Efeu - Die Kulturrundschau

Bekenntnis zum Diesseits

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2022. Die taz stellt den Theatermacher Georg Genoux vor, der in Sachsen auch mit Rechten redet. Die SZ stellt fest, dass der Kunstmarkt so untransparent ist, dass er kaum noch als Markt durchgeht. Die FAZ bewundert im Musée d'Orsay die Kunstsammlung des Malers Paul Signac. Die Welt liest ohne große Wallungen Michel Houellebecqs neuen Roman. Und die Filmkritiker trauern: Der große Peter Bogdanovich ist tot.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2022 finden Sie hier

Film


Eine der besten Szenen aus Bogdanovichs "Is was, Doc"

Eine traurige Meldung vom Abend: Der große Peter Bogdanovich ist tot. Einen ersten Nachruf zum Hören bietet Patrick Wellinski auf Dlf Kultur. In den frühen Siebzigern gab es eine Zeit, in der nicht nur Bogdanovichs "Fans der Meinung waren, er sei vielleicht der beste Regisseur der Welt - sondern auch er selbst", schreibt David Steinitz in der SZ. Diese legendäre Hybris hatte durchaus Berechtigung, denn "Bogdanovich war neben Steven Spielberg, Martin Scorsese und Francis Ford Coppola einer der wichtigsten Protagonisten jener Ära." Sein erstes Meisterwerk, "Die letzte Vorstellung", ist gar "einer der schönsten, melancholischsten Filme, die das US-Kino jemals hervorgebracht hat, bis heute." Dem folgte "Is was, Doc?" mit Barbra Streisand und Ryan O'Neal, "eine Slapstick-Orgie, deren Humor nicht gealtert ist", und eine "Hommage an die großen Meister des Genres, an Ernst Lubitsch, Billy Wilder und Howard Hawks". Bogdanovich "wurde plötzlich in einem Atemzug mit diesen Genies genannt." Bogdanovich war nicht nur ein großartiger Filmemacher, sondern auch ein begnadeter Interviewer und Filmkritiker, der die Filmgeschichte Hollywoods wie kaum ein zweiter kannte. Eine Auswahl seiner Interviews und Texte gibt es beim SZ Magazin.

Spielt's mit Fassung: Ulrich Matthes als Hitler in "München"

"Herumhitlern" hat Wiglaf Droste Bruno Ganz' Hitler-Darstellung in "Der Untergang" einmal genannt. Wenn Ulrich Matthes in Christian Schwochows Robert-Harris-Verfilmung "München" nun ebenfalls Hitler spielt, wäre dies allerdings die falsche Vokabel zur Beschreibung, meint Matthias Dell auf ZeitOnline: Matthes, über Nacht für einen Ausfall eingesprungen, "sieht dem Original überhaupt nicht ähnlich. Was einen interessanten Effekt hat für den Film: Die Zeichen deuten auf Hitler, aber das Furchterregende sind Matthes' eindringliche, dunkle Augen. Im Zentrum der Macht von 'München' sitzt damit eine Figur, die den Einfühlungs-und-Nachgemache-Wahn, der in Bruno Ganz' Darstellung seinerzeit seinen Höhepunkt erreichte und zugleich doch nur wie die Parodie wirkte, von vornherein bricht." Doch "warum diese Geschichten wieder und wieder und wenn auch gut geölt erzählt werden müssen, bleibt offen." Im Tagesspiegel bespricht Simon Rayß den Film.

Außerdem: Im Standard eröffnet Ronald Pohl eine Serie zu Pasolini, der im März hundert Jahre alt geworden wäre und dem Pohl bescheinigt, eine "Bildgrammatik des archaischen Sehens" geschaffen zu haben.

Besprochen werden Damiano und Fabio D'Innocenzos "Bad Tales" (Tsp, mehr dazu bereits hier), Valdimar Jóhannssons "Lamb" (SZ, Standard, FAZ), Bettina Oberlis "Wanda, mein Wunder" (Tsp, SZ), George Clooneys "The Tender Bar" (Tsp) und Kantemir Balagows "Bohnenstange" nach Swetlana Alexijewitsch  (Standard). Außerdem erklären uns die SZ-Kritikerinnen und -Kritiker, welche Neustarts der Woche sich wirklich lohnen.
Archiv: Film

