Efeu - Die Kulturrundschau

Geborgenes Schweben

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06.01.2022. Die Filmkritiker blicken deprimiert auf die "Bad Tales", die die Brüder D'Innocenzo erzählen. Wenn die Berlinale in diesem Jahr wieder nicht öffentlich stattfinden kann, wird es existenzbedrohend für sie, meint die Welt. Kontext fragt, wie der 2018 verabschiedete Intendant Reid Anderson in Stuttgart immer noch über Wohl und Wehe der Künstler dort bestimmen kann. Hat es mit dem Cranko-Erbe zu tun? Im Freitag erinnert sich der Schriftsteller Tijan Sila mit Wonne an die Leihbibliotheken seiner Kindheit. Die taz lernt von Nancy Holt das Sehen. Die FAZ erhebt sich mit der Musik von Skrjabin.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2022 finden Sie hier

Film

Mal zart, mal brutal - aber manchmal auch sehr liebenswert: "Bad Tales"

Im italienischen Kulturbetrieb bilden die Zwillingsbrüder Damiano und Fabio D'Innocenzo gerade ein "Hans Dampf in allen Gassen"-Duo, schreibt Thekla Dannenberg im Perlentaucher. Mal schreiben sie Gedichte, bringen Bücher raus oder drehen Filme. Der neue allerdings, "Bad Tales", eine Abfolge von Geschichten, deren Verhältnis zueinander nicht immer klar wird, überzeugt allenfalls halb: Die beiden "reihen Szenen von Aggression, Obszönität und Ignoranz aneinander wie die Strophen eines schaurigen Gesangs, ohne dass sich daraus ein stimmiges Ganzes ergeben würde. Inmitten höhnischer Brutalität gibt es Momente liebenswerter Zartheit." Und "als wäre diese Vororthölle nicht schon grell genug gezeichnet, unterstreicht die von Paolo Carnera geführte Kamera das Verzerrende und Groteske. In Nahaufnahmen und aus der Unteransicht gefilmt stehen die Zähne besonders schief im Gesicht und die dicken Schenkel pressen sich besonders wabbelig aus den Shorts. Mitunter versteckt sich der filmische Blick auch kichernd wie ein Voyeur im Gebüsch." Auf FR-Kritiker Daniel Kothenschulte "wirkt der Film wie ein exzellent gezeichneter Comic, dem ein guter Texter fehlt", tazlerin Barbara Schweizerhof findet den Film auf Dauer "frustrierend".

Letztes Jahr um diese Zeit stand bereits fest, dass die Berlinale nur als Streamingevent mit Sommer-Nachklapp stattfinden werde, in diesem Jahr glaubt sie noch selbstbewusst, dass es schon klappen werde, während etwa Rotterdam sich gerade erneut ins Netz verabschiedet hat. Diese Hartnäckigkeit hat ihren Grund, meint Hanns-Georg Rodek in der Welt: "Werden die Produzenten, die bisher gern Filme auf die Berlinale gaben, weil sie gleich danach ins Kino gehen und den PR-Effekt mitnehmen konnten, ihre Filme wirklich einem Festival mit reduzierter Wirkung anvertrauen?" Stattzufinden "ist lebenswichtig für die Berlinale, deren Status als eines der drei bedeutendsten Filmfestivals der Welt schon vor Corona Risse bekam. Ein zweites Mal auszufallen, wäre für sie existenzbedrohend."

Auch kommt Rodek nochmal auf den Erwerb des Studio Babelsberg durch eine amerikanische Finanzgesellschaft zu sprechen. Anders als Produzent Christoph Fisser, der gestern im FAZ-Gespräch gute Stimmung verbreitete (unser Resümee), sieht es Rodek kritischer: Der Glam der Filmfabrik, der war einmal. Seit der Wende "ist nahezu alles outgesourct worden, vom Kulissenbau bis zur Postproduktion. Von mehr als 1000 Festangestellten sind nur noch drei Dutzend übrig. Der Wert des Studios besteht in der Ansammlung von Expertise in seinem Umfeld. Und in seinen Grundstücken. Der Verkauf ist zuallererst ein Immobilienhandel im Speckgürtel Berlins. Sollte das Filmedrehen nicht mehr die verlangte Rendite abwerfen, könnte TREP das Studio schließen und die Filetgrundstücke zu Geld machen; direkt angrenzend soll schon Daniel Libeskinds umstrittenes 'Media Park'-Hochhaus entstehen."

