Efeu - Die Kulturrundschau
Weihnachten und Ostern an einem Tag
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.12.2024. Der Tagesspiegel verliert sich in Paris staunend in den schimmernden Fäden der kolumbianischen Webkünstlerin Olga de Amaral. Der russische Maler Nikolai Estis erklärt in der FAZ, warum er es hasst, seine Bilder zu verkaufen. Der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerassimow wirft in der NZZ Schlaglichter auf Weihnachten in Charkiw im dritten Jahr des Ukrainekriegs. Die Autorin Lea Streisand erzählt in einem FAS-Essay von Weihnachten und Sparkultur. Der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof rühmt im Interview mit der taz die Kunst und den Mut der jüngsten Generation iranischer Regisseure. Van freut sich über das Weihnachtswunder Bach in der ARD.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
21.12.2024
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Kunst

In "Bilder und Zeiten" (FAZ) versucht der in Deutschland lebende russische Maler Nikolai Estis zu erklären, warum er es hasst, seine Bilder zu verkaufen: "Ich erinnere mich an die Worte eines erfolgreichen Kollegen, der, zu Besuch in meinem Atelier und abermals einer Reihe neuer Bilder ansichtig, auszurufen pflegte: 'Mach mal halblang, mein Lieber! Du hast doch die alten noch gar nicht an den Mann gebracht!' Das ist ein mir gänzlich fremder Zugang. Für den meinen habe ich freilich keine Erklärung, nur ein Gefühl, das mir sagt: Irgendwann wird jemand kommen, vielleicht der wichtigste aller Kunstrichter, und fragen: 'Wer bist du? Was stellst du dar?' Und dann werde ich alles vorlegen, was ich je geschaffen habe, und sagen: 'Das ist, was ich bin.' Vielleicht aber kommt dieser Jemand eigentlich mit jedem neuen Menschen in mein Atelier."
Weitere Artikel: Karen Krüger (FAZ) spaziert durch den renovierten Vasari-Korridor der Uffizien, ein Fluchtweg und zugleich "ein Zeugnis für die Macht und den Einfallsreichtum der Medici und ein Renaissance-Bauwerk, wie Leonardo da Vinci es sich nicht kühner hätte vorstellen können". In der taz scheint Sophie Jung recht zufrieden mit der neuen Leiterin der Documenta, Naomi Beckwith.
Besprochen werden außerdem eine Ausstellung "Weißes Wüstengold" im Hamburger Museum am Rothenbaum zum hundertjährigen Jubiläum des Chilehauses, für die der Architekturtheoretiker Alfredo Thiermann die Salpeter-Bergwerke fotografierte, die der Hamburger Kaufmann Henry B. Sloman Anfang des 20. Jahrhunderts in der Atacama-Wüste bauen ließ (FAS), eine Schau zu "Skulptur und Farbe in Spaniens Goldenem Zeitalter" im Prado (FAZ), Alexej Tchernyis Papierdioramen in der Grimmwelt Kassel (FAZ) und eine Ausstellung mit psychiatrischen Tierbildern in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn (FAZ).
Literatur
Der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerassimow wirft in der NZZ Schlaglichter auf Weihnachten im dritten Kriegsjahr im umkämpften Charkiw. Seine Beobachtungen sind bitter, vom Krieg zermürbt. "Weihnachten 2024 ist in der Ukraine die Zeit, in der sich uns nicht ein von einem Rentier mit roten Nasen gezogener Schlitten nähert, sondern die Frontlinie. Es ist die Zeit, in der wir statt Glockengeläut Luftangriffssirenen hören. Es ist die Zeit, in der anstelle von Schnee Bomben vom Himmel fallen und anstelle von Kerzenpracht Häuser voller lebender Menschen in Flammen aufgehen. Weihnachten in der Ukraine ist die Zeit, in der das beste Geschenk, das der Weihnachtsmann den Kindern bringen kann, das Leben ist, denn nicht alle ukrainischen Kinder, die heute 'Das Lied der Glocken' hören, werden das Ende des Krieges erleben."
Die Schriftstellerin Lea Streisand erzählt in einem FAS-Essay von Weihnachten in den Wendejahren und kritisiert eine Sparkultur, die sie in Dickens Scrooge aufs beste dargestellt sieht: "In den ehemaligen Pionierhäusern Ostberlins entstanden nach der Wende Jugendclubs und Freizeitzentren, die Kurse für Schüler anboten. Die Rettung für viele von uns. Denn obwohl wir alle Bürgerkinder waren, konnte kaum jemand auf materielles Erbe zurückgreifen. Akkumulation von Geldmitteln stand in der DDR unter Strafe, und das kulturelle Erbe unserer Eltern galt als wertlos. Sprechen, schreiben, lesen lernen, spielen bedeuten Teilhabe an der Gesellschaft. Wem die Teilhabe an der Gesellschaft verweigert wird, der findet andere Wege, um dem Gefühl der Ohnmacht zu entkommen. Viele meiner damaligen Freunde haben sich mit Drogen geholfen, mehrere überlebten nicht."