Bühne

In einem Schwerpunkt für die taz stellt Sabine Seifert den Theatermacher Georg Genoux vor, der künstlerische Projekte mit einem eher therapeutischen Ansatz in Sachsen initiiert. "Genoux macht dokumentarisches Theater. Er arbeitet ähnlich wie Milo Rau, den er sehr schätzt, mit Laien zusammen. Aber Genoux klagt die Verhältnisse nicht an, enthüllt nicht, sondern will verändern. Nicht die Welt draußen, sondern die Menschen, die er auf die Bühne holt. Menschen unterschiedlicher politischer Prägung und kultureller Herkunft, Menschen, die sonst nicht aufeinanderträfen, die sonst nicht miteinander reden würden - außer in diesem extra geschaffenen Rahmen, Raum, Theater. Geflüchtete Jugendliche und Erwachsene, Rentnerinnen, Arbeitslose, Zugezogene und Zurückgebliebene. 'Fährst du wieder nach Dunkeldeutschland?', würden ihn seine Freunde manchmal fragen. 'Mich widert diese Arroganz an', sagt Genoux: 'Das darfst du gern schreiben! Ich werde angefeindet, weil ich bereit bin mit Menschen zu reden, die rassistisch denken.' Ihm geht es darum, Menschen zum Reden zu bringen, um nachzuvollziehen, wie es dazu kommt, dass sie so denken."

Außerdem stellt Barbara Behrend in der taz die Theater-Streamingplattformen Spectyou.com und Nachtkritik.plus vor. Besprochen wird Susanne Reifenraths Stück "Der manipulierte Sex" am Lichthof Theater Hamburg (nachtkritik).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Genoux, Georg

Kunst

Catrin Lorch hat für die SZ zugehört, als das Freakonomics Radio im Dezember in drei Podcasts den Kunstmarkt analysiert hat. Allerdings gibt es wenig Zahlen für den Kunstmarkt, lernen wir, Transparenz schätzt man dort nicht. Vielleicht, weil es gar kein echter Markt ist? "Statt beim Rechnen folgt man Stephen Dubner nun bei einer Recherche, bei der sogar Experten wie der Direktor des Museum of Modern Art oder der Ökonom Candice Prendergast nur schmallippig antworten. David Zwirner, einer der bedeutendsten Galeristen weltweit, plaudert offenherzig über das kunsthistorische Potenzial von Künstlerinnen, den asiatischen Markt und Museums-Kooperationen, doch er bleibt stumm, wenn es um so einfache Informationen wie Durchschnittspreise geht oder die Wertsteigerungen der von ihm verkauften Bilder. Die Künstlerin Tschabalala Self schreckt nicht davor zurück, den Auktionsmarkt, auf dem ihre Leinwände sechsstellige Summen erzielen, als 'vulgär' zu bezeichnen, doch ihr Einkommen möchte sie nicht allzu genau beziffern."

Gelitten haben in der Pandemie jedenfalls die Kunstmessen, erzählt Ingo Arend in der SZ. Es "kapselt sich ein splendides Hochpreis-Areal immer mehr digital ein. So sehr die Pandemie die Händler in Verzweiflung gestürzt hat, so sehr hat sie ihnen allerdings bewiesen, dass auch ohne die überteuerte Kojen-Wirtschaft in Weiß an neue Klienten heranzukommen ist. Folgt man dem 'Gallery Insights Report' des Online-Kunstmagazins Artsy brachte das Pandemie-Jahr 2020 vor allem die Erkenntnis, 'die bei weitem beste virtuelle Verkaufstaktik' seien Videokonferenzen und private 'Walkthroughs' mit Sammlern über Facetime oder ähnliche Apps gewesen."

Zwei Heringe von van Gogh (1889). Private collection. Photo: © musée d'Orsay/Patrice Schmidt


Paul Signac hat nicht nur gemalt, er hat auch selbst Kunst gesammelt. Einen Teil dieser Sammlung kann man jetzt im Musée d'Orsay sehen, und ein paar sehr schöne Stücke sind dabei, notiert Peter Kropmanns in der FAZ: "Signacs Sammlung spiegelt Etappen seines Künstlerlebens und seiner Freundschaften, aber auch Kapitel seiner Schrift. Schon mit sechzehn Jahren entdeckte er den damals sich Bahn brechenden Impressionismus, mit einundzwanzig leistete er sich ein entsprechendes Landschaftsgemälde von Paul Cézanne. Es folgten zahlreiche weitere Ankäufe, doch manche Erwerbung ging auch auf Tausch oder eine kameradschaftliche Geste zurück. Van Goghs 'Zwei Heringe' brachte Signac aus Arles mit, wo er den Niederländer besuchte und das Stillleben als Dankeschön erhielt."