Besprochen werden Valdimar Jóhannssons "Lamb" (taz, ZeitOnline, Tsp, critic.de), Moumouni Sanous Dokumentarfilm "Night Nursery" (Perlentaucher), Simon Kinbergs "The 355" (FR), Ryûsuke Hamaguchis "Drive My Car" (NZZ, unsere Kritik hier), die DVD-Ausgabe von Nia DaCostas Horrorfilm "Candyman", der Bernard Roses auf einer Kurzgeschichte von Clive Barker basierenden Horrorfilm aus dem Jahr 1992 auf die Gegenwart umschreibt (taz), die Arte-Serie "Vigil" (taz) und die zweite Staffel von "Tiger King" (FAZ).
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Bühne

2018 verabschiedete sich der damals 69-jährige Reid Anderson nach 22 Jahren als Intendant des Stuttgarter Balletts. Als "Schattenintendant" soll er aber immer noch sehr aktiv sein. Zuletzt, indem er maßgeblich die Entlassung des Dirigenten Mikhail Agrest betrieben haben soll. So berichten es jedenfalls Josef-Otto Freudenreich und Rupert Koppold in einer Reportage für die Stuttgarter Wochenzeitung Kontext. Dass Reid das kann, hängt wohl auch damit zusammen, dass er eng liiert ist mit dem Erben John Crankos, Dieter Gräfe. "Tatsächlich tritt Anderson seit Jahren nicht nur als designierter Erbe des inzwischen 82-jährigen Gräfe auf. Sie reisen seit Jahrzehnten als künstlerische Sachwalter der Cranko-Ballette um die Welt, vergeben Aufführungsrechte (oder verweigern sie), schauen bei Proben zu, begutachten Inszenierungen, greifen auch ein bei der Besetzung der Rollen." Der Ballettkritiker Horst Koegler schrieb schon 2010, dass die Cranko-Erben "'jeder Kompanie mit dem Entzug von Aufführungsrechten drohen, die es wagt, dieser - nennen wir es einmal - sanften Nötigung zu trotzen.' ... Was Koegler als 'sanfte Nötigung' bezeichnet, wäre im Stuttgarter Fall eine Erpressung mit guter Aussicht auf Erfolg. Man stelle sich vor: Die Cranko-Stadt ohne Cranko! Genau: Unvorstellbar! Der Ruf wäre beschädigt. Ob wohl die edlen Spenderinnen Ariane Piëch, Ann-Kathrin Bauknecht, Herzogin Julia von Württemberg noch blieben? Hauptsponsoren wie Porsche?"

Besprochen wird ein "Hamlet" in Potsdam, mit der Sopranistin Anna Prohaska und Lars Eidinger (Tsp) und Hiroko Tanahashis "Spookai" im Berliner Theaterdiscounter (taz).
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Literatur

Im Freitag erinnert sich der Schriftsteller Tijan Sila mit Wonne an die Leihbibliotheken seiner Kindheit und Jugend und fragt sich, warum man heute eigentlich überhaupt privat eine Bibliothek aufbauen sollte: Bücher kosten viel und sind rasch ausgelesen. "Was nutzlos rumliegt, sollte zumindest wertvoll sein, doch Bücher verlieren trotz ihres hohen Einstiegspreises so schnell an Wert, dass selbst alte Streichholzschachteln bessere Sammlerobjekte abgeben. ... Verglichen mit einem alten Gitarrenverstärker oder einem Marken-Rennrad sind alte Bücher bloß Papierabfall: Weimarer Goldschnitt-Ausgaben obskurer Dostojewski-Übersetzungen bekommt man hinterhergeworfen, denn wer liest noch gerne Fraktur? Nein, Bücher sind nichts wert."

