Efeu - Die Kulturrundschau

Hinwendung zur Oberfläche des Alltags

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18.07.2014. Die NZZ wünschte sich, das zum Museum umgebaute Kaufhaus Schocken in Chemnitz erzählte die Geschichte seiner Gründer. Außerdem erliegt sie in Venedig dem Charme vierer "filatrici di pomodori". In der FAZ beklagt Gerhard Stadelmaier die doppelte Fluchtbewegung des Schaugewerbes. Die Jungle World tanzt den Rohmer zu Yé-yé-Pop. Die SZ feiert ein großes, dunkel grollendes Meisterwerk von Mastodon. Und alle trauern um Johnny Winter.

Bühne

Im zierlichen Venedig fühlt man sich als großgewachsener, gutgenährter Tourist schnell fehl am Platz. Wie man die Dinge wieder zurück binden kann, lernt Barbara Villiger Heilig bei einer Choreografie Virgilio Sienis, der mit 160 Italienerinnen und Italiener und einem Kameruner - alles Laien - das Matthäus-Evangelium in 27 Bildern nachstellt. Besonders beeindruckt haben die NZZ-Rezensentin die vier "filatrici di pomodori", Achtzig- bis Neunzigjährige aus dem Süden, die kleine Tomaten "nach traditioneller Manier zu Trauben binden. Diese Frauen, sagt Sieni, hätten sich der uralten Gestik einfach hingegeben. Den Jüngeren hingegen fehle solches Grundvertrauen; die detailreichen Abläufe zu memorieren, sei ihnen anfangs unmöglich vorgekommen. Doch der "Glaube an die Geste" - um ihn geht es Sieni - stelle sich mit der "Praxis" beim Üben ein: den eigenen Körper "hören", seine "Archäologie" erspüren, minuziöse Regungen endlos wiederholen "wie ein Gebet". Religion als religio, Rückbindung zu Elementarem." (Bild: Biennale)

So erbost wie penibel listet Gerhard Stadelmaier in einem großen Rundumschlag in der FAZ gefühlt sämtlichen Bühnen des Landes ihre Verfehlungen auf. Sein Befund: Das Theater verscherbelt gerade sein Tafelsilber - das Drama -, wenn es sich nurmehr auf Romanadaptionen und performante Expeditionen ins Stadtgebiet verlegt: "Man erlebt zurzeit tendenziell eine doppelte Fluchtbewegung des Schaugewerbes: ins beliebig Epische und ins beliebig Soziale. ... [Doch] Romane kann [der Zuschauer] selbst lesen, und in der Mehrzahl der Fälle besser als jeder Dramaturg. Und Sozialwesen, Städtebewohner, U-Bahn-Fahrer ist er sowieso. Das Theater aber könnte ihm das ganz Andere, das Gegenweltliche, den himmlischen Abhub der "unbegreiflich hohen Werke", das dramatisch Tolle, Aberwitzige, Schöne, Herrliche, Abgrundtiefe bieten, in das hinein man aufbräche wie in einen fernen, fremden Kontinent, geduldig und demütig."

Weiteres: Brita Sachs führt in der FAZ durch das Programm der Münchner Tanzreihe "Dance at Judson and on and on and on" im Lenbachhaus München. Nachrufe auf Manfred Wekwerth, den Ex-Intendanten des Berliner Ensembles und Stasi-Spitzel, schreiben Werner Hecht (Berliner Zeitung), Christoph Funke (Tagesspiegel), Eva Förster (Welt) und Till Briegleb (SZ).
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Kunst


Das ehemalige Kaufhaus Schocken in Chemnitz. Foto: Shaqspeare/Wikipedia

In Chemnitz besucht Jürgen Tietz für die NZZ Erich Mendelsohns zum Museum für sächsische Vor- und Frühgeschichte umgebautes Kaufhaus Schocken. Leider zerstört die Ausstellungsarchitektur Mendelsohns Idee eines offenen Warenhauses, meint Tietz, doch auf einem schmalen Gang "wird auf der anderen Seite die Geschichte von Salman Schocken und seinem Warenhauskonzern sowie von Erich Mendelsohn erzählt. Das ist in seiner persönlichen und historischen Dimension so berührend, dass man hier Stunden verbringen möchte, um sich mit dem Ort und seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Ganz leise glimmt dabei die Idee auf, wie großartig es gewesen wäre, wenn das ganze Haus nicht die Archäologie Sachsens erzählt hätte, sondern still und behutsam denen gewidmet wäre, die es einst haben entstehen lassen."

