9punkt - Die Debattenrundschau
Die Wärme des Kollektivismus
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2026. Die Proteste im Iran gehen weiter. Laut SZ ist es ein Aufstand von Basarhändlern. In den Twittervideos rufen die Frauen: "Es geht nicht nur ums Kopftuch, ihr nehmt uns das Leben." Jacobin druckt die feierliche Antrittsrede Zohran Mamdanis: Er verspricht eine Vision für alle New Yorker. Als erste Amtshandlung gibt er laut Politico das Bekenntnis der Stadt zur IHRA-Antisemitismusdefinition auf. Die FAZ beobachtet die unheimliche Machtentfaltung der "Broligarchen". Aber die werden bald crashen, ist sich die SZ sicher.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
03.01.2026
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Politik
Aktuell: Offenbar attackieren amerikanische Kampfjets Ziele in Venezuela. Hier das Liveblog der New York Times.
Die Proteste im Iran gehen weiter. Tomas Avenarius deutet sie in der SZ vor allem wirtschaftlich: "Besonders gefährlich für das Regime ist es, dass die Unruhen nicht wie in früheren Jahren politisch motiviert sind und nicht nur von der Jugend oder den Frauen getragen werden. Ausgelöst haben die Proteste diesmal Ladenbesitzer und Basarhändler, also Vertreter des Mittelstandes. Die Geschäftsleute hatten ihre Läden wegen des Währungsverfalls und der Preissteigerungen geschlossen."
Während sich die westlichen Medien noch mit Berichterstattung zum Iran zurückhalten, explodieren die Videos bei Twitter. "Es geht nicht nur ums Kopftuch, ihr nehmt uns das Leben", rufen protestierende Frauen hier:
Till Fähnders blickt für die FAZ auf Myanmar, wo das "Demokratieexperiment " durch einen Putsch beendet worden war und seitdem Repression herrscht: "Mehr als siebentausend Menschen wurden getötet, mehr als 30.000 landeten im Gefängnis." Nun steht eine strikt reglementierte Wahl an: "Diese 'Wahl' ist von vorne bis hinten eine Täuschung. Dem UN-Menschenrechtskommissar zufolge zwingt das Regime die Bürger sogar 'mit brutaler Gewalt' dazu, ihre Stimme abzugeben. Ein gewalttätiges Militärregime will auf diese Weise seine Wiederaufnahme in die internationale Gemeinschaft erreichen und den Paria-Status abstreifen. Die Regierungen in Peking, Moskau und Neu Delhi scheinen bereit, die Legitimität dieser Wahl anzuerkennen."
Im Jacobin - wo sonst? - ist die feierliche Antrittsrede des neuen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani abgedruckt, inklusive jenes Satzes, der allenfalls ein paar Osteuropäern und einer Milliarde Chinesen einen kalten Schauer über den Rücken jagen wird: "Wir werden die Kälte des rauen Individualismus durch die Wärme des Kollektivismus ersetzen… Es wird eine Geschichte von achteinhalb Millionen Städten sein, jede davon ein New Yorker mit Hoffnungen und Ängsten, jede ein Universum, jede miteinander verwoben. Die Autoren dieser Geschichte werden Paschtu und Mandarin, Jiddisch und Kreolisch sprechen. Sie werden in Moscheen, in Synagogen, in Kirchen, in Gurdwaras, Mandirs und Tempeln beten. Und viele werden gar nicht beten. Es werden russisch-jüdische Einwanderer in Brighton Beach sein, Italiener in Rossville und irische Familien in Woodhaven - von denen viele mit nichts als dem Traum von einem besseren Leben hierher gekommen sind, einem Traum, der verblasst ist. Es sind junge Menschen in beengten Wohnungen in Marble Hill, wo die Wände wackeln, wenn die U-Bahn vorbeifährt. Es sind schwarze Hausbesitzer in St. Albans, deren Häuser ein physisches Zeugnis für den Triumph über Jahrzehnte gering bezahlter Arbeit und Diskriminierung sind. Es sind palästinensische New Yorker in Bay Ridge, die sich nicht mehr mit einer Politik auseinandersetzen müssen, die von Universalismus spricht und sie dann zur Ausnahme macht."
Der alte Dissident Garry Kasparow kommentiert auf Twitter: "Die 'Wärme des Kollektivismus' besteht darin zu frieren, während diejenigen mit beheizten Datschen Ihnen erzählen, welch ein edles Opfer Sie bringen."