Außerdem: Die Welt hat sich zum hundertsten Geburtstag des Buchgestalters Celestino Piatti im Literaturbetrieb umgehört, was ein gutes Buchcover ausmacht. Thomas Hummitzsch spricht in seinem Intellectures-Blog mit der Jugendbuchautorin Kirsten Fuchs über deren neuen Roman "Mädchenmeuterei". Alexander Brüggemann erinnert im Tsp an den Comiczeichner André Franquin, der vor 25 Jahren gestorben ist.

Besprochen werden Julia Francks "Welten auseinander" (Freitag), Jamaica Kincaids "Mein Bruder" (NZZ), Mia Coutos "Asche und Sand" (NZZ), Zofia Nalkowskas Erzählband "Medaillons" (NZZ), Saša Stanišićs Kinderbuch "Panda-Pand" (Tsp) und neue, historiografische Comics von Émile Bravo, Reinhard Kleist und Jacques Tardi (FAZ).
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Stichwörter: Sila, Tijan, Bibliotheken

Kunst

Nancy Holt, Mirrors of Light II, Walter Kelly Gallery, Chicago. Foto courtesy Sprüth Magers


In der taz empfiehlt Beate Scheder einen Besuch der Berliner Galerie Sprüth Magers, die derzeit Arbeiten von Nancy Holt zeigt. Land Art, sagen die einen, Perception Art sagt sie selbst dazu. Das trifft es sehr gut, findet Scheder, denn "es geht um das Sehen und das Wahrnehmen, das Sich-Orientieren, im Raum oder in einem System", wie man zum Beispiel bei den "Mirrors of Light" sehen könne. Diese Arbeit "besteht aus zehn kreisförmigen Spiegeln von jeweils 24 Zentimeter Durchmesser, die in einer diagonalen Linie an der Wand angebracht wurden und von der gegenüberliegenden Seite von einem Strahler angeleuchtet werden. Der Winkel, die Abstände, alles ist ganz genau austariert. So, dass man sich selbst sehen kann, so, dass die Reflexionen der Spiegelkreise Ellipsen an der benachbarten Wand bilden, die an Mondphasen erinnern könnten, so, dass die erste der Ellipsen schon zu sehen ist, bevor man in den fensterlosen Raum der Installation tritt. Es ist ein einfaches Prinzip, das jedoch Präzision verlangt, damit die Arbeit ihre Magie entwickeln kann, die wiederum am besten zu spüren ist, wenn man sich allein in der Ausstellung aufhält. Jetzt während der Coronapandemie ist es gar nicht so unwahrscheinlich, die Galerie für sich zu haben. Irgendetwas Positives gibt es manchmal ja doch."

In der FAZ ist Hans Christoph Buch empört über den "Wokeismus" des "heute-journals", das vor einigen Tagen eine "aggressive, ja vernichtende Polemik gegen die künstlerische Avantgarde" veröffentlichte, "die am Vorabend des Ersten Weltkriegs Klassizismus und Akademismus verwarf und sich für 'exotische' und 'primitive' Kulturen begeisterte". Wenn das für eine Verurteilung reicht, "ist alles Raubkunst", meint Buch. "Anstelle der Unschuldsvermutung tritt die Devise 'in dubio contra reum', besonders wenn es sich um alte, weiße Männer handelt. Dass die moderne Kunst, nicht bloß die der Expressionisten, die Gesellschaft ihrer Zeit und damit auch die Kolonialherrschaft radikal in Frage stellte, kommt den selbstgerechten Anklägern nicht in den Sinn: So wenig wie die Tatsache, dass schon Nationalsozialisten wie Stalinisten ebenjene Kunst, der die Nachgeborenen nun die Legitimation absprechen, als dekadent oder reaktionär verfolgten und verboten."

