Efeu - Die Kulturrundschau

Die Kultusministerin tanzt und versteht das alles

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08.01.2015. Der Auftakt der Kraftwerk-Konzertreihe in der Neuen Nationalgalerie versetzt die Kritiker weitgehend in ekstatische Schwingungen. Die Debatte um Michel Houellebecqs "Unterwerfung" geht weiter - gestern ist der Roman in Frankreich erschienen. Die taz lässt sich gerne von Max Linz' Kulturberiebs-Satire "Ich will mich nicht künstlich aufregen" überfordern. Und der Standard wohnt der Premiere von Norwegens neuer Nationaloper "Peer Gynt" bei.

Literatur

Michel Houellebecqs gestern erschienenes Buch "Soumission" (es erscheint unter dem Titel "Unterwerfung" am 16.1. auf Deutsch) beschäftigt die Feuilletons auch weiterhin. Dieser Roman ist, meint Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, mit seiner "wilden Mischung von fiktivem und realem Personal für das Jahr 2022 (...) von einer unheimlichen Stille, die sich nur schwer mit dem Wort von der Angstvision vereinbaren lässt, das im Zusammenhang mit dieser Dystopie oft gefallen ist." In der NZZ bemüht sich Jürgen Ritte, die Aufregung um den Roman einzudämmen: "Es handelt sich bei Houellebecqs Zukunftsvision um - angesichts der gegenwärtigen Hysterie vielleicht ratsam, daran zu erinnern - Literatur. Um eine politische Parabel, die von Überzeichnungen lebt." Wenn schon der Autor jede politische Verantwortung von sich weist, nimmt Axel Veiel (FR) wenigstens den Leser in die Verantwortung: "Damit dem Rausch der Lektüre kein Kater folgt, empfiehlt sich ein Abgleich mit der Wirklichkeit. Er fördert zutage, dass die "Unterwerfung" bei aller Nähe zur Realität in entscheidenden Punkten dann doch erheblich von ihr abweicht."

Weiteres: Tilman Spreckelsen (FAZ) staunt über den Detailreichtum von Wolfgang Raschs Textapparat zu Theodor Fontanes gerade in der Werkausgabe erschienenen Autobiografie: Hier gibt es "eine Fülle von unnachschlagbaren Entdeckungen" zu machen (online gibt zudem eine Ergänzung).

Besprochen werden eine Neuübersetzung von Balzacs "Verlorenen Illusionen" (Zeit), Caspar Hendersons "Wahre Monster" (FR), Dietz Berings "War Luther Antisemit?" (SZ), Edmondo De Amicis" "Istanbul, Hauptstadt der Welt" (NZZ), Lyonel Trouillots "Die schöne Menschenliebe" (NZZ) und Stephan Thomes "Gegenspiel" (FAZ).
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Musik

Kraftwerk haben mit ihrer achtteiligen Berliner Konzertreihe begonnen. Am ersten Abend gab es einen Zusammenschnitt des Albums "Autobahn" samt einer Greatest-Hits-Auswahl sowie viele Popkritiker im Saal. Gallig bemerkt ein sehr unterwältigter Jens Balzer (Berliner Zeitung), wie gut die Neue Nationalgalerie als schwer sanierungsbedürftige Ikone der Moderne zu den sich selbst musealisierenden Elektro-Pionieren als Bühne passt: "Die Dialektik aus Futurismus und Nostalgie, die Kraftwerk noch lange nach dem Ende ihrer schöpferischen Werkphase zu inszenieren verstanden, wirkt inzwischen ihrerseits überholt und nostalgisch. Vielleicht bräuchte dieses einstmals so große Projekt ein paar Jahre der Einkehr und Schließung, um dann grundsaniert und zeitgemäß in die Welt der Zukunft zurückkehren zu können."

Julian Weber (taz) offenbaren sich im Klang der Düsseldorfer Tüftler einige Splitter BRD-Geschichte: Ihm fällt auf, wie das "charakteristische Zwitschern und Wabern (...) dazu beigetragen hat, den Muff aus dem Wirtschaftswunderland Bundesrepublik zu kehren. Ihr Sound steht für das Dezentrale der alten BRD." Tobias Rüther (FAZ) gerät beim zusehends aggressiven Sound der Band ins Tanzen und wünscht sich dabei "die Energiewende nur noch etwas schneller herbei, damit immer genug Strom da ist, um diese körperlose, alterslose Spezialmusik sehr, sehr laut zu stellen."

Helene Hegemann berichtet im Freitext-Blog der Zeit, dass der Abend sie prächtig in Wallung versetzt hat. Auch ansonsten hatte sie viel zu staunen: "Sie spielen Radioaktivität und ich will mit ihnen schlafen, sie spielen Model und ich will sie als entfernte Verwandte adoptieren, ihre Prophezeiungen haben sich bewahrheitet und sind überholt, das Museum funktioniert problemlos als Nachtclub, die Kultusministerin tanzt und versteht das alles." Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Annett Scheffel (SZ) kommen im wesentlichen prächtig unterhalten nach Hause.

