Efeu - Die Kulturrundschau

Die Autoren produzieren Plastiktexte

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11.11.2014. Die taz will keine neuen Großkritiker in der Literatur. Theaterregisseur Christian Stückl erklärt im Standard mit Peter Turrini: "Ich verabschiede mich jetzt aus der Kunstdebatte!" Die SZ wirft der Open-Mike-Gewinnerin Doris Anselm literarisches Blackfacing vor. Zeit online hört in Azealia Banks' Debütalbum ein Manifest der Selbstbestimmung. Und im Perlentaucher untersucht Ulf Erdmann Ziegler die Pop-Pubertät der deutschen Kunst.

Literatur

Befindet sich der Roman im Niedergang? Und ob, meint Ingo Meyer im aktuellen Merkur (hier als PDF). Doch Dirk Knipphals will das in der taz nicht schlucken. Den sich abzeichnenden Wunsch nach strengerer Vorab-Auslese, hält er nicht für hilfreich: Diese Instanz "ist immer nur eine Fantasie gewesen, auch zu den Zeiten literarischer Großkritiker, und es ist auch besser, sie nicht haben zu wollen. Es ist doch viel interessanter und auch unterhaltsamer, über seine Maßstäbe immer wieder neu zu reden. ... Wer so fragt wie Ingo Meyer, hat vielleicht sowieso bloß vorschnell recht." Im Blog des Merkur hatte zuvor auch schon Dominique Silvestri kritisch auf Meyers Essay reagiert. Lohnenswert ist der Blick in die Kommentare: Dort reagiert Meyer, Silvestri antwortet.

Der Open-Mike-Wettbewerb in Berlin hat sich zum wichtigsten Wettbewerb in Deutschland für den literarischen Nachwuchs gemausert, konstatieren die Kritiker. Überhaupt nicht einverstanden ist jedoch Felix Stephan in der SZ mit dem diesjährigen Hauptpreis für Doris Anselm, die sich in ihrem Text türkisch gefärbten Slang aneignet und ihre Protagonisten ins Elend verbannt habe: "Außer Frage steht, dass in der Literatur nicht nur Selbsterlebtes erzählt werden darf. Außer Frage steht aber auch, dass die Viktimisierung anderer sozialer und kultureller Milieus eine entwürdigende Machtgeste auch dann darstellt, wenn sie gut gemeint ist." Er sieht darin "literarisches Blackfacing."

Für Heike Kunert (ZeitOnline) litt der Abend vor allem an zu viel Professionalität. Schuld daran sei der Literaturbetrieb, meint sie: "Mit seinen Instituten, Schreibwerkstätten und Universitäten vollzieht [er] fast unbemerkt einen Standortwechsel: nämlich weg von der Mitte der Gesellschaft, in der die erzählwürdigen Geschichten entstehen. Er macht seinem Namen als Betrieb mehr und mehr Ehre, er produziert Autoren, die Autoren produzieren Plastiktexte. Dass gleich zwei von ihnen beim diesjährigen Wettbewerb die Literaturinstitute selbst zum Thema ihrer Geschichte machten, sollte gewiss Respekt vor so viel Selbstironie abtrotzen, wirkte aber nur hilflos."

Außerdem zum Open Mike: Tilman Strasser (Tagesspiegel) hat sich einfach nur glänzend amüsiert: Ihm zeigte sich hier für einmal nicht die deutsche Literatur mit ihrer Lust an der Selbstzerfleischung, sondern eine, die "zuckt, zappelt, nervös aufzufahren droht". Detlef Kuhlbrodt findet den Wettbewerb in der taz schlicht "super", auch wenn er "eine gouvernementale Note" aufweist. In der FAZ bekundet Wolfgang Schneider seine Freude an den Prosagedichten von Robert Stipling, der dafür mit dem Lyrikpreis ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Werner Fulds "Geschichte des sinnlichen Schreibens" (FR), Hans Magnuns Enzensbergers Memoiren "Tumult" (Zeit), Charles Lewinskys "Kastelau" (SZ) und Roberto Bolaños Erzählungsband "Mörderische Huren" (FAZ).
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Musik

Drei Jahre hat es aufgrund undurchsichtiger Labelpolitiken gedauert, bis die Rapperin Azealia Banks ihrem gefeierten Hit "212" das Debütalbum "Broke with Expensive Taste" folgen lassen konnte. Und das ist so heißhungrig und voller Tatendrang ausgefallen, dass Daniel Gerhardt auf ZeitOnline nur schwärmen kann. Hierbei handelt es sich um ein "Manifest der Selbstbestimmung ... Wie sie diese Selbstbestimmung auskostet und im Minutentakt neue Versionen von sich selbst erfindet, gehört zu den Höhepunkten des Rapjahres. Ihre mit rauem New Yorker Akzent vorgebrachten Texte kreisen um die Steine auf dem eigenen Karriereweg, lassen keine Schlüpfrigkeit aus und rechnen eher genüsslich als verbittert mit den Zweiflern und Einmischern ab." Für Pitchfork unterhält sich Jeremy Gordon mit Banks.

