Efeu - Die Kulturrundschau

Was Amazon richtig macht

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.07.2014. Der Freitag erinnert an den linken Pop-Diskurs zur Loveparade. Die Berliner Zeitung betrachtet mit spitzen Fingern ein Billigprodukt der Berliner Philharmoniker. Der taz fliegt das Blau, Braun, Grau, Pink, Gelb, Orange, Rot, Violett von Otto Pienes um die Ohren. Absolut modern findet der Guardian Rihannas Anglerhut. Und in der Zeit hören 17 Autoren das Wörtchen Amazon und kneifen ganz fest die Augen zu.

Literatur

Wäre der Aufmacher des Zeit-Feuilletons nicht besser auf der Seite "Glauben und Zweifeln" aufgehoben gewesen? 18 Autoren werden über ihr Verhältnis zu Amazon befragt. 17 erklären nie dort zu kaufen ("ich kaufe ja auch kein Fleisch beim Abdecker", Durs Grünbein) oder nur in Ausnahmefällen ("ich habe dann aber auch, wie es sich gehört, ein schlechtes Gewissen", Daniel Kehlmann). Sie geißeln den "Missbrauch einer Monopolmacht" (Günter Walraff), seinen "Kapitalismus mit Zähnen und Klauen" (John Banville) und wünschen "diesem entsetzlichen Monopolisten den Untergang" (Sibylle Lewitscharoff). Nur Kathrin Passig tanzt mal wieder aus der Reihe, die zur miesen Behandlung der Lagerarbeiter bei Amazon meint: "Es ist richtig, diese Kritik zu üben, aber bevor Einzelhändler und Verlage Amazon als Bedrohung ernstgenommen haben, war davon nicht die Rede, obwohl sich an den Arbeitsbedingungen vermutlich wenig geändert hat. Ich halte das für einen Nebenkriegsschauplatz. Um nicht über das reden zu müssen, was Amazon richtig macht, wird über das geredet, was das Unternehmen falsch macht."

Außerdem: In der Welt erzählt Hannes Stein, wie man auch ohne Amazon einen Bestseller landen kann - man braucht nur ein bisschen Hilfe von Stephen Colbert. Im Freitag erinnert sich Jochen Vogt daran, wie er im Sommer 1960 gemeinsam mit Jörg Fauser Leichen ausgegraben hat. Fauser gewidmet ist auch die aktuelle Ausgabe der Berliner Literaturzeitung DreckSack, deren Macher Florian Günther Katja Kullmann im Freitag porträtiert.

Besprochen werden Stewart O"Nans "Die Chance" (FR, taz), Levin Kurios und Roman Turowskis Comic "Bella Star trifft Kala" (Tagesspiegel), Orfa Alarcóns Erstlingsroman "Königin und Kojoten" (NZZ), Ursula Voß" "Die Puppen von New York" (FAZ) und Tim Parks" "Italien in vollen Zügen" (SZ).

Außerdem: Der Perlentaucher verspricht, zehn grässliche Autorenverschreiber künftig vermeiden zu wollen. Hier die Plätze 8 bis 10:

8. George Simenon
9. Evelyn Waugh als Autorin
10. Sibylle Lewitscharow

Und die Plätze 1 bis 7 finden Sie hier.

Archiv: Literatur

Film



Christoph Neidhardt trifft sich für die SZ mit dem japanischen Animationsfilm-Großmeister Hayao Miyazaki, dessen neuer Film "Wenn der Wind sich hebt" heute ins Kino kommt. Dass der Film über den japanischen Flugzeugbauer Jiro Horikoshi als romantischer Träumer, dessen Flugzeuge allerdings auch in Pearl Harbour zum Einsatz kamen, nicht unheikel ist, streicht Ekkehard Knörer in seiner, dann aber eben doch rundum begeisterten, Kritik für die taz heraus: Denn "weiter als Miyazaki kann man von der Riefenstahlisierung von Mensch und Maschine kaum entfernt sein. ... Markant, wirklich exzentrisch und denkbar unmartialisch ist das Sounddesign ausgefallen: Die Motorengeräusche aller Flugzeuge (...) sind von Menschenmündern erzeugt und im Monosound produziert: technische Abrüstung als Programm. Man kann diese kindlich-artifizielle Geräuschimitation gar nicht anders denn als Spott auf die Dolby-Surround-Scapes der Blockbustergegenwart begreifen."

Auch Lukas Foerster sieht beim Perlentaucher das Problem einer Enthistorisierung des japanischen Faschismus, verteidigt den Film aber gegen allzu voreilige Kritiker: "Dass Militarismus und Faschismus verdrängt werden, heißt eben auch: Sie erfahren keine visuelle Repräsentanz. Und: Der Film partipiziert auch nicht an ihrer Selbstrepräsentanz. Gerade in Deutschland, wo Vergangenheitsbewältigung allzu oft Immersion im Führerbunker heißt und wo jeder Schauspieler, der ernst genommen werden möchte, mindestens einmal den Hitler oder wenigstens Goebbels gegeben haben muss, kann man so etwas fast als eine radikale ästhetische Strategie auffassen." Weitere Besprechungen bringen die FAZ und der Tagesspiegel.

