Efeu - Die Kulturrundschau

Dritte werden trotzig

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05.01.2022. In der Zeit verteidigt Eva Menasse die Literatur gegen ihre politische Regulierung von Links und Rechts. Wie die Ideologisierung Schriftsteller beschädigt, sieht die FAZ bei Mario Vargas Llosa. Außerdem schlägt sie sich durch das amerikanische Konzerngeflecht, das jetzt Studio Babelsberg übernimmt. Die NZZ stählt mit RZA vom Wu-Tang Clan ihre innere Faust. Und die SZ braust auf einer selbst reparierten Simson S51 von Karl Clauss Dietel in einen Apple-Store. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2022 finden Sie hier

Literatur

Kunst und Literatur müssen als Sphäre, die neben der Wirklichkeit und ihrem Gebot zur Vernunft als eigenständige Welt von Traum, Rausch, Ekstase, Widersinnigkeit und Grenzüberschreitung besteht, dringend verteidigt werden, schreibt die Schriftstellerin Eva Menasse in der Zeit. "So unterstützenswert es ist, mittels sensiblerer Sprache Gerechtigkeit und Diversität zu markieren und zu fördern - in der Literatur haben Regularien nichts verloren." Skandalisierungen kommen heute nicht mehr nur von Rechts, sondern auch von Links, "was die Mitte enorm verwirrt. Die Folgen sind bereits zu besichtigen. Künstler verstummen, passen sich den derzeit im Kurs stehenden Themen an oder weichen weit ins Historische oder Abseitige aus. Die einen unterschreiben täglich Petitionen, die anderen keine einzige mehr. Dritte werden trotzig, was zusätzliches Öl ins Feuer gießt."

In der FAZ ärgert sich Paul Ingendaay darüber, dass  Mario Vargas Llosa in den letzten Jahren seinen politischen Kompass verliert und in seinen Kolumnen für El Pais zusehends erratisch wird: "Um die Berührung mit linken, halblinken oder auch nur neuen Ideen zu vermeiden, wirft sich Vargas Llosa den autoritärsten Politikern und dem krudesten Wirtschaftsliberalismus in die Arme. ... Nicht nur, dass seine Favoriten ständig Wahlen verlieren - die  Welt scheint sich einfach in einem anderen Tempo zu drehen, als Mario Vargas Llosa es in seinem Heimkino wahrnimmt. Ohne es zu merken, ist der Schriftsteller in seinem politischen Denken bei der Schlichtheit seines früheren Antipoden Gabriel García Márquez angekommen, nur rechts gestrickt, wo dieser links war."

Philipp Bovermann begibt sich für die SZ auf Plattformen wie Wattpad und Co., wo aufstrebende Autorinnen und Autoren heute vor interagierendem Live-Publikum ihre Bücher schreiben und je nach Kommentaraufkommen auch beim Schreibprozess anpassen - zumal die Zahl der Kommentare auch über die Sichtbarkeit des Werks auf der Plattform entscheidet. "Die Autoren müssen also nicht mehr nur Marketing für sich selbst betreiben, wie beim klassischen Selfpublishing. Schreiben und Marketing gehen vielmehr ineinander über. ... Aber natürlich ist Wattpad auch ein Wettbewerb. Börse statt einsame Schreibstube, ein Produkt des digitalen Plattformkapitalismus. Es gibt ständig was zu gewinnen: Wer wird für das 'Wattpad Stars'-Programm ausgewählt? Wessen Geschichten lässt das Unternehmen zu Büchern binden, aus welchen werden Filme und Serien?"

