Efeu - Die Kulturrundschau

Das merke ich mir!

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04.09.2014. Die Zeit verteidigt Judith Herrmann gegen die literaturpolizeilichen Oberwachtmeister von FAZ und Spiegel. Die FAZ erlebt im Kölner Museum Ludwig einen Akt der kreativen Zerstörung am Klavier. Der Tagesspiegel wiegt sich zu den sanften Klängen der Generation Selfie. Die NZZ schöpft wieder Hoffnung für das italienische Kino. Die Berliner Zeitung feiert die GIF-Art. Und Jan Svankmajer bringt die Steaks zum Tanzen.

Literatur

Kürzlich versuchte Edo Reents in der FAZ nicht nur das neue Buch von Judith Hermann zu schlachten, sondern die Autorin gleich mit. In der Zeit gibt Iris Radisch ihm und anderen paternalistischen Kritikern kräftig eins auf die Mütze: "Was man nicht machen kann: Der Autorin ihr Buch derartig um die Ohren hauen, dass sie sich von dem Schlag nie wieder erholt... "Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen", schreibt Edo Reents, um die erledigte Autorin dann freigebig mit fachmän­nischen Ratschlägen für eine ordnungsgemäßere Ausdrucksweise zu versorgen. Nicht "Kindsköpfe", sondern "Kinderköpfe" hätte Frau Hermann schreiben sollen, nicht der "Tag ist noch hell", sondern "es ist noch hell" und dergleichen mehr. Auch der Spiegel hält für Judith Hermann ein paar angestaubte literatur­polizeiliche Dienstregeln bereit, die sie beherzigen sollte..."

In seiner Tagesspiegel-Reihe über die Comicautoren, die das Internationale Literaturfestival im September nach Berlin einlädt, stellt Lars von Törne den indischen Autor Sarnath Banerjee vor. Außerdem meldet der Tagesspiegel, dass David Wagners Roman "Leben" in China als bester fremdsprachiger Roman des Jahres ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden unter anderem Martin Pollacks "Kontaminierte Landschaften" (Freitag), Riff Reb"s Comicadaption von Jack Londons "Seewolf" (CulturMag), Jan Wagners Gedichteband "Regentonnenvariationen" (SZ), Byung-Chul Hans "Psychopolitik" (Tagesspiegel), Rolf Niederhausers Roman "Seltsame Schleife" (NZZ) und Katja Kettus "Wildauge" (FAZ).
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Musik

Für den Tagesspiegel porträtiert Nana Heymann die Sängerin Lary, die mit ihrem Debüt "Future Deutsche Welle" der nachwachsenden Generation einen Soundtrack zur Seite stellt: Es spiegelt das "Lebensgefühl wider, das gekennzeichnet ist durch Selbstdarstellung, Verlorenheit, die Suche nach Anerkennung. ... Es verhandelt die gesamte Bandbreite an Befindlichkeiten der Generation Selfie. Erzählt von durchzechten Nächten, enttäuschter Liebe, Selbstzweifeln und Übermut."

In der Berliner Zeitung unkt Jens Balzer über die Berlin Music Week, deren teils kuriosen Programme und Ankündigungen er zum Anlass für die Prognose nimmt, dass sich in Berlin einfach keine Musikmesse von Rang etablieren lässt. In der taz wirft Tim Caspar Boehme einen Blick auf das Programm mit den deutsch-afrikanischen Projekten.

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel berichtet Frederik Hanssen begeistert vom geglückten Auftakt des Musikfests Berlins mit einem Klavierkonzert von Daniel Barenboim. Cornelia Geißler unterhält sich für die Berliner Zeitung mit der Sängerin Ikenna Amaechi, die zwar eigentlich ein Mann ist, aber weder parodistisch, noch subversiv, sondern völlig selbstverständlich als Frau auftritt. Auf ZeitOnline erinnert sich Doris Brandt an die Zeit, als die Popper nach Hamburg kamen. Für das CulturMag spricht Christina Mohr mit Jens Friebe. Volker Zander erinnert in der taz an den Musiker Moondog, der in den 70ern von New York nach Deutschland übersiedelte. In der SZ plaudert Marcel Anders mit Robert Plant. In der Zeit plaudert der Rapper Marteria im Interview über Spießer, Drogen und Sozialismus.

Besprochen werden das neue Album von Zoot Woman ("das bisher in sich geschlossenste, konzeptionell stringenteste Album der Briten", urteilt Nadine Lange im Tagesspiegel) sowie in der Welt das Album "El Pintor" der Postpunkband Interpol ("Wir nennen es geometrische Musik").
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Kunst


Andrea Büttner, Installationsansicht: Piano Destructions, Walter Phillips Gallery, The Banff Centre, Canada, 2014. © Andrea Büttner/ VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Das Kölner Museum Ludwig bietet derzeit in einer Videoinstallation von Andrea Büttner ein Duell der ganz eigenen Art, bei dem auf zwei großen Bildschirmen einerseits Frauen beim Klavierspiel, andererseits Männer beim Klavierzertrümmern gegeneinander antreten. Julia Voss von der FAZ hatte dabei sichtlich Spaß: "Man staunt, lacht, ist zornig, aufgewühlt, bewegt und denkt zum Schluss: Das merke ich mir! Was hier in vierzig Minuten geschieht, lässt mehr als dreißig Jahre Kunstgeschichte zu einer Slapstick-Szene zusammenschrumpfen, plopp, so einfach, als wäre nichts dabei."