In der Berliner Zeitung schließt sich Irmgard Berner der allgemeinen Begeisterung für die große Wiederentdeckung Otto Pienes in Berlin an. In dessen "Proliferation of the Sun"-Installation lässt sie sich ganz fallen: "Schwerelosigkeit voller Dynamik zeichnet dieses Ambiente mit seinen halbtransparenten, schwebenden, bunt schillernd wechselnden Flächen und der Kugel als kosmischem Zentrum aus. Es ist ein magisch schöner Raum." Eine traurige Meldung bringt allerdings der Tagesspiegel: Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung ist Piene in Berlin gestorben. Auch Monopol erinnert an den Künstler und Philosophen.

Außerdem: Eine Ausstellung von George Vasilescus Roma-Bildern im Museum des rumänischen Bauern in Bukarest zieht den Zorn von Rechtsextremen auf sich, berichtet Christian Jakob in der taz.

Besprochen werden der Fotoband "War Porn" von Christoph Bangert (Carta), die Ausstellung "Berliner Tatorte" in der Topografie des Terrors (taz), eine Ausstellung von Arnold Odermatts Unfallfotos in der Galerie Springer in Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

Der amerikanische Autor Jonathan Lethem erklärt im Interview mit der NZZ, warum ihn das Talking-Heads-Album "Fear of Music" zu seinem neuen Buch inspiriert hat. 1979, als das Album entstand, war seine Mutter gerade gestorben. Er lebte in Brooklyn, einem damals mehrheitlich schwarzen Stadtteil: Musik und Texte der Talking Heads "waren die perfekte Allegorie meiner Probleme. Sie waren weiß, neurotisch und schauten seltsam drein. Nicht nur ihr Benehmen war seltsam, sie machten darüber ständig Witze. Genau in dieser Gemengelage brachten sie ihre Liebe zur schwarzen Pop-Musik zum Ausdruck: Schaut her, wir sind verschroben, aber, wir können uns auf dem Dancefloor bewegen. Und genau das war"s für mich, eine Möglichkeit, cool zu sein, sexy und glaubwürdig, was das Neurotische und Besorgniserregende von mir als New Yorker angeht, im Alltag zwischen Weiß und Schwarz."

Weiteres: In Algerien sind zwei Romane erschienen, die dem "Araber" in Camus" "Der Fremde" einen Namen geben, erzählt Wolf Lepenies in der Welt. Joachim Güntner begutachtet für die NZZ die Schweizer Lesebänke in Leipzigs Clara-Park. Für die FR trifft sich Cornelia Geißler mit der Schriftstellerin Ulrike Draesner. In der Welt erinnert Tilman Krause an Ricarda Huch, die vor 150 Jahren geboren wurde. Franz Himpsl hat für die SZ die Landauer Poetik-Vorlesung von Sibylle Lewitscharoff besucht, wo ihm dämmerte, warum die Autorin mit ihrer religiösen Rigorosität trotz aller Kontroversen so viel Zuspruch erfährt: Sie "hat das Prinzip Weltflucht kultiviert." Außerdem bringt die Zeit eine Strecke mit Reisefotografien diverser Schriftsteller, darunter Peter Handke, Arno Geiger, Nora Gomringer und Hermann Hesse.

Besprochen werden Burkhard Spinnens neuer Roman "Zacharias Katz" (FR), Michail Chodorkowskis Buch "Meine Mitgefangenen" (Welt), Walter Kirns Buch "Blut will reden" (Welt), Evelyn Waughs "Verfall und Untergang" (SZ), Stewart O"Nans "Die Chance" (FAZ, mehr).
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Film

Besprochen werden Ralf Westhoffs Komödie "Wir sind die Neuen" (FR, Tagesspiegel), Hayao Miyazakis "Wie der Wind sich hebt" (FR, mehr hier), Jeremy Saulniers Film "Blue Ruin" (NZZ) und Harald Bergmanns "Der Schmetterlingsjäger" (FAZ, Tagesspiegel).