Außerdem: Ronja von Rönne erkennt in der Zeit, dass Depressionen nicht der Nährboden für große Kunst sind, sondern ihr Ende: "Manche Bücher sind trotz der Depression ihrer Verfasser erschienen, aber viel mehr Bücher werden für immer im Niemandsland des Konjunktivs verbleiben und niemals erscheinen." In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Verleger Jochen Jung, der seinen Verlag eben an Kampa verkauft, zum achtzigsten Geburtstag. Besprochen werden Susan Taubes "Nach Amerika und zurück im Sarg" (Tsp), Sophia Fritz' "Steine schmeißen" (taz), Richard Ovendens Studie "Bedrohte Bücher" über Angriffe auf Bibliotheken (SZ), Hanya Yanagiharas "Zum Paradies" (Zeit) und Wallace Thurmans "The Blacker the Berry" (FAZ).
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Film

Schwein gehabt: Nicolas Cage (re.) und "Pig"

In "Pig" wird Nicolas Cage sein Trüffelschwein gestohlen, woraufhin er zum Trauerkloß mutiert. Klingt vielleicht skurrill, ist für SZ-Kritiker David Steinitz allerdings "einer der besten Filmplots, der jemals in Hollywood erdacht worden ist", und der Film selbst "ein bizarres und rührendes Kunstwerk, wie man es nicht alle Tage zu sehen bekommt." Und Cage spielt so gut, dass er quasi eins wird mit seiner Rolle: Schön ist es da, "sich vorzustellen, dass der Mann im wirklichen Leben selbst mit einem Trüffelschwein in einer Waldhütte lebt. Das würde irgendwie zu seiner Karriere passen. Erst Megafilmstar und Oscarpreisträger; dann Protagonist unzähliger obskurer B-Pictures, Youtube-Wutvideos und einem Ratgeber fürs gepflegte Fluchen - aber jetzt glücklich mit Schwein weit weg vom blöden Hollywood."

Passt ja im Grunde, wenn die amerikanische Immobiliengesellschaft TPG Real Estate nun das traditionsreiche Studio Babelsberg aufkauft, meint Claudius Seidl in der FAZ: In den Ateliers bei Potsdam werden seit Jahren vor allem US-Filme gedreht. Produzent und bisheriger Co-Eigentümer Christoph Fisser gibt im Gespräch angesichts von Zerschlagungssorgen Entwarnung: Mit der amerikanischen Holding werde jetzt alles viel größer und investmentfreudiger: "Vor Kurzem hat sie auch die Creative Artists Agency übernommen, eine der mächtigsten Agenturen im weltweiten Filmgeschäft, eine Firma, die nicht nur Schauspieler, Regisseurinnen, Autoren vertritt. Sondern die am liebsten mit ihren Künstlern sogenannte Pakete schnürt - Buch, Besetzung, Regie und Kamera: Das alles wird, quasi drehfertig, von der Agentur ans Studio geliefert. Es ist sehr hilfreich fürs Geschäft, mit dieser Agentur gute Beziehungen zu pflegen. Noch besser ist es, zum selben Konzern zu gehören."

Außerdem: Karina Urbach schreibt in der taz darüber, welche Schauspieler in der bundesrepublikanischen Antinazi-Nachkriegssatire "Wir Wunderkinder" von 1960 in Wirklichkeit Nazis waren. Besprochen werden Valdimar Jóhannssons Horror-Märchen und Pärchen-Drama "Lamb" ("berückend virtuos", staunt Cosima Lutz in der Welt),
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Design

Eine S 51 B2-4 von 1980. Foto unter cc-Lizenz: Max Schwalbe / Wikipedia

Peter Richter schreibt in der SZ zum Tod des DDR-Designers Karl Clauss Dietel, der so gut wie alles gestaltet hat, darunter auch die Mokick-Legende Simson S 51, an die sich Richter, den wir uns als jungen Mann wohl als Rebell der Liebe auf den Landstraßen vorstellen müssen, mit Tränen in den Augen erinnert. Ein Klassiker wurde das Gefährt auch, weil sie das Basteln ermöglichte: "Die gestalterische Trennung der einzelnen Baugruppen dient nicht nur ästhetischen Zwecken, sondern viel wesentlicher: praktischen und nicht zuletzt ökologischen. Man soll reparieren, anbauen, umbauen können, weitermachen - nicht wegschmeißen müssen. Das war unter den Bedingungen einer Mangelwirtschaft damals ganz einfach das Vernünftigste."
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Archiv: Design

Kunst

Evelyn Vogel meldet in der SZ, dass der eigenwillige Sammler Hermann Gerlinger seine bestens bestückte Expressionismus-Sammlung einzeln versteigern lassen wird. Bisher war sie in Museen wie Schloss Gottorf, der Moritzburg in Halle oder im Buchheim-Museum am Starnberger See untergebracht. Dass jetzt auch Eminem einen Gelangweilten Affen bei OpenSea gekauft hast, lässt Jonathan Jones im Guardian hoffen: "Der Affen-Boom dürfte der NFT-Kunst jede Romantik austreiben. Hier geht es ums Konsum-Erlebnis und nicht um die Unterstützung von Künstlern. Alles dreht sich um das Sammler-Ego."
 