Staunend beobachtet Diminik Kamalzadeh im Standard in Johannes Holzhausers Dokumentation über das Kunsthistorische Museum Wien, wie Geschichte zur ewigen Baustelle wird, beziehungsweise zum Kapital: "Wo kein Imperium mehr steht, wird seine Geschichte im Museum zur Ware, die man neu verpacken, anders inszenieren muss. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass man für das symbolische Habsburgererbe moderne Ausrichtungen sucht. Selbstrepräsentation wird zum Label: Das Attribut "kaiserlich" wird hinkünftig über alle Teilbereiche des Museums geschrieben - als Lockmittel für Touristen."

In der Berliner Zeitung staunt Clemens Schnur über die sich prächtig entwickelnde Kunst der GIF-Loops im Netz, die mittlerweile einen ganz eigenen ästhetischen Wert entwickelt haben: "Im Proliferativ der neu entstehenden Gestaltungsformen scheint das GIF so eine quälend lange Lücke endlich aufgefüllt zu haben. GIF-Art und traditionelle Kunstgattungen treten in eine dialogische Beziehung und es gibt durchaus brillante Belege dafür, dass die Partnerschaft beider Techniken atmosphärisch dichte und mitreißende Ergebnisse erzielen kann." Dazu passend empfiehlt er die seiner Ansicht nach zehn besten GIF-Art-Blogs.

Weitere Artikel: Tim Neshitov bringt in der SZ Hintergründe dazu, dass Amsterdam derzeit das von vier Museen auf der Krim entliehene Skythen-Gold wegen der politisch unsicheren Lage zurückhält. Andrea Schurian erinnert im Standard an den Maler Adolf Frohner, der heute achtzig Jahre alt geworden wäre. Im Interview mit der Zeit spricht der israelische Maler Moshe Gershuni, der ab 13. September seine Arbeiten in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zeigen wird, über Gott, Georg Büchner, die Farbe Rot und Schweinshaxen.

Besprochen werden die Ausstellung "Die frühen Jahre" im Sprengel-Museum in Hannover (FR).
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Bühne

Dorion Weickmann resümiert in der SZ den Berliner Tanz im August immerhin als einen "geglückten Testlauf".

Besprochen werden die Berliner Aufführung von Christoph Marthalers 2013 bei den Wiener Festwochen uraufgeführten "Letzten Tage" (taz, Tagesspiegel), Hakan Savas Micans "On my way home" (Berliner Zeitung, taz) und Arnold Schönbergs an der Amsterdamer Oper aufgeführten "Gurrelieder" (FAZ).
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Film

Endspurt in Venedig: Sehr dankbar ist Cristina Nord von der taz Quentin Dupieux" "Reality" und Hong Sangsoos "Hill of Freedom" dafür, dass beide Filme "den Rahmen dessen, was für gewöhnlich im Kino passiert, weit dehnen. Gerade bei Filmfestivals fällt auf, wie vorhersehbar die meisten Filmfiktionen sind und wie oft sie Standardsituationen in Szene setzten. Warum eigentlich? Warum muss man immer wissen, wer was wo und warum tut und ob es wirklich geschieht oder nicht?"

Ganz und gar hervorragend findet Dietmar Dath in der FAZ Duane Hopkins" "Bypass", der sehr eindrücklich von der Armut erzählt und dem der Kritiker es dabei sehr dankt, kein Dokumentarfilm zu sein, der einem kulturbeflissenen Publikum ein Fenster zum Blick ins Elend öffnet - stattdessen ist "Bypass" so gekonnt wie schön und das "dementiert jede gönnerhafte Sicht auf das, was hier passiert."

Abseits von Venedig: In der NZZ sieht Geri Krebs in Paolo Vierzis gnadenlosem Film "Il capitale humano" ein echtes Hoffnungszeichen: "Das italienische Kino, das während längerer Zeit nur noch sporadisch Präsenz in hiesigen Sälen markierte, feiert seit vergangenem Jahr fast so etwas wie eine Auferstehung." Zutiefst ratlos bleibt taz-Filmkritiker Ekkehard Knörer nach der DVD-Sichtung von Horror-Altmeister Dario Argentos "Dracula 3D" zurück. Ebenfalls in der taz schreibt Silvia Hallensleben über Michael Brynntrups wiederaufgelegten Experimentalfilm-Klassiker "Jesus - Der Film" aus den 80ern. Zur Wiederaufführung des einst in Deutschland beschlagnahmten "Texas Chain Saw Massacre" listet David Steinitz in der SZ sieben Gründe für den legendären Ruf des Films auf.

Carolin Weidner schreibt in der taz, Verena Lueken in der FAZ und Iris Alanyali in der Welt den Nachruf auf den Schauspieler Gottfried John. Und Swantje Karich gratuliert in der FAZ dem tschechischen Filmsurrealisten Jan Svankmajer zum 80. Geburtstag. Der lässt gerne auch mal die Steaks miteinander tanzen:



Besprochen werden Alexandre Powelz" "Ohne Dich", in dem sich Freitag-Kritiker Matthias Dell das geballte Elend des deutschen Films symptomatisch offenbart, Uberto Pasolinis "Mr May und das Flüstern der Ewigkeit" (Tagesspiegel, Perlentaucher, Welt), Brett Ratners "Hercules" (Perlentaucher) und der Dokumentarfilm "Amma & Appa" (Tagesspiegel, Programmkino.de).
Archiv: Film