Besprochen werden außerdem zwei Ausstellungen in der Kunsthalle Mannheim, "MUTTER!" und "Mindbombs" (das passt laut Tsp-Kritikerin Uta Reindl insofern gut zusammen, als die Mütter in der ersten Ausstellung recht nahe an die Terroristen in der zweiten Ausstellung gerückt werden) und Wolfgang Tillmans' Ausstellung "Schall ist flüssig" im Wiener Mumok (monopol).
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Archiv: Kunst

Literatur

Immer wenn ein neuer Roman von Michel Houellebecq erscheint, wird Frankreich nervös, schreibt Martina Meister in der Welt: Schon viel zu oft korrellierten ihre Veröffentlichungen mit tatsächlichen Schock-Ereignissen, die geradezu gespenstisch in Verbindung mit den jeweiligen Büchern zu stehen schienen. Nun ist Houellebecqs "Anéantir" nach einer beispiellosen PR-Kampagne erschienen (in Deutschland folgt er kommende Woche unter dem Titel "Vernichten"), aber "dieses Mal hat ihn seine Sehergabe im Stich gelassen. Der Roman spielt im Jahr 2027 nach der zweiten Amtszeit eines unschwer als Emmanuel Macron zu identifizierenden Präsidenten, der kein drittes Mal antreten darf, doch er wirkt schon 'bei Erscheinen altmodisch', notiert Thomas Deslogis. Frankreichs Kritiker sind bei Houellebecqs achtem Roman gespalten, aber auffallend leidenschaftslos."

Außerdem: Sonja Bettel berichtet im Standard von Plänen, Peter Handkes Notizbücher als Online-Edition aufzuarbeiten. Andreas Platthaus amüsiert sich in der FAZ über einen italienischen Verlagsmitarbeiter, der sich nun vor Gericht verantworten muss, weil er bei der Konkurrenz eifrig unveröffentlichte Manuskripte erschlich - dies aber wohl nicht aus kommerziellen Gründen: "Wir haben es vermutlich mit einem großen Literaturliebenden zu tun, nicht mit einem geldgierigen Bücherdieb."

Besprochen werden unter anderem Reinhard Kleists Comicbiografie "Starman" über David Bowie (taz), Anthony Doerrs "Wolkenkuckucksland" (Zeit), Edmund de Waals "Camondo" (Zeit),  Colin Niels Ökothriller "Unter Raubtieren" (Tsp), Candice Fox' Thriller "606" (TA) und der jetzt veröffentlichte Roman "So war's eben" der 1982 verstorbenen Gabriele Tergit (SZ).
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Musik

In SZ-Kritiker Harald Eggebrecht hat Haydns Oratorium "Die Schöpfung" einen aufrichtigen Bewunderer, noch mehr, wenn es, wie jetzt in Nürnberg geschehen, von Joana Mallwitz, auf die sich ab der Wintersaison das Publikum des Berliner Konzerthausorchesters freuen darf, dirigiert wird: Es "ist ein Stück voll von versammelter, dabei behänder Kraft, kompositorischer Geschmeidigkeit und einem Bekenntnis zum Diesseits." Die Musiker "boten ihr Bestes an frischer Aufmerksamkeit und klanglicher Wachsamkeit, das Joana Mallwitz auch von ihnen forderte. Das geschah jedoch nie herrisch oder gar einschüchternd, sondern stets animierend, ermutigend und auf ein begeisterndes symphonisches Miteinander ausgerichtet." Sie vermag es, "die Länge ihrer Arme und Hände wunderbar schwungvoll und gewaltfrei auszunutzen und weit ins Orchester hinein und zum Chor hinaufzureichen."

Außerdem: In der FAZ spricht Axel Weidemann mit der Komponistin Mayako Kubo über deren Konzertperformance "John Rabe - Endstation Siemensstadt", mit der sie "dem guten Deutschen von Nanjing" ein Denkmal setzt. Karl Fluch würdigt im Standard das Grazer Label Rock is Hell, das seine hundertste Veröffentlichung feiern kann. Für die taz porträtiert Helmut Böttiger die dänische Jazzsaxofonistin Lotte Anker: "Sehnen, Jaulen, Jauchzen: Lotte Ankers Klangpalette verfügt über das gesamte Register an Emotionen und Stimmungen, mit allen unberechenbaren Zwischentönen und Grauzonen". Gerade ist ihr gemeinsames Album mit dem Fred Frith Trio erschienen:

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