Weiteres: Immer mehr Popmusiker entwickeln literarische Ambitionen, beobachtet Gerrit Bartels (Tagesspiegel): "Das Kanonisieren von Pop und bestimmten Popszenen geht also intensiv weiter." Anlässlich des 80. Geburtstags von Elvis Presley schreiben Matthias Matussek, Alan Posener, Dirk Schümer, Mara Delius, Jan Küveler, Matthias Heine, Philipp Haibach, Wieland Freund und Michael Pilz in der Welt neun "Huldigungen an den Geist eines Unsterblichen". Besprochen wird ein Klavierkonzert von András Schiff (Tagesspiegel).
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Film


Angenehm entspannt statt künstlich aufgeregt. Bild: Amerikafilm.

Die Filmkritik staunt über Max Linz" Kultur(förder)beriebs-Satire "Ich will mich nicht künstlich aufregen", die es bei aller ästhetischer Souveränität und Theoriefestigkeit weder an Humor, noch an Wut mangeln lässt. Silvia Hallensleben bezeugt in der taz jedenfalls einen wilden Mix aus Alexander Kluge, Jean-Luc Godard, "einen an René Pollesch angelehnten diskursiven Übermut" und "Rambazamba-Power": "Andererseits ist das meiste auch ganz und gar und wohltuend ernst gemeint. Ein bisschen altklug ist Linz dabei manchmal schon. ... Doch der Versuch lohnt - ist es nicht viel besser, von einem Film über- als unterfordert zu werden?" Bereits zur Berlinale 2014 besprachen Till Kadritzke (critic.de) und Anja Seeliger (Perlentaucher) den Film. Außerdem hat Max Linz für den Perlentaucher einige Filmkritiken verfasst.

Für die Zeit hat Hanns Zischler den Regisseur Roy Andersson besucht. Dem Berliner Publikum empfiehlt Isabelle Richter (taz) den Besuch von Joe Dantes B-Movie-Hommage "Burying the Ex", den das Festival "Unknown Pleasures" kommenden Samstag zeigt. Außerdem erfährt Thomas Groh (taz) im Punk-Dokumentarfilm "Rage, Rock and Self Defense", den das Berliner Kino Moviemento kommenden Montag zeigt, wie sich im Seattle der frühen 90er Rockerinnen und Punkerinnen gegen Vergewaltiger zur Wehr setzen.

Besprochen werden Costa-Gavras" Finanzthriller "Le Capital" (taz, critic.de), Paolo Virzis "Die süße Gier" (taz, FAZ, SZ), der auf DVD erschienene Black-Metal-Experimentalfilm "A Spell to Ward Off the Darkness" ("Mächte des Lichts und der Finsternis sind im Spiel", meint Ekkehard Knörer in der taz), Johanna Jackie Baiers Dokumentarfilm "Julia" über eine Prostituierte (Tagesspiegel), "St. Vincent" von Theodore Melfi ("ein Feelgood-Movie von der Candy-Stange, in dem jeder Handlungszug eigentlich vorauszusehen ist", meint Manuel Brug in der Welt) und Damián Szifróns "Wild Tales" (critic.de, Welt, SZ).
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Bühne

Zum 200-jährigen Jubiläum seiner Verfassung hat sich Norwegen eine Nationaloper gegönnt, berichtet Bernhard Doppler im Standard. Als Stoff wurde Henrik Ibsens dramatisches Gedicht "Peer Gynt" auserkoren, für die Adaption wurde der estnische Komponist Jüri Reinvere beauftragt. In seinem Libretto versucht Reinvere, "seinem träumerischen Helden vor allem eine europäische Identität voller Selbstzweifel zu geben und füttert ihn mit Kierkegaard"schem philosophischem Gedankengut. Doch ein Massenmörder steckt im Träumer Peer. In Rom greift er zur Waffe und schießt wild in die Menge. Wie Anders Breivik beim Massaker in Utøya? Im Premierenpublikum gab es für solche Assoziationen kräftige Buhrufe."

Fassungslos meldet Dorion Weickmann (SZ), dass das Brüsseler Théâtre de la Monnaie zum Ende des Monats sein Tanzprogramm einstellt: Dieser Verlust "wird sich weithin bemerkbar machen." Besprochen wird Calixto Bieitos Basler Inszenierung von Giuseppe Verdis "Otello" (Standard).
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Kunst

Das Landesmuseum in Zürich stellt die Entwicklung des Scherenschnitts von seinen Anfängen im ausgehenden 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart aus. Im Tages-Anzeiger freut sich Ulrike Hark über die gebührende Aufmerksamkeit für die allzu häufig unterschätzte Kunst: "Zu versiert in der Technik, zu dekorativ, zu kindlich, um ernst genommen zu werden. All das, was den Papierschnitt charakterisiert, steht seiner Wertschätzung im Weg." (Hier zu sehen: Louis David Saugy: "Blumenstrauss", 1946.)

Weiteres: Eine tolle Strecke in der South China Morning Post: Hongkong in den 50ern. Besprochen wird die Rokoko-Ausstellung "Mit Leib und Seele" in der Hypo-Kunsthalle München (FAZ)

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