Außerdem: Man kann Spike Jonzes Science-Fiction-Film "Her" sicher auch anders sehen als unser ziemlich unterwältigter Filmkritiker Rajko Burchardt beim Kinostart- zum Beispiel um 90 Grad gewendet. Viel Spaß!

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Stichwörter: Spike Jonze

Musik

Schwärmerisch, aber doch analytisch akkurat schreibt Magnus Klaue in der Jungle World über das Phänomen des --Pop der sechziger Jahre, in dem er Leichtigkeit und Lebenslust im Zuge aufkeimender Sexualität aufs Schönste in Form gegossen sieht: "In ihrem koketten Amoralismus, der Gegensätze nicht leugnet, sondern als Herausforderung in einem Spiel annimmt, das - Klugheit, Witz und Freundlichkeit der Beteiligten vorausgesetzt - auch gut ausgehen kann, und in ihrer Hinwendung zur Oberfläche des Alltags ähnelt diese Musik den zur gleichen Zeit ins Kino gekommenen Filmen Éric Rohmers, die in ihrem literarischen, von nuanciertem Ausdruck geprägten Gestus der Gegenentwurf zum pseudoavantgardistischen Guerilla-Kino Jean-Luc Godards sind. Wie Rohmers Kino lässt sich der Yé-yé-Pop nicht in die Entgegensetzung von Hoch- und Trivialkultur sperren." Diese Playlist auf Youtube bietet genügend Yé-yé-Pop, um damit kokett amoralisch durch den Tag zu kommen.

Von deutlich weniger filigran geschmachteten Tönen lässt sich unterdessen Peter Richter in der SZ begeistern. Sein Objekt der Begierde: das neue Album der Post-Metal-Helden Mastodon, das ihn zum großen Essay-Rundumschlag anspornt. Eine ästhetische Betrachtung des Albums kommt dabei auch nicht zu kurz: Auf dessen "Cover lacht einen ein freundliches Monstrum aus Tomaten und Grünzeug an, gleichermaßen Pop-Arcimboldo, blubbernder Ursuppen-Comic und Drogenphantasie aus mit LSD getränkten Mandelbrot-Frakalen. ... [Dieses Album] ist ein großes, dunkel grollendes Meisterwerk, gerade im zweiten Teil der Platte, mit einem hyperaktiven Schlagzeug, strickmaschinenhaftem Riffing und dem erkennbaren Willen, den Metal in eine Welt nach dem Metal zu überführen." Auf der Website der Band kann man sich das aktuelle Video ansehen.

Außerdem: Tobias Richtsteig berichtet im Freitag vom Kopenhagen Jazz Festival. Jens Uthoff ist für die taz zum Festival Riddu Riddu nach Norwegen gereist, wo er sich staunend mit der Sangeskunst der Sámi, dem sogenannten Joiken vertraut macht: "Es klingt wie eine Mixtur aus Volksgesang, Summen, Operngesang und Jodeln. Meist enthält er kaum Text, nur Töne."

Viel zu viel Tote diese Woche! Johnny Winter war einmal fast so berühmt wie Jimi Hendrix, später nicht mehr so, aber er blieb immer Johnny Winter. Hier ein Konzert aus der Zeit, als er wirklich berühmt war, in Montreux 1970. Es beginnt mit "Johnny Be Good":



Nachrufe schreiben Rolf Thomas (FAZ), Hans-Jürgen Linke (FR), H.P. Daniels (Tagesspiegel), Franz Zipperer (taz), Willi Winkler (SZ), Christoph Dieckmann (Zeit), Michael Pilz (Welt) sowie Jens Balzer und Christian Schlüter (Berliner Zeitung).

Besprochen werden Auftritte von Robert Plant (Zeit, Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und Natalie Cole (Tagesspiegel), sowie das neue Album "Flocking Behaviour" von Julius Steinhoff (taz).
Archiv: Musik