Besprochen werden die "großartige" Ausstellung der Benin-Bronzen, mit der sich das Hamburger MARKK Museum am Rothenbaum von diesen Kunstwerken verabschiedet, bevor es sie an Nigeria zurückgibt (FAZ), die Ausstellung "Der geteilte Picasso" im Kölner Museum Ludwig (FR), die prächtige Ausstellung zu fünf Jahrtausenden iranischer Kunst in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel in Berlin (Tsp)  und die Ausstellung "Nation, Narration, Narcosis" zu kollektiven und individuellen Identitäten im Hamburger Bahnhof (in der sich taz-Kritikerin Beate Scheder ein bisschen alleingelassen fühlt).
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Bühne

August Wilsons "Seven Guitars". Foto: Ryan Maxwell / Arena Stage

Mit Sympathie nimmt Christoph Weissermel in der FAZ die Theaterstücke schwarzer Autoren auf, die nun endlich auch am Broadway und an anderen Bühnen in den USA gespielt werden. Besonders gut hat ihm August Wilsons Klassiker "Seven Guitars" in Washington gefallen, auch wenn die Inszenierung recht konventionell erscheint: "'Seven Guitars' spielt in der frühen Nachkriegszeit und beginnt mit der Beerdigung des jungen Bluesgitarristen Floyd Barton. Der Tod als Prolog - darauf folgen drei kurzweilige Stunden... Wilsons Stück lässt ein rau-musikalisches Textdickicht entstehen aus Smalltalk und Volksweisheiten, Bibelzitaten und Bluessongs, Rezepten und Radiobeiträgen, amüsanten wie tragischen Anekdoten und herrlich grotesken Diskussionen über das Krähverhalten von Hähnen aus Alabama oder Mississippi."
Archiv: Bühne
Stichwörter: Wilson, August

Musik

Für die NZZ porträtiert Jonathan Fischer den Rapper RZA vom Wu-Tang Clan, der mittlerweile eher mit Meditation, Achtsamkeit und einem Crossover-Buddhismus von sich reden macht, der Hip-Hop und Kung-Fu problemlos verbindet: "Bereits 2012 hat er mit seinem Lehrmeister und Freund Jim Jarmusch einen Hollywood-Kung-Fu-Film gedreht. 'Man With The Iron Fists'. Der Hip-Hop-Produzent lieferte dabei die Musik, gab selbst den Hauptdarsteller - einen Schmied, der die Armen und Unterdrückten verteidigt - und legte sich Sätze in den Mund, die an Bruce Lee erinnerten: 'Ertrinke im Teich und werde wie Wasser.' RZA liebt solche Sentenzen. Ihn habe die philosophische Botschaft von Bruce Lee stets mehr berührt als die Kampfszenen, sagt er. Das gilt auch für die Sequenz aus '36 Chambers', die den Jungen aus dem Ghetto einst zur Gründung des Wu-Tang Clan inspiriert habe: 'Da trifft ein junger Mönch auf seine Meister: Er will kämpfen, für sie aber zählt allein die geistige Haltung.'"

Weiteres: Christian Schröder liefert im Tsp Details zum neuesten Musikrechte-Aufkauf: Diesmal sichert sich Warner für 250 Millionen Dollar die Rechte am Bowie-Katalog. Im Tsp meldet Frederik Hanssen Personalien aus dem Musikteam der Komischen Oper Berlin. Christian Wildhagen (NZZ), Jan Brachmann (FAZ) und Wolfgang Schreiber (SZ) gratulieren dem Pianisten Maurizio Pollini zum 80. Geburtstag. Besprochen wird Dustin Breitenwischers Buch "Die Geschichte des Hip-Hop" (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Wu-Tang Clan, Rza