Weitere Artikel: Die vor kurzem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Schriftstellerin Martina Hefter schenkt den taz-Lesern ihre schönsten Buchstaben, während sie für den Dlf eine Kurzgeschichte geschrieben und vorgelesen hat. Richard Kämmerlings erinnert an die 2021 verstorbene Schriftstellerin Friederike Mayröcker, die vor 100 Jahren geboren wurde, im Perlentaucher gratuliert Marie Luise Knott. In der taz erzählt Julia Hubernagel, dass sich heute auch eine jüngere rechtsextreme Szene für die Bücher von Yukio Mishima interessiert. Stefan Siller porträtiert in der taz den Krimi-Autor Wolfgang Schorlau. Nadine A. Brügger hat für die NZZ das Schriftsteller-Ehepaar Heike und Wolfgang Hohlbein besucht, das mit seinen Fantasy-Romanen einen Bestseller nach dem nächsten schreibt.
Besprochen werden unter anderem Samantha Harveys mit dem Booker-Prize ausgezeichneter Astronautenroman "Umlaufbahnen" (NZZ), Grzegorz Rossoliński-Liebes Biografie über Stepan Bandera (taz), Florian Gantners "Eternal Partner" (Presse), Andreas Rödders "Der verlorene Frieden. Vom Fall der Mauer zum neuen Ost-West-Konflikt" (FR), Elke Schmitters "Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch" (taz), Quynh Trans "Schatten und Wind" (taz), Julian Volojs und Jörg Hartmanns Comic "Lady Liberty" über die Geschichte der Freiheitsstatue (Tsp) und Dolores Pratos "Unten auf der Piazza ist niemand" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Schriftstellerin Lea Streisand erzählt in einem FAS-Essay von Weihnachten in den Wendejahren und kritisiert eine Sparkultur, die sie in Dickens Scrooge aufs beste dargestellt sieht: "In den ehemaligen Pionierhäusern Ostberlins entstanden nach der Wende Jugendclubs und Freizeitzentren, die Kurse für Schüler anboten. Die Rettung für viele von uns. Denn obwohl wir alle Bürgerkinder waren, konnte kaum jemand auf materielles Erbe zurückgreifen. Akkumulation von Geldmitteln stand in der DDR unter Strafe, und das kulturelle Erbe unserer Eltern galt als wertlos. Sprechen, schreiben, lesen lernen, spielen bedeuten Teilhabe an der Gesellschaft. Wem die Teilhabe an der Gesellschaft verweigert wird, der findet andere Wege, um dem Gefühl der Ohnmacht zu entkommen. Viele meiner damaligen Freunde haben sich mit Drogen geholfen, mehrere überlebten nicht."
Weitere Artikel: Die vor kurzem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Schriftstellerin Martina Hefter schenkt den taz-Lesern ihre schönsten Buchstaben, während sie für den Dlf eine Kurzgeschichte geschrieben und vorgelesen hat. Richard Kämmerlings erinnert an die 2021 verstorbene Schriftstellerin Friederike Mayröcker, die vor 100 Jahren geboren wurde, im Perlentaucher gratuliert Marie Luise Knott. In der taz erzählt Julia Hubernagel, dass sich heute auch eine jüngere rechtsextreme Szene für die Bücher von Yukio Mishima interessiert. Stefan Siller porträtiert in der taz den Krimi-Autor Wolfgang Schorlau. Nadine A. Brügger hat für die NZZ das Schriftsteller-Ehepaar Heike und Wolfgang Hohlbein besucht, das mit seinen Fantasy-Romanen einen Bestseller nach dem nächsten schreibt.
Besprochen werden unter anderem Samantha Harveys mit dem Booker-Prize ausgezeichneter Astronautenroman "Umlaufbahnen" (NZZ), Grzegorz Rossoliński-Liebes Biografie über Stepan Bandera (taz), Florian Gantners "Eternal Partner" (Presse), Andreas Rödders "Der verlorene Frieden. Vom Fall der Mauer zum neuen Ost-West-Konflikt" (FR), Elke Schmitters "Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch" (taz), Quynh Trans "Schatten und Wind" (taz), Julian Volojs und Jörg Hartmanns Comic "Lady Liberty" über die Geschichte der Freiheitsstatue (Tsp) und Dolores Pratos "Unten auf der Piazza ist niemand" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film

Für die FAS hat Mariam Schaghaghi mit Rasoulof gesprochen, unter anderem darüber, dass sein Film für Deutschland ins Oscar-Rennen geht - was manche Kritiker schwer irritiert hat. "Das ist auch ungewöhnlich", sagt Rasoulof. "Das Oscar-Komitee gibt damit dem Begriff der Herkunft eines Films eine neue Bedeutung: Sie hat nichts mehr mit der Geografie zu tun, dem Staub eines Landes, dem Blut, das in ihm fließt. Diese Wahl hatte für mich eine andere Botschaft: Deutschland ist eine Heimat für alle Geschichten geworden, in denen es um die Verletzung menschlicher Grundrechte geht. Das ist eine Ermutigung für Filmemacher weltweit, die in einer ähnlichen Situation wie ich leben: Es gibt offene Türen."
