Efeu - Die Kulturrundschau

Ein angemessen hedonistisches Bild

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19.07.2014. Wie unter einer Teflonschicht fühlt sich die FAZ in Gregor Schneiders verhüllter Synagoge. Was ist bloß aus dem guten alten Berlin der 90er geworden, seufzt die SZ. Annett Gröschner reist da für die Welt lieber nach Klütz, in den Geburtsort Uwe Johnsons. Die taz macht jetzt Schmuck in 3D.Und die NZZ erlebt beim Festival d'Avignon transsexuelle Kulturminister, die von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen hüpfen.

Bühne





Das 68. Festival d"Avignon findet nach all den Protesten doch statt, freut sich Marc Zitzmann in der NZZ - bis er sieht, was der neue Künstlerische Leiter Olivier Ly fabriziert: "Die üblichen Pappmaché-Figuren turnen über eine von Pierre-André Weitz" schwerfälligen Drehbühnen in Klettergerüst-Form: die großherzige Mutter/Schlampe/Diva, der transsexuelle Kulturminister, der abgehalfterte Regisseur, der muskulöse Liebhaber, das Naturkind . . . Faszinierend an diesem Schmierentheater mit Prätentionen ist einzig die formidable Kollektion an Fettnäpfchen, die es aufbietet, damit der Autor/Regisseur sich in aller Genüsslichkeit darin suhle." (Bild: Bertraand Langois/AFP)

Für den Kurier hat sich Georg Leyrer den Auftakt der letzten, und deshalb wohl für lange Zeit spektakulärsten Salzburger Festspiele unter Alexander Pereira angeschaut und ist vor allem von der "Sufi-Musik" berauscht: "Die Sufi-Rituale beginnen zumeist - gleichsam aus der Stille erwachsend - mit der Anrufung von Allahs Namen, steigern sich aber schnell zu Gesängen und - mit dem Einsetzen von orientalischen Instrumenten - zu Musik. (...) Ziel dieser Rituale ist, mit Gott in Verbindung zu treten, zunächst das Ego zu überwinden und den Geist zu leeren, um so zu ekstatischen Erfahrungen zu kommen."

Außerdem: Im Standard spricht Andrea Schurian mit Pereira über Kulturerbe und Subventionsgelder. Barbara Petzsch führt mit Pereira ein Interview für Die Presse. Auf Nachtkritik jubelt Harald Raab über Dieter Wedels grandiose Abschiedsvorstellung von Hebbels Nibelungen bei den Festpielen in Worms: "Wedel scheut ganze Batterien von Klischees nicht, bringt sie auf die Bühne, seziert sie kühlen und heißen Herzens, um zu beweisen, wie hohl und wie gefährlich asozial sie sind."
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Literatur

Morgen wäre Uwe Johnson 80 Jahre alt geworden, der nach dem Bau der Mauer nicht mehr in seinen Geburtsort Klütz in Mecklenburg reisen konnte. Deshalb, erzählt Annett Gröschner in der Welt, trug er 1969 einem Bekannten auf, sich umzuschauen: "Sieht man noch alte Frauen mit Kopftuch und Gummistiefeln? Steht da ein Denkmal für Körner, oder sonst wen? Gibt es Zeitungskioske außer in Post und Bahnhof? Wie ist die Straße beleuchtet? Was für Frisuren sind da Mode? Trifft man auf Halbstarke?" Gröschner reiste jetzt selbst nach Klütz und vermittelt ein aktuelles Bild: "Auf Bahnsteig 2 lärmen drei Leute, die irgendwelche Drogen genommen haben und den Getränkeautomaten mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, zur kostenlosen Herausgabe von Getränken zu zwingen versuchen, weil er Scheine nicht nimmt und niemand da ist, der wechseln könnte. Das hier ist die Zukunft." In der Berliner Zeitung erinnert Sabine Vogel an den Schriftsteller.
 
Außerdem: Frank Heibert berichtet in der Welt von seiner Recherche-Reise nach Mississippi, die er anlässlich seiner Neuübersetzung von William Faulkners Südstaaten-Roman "Schall und Wahn" vornahm. Für den Tagesspiegel trifft sich Roman Rhode mit dem Schriftsteller Leonardo Padura. Tilman Krause erinnert anlässlich des 50. Todestages an den Literaturpapst Friedrich Sieburg, der in der Ära Adenauer für die Nützlichkeit von Literatur in einer Demokratie kämpfte. Harro Zimmermann schreibt in der FR zu Friedrich Sieburg. Außerdem bringt die SZ vier Seiten mit Tipps für die Urlaubslektüre.

Besprochen werden Gian Carlo Fuscos "Die Unerwünschten" (FAZ) und Emmanuelle Bayamack-Tams Roman "Wenn mit meiner Unschuld nicht alles vor die Hunde ging" (taz).