Auch Andreas Busche (Freitag) ist von Michael Bays neuem Transformers-Film wie seine Kollegen standesgemäß genervt. Rächt sich Bay jetzt dafür, dass sein letzter Film, die schrille, ziemlich unterhaltsame Satire auf den american way of life "Pain & Gain" beim Publikum nicht ankam? "Man könnte "Transformers 4" also als eine Art Rache verstehen. Bay gibt dem Publikum einfach mehr vom selben, und das eben knapp drei Stunden lang: sinnlose Explosionen, hämmernde Musik, absurd montierte Schnittfolgen, sexistische Witze. Andersherum wird auch ein Schuh draus: Jeder Regisseur hat das Publikum, das er verdient." In der Welt findet Harald Peters den Film "so krachend, erfrischend blechern und mächtig, dass es geeignet ist, Plomben aus den Zähnen zu sprengen", in der SZ bespricht David Steinitz den Film.

Weitere Artikel: Thomas Groh empfiehlt in der taz eine dem Regisseur Roland Klick gewidmete Retrospektive in Berlin. Angela Köckritz porträtiert für die Zeit den chinesischen Regisseur Diao Yinan, dessen Berlinale-Gewinner "Black Coal, Thin Ice" nächste Woche in deutsche Kinos kommt.

Besprochen werden außerdem Ralf Westhoffs Filmkomödie "Wir sind die Neuen" (Zeit, Welt), Harald Bergmanns "Der Schmetterlingsjäger" (taz), Harald Bergmanns Filmessay über Nabokov "Der Schmetterlingsjäger" (Welt) und der koreanische Animationsfilm "The King of Pigs" (Perlentaucher).
Archiv: Film

Kunst



In der Berliner Zeitung stellt Sabine Vogel die Arbeiten des südafrikanischen Künstlers Moshekwa Langa vor, die derzeit in der ifa Galerie in Berlin zu sehen sind. Womöglich waren bei der Betrachtung der Werke auch Substanzen mit im Spiel: "Aquarellierte Farbwolken zogen über visionierte Kontinente, rohe Paket-Klebebänder hielten Innen- und Außenwelten, Wach- und Schlafzustände, Fundstücke des realen mit Fiktionen zusammen, verklammerten Disparates aus nicht miteinander kohärenten Wirklichkeiten und verwebten alles zu unbekannten Geografien."

Und überhaupt tauchen gerade wildeste Farben die Nächte, zumindest der Berliner Kunstfreunde, ganz und gar ins Psychedelische. Der Grund dafür: Die Neue Nationalgalerie bringt Otto Pienes immersive Dia-Avantgarde-Installation "The Proliferation of the Sun" stilecht mit Öffnungszeiten spätnachts wieder zur Aufführung. "In Abständen von wenigen Sekunden schießen dort abstrakte Bilder in wildesten Kombinationen von Blau, Braun, Grau, Pink, Gelb, Orange, Rot, Violett durch den Raum, als würde dort gerade etwas Übernatürliches geboren werden", staunt darüber Annabelle Hirsch in der taz, die das eingelöste Versprechen der Berliner Nacht, darin "das Wildeste, Ungewöhnlichste, Irrsinnigste" zu erleben, mit einem Mal zum Greifen nahe sieht.

Das Publikum "wird Bestandteil eines Gesamtkunstwerks", freut sich Nicola Kuhn im Tagesspiegel, die viele Hintergründe zu Piene bringt: "Zwei Klassiker kommen hier zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die Neue Nationalgalerie, in ihrer Rationalität eine Ikone der Moderne auf der einen Seite und auf der anderen Otto Piene, der in den Fünfzigern mit Heinz Mack und Günther Uecker jene legendäre Zero-Gruppe gründete, deren erklärtes Ziel die Überwindung des Museums und seiner Begrenzungen war. Ihre experimentelle Kunst öffnete sich dem Raum, der Zeit, den Elementen." Für die FAZ hat sich Niklas Maak in den Farbwelten des Otto Piene entgrenzt.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung rund um Johann Heinrich Füsslis "Prometheus" im Zürcher Kunsthaus (Welt), Michael Ruetz" Ausstellung "Die absolute Landschaft" im Museum für Fotografie in Berlin (taz), eine Foto-Ausstellung über Angela Merkel im Museum The Kennedys in Berlin (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Art or Sound" in der Fondazione Prada in Venedig (SZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Bühne