Weitere Artikel: Das Kunstjahr 2022 "startet mit guten Vorsätzen", versichert uns Nicola Kuhn im Tagesspiegel - mit unbekannten Künstlern bei der Documenta und Schwerpunkten auf "Gemeinschaftlichkeit, Nachhaltigkeit, Healing". Die Sammlung Gerlinger wird versteigert, berichtet Ursula Scheer in der FAZ, was die Hoffnungen von vier Museen, die Sammlung übernehmen zu dürfen, enttäuscht.

Besprochen werden eine Monografie zum niederländischen Maler Jacobus Vrel, dessen Straßenszenen Vorbild für Vermeer gewesen sein könnten (Tsp), die Ausstellung "Der geteilte Picasso" im Kölner Museum Ludwig (FR) und eine Bonner Ausstellung zum Leben am Rhein in der Römerzeit (FAZ).
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Musik

Danger Dan bestimmt gleich mehrfach die Jahrescharts der Hörer vom Berliner Sender Radio Eins, was Laura Ewert im Freitag sehr von links seufzen lässt, wenn "die lauteste Linke seit langem - also die korrekte Bro-Culture-Gang von Böhmermann über Max Czollek bis Igor Levit - mit Danger Dan einen Liedermacher gefunden hat, den alle lieben, weil er Musik für ein gutes Gewissen macht, mit Antifa-Banner als Bühnenhintergrund, was auch keinen mehr zu provozieren scheint. ... Dass Subversivität kaum mehr möglich scheint, ist nicht Danger Dan anzulasten. Auch nicht, dass politische Meinung zu oft mit einer moralischen Erhöhung einhergeht. Aber zu einer Zeit, in der Kinder nicht geimpft werden, ohne dass die Eltern das in jeden kindesbezogenen Gruppenchat schreiben, in der Artikel über den Klimawandel damit beginnen, dass man selber ja nur Bahn fahre, macht Danger Dan eben die passende Musik."

Jan Brachmann erinnert in der FAZ an den Komponisten Alexander Nikolajewitsch Skrjabin, der vor 150 Jahren geboren wurde. Mit seiner Musik erfährt Brachmann die Losgelöstheit von der materiellen Erdenschwere, denn "durch die Luft zu schwimmen, über dem Boden zu schweben, ist ein Zustand, den Skrjabins Musik bevorzugt erzeugen will. Nicht als Bedrohung", sondern "als geborgenes Schweben, wie es als motorische Erinnerung in unserm Kleinhirn abgespeichert ist: unser Schwimmen im Fruchtwasser vor unserer Geburt. ... Er begreift Metrik und Harmonik als sinnliche Codes der Schwerkraft, mit denen es zu spielen gilt. Seine musikalischen Neuerungen zielen auf ein vorgeburtliches Glück, das nur empfinden kann, wer durch die Lernarbeit der Kultur  die Sprache der Musik so sehr verinnerlicht hat, dass sie in ihm oder ihr quasi körperliche Reaktionen auslöst." Das hr-Sinfonieorchester spielt dazu passend Skrjabins "Poème de l'Extase":



Außerdem: Michael Jäger nimmt im Freitag Harriet Oelers' Buch "Elektroakustische Musik in der DDR" zum Anlass ein wenig über diese in DDR zunächst mit höchster Skepsis beäugte, dann aber zumindest in avantgardistischen Kreisen durchgesetzte Kunstrichtung zu referieren: In Fünfzigern hieß es, "Elektroakustik sei antihuman, ja, sie werde in Westdeutschland eingesetzt, um die Menschen auf den Atomkrieg vorzubereiten; das Schüren von Angst sei ihre Aufgabe."

Besprochen werden Jonas Engelmanns Buch "Dahinter. Dazwischen. Daneben" über Sonderlinge in der Musik, im Film und in der Kunst (FR), André Hellers heute im ORF ausgestrahltes Hauskonzert (Standard) und ein Liederabend mit Tamara Wilson (FR).
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