Zu den ersten Amtshandlungen Mamdanis gehört, dass er einige Weisungen seines Vorgängers Eric Adams aufhob, darunter Adams' Festhalten an der IHRA-Definition von Antisemitismus, die auch israelbezogenen Antisemitismus benennt, und eine Weisung, die es Angestellten der Stadt untersagte, mit der Israelboykottbewegung zu kooperieren, berichtet Joe Anuta in Politico: Vor der Presse am Freitag "versprach Mamdani, die jüdischen New Yorker zu schützen, ging jedoch nicht näher darauf ein, warum er die Anordnungen aufgehoben hatte... Was die von Adams übernommene Definition von Antisemitismus betrifft, die von der International Holocaust Remembrance Alliance formuliert wurde, merkte Mamdani an, dass viele jüdische Organisationen in der Stadt sich nicht an diese Auslegung halten, die beispielsweise einige Kritikpunkte an Israels Handlungen als antisemitisch gleichsetzt."
Der New Yorker Politologe Corey Robin hofft im Gespräch mit Lukas Hermsmeier von der taz, dass Mamdani ein linkes Aufbauprojekt stemmen wird: "Mamdani gibt vor, wie es geht. Er konzentriert sich auf die grundlegenden Fragen der Wirtschaft, während er nicht 'Wokeness' zum Feind macht oder Transpersonen angreift. Er begrüßt eine multikulturelle Gesellschaft, er lebt sie! Mamdani und seine Organisation, die Democratic Socialists of America, sind dabei, so etwas wie eine Partei aufzubauen. Sie gehen von Tür zu Tür, formen Nachbarschaftskomitees, sind in den Bezirken und an Arbeitsplätzen präsent, verbringen ihre Nachmittage, Abende und Wochenenden für die Sache - das sind ja die Tätigkeiten, die eine Partei ausmachen."
Die Proteste im Iran gehen weiter. Tomas Avenarius deutet sie in der SZ vor allem wirtschaftlich: "Besonders gefährlich für das Regime ist es, dass die Unruhen nicht wie in früheren Jahren politisch motiviert sind und nicht nur von der Jugend oder den Frauen getragen werden. Ausgelöst haben die Proteste diesmal Ladenbesitzer und Basarhändler, also Vertreter des Mittelstandes. Die Geschäftsleute hatten ihre Läden wegen des Währungsverfalls und der Preissteigerungen geschlossen."
So sieht ziviler Ungehorsam und Widerstand aus. Sie sitzen unbewaffnet mit leeren Händen den Schergen der islamischen Republik gegenüber. Den mutigen Menschen aus den Iran, die gerade ihre Leben riskieren für #fraulebenfreiheit muss unsere Solidarität gelten und nicht dem Mörder… pic.twitter.com/g8TLoJQYdZ
- Düzen Tekkal (@DuezenTekkal) January 2, 2026
Während sich die westlichen Medien noch mit Berichterstattung zum Iran zurückhalten, explodieren die Videos bei Twitter. "Es geht nicht nur ums Kopftuch, ihr nehmt uns das Leben", rufen protestierende Frauen hier:
C'EST CRIÉ. " Le problème n'est pas seulement le voile, vous nous avez pris la vie ! ", scandent des femmes descendues dans la rue vendredi 2 janvier 2026 dans le nord-est de Téhéran, au sixième jour de protestation en #Iran.
- Armin Arefi (@arminarefi) January 3, 2026
Source : @Vahid pic.twitter.com/v1z8X8tXji
Till Fähnders blickt für die FAZ auf Myanmar, wo das "Demokratieexperiment " durch einen Putsch beendet worden war und seitdem Repression herrscht: "Mehr als siebentausend Menschen wurden getötet, mehr als 30.000 landeten im Gefängnis." Nun steht eine strikt reglementierte Wahl an: "Diese 'Wahl' ist von vorne bis hinten eine Täuschung. Dem UN-Menschenrechtskommissar zufolge zwingt das Regime die Bürger sogar 'mit brutaler Gewalt' dazu, ihre Stimme abzugeben. Ein gewalttätiges Militärregime will auf diese Weise seine Wiederaufnahme in die internationale Gemeinschaft erreichen und den Paria-Status abstreifen. Die Regierungen in Peking, Moskau und Neu Delhi scheinen bereit, die Legitimität dieser Wahl anzuerkennen."