In der Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Uwe Kolbe Hölderlins Kurzgedicht "Sophokles" vor:

"Viele versuchten umsonst das Freudigste freudig zu sagen,
Hier spricht endlich es mir, hier in der Trauer sich aus."
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Film

Regisseur Ralf Westhoff erzählt im Gespräch mit der Welt von den Dreharbeiten zu seinem Film "Wir sind die Neuen". Besonders inspiriert hat ihn seine Hauptdarstellerin Gisela Schneeberger: "Lasst mich doch alle in Ruhe mit Eurem Internet! Erklär mir, warum ich das brauchen sollte! Schreib mir einen Brief und erklär mir das! Was wollt ihr bloß von mir!"

Außerdem: Für die taz porträtiert Corinna Stegemann den Synchronsprecher Norbert Langer, dessen Stimme in Kino und TV nahezu allgegenwärtig ist. Nachrufe auf Dietmar Schönherr schreiben Joachim Huber (Zeit) und Klaudia Wick (Berliner Zeitung), Eckhard Fuhr (Welt).
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Kunst

In der FAZ stellt Andreas Rossmann die von Gregor Schneider im Modus alltäglicher Unscheinbarkeit ummantelte Synagoge in Stommeln vor: Von einem schlichten, regulären Bau ist das Gebäude von außen im Grunde nicht zu unterscheiden. Aber: "Die Hülle, mit der der alte Bau ummantelt wird, wirkt wie eine Teflonschicht, die alle Zeit- und Erinnerungsspuren abweist. Der stereotype Neubau als Metapher für die Totalität der Gegenwart."

Außerdem: Anna Pataczek porträtiert im Tagesspiegel den georgischen, seit 20 Jahren in Berlin arbeitenden Künstler Zaza Tuschmalischvili. Patrick Bahners beleuchtet in der FAZ die Erweiterungspläne der großen New Yorker Kunstmuseen. Fassungslosigkeit ringsum nach Otto Pienes Tod am Donnerstag, der am Abend zuvor noch die Eröffnung seiner großen Kunst-Installationen in Berlin eröffnet hatte: Nachrufe schreiben Simone Reber und Christiane Peitz (Tagesspiegel), Niklas Maak (FAZ) und Ruth Schneeberger (SZ online, im Print schreibt Gottfried Knapp) und Hans Joachim Müller in der Welt.

Besprochen werden Alfred Hrdlickas Ausstellung "Wie ein Totentanz" im Willy-Brandt-Haus in Berlin (taz), die Ausstellung "Letzte Zeugen - Erinnerungen von Häftlingen der faschistischen Lager" in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (taz), eine Ausstellung junger südafrikanischer Kunst im Projektraum 404 in Bremen (taz) und die Gerhard-Richter-Ausstellung "Bilder/Serien" in der Fondation Beyeler in Riehen (SZ).
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Design

In der taz erzählt Tilman Baumgärtel die kuriose Geschichte des Schmuckdesigners David Bizer, der mit seinen dreidimensionalen, am 3D-Drucker erstellten Klangwellen zum Umhängen unfreiwillig zum Unternehmer wurde: Die Leute haben sein Online-Portfolio einfach für einen Online-Shop gehalten. Mittlerweile lebt er recht gut von diesem Verkauf, sagt er. "Als ihm die Bestellungen "zu stressig" wurden, veröffentlichte er im Netz eine Anleitung, wie man sich die Ketten selbst macht. Das Resultat: Noch mehr Bestellungen. "Die Kunden haben gesehen, dass das doch nicht so einfach ist, wie es aussieht. Da habe ich gelernt, dass es etwas bringt, wenn die Leute von dir klauen wollen."".
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Musik

Der legendäre Berliner Club Cookies schließt seine Pforten, was Peter Richter von der SZ angemessen nostalgisch über die guten Jahre Berlins - die Neunziger! - schreiben lässt. Da feierte das wirklich coole Berlin noch Dienstags und Donnerstags: "Manchmal, wenn die Sonne schon über einem Mittwoch oder einem Freitag aufging, aber die gute Laune immer noch kein Ende nehmen wollte, da wirkte dieser Ort, als wäre er erfunden worden, um all den Berlin-Ressentiments in den Geberstaaten des Länderfinanzausgleichs ein angemessen hedonistisches Bild zu liefern. Die Ökonomie dieser Nachtgestalten blieb so rätselhaft wie die der ganzen Stadt."

Besprochen werden eine CD-Box mit Aufnahmen von Hanns Eisler (taz), der Berliner Auftritt von Robert Plant (FAZ), das neue Album des britischen Musikers Fink (ZeitOnline), das neue Album von Morrissey (FR) und das neue Album von How to Dress Well (Jungle World).

Außerdem: Stereogum präsentiert die besten Musikvideos der Woche. Auf dem wohlverdienten Platz Nummer 1: Weird Al Yankovichs herrliche Parodie von Pharrell Williams" "Happy" - mit einem unglaublich unfassbaren Jack Black, der darin seinen Hüftspeck ordentlich in Wallung bringt.

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