur so berstende Film eine große Geschlossenheit besitzt, liegt an der grafischen Ästhetik der Bilder und am traumwandlerisch sicheren Einsatz der Musik." Auch Andreas Busche von der taz ist beeindruckt - nicht nur vom Referenzsystem des Films, der sich für ihn an frühe Arbeiten von Jim Jarmusch und David Lynch anschmiegt, sondern auch von dessen genuinen Gehalt: "Eine neuerliche Kopftuchdebatte wird "A Girl Walks Home Alone at Night" nicht auslösen, dennoch schwingt in Amirpours Film eine feministische Agenda mit, denn die Opfer der Vampirin sind allesamt Vertreter einer patriarchalischen, sprich: gewalttätigen, Ordnung." Weitere Besprechungen bringen Tagesspiegel, FR, ZeitOnline und Artechock.

Ende März lud das Nürnberger KommKino neuerlich zu "Terza Visione", einem ausschließlich historische 35mm-Kopien spielenden Festival zum italienischen Genrefilm. Auf critic.de tauscht sich Perlentaucher-Autor Lukas Foerster mit Michael Kienzl über die dort gesehenen Kostbarkeiten aus: Insbesondere die beiden Südsee-Filme "Rächer der Meere" und "Bora, Bora" haben sie fasziniert. Letzterer, sagt Kienzl, ist eine "sehr unangenehme Geschichte über gut situierte Westler, die in der Ferne ihr Glück suchen und dabei nichts außer ihren eigenen Unzulänglichkeiten finden. ... Ohne sich kategorisieren zu lassen (zu reißerisch für einen Autorenfilm, zu züchtig für einen Sexploitationfilm) macht es sich "Bora Bora" in einem Vorhof zur Hölle gemütlich." Auch vor Ort war Perlentaucher-Autor Thomas Groh, der im Freitag berichtet, dass sich auf diesem Festival auch einiges über die Beschaffenheit von Filmmaterial lernen lässt. Überrascht war er von dem 1959 entstandenen Sittenreißer "Die Nächte sind voller Gefahren" über eine Bande erpresserischer Jugendlicher: "Was vor dem Hintergrund des seinerzeit vom Boulevard weidlich ausgeschlachteten Halbstarkenphänomens einen düsteren Film erwarten lässt, gibt sich rasch als hinreißend witzige Sozialkomödie zu erkennen."

Weiteres: Auf Artechock schreibt Rüdiger S. über die Filme von Benoît Jacquot: Dieser setze "radikal auf die Ober­flächen der Bilder. Dem Unsag­baren rückt er visuell zu Leibe - wovon man nicht schweigen will, das muss man zeigen." In der Berliner Zeitung porträtiert Julia Grass den Berliner Schauspieler Numan Acar, der in der Serie "Homeland" den Schurken spielt. Jan Schulz-Ojala schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Regisseurs Bakhtiar Khudojnazarow.

Besprochen werden Tim Burtons "Big Eyes" (FAZ, Perlentaucher), ein neuer Dokumentarfilm über Helge Schneider (Artechock), Signe Baumanes Animationsfilm "Rocks in My Pockets" (Presse), Alex Garlands "Ex Machina" (Artechock) und der neue "Avengers"-Film (FR).
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Archiv: Film

Literatur

Auch die linke Jungle World berichtet ausführlich vom kapitalismuskritischen Berliner Symposium "Richtige Literatur im Falschen?". Jakob Hayner war vor Ort und gerät selbst in dialektisch informiertes Philosophieren: "Die Verwandlung der Welt, die anverwandelnde Aneignung des Weltgeschehens, ist der Modus der Literarisierung. Doch ist die Literatur damit schon eine kritische? Muss sie sich nicht den sozialen Auseinandersetzungen der Gegenwart gegenüber solidarisch verhalten, ihre politische Haltung ausdrücken? ... Schlichte Unmittelbarkeit ist kein Realismus. Die Dialektik des Kunstwerks ist, die Welt noch einmal zu sein, aber anders, also das Wirkliche der Wirklichkeit zu bedeuten."

Besprochen werden Szilárd Borbélys "Die Mittellosen" (Zeit) und Lizzie Dorons "Who the Fuck is Kafka?" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Aneignung

Musik

Auch ein Jahr nach dem Hype um die Sleaford Mods (wir erinnern uns), die ab heute in Deutschland auf Tour gehen, schwört Diedrich Diederichsen noch immer Stein und Bein auf die kunstvoll hingelegten Rüpeleien der Band, erklärt der Popkritiker in der SZ. Drei Gründe führt er an: Die bestrickende Grobheit dieses Genussangebots, die poetisch ausgewalzte Lust am Schimpfen, sowie, weil es, drittens, "nichts Besseres in der Kunst [gibt] als eine einfache Formel, die etwas Kompliziertes erschafft - und dennoch als einfache Formel präsent bleibt. ... Die Sleaford Mods achten weniger auf ihre individuelle Weiterentwicklung als auf die Lebendigkeit ihrer Botschaft: Beschimpft die herrschende Klasse und alle, die mit ihr segeln: Sie haben es mehr als verdient. Wir haben viel zu wenig Bilder für ihre Scheußlichkeit."

Jens Balzer (Berliner Zeitung) leitet über zu weniger prägnanten Grobheiten und vergibt in vollendeter Begeisterung die Höchstwertung für "Über das Grübeln", das Debütalbum der Sängerin Balbina: Das ist "die tollste Platte, die der deutsche Pop seit sehr langer Zeit hervorgebracht hat". Ihre aktuellen Videos gibt es in dieser Playlist:



In der taz freut sich Detlef Diederichsen auf die heute in Berlin beginnende Tournee von Ed Motta.

Besprochen werden ein Konzert der Black-Metal-Band Satyricon (Andreas Busche feiert in der Berliner Zeitung "ein ausuferndes, knochentrockenes und geschichtsbewusstes Set"), ein Konzert des Tonhalle Orchesters mit Kent Nagano (NZZ), eine Doku über den Volksmusik-Rocker Hubert von Goisern (Tagesspiegel), ein Album des norwegischen Saxofonisten Marius Neset mit seinem Quintett (NZZ), Sophie Hungers CD "Supermoon" (NZZ), Julia Biels Album "Love Letters and Other Missiles" (NZZ) und das neue Blur-Album (Zeit, SZ).
Archiv: Musik

Architektur


Hauptfassade der Glasgow School of Art, Renfrew Street, Glasgow. Foto © Alastair Hunter / RIBA Library Photographs Collection

In der NZZ stellt Marion Löhndorf den Künstler und Architekten Charles Rennie Mackintosh (1868-1928) vor, dessen Entwürfe derzeit in einer Schau des Royal Institute of British Architects in London gezeigt werden. Löhndorf staunt vor allem über die eleganten, klaren Zeichnungen und Entwürfe, die "immer weit über das Funktionale hinausgehen - ebenso wie seine Gebäude mit ihren sich überschneidenden und ineinander übergehenden Formen und Perspektiven. Werke wie die Glasgow School of Art suggerieren Kontinuität und Symmetrie, nur um sie dann wieder subtil zu unterlaufen. Seine Bauten sind bei aller ästhetischen Schönheit und Innovationskraft zugleich intellektuelle Projekte."
Archiv: Architektur