Im Jacobin - wo sonst? - ist die feierliche Antrittsrede des neuen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani abgedruckt, inklusive jenes Satzes, der allenfalls ein paar Osteuropäern und einer Milliarde Chinesen einen kalten Schauer über den Rücken jagen wird: "Wir werden die Kälte des rauen Individualismus durch die Wärme des Kollektivismus ersetzen… Es wird eine Geschichte von achteinhalb Millionen Städten sein, jede davon ein New Yorker mit Hoffnungen und Ängsten, jede ein Universum, jede miteinander verwoben. Die Autoren dieser Geschichte werden Paschtu und Mandarin, Jiddisch und Kreolisch sprechen. Sie werden in Moscheen, in Synagogen, in Kirchen, in Gurdwaras, Mandirs und Tempeln beten. Und viele werden gar nicht beten. Es werden russisch-jüdische Einwanderer in Brighton Beach sein, Italiener in Rossville und irische Familien in Woodhaven - von denen viele mit nichts als dem Traum von einem besseren Leben hierher gekommen sind, einem Traum, der verblasst ist. Es sind junge Menschen in beengten Wohnungen in Marble Hill, wo die Wände wackeln, wenn die U-Bahn vorbeifährt. Es sind schwarze Hausbesitzer in St. Albans, deren Häuser ein physisches Zeugnis für den Triumph über Jahrzehnte gering bezahlter Arbeit und Diskriminierung sind. Es sind palästinensische New Yorker in Bay Ridge, die sich nicht mehr mit einer Politik auseinandersetzen müssen, die von Universalismus spricht und sie dann zur Ausnahme macht."
Der alte Dissident Garry Kasparow kommentiert auf Twitter: "Die 'Wärme des Kollektivismus' besteht darin zu frieren, während diejenigen mit beheizten Datschen Ihnen erzählen, welch ein edles Opfer Sie bringen."
Zu den ersten Amtshandlungen Mamdanis gehört, dass er einige Weisungen seines Vorgängers Eric Adams aufhob, darunter Adams' Festhalten an der IHRA-Definition von Antisemitismus, die auch israelbezogenen Antisemitismus benennt, und eine Weisung, die es Angestellten der Stadt untersagte, mit der Israelboykottbewegung zu kooperieren, berichtet Joe Anuta in Politico: Vor der Presse am Freitag "versprach Mamdani, die jüdischen New Yorker zu schützen, ging jedoch nicht näher darauf ein, warum er die Anordnungen aufgehoben hatte... Was die von Adams übernommene Definition von Antisemitismus betrifft, die von der International Holocaust Remembrance Alliance formuliert wurde, merkte Mamdani an, dass viele jüdische Organisationen in der Stadt sich nicht an diese Auslegung halten, die beispielsweise einige Kritikpunkte an Israels Handlungen als antisemitisch gleichsetzt."
Der New Yorker Politologe Corey Robin hofft im Gespräch mit Lukas Hermsmeier von der taz, dass Mamdani ein linkes Aufbauprojekt stemmen wird: "Mamdani gibt vor, wie es geht. Er konzentriert sich auf die grundlegenden Fragen der Wirtschaft, während er nicht 'Wokeness' zum Feind macht oder Transpersonen angreift. Er begrüßt eine multikulturelle Gesellschaft, er lebt sie! Mamdani und seine Organisation, die Democratic Socialists of America, sind dabei, so etwas wie eine Partei aufzubauen. Sie gehen von Tür zu Tür, formen Nachbarschaftskomitees, sind in den Bezirken und an Arbeitsplätzen präsent, verbringen ihre Nachmittage, Abende und Wochenenden für die Sache - das sind ja die Tätigkeiten, die eine Partei ausmachen."
Digitalisierung
Europa war bekanntlich komplett unfähig, am Innovationsschub des Internets in irgendeiner Weise zu partizipieren. Alle großen Geschäftsmodelle wurden in den USA entwickelt - bis hin zur KI, die in den Händen dubioser Oligarchen liegt. Dagegen fordert der Kulturpolitiker Carsten Brosda in bewährter SPD-Manier "regulative Dämme". Liest man seinen Artikel auf der Medienseite der FAZ, fragt man sich, ob man schon das Internet überhaupt hätte zulassen dürfen: "Schon der erste große Digitalisierungsschub hat bei aller technologieoptimistischen Euphorie letztlich zu einem Kontrollverlust geführt, indem die Verbreitung medialer Inhalte auf große, meist US-amerikanische Plattformen verlagert wurde. Journalistische und kreative Medienhäuser produzieren seitdem zwar nach wie vor die Inhalte, aber an die Kunden kommen sie oft nur vermittelt über Plattformen und Intermediäre, wie Suchmaschinen, Videoportale oder soziale Medien."
Die unheimliche Machtentfaltung der "Broligarchen" geht unterdessen weiter. Winand von Petersdorff beschreibt sie auf den Wirtschaftsseiten der FAZ: "Nvidia-Chef Jensen Huang hatte mindestens sechs private Treffen mit Trump in diesem Jahr, neben direkten Telefongesprächen, notierte die Zeitung Financial Times. Trump beantworte SMS zu jeder Zeit, verriet Huang der Onlinepublikation Axios. Vom Kryptogipfeltreffen im Weißen Haus, einer Reise in die Golfregion (Saudi-Arabien, Qatar, Vereinigte Arabische Emirate) bis zum Bankett mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman - Amerikas Tech-Titanen waren stets dabei."
Die KI-Blase wird ohnehin demnächst platzen, prophezeit SZ-Feuilletonredakteur Felix Stephan unter Bezug auf Thesen des amerikanischen Kognitionswissenschaftlers und Bestsellerautors Gary Marcus: "Dieser Punkt könnte jetzt schon bald erreicht sein. Zum ersten Mal ist die Verbesserung zwischen dem neuen Chat-GPT-Modell, Chat-GPT 5, zu seinem Vorgänger geringfügiger, als es jeweils die Abstände zwischen den Modellen 2, 3 und 4 gewesen sind. Wenn Marcus recht hat, könnte das bereits der erste Knick in der Kurve sein. Seither mehren sich auffällig die Stimmen, die auf die Linie von Gary Marcus einschwenken." (Wir erinnern bei solchen Artikeln gern an eine Voraussage von SZ-Feuilletonredakteurin Sonja Zekri aus dem Jahr 2001, die der Perlentaucher damals resümierte: "Schon heute dürfte Amazon in die Netz-Geschichte als eines der am stärksten überschätzten Unternehmen eingehen, ein Riesenbluff...". Mehr hier)
Ebenfalls für die SZ hat Philipp Bovermann eine selten benannte Funktion der boomenden Podcasts entdeckt: "Berühmte Podcaster berichten immer wieder, dass Fans ihnen erzählen, es sei schon komisch, der Stimme jetzt in Fleisch und Blut gegenüberzustehen, die sie allabendlich als Einschlafhilfe mit ins Bett nehmen."
Die unheimliche Machtentfaltung der "Broligarchen" geht unterdessen weiter. Winand von Petersdorff beschreibt sie auf den Wirtschaftsseiten der FAZ: "Nvidia-Chef Jensen Huang hatte mindestens sechs private Treffen mit Trump in diesem Jahr, neben direkten Telefongesprächen, notierte die Zeitung Financial Times. Trump beantworte SMS zu jeder Zeit, verriet Huang der Onlinepublikation Axios. Vom Kryptogipfeltreffen im Weißen Haus, einer Reise in die Golfregion (Saudi-Arabien, Qatar, Vereinigte Arabische Emirate) bis zum Bankett mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman - Amerikas Tech-Titanen waren stets dabei."
Die KI-Blase wird ohnehin demnächst platzen, prophezeit SZ-Feuilletonredakteur Felix Stephan unter Bezug auf Thesen des amerikanischen Kognitionswissenschaftlers und Bestsellerautors Gary Marcus: "Dieser Punkt könnte jetzt schon bald erreicht sein. Zum ersten Mal ist die Verbesserung zwischen dem neuen Chat-GPT-Modell, Chat-GPT 5, zu seinem Vorgänger geringfügiger, als es jeweils die Abstände zwischen den Modellen 2, 3 und 4 gewesen sind. Wenn Marcus recht hat, könnte das bereits der erste Knick in der Kurve sein. Seither mehren sich auffällig die Stimmen, die auf die Linie von Gary Marcus einschwenken." (Wir erinnern bei solchen Artikeln gern an eine Voraussage von SZ-Feuilletonredakteurin Sonja Zekri aus dem Jahr 2001, die der Perlentaucher damals resümierte: "Schon heute dürfte Amazon in die Netz-Geschichte als eines der am stärksten überschätzten Unternehmen eingehen, ein Riesenbluff...". Mehr hier)
Ebenfalls für die SZ hat Philipp Bovermann eine selten benannte Funktion der boomenden Podcasts entdeckt: "Berühmte Podcaster berichten immer wieder, dass Fans ihnen erzählen, es sei schon komisch, der Stimme jetzt in Fleisch und Blut gegenüberzustehen, die sie allabendlich als Einschlafhilfe mit ins Bett nehmen."
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