Weitere Artikel: Lukas Foerster berichtet im Filmdienst vom Kölner Symposium "Eskalation" über das Verhältnis zwischen Film und die Polarisierung der Gesellschaft. Elmar Krekeler porträtiert für die WamS den Schauspieler Devid Striesow, der aktuell im ARD-Weihnachtsfilm "Bach - ein Weihnachtswunder" zu sehen ist. Bert Rebhandl erzählt in der FAS von seiner Begegnung mit Hugh Grant.
Besprochen werden Matthew Browns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit Anthony Hopkins als Sigmund Freud (Jungle World, Presse), die von der ARD online gestellte Neu-Adaption von "Ronja Räubertochter" (FAZ, Welt) und die auf Sky gezeigte True-Crime-Doku "Das Phantom. Auf der Jagd nach Norman Franz" (FAZ).
Bühne
Besprochen werden die Uraufführung von Gordon Kampes Familienoper "Sasja" in der Inszenierung von Sebastian Bauer am Theater Münster ("ein ideales Exempel dafür, dass Kinder U12 sehr wohl Metaphern, Abstraktionen, Symbole angemessen gut verstehen und geistig Werke knacken, welche über die Dauer einer Schuldoppelstunde hinausreichen", versichert nmz-Kritiker Roland H. Dippel, der insbesondere "Kampes beglückend schillernde, pulsierende und perkussive Musik" lobt), Pınar Karabuluts Inszenierung von Katja Brunners "Der Zähmung Widerspenstigkeit" am Deutschen Theater Berlin ("Wie sieht der Bühnenaufstand aus? Wie eine feministische Nummernrevue", seufzt nachtkritiker Jakob Hayner, Tsp.), die Choreografien "Earth Works" von Sergiu Matis und "The Infinite Gesture" von Ixchel Mendoza Hernández im Radialsystem in Berlin (Tsp), Roman Senkls digitales Theaterstück "Das Haus" am Burgtheater Wien (nachtkritik), Redjep Hajders Adaption von Tijan Silas Roman "Radio Sarajevo" am Theater Ingolstadt ("politisches Theaters mit interkultureller Ausrichtung", das nachtkritiker Wolfgang Reitzammer zufrieden stellt), die Uraufführung von Robert Maximilian Rauschs "Oase*", inszeniert von Simon Jensen am Theaterhaus Jena ("eine wirklich gelungene APOKALYPTISCHE KOMÖDIE", lobt Matthias Schmidt in der nachtkritik), das Musical "Elisabeth" von Michael Kunze und Sylvester Levay in der Alten Oper Frankfurt (FR), Neil Simons Komödienklassiker "Sonny Boys" im Josefstadt-Theater in Wien (Standard) und Shakespeares "Der Sturm" am Londoner Theatre Royal Drury Lane mit Sigourney Weaver in der Rolle des Prospero (SZ).
Musik

Bach-Experte Michael Maul frohlockt in VAN über den ARD-Weihnachtsfilm "Bach - Ein Weihnachtswunder" über die Genese des Weihnachtsoratoriums - und dies auch den Unkenrufen der Erz-Bachianer bewusst zum Trotz, die dem Film ein viel zu laxes und spekulatives Verhältnis zur historischen Realität vorwerfen. Doch "hätten wir, die Bach-Polizisten, nach unseren Grundsätzen das Drehbuch geschrieben, wäre es weitgehend ein Stummfilm geworden - und die Mattscheibe über lange Zeit weiß geblieben." Doch "weil im Film nun mal die Dramatik die Musik macht, können es sich die Filmemacher natürlich nicht auf unserer Position bequem machen. ... Sie sind verdammt dazu, zu allem und jedem eine Entscheidung zu fällen - oder es ganz bleiben zu lassen. Und letzteres wäre definitiv keine Option gewesen. Denn das wollen wir alle doch auch nicht: sowohl die lauschende, mehr oder weniger vorgebildete Bach-Gemeinde, und schon gar nicht diejenigen unter den 4,8 Millionen Mittwochabend-Zuschauern, die über den Film vielleicht überhaupt erst neugierig auf das WO geworden sind."
Weitere Artikel: Die FAZ hat Jan Brachmans großen Essay über Wolfgang Rihm (hier unser Resümee) online nachgereicht. Lukas Heinser liest für die FAS Bob Dylans zur Idiosynkrasie neigende Tweets. Der Pianist Jon Batiste erzählt dem Zeit Magazin, was er früher gerne schon gewusst hätte. Lotte Thaler ärgert sich in der FAZ, wie die Erzdiözese Freiburg ihren Domkapellmeister Boris Böhmann schasst. Rainer Moritz erinnert in der NZZ an Udo Jürgens, der heute vor zehn Jahren gestorben ist.
Besprochen werden die diversen Bruckner-Konzerte der Berliner Philharmoniker im Dezember (VAN), ein von Cristian Măcelaru dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard), ein Schostakowitsch-Abend mit dem Pianisten Alexander Melnikow (Standard) und das neue Album "Woman: Lemons, Limes and Orchids" von Joan As Police Woman (FR).
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