Ziemlich unerheblich findet Patrick Schirmer Sastre (Berliner Zeitung) die Zeremoie zu den MTV European Music Awards in Glasgow: Deren Zeit sei nach 20 Jahren endgültig vorbei, was ihm insbesondere bei den vielen dort gezeigten Aufnahmen von früheren Verleihungen dämmert: "Das waren noch Zeiten! Es ist der Vergleich zu diesen Videos, der die Veranstaltung in Glasgow zu einer besonders traurigen Angelegenheit macht. Pop findet längst woanders statt als bei solchen Awards. Stars sind kaum da."

Außerdem hat das Klassik-Magazin VAN den Komponisten Max Richter um eine kommentierte Playlist gebeten, die man sich via Spotify anhören kann. Besprochen wird ein von Simon Rattle dirigiertes Konzert zum Gedenken an den Fall der Mauer (SZ).
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Bühne


Les Ballets C de la B in "Badke" im Tanzquartier Wien. Foto: Danny Willems

Hin und weg ist Standard-Rezensent Helmut Ploebst von einer Choreografie der Ballets C de la B mit zehn palästinensischen Tänzern und Tänzerinnen im Tanzquartier Wien. "Badke" heißt das Stück, eine Abwandlung des levantinisch-arabischen Volkstanz Dabke, und es geht dabei um den Konflikt zwischen Israel und Palästina: "Da tanzt, um es mit einer Metapher zu beschreiben, das nackte Leben den alltäglichen Schrecken an die Wand, wo dieser Schrecken dann stehenbleibt und auf die Szene stiert. Bei "Badke" wird also nichts verdrängt, sondern all das Grauen des unendlichen Nahostkonflikts mit neuem Mut angefasst, gewendet und sozusagen "enttanzt"."

Regisseur Christian Stückl erklärt im Interview mit dem Standard, warum er an der Burg Peter Turrinis autobiografisches Stück "Bei Einbruch der Dunkelheit" - über eine Künstlerkolonie in Kärnten - inszeniert, obwohl ihm das Stück zunächst nicht viel sagte: "Die Lampersberg-Figur geht einmal mit dem Satz von der Bühne: "Ich verabschiede mich jetzt aus der Kunstdebatte!" Ich habe ja manchmal das Gefühl, wenn wir Kunstdebatten führen, dass sie zu nichts führen. Wir kommen nie weg vom privaten Verständnis der Dinge."

Constanze Macras" in Dresden uraufgeführten Choreografie "The Past" zur Erinnerung an die Bombardierung Dresdens (taz, FAZ), der zu Ehren von Roland M. Schernikau am Deutschen Theater Berlin ausgerichtete Theaterabend "Die Schönheit von Ost-Berlin" (FAZ), eine Aufführung von Modest Mussorgskys Opernfragment "Chowanschtschina" in Antwerpen (NZZ) und Frank Castorfs Adaption von Curzio Malapartes Roman "Kaputt" für die Berliner Volksbühne ("hier wird alles auf Äußerlichkeiten reduziert, alle werden zu Objekten von Billigzuschreibungen", ärgert sich Dirk Pilz in der NZZ).
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Archiv: Bühne

Film

Wim Wenders spricht im Interview mit dem Standard über seine Salgado-Dokumentation "Das Salz der Erde". Carolin Weidner berichtet für die taz von der Duisburger Filmwoche, wo ihr der Verlust von Peter Liechti, Harun Farocki und Michael Glawogger noch einmal schmerzlich bewusst wurde. Im streng islamischen Saudi Arabien sind nun endlich Kinos erlaubt, meldet Julia Gerlach in der FR. In der FAZ unterhält sich Hannes Hintermeier mit den beiden österreichischen Schauspielern Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader, die in ihrer Heimat gerade für ihre gallige Satire "BÖsterreich" (mehr) gefeiert wurden und staunen, dass sich in Deutschland niemand an ein solches Format traut.