Für den Freitag begutachtet Juliane Löffler die Bemühungen des "Tanzfonds Erbe" um die Aufarbeitung der Tanzgeschichte: Insbesondere Anita Berbers Schaffen aus den 20er Jahren steht im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, das allerdings immer wieder an die Grenzen der Rekonstruierbarkeit seines flüchtigen Gegenstands stößt: Etwa, "dass die Körper heutiger Tänzer mit denen von damals nicht vergleichbar sind. Auch wenn Anita Berber aus dem Stand in den Spagat rutschen konnte - die Exzesse, die sie ihrem Körper zumutete, sind bei professionellen Tänzern heute kaum vorstellbar. Wenn Brit Rodemund (...) heute Morphium tanzt, muss das anders aussehen als bei Anita Berber. Nicht nur der Tanz, auch der tanzende Körper kann nicht aus seinem zeitgeschichtlichen Kontext gelöst werden." Hier gibt es eine Kurzdoku über das Berber-Projekt.

Besprochen wird Peter Lunds Erfurter "Jedermann"-Inszenierung als Rockoper (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne
Stichwörter: 20er, Anita Berber, Jedermann

Musik

Im Freitag erinnert sich Andreas Busche an die Loveparade, die vor 25 Jahren zum ersten Mal stattfand. Interessant findet er den als Demonstration verkleideten Rave nicht zuletzt wegen der hartnäckig geführten Diskussionen, die sich in den poplinken 90ern darum rankten: "Der linke Pop-Diskurs, der sich im wiedervereinten Deutschland als Folge der rassistischen Übergriffe von Rostock, Hoyerswerda und Solingen früh außerhalb von Massenphänomenen wie der Loveparade positionierte, beäugte den naiven Hedonismus der Rave Society kritisch. Das utopische Potenzial einer entpolitisierten Gesellschaft, in der alle Mitglieder ohne ideologische Vorbehalte gleiche Rechte genössen, generiert nach Ansicht des Pop-Theoretikers Diedrich Diederichsen zwangsläufig ein gleichgeschaltetes Volksempfinden, das jede Form von subjektiver Erfahrung suspendiere. Der Schriftsteller Rainald Goetz erkennt hingegen im Aufgehen in der Masse ein demokratisches Ideal mit quasi-religiösen Zügen."

Mit einer luxuriös ausgestatten CD- und BluRay-Kombi-Edition treten die Berliner Philharmoniker nun auch als ihr eigenes Musiklabel auf dem Markt auf. Die Aufnahmen, unterstreicht Peter Uehling in der Berliner Zeitung, sind zwar ohne weiteres hervorragend, doch die Bemühungen, mit viel Luxustand die physische Wertigkeit des Produkts hervorzukehren, gehen ihm schwer auf die Nerven: Der Raum im Booklet für Begleittexte lässt nur Platz für Allgemeinplätze, "dazwischen findet man aus unerfindlichen Gründen Bilder von KPM-Vasen; die Vase auf dem Leinendeckel erinnert an einen bunt floral tätowierten Frauenhintern. Das Edle ist mithin reichlich angestrengt und im Grunde geschmacklos. Handwerkskunst - Porzellan, Leinen, Buchbindung - vertuscht, dass es sich im Kern, also bei den drei gestapelten Scheiben, in materieller Hinsicht um ein massenhaft aus der Pressung fallendes Billigprodukt handelt."

Außerdem: Für Electronic Beats unterhält sich Max Dax mit dem Rapper RZA. Michael Jäger erinnert im Freitag an den DDR-Komponisten Siegfried Matthus. Ed Power hat für The Quietus ein Gespräch mit den Chicks on Speed geführt. In der Popkolumne der SZ stellt Annett Scheffel ihre CDs der Woche vor, darunter auch das Debüt der kanadischen Band Alvvays. Hier eine Hörprobe:


Besprochen werden ein Konzert von Booker T. Jones (Tagesspiegel), das neue Album von La Roux (Tagesspiegel), Daniel M. Felges Buch "Philosophie des Jazz" (FAZ, mehr)und Slow Clubs neues Album "Complete Surrender" (Zeit).

Außerdem bringt The Quietus mit einem ersten Rückblick auf die besten Musikveröffentlichungen des laufenden Jahres viel Füllstoff für die Merkliste beim Streaming-Service Ihrer Wahl.
Archiv: Musik

Design

Erstklassiges Statement gibt Rihanna mit ihrem Anglerhut ab, findet Jess Cartner-Morley im Guardian, während sie das Bild von Rihanna mit Mario Götze betrachtet: "From unpromising beginnings - it is, after all, the hat worn by babies, fisherman and Woody Allen - it has come to represent an anti-establishment, hard-partying attitude. There is something about its complete lack of poise that makes it representative of a particularly stubborn, don"t-care-what-you-think stance: think of its devotees, from Hunter S Thompson and Liam Gallagher to RiRi herself. This is a hat with no pretensions to chic, which is why it will always be a Marmite garment. The person wearing a bucket hat doesn"t care what you think of their look. That"s the whole point."

Und das ist ein Fahrrad. Wirklich.



Archiv: Design