Besprochen wird der vom DFB in Auftrag gegebene Dokumentarfilm "Die Mannschaft" (FAZ).
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Architektur


Bild: Mémorial international de Notre-Dame-de-Lorette - Philippe Prost, architecte/AAPP©adagp, 2014 ©Aitor Ortiz

Sehr beeindruckend und überzeugend findet Joseph Hanimann in der SZ das von Philippe Prost entworfene Denkmal in Notre-Dame-de-Lorette zu Ehren der im Ersten Weltkrieg in Nordfrankreich gefallenen Soldaten. Die imposante, ringförmige Schwebekonstruktion bietet keine eindeutig gültige Perspektive, schreibt er: Das Bauwerk, in das die Namen aller Gefallener unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit alphabetisch eingraviert sind, "imponiert (...) durch seine Fähigkeit, Distanz und Ästhetik miteinander zu verbinden. Das ist kein Ort, den man gern besucht. Kommt man vom Soldatenfriedhof her, wird man durch einen Graben unterirdisch in den Ring geführt. Steigt man hingegen von unten her den Hang empor, gelangt man unter dem frei hängenden Ringteil hindurch wie zufällig ins Innere des Monuments, das auf einem ehemaligen Schlachtfeld liegt, das die Natur beinah lieblich hat vernarben lassen." Mehr dazu im Guardian.
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Kunst


Schreibmaschine, mit fluoreszierender Temperafarbe bemalt, auf Holz montiert, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Foto: Stiftung Museum Kunstpalast, Horst Kolberg / Artothek, © Nachlass Manfred Kuttner.

Der Romancier und Journalist Ulf Erdmann Ziegler eröffnet im Perlentaucher eine kleine Essayreihe unter dem Titel "Maluma und Takete" (was ist das denn?) zu Fragen der Gestaltung. In der ersten Folge denkt er aus Anlass "German Pop"-Ausstellung in der Schirn über die Kunstszene der frühen Bundesrepublik nach: "Der Ausdruck "German Pop" ist nicht soeben in der Denkfabrik namens Schirn erfunden worden; er war 1963 in Düsseldorf ..zuerst aufgetaucht. Man könnte die Künstlergruppen als kollektive Pop-Pubertät der Nachkriegskunst deuten: Man wollte das dringend Notwendige tun und sich zugleich gegen eine übermächtige Autorität abschotten. Und diese war der amerikanische Kunstmarkt, der bis weit in die deutschen Museen und Ausstellungshäuser hinein außerordentlich wirksam war."

In der Welt schreibt Werner Spies über die Duchamp-Ausstellung im Centre Pompidou, der auch Kathrin Hondl im SWR2 schon eine Besprechung widmete. Bevor Marcel Duchamp mit seinem Urinoir zum Vater der Konzeptkunst wurde, war er vor allem Maler, erzählt sie. Das vergisst man leicht, denn fast all seine Gemälde hängen heute im Museum von Philadelphia in den USA: "Und so ist schon allein die Tatsache, dass in Paris jetzt mit gut 50 Bildern quasi das malerische Gesamtwerk von Duchamp zu sehen ist, eine kleine Sensation. Der rote Faden dabei ist Erotik, sagt die Kuratorin Cécile Debray. "Er beginnt mit Aktmalerei, und "Das große Glas", sein finales Werk, trägt ja auch den Titel "Die Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet". Es geht bei ihm um den Zusammenhang von Erotik und Malerei, der schon bei Manet eine wichtige Rolle spielte. Es geht um Blicke, Voyeurismus, Begehren als Bestandteil der Malerei."" (Bild: Marcel Duchamp, "La mariée mise à nu par ses célibataires, même" (Le Grand Verre), 1915-23. Foto: Wikipedia)

Weitere Artikel: Alexander Menden (SZ) besucht die Londoner Ausstellung der nordkoreanischen Botschaft mit Bildern aus dem staatlichen Mansudae-Kunststudio, wo man vor allem Künstler hervorbringt, die glückliche Kinder und abendliche Traktoren-Idyllen für besonders malenswert halten (mehr dazu im New Statesman und im Guardian). In der FAZ freut sich Julia Voss darüber, dass Lotte Lasersteins Bild "Russisches Mädchen mit Puderdose" ab heute im Frankfurter Städel Museum zu sehen ist. Patrick Bahners meldet in der FAZ, dass die drohenden Zwangsverkäufe der Sammlung des Detroit Institute of Arts zur Sanierung des öffentlichen Haushalts durch private und gemeinnützige Spenden abgewendet werden konnten (mehr dazu hier).

Besprochen werden die Schiele-Ausstellung "The Radical Nude" in London (FR) und die Ausstellung "Fotografie im Ersten Weltkrieg" im Museum für Fotografie in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst