Efeu - Die Kulturrundschau

Schillerndes Sprengen

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27.03.2021. Der Standard überwindet seinen Ekel und verliebt sich in die nackten, knorpeligen Wesen von Patricia Piccinini in Krems. Die Gorman-Debatte lässt die LiteraturkritikerInnen nicht los: Eine verpasste Chance im Bemühen um Sichtbarkeit konstatiert die taz, die Banalität von Identitätspolitik erkennt die Jungle World hier. Die SZ begibt sich derweil auf die Suche nach den weißen Traditionen des Jazz. Außerdem fragt sie: Wie zeitgemäß ist eigentlich der alte, weiße Schamane Beuys? Artechock verliert nach Elke Margarete Lehrenkrauss' "Lovemobil" das Vertrauen in die Doku. Und das monopol-magazin schickt eine Million Rosen an Angela.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2021 finden Sie hier

Kunst

Patricia Piccinini, The Young Family, 2002. Foto: Graham Baring. Courtesy of the artist

Eine Mischung aus "Ekel, Zuneigung und Mitleid", aber auch Faszination und "Respekt" verspürt Katharina Rustler (Standard) in der Ausstellung "Embracing the Future" in der Kunsthalle Krems, der ersten großen Einzelschau, die der australischen Künstlerin Patricia Piccinini im deutschsprachigen Raum gewidmet ist. Anhand ihrer Mischwesen stelle die Künstlerin Fragen nach Normalität, Körper und unserem Umgang mit Andersartigem, erkennt Rustler: "Überwindet man den anfänglichen Ekel und die folgende Irritation, nehmen andere Emotionen den Platz ein. Ungläubig steht man vor einer menschlich anmutenden Frau, die fürsorglich ein nacktes, verknorpeltes Wesen umklammert. Mit seinen kleinen Händchen, dem zarten Haarschopf und den unschuldigen Augen ist das Ding genauso hilflos und liebesbedürftig wie alle anderen Babys. In The Welcome Guest steigt eine pelzige Gollum-Kreatur in das Bett eines Mädchens, am liebsten möchte man eingreifen. Erblickt man aber das lächelnde Gesicht und die vertraute Geste des Kindes, weiß man: Hier ist alles in Ordnung. Vielleicht sind ja alle Monster unter dem Bett so freundlich?"

Allein in Nordrhein-Westfalen sind knapp 20 Ausstellungen zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys geplant und in der SZ ist Peter Richter jetzt schon gespannt, wie "der alte, weiße Pseudoschamane mit seinen nordischen Eichen und Elchen in die neue Begeisterung für die nichtwestlichen Wissensweisen eingepasst werden soll": "Besonders groß war die Aufregung, als der Kunsthistoriker Beat Wyss 2008 die Verbindungslinien zu den völkischen Ideologemen in den Lebensreformmilieus der Jahrhundertwende betonte, die Prägung in HJ und Wehrmacht und das Problematische an Beuys' antiparlamentarischem Demokratiebegriff. Wobei in dem Zusammenhang auch der Hang zu charismatischem Führertum und rückhaltloser Jüngerschaft bemerkenswert ist, so wenige Jahrzehnte nach dem Krieg." Catrin Lorch findet ebenfalls in der SZ in Beuys' Werk indes Trost und die "Grundlage für die aktivistische Kunst", etwa in der Ausstellung "Jeder Mensch ist ein Künstler. Kosmopolitische Übungen mit Joseph Beuys" in der Kunstsammlung NRW.

Bild: "1000000 Rosen für Angela!" Postkartenvorlage, 1971 Postkartenvorlage Junge Welt 19.01.1971

Sehr gegenwärtig findet Saskia Trebing im monopol-magazin die Ausstellung "1 Million Rosen für Angela Davis" in der Dresdner Kunsthalle im Lipsiusbau, die sich der Solidaritätskampagne widmet, die in den Siebzigern in der DDR für die US-Bürgerrechtlerin gestartet wurde: "Von 1970 bis 1972 flatterte der wegen des Vorwurfs der Terrorismus-Unterstützung inhaftierten Black-Power-Aktivistin Angela Davis ein Solidaritätsschwarm in Form von Rosen-Postkarten aus der DDR in die Zelle. Die staatlich organisierte Kampagne für Davis' Freilassung sollte ein florales Bekenntnis zum Antirassismus und zum 'anderen Amerika' jenseits des kapitalistischen Imperialismus sein. Nach ihrem Freispruch 1972 besuchte Angela Davis Ost-Berlin als verehrter Staatsgast. Ein Teil der Postkarten blüht nun in der Dresdner Ausstellung, doch das eigentliche Thema ist die Bildwerdung und Vereinnahmung der Figur Angela Davis. Die Philosophin und Aktivistin wurde auf Fahndungsfotos des FBI omnipräsent und damit gewissermaßen ikonisch."

Außerdem: Zum hundertsten Todestag erinnert Peter Kropmanns in der FAZ an den Kunstsammler Karl Ernst Osthaus, der mit seiner Sammlung das Folkwang-Museum in Hagen begründetet.
Archiv: Kunst

Literatur

Dirk Knipphals resümiert in der taz die Kontroverse darüber, wer Amanda Gorman übersetzt, und blickt dafür zurück auf den Ausschlag gebenden Text von Janice Deul, die es im niederländischen Volkskrant als "verpasste Gelegenheit" bezeichnete, dass Gormans Gedicht nicht von einer schwarzen Spoken-Word-Künstlerin übersetzt werde. "Es geht hier also um eine verpasste Chance im Bemühen um Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit und keineswegs um einen identitären Kulturkampf. Das festzuhalten heißt keineswegs, die Kritik an essenzialistischen Kulturauffassungen zu schmälern", doch diese waren "eben auch gar nicht Janice Deuls Punkt." So wirken auf Knipphals auch "die schweren Geschütze, die in der Debatte aufgefahren wurden ... reichlich dick aufgetragen, wenn man Deuls Text tatsächlich liest."

Schweres Geschütz fährt derweil Magnus Klaue in der Jungle World auf: "Ein Literaturbetrieb, der über die Frage, wer am besten geeignet ist, Gedichte zu übersetzen, monatelange Diskussionen führt, stellt damit eines unter Beweis: dass ihm das Objekt seiner Arbeit abhanden gekommen ist, weil seine Angestellten verlernt haben, an den Gegenständen, mit denen sie sich beschäftigen, spezifische Erfahrungen zu machen. Mit dieser Unfähigkeit gesteht die Identitätspolitik ihre eigene Banalität ein: Sie ist unfähig, irgendetwas zur Erkenntnis der Objekte beizutragen, mit denen sie sich beschäftigt, und kann deshalb statt Gegenstand von Kritik nur Gegenstand von Erledigung sein."

Im großen Aufmacher-Gespräch für die Literarische Welt kommt der Schriftsteller Christoph Ransmayr auch auf seine Leidenschaft für Science-Fiction zu sprechen, die er einem Jesuitenonkel verdankt, und auch darauf, es vielleicht selbst einmal gerne im Genre zu versuchen: "Allein, was die Quantenphysik für einen Erzähler an Spielmaterial bereithält, ist ungeheuerlich. Die Theologen, selbst die Mystiker des Mittelalters erscheinen doch wie bloße Hütchenspieler gegen das, was in der Quantenphysik oder in der Astrophysik gedacht und berechnet wird. Darin liegt eine große Versuchung für einen Schriftsteller wie mich. Nur muss die Physik irgendwann aus der Alltagssprache unausweichlich in die Mathematik, in die Welt der Formeln wechseln, also in hochabstrakte Gleichungen."

Weitere Artikel: Thomas Hummitzsch setzt seine Intellectures-Gesprächsreihe mit Orwell-Übersetzern fort: Diesmal spricht er mit Simone Fischer und Lutz-W. Wolff. Der Schriftsteller Richard Swartz schreibt in der NZZ darüber, wie er zur Liebe zum Buch fand. In der taz plaudert Antje Lang-Lendorff mit der Schriftstellerin Andrea Paluch darüber, wie es ist, wenn die eigenen Kinder ausziehen. Im Literaturfeature für Dlf Kultur befasst sich Christian Blees mit dem Blick der Science-Fiction-Literatur auf die Klimakrise. Im Literarischen Leben der FAZ widmet sich Philipp Theisohn den Süßspeisen in der Literatur. Gustav Seibt erinnert sich in der SZ, wie er 1989 auf einer Fahrt mit einem Privatchauffeur von Gütersloh nach Frankfurt am Main Maxim Biller kennenlernte. In der Literarischen Welt erinnert sich Ingo Fessmann an den vor fünf Jahren verstorbenen Imre Kertész. Wilhelm von Sternburg (FR) und Wolf Scheller (Standard) schreiben über Heinrich Mann, der vor 150 Jahren geboren wurde. Arno Widmann erinnert in der FR an Virigina Woolf, die vor 80 Jahren gestorben ist. Fritz Göttler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schriftsteller und Drehbuchautor Larry McMurtry.

Besprochen werden unter anderem Patrícia Melos "Gestapelte Frauen" (FR), J. J. Voskuils "Die Mutter von Nicolien" (taz), Eberhard Michaelys Krimi "Frau Helbing und der tote Fagottist" (taz), Kevin Barrys "Beatlebone" (online nachgereicht von der FAZ), der von Kai Sina herausgegegebene Essayband "Im Kopf von Maxim Biller" (SZ),  Naoise Dolans "Aufregende Zeiten" (Literarische Welt) und eine Neuausgabe von Heinrich Manns "Der Untertan" (FAZ).
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Bühne

Das gab es doch alles schon mal in den Sechzigern, erinnert sich Willi Winkler im Aufmacher des SZ-Feuilletons angesichts der aktuellen Debatten um Intendanten-Kult und mehr Mitsprache am Theater: "'Euer Theater ist tot', verkündete Peymann und meinte es ernst. Es war die Zeit, als Pierre Boulez die Opernhäuser in die Luft gesprengt haben wollte und über der Documenta in Kassel das Transparent 'Kunst ist überflüssig' wehte. An der Berliner Schaubühne gab es eine Mindestgage für alle, die Schauspieler sollten wie das technische Personal ein Mitspracherecht beim Spielplan haben, die Schulung in Marxismus-Leninismus war obligatorisch. 'Wir betrachten Theater als ein Mittel zu unserer Emanzipation', hieß es in einem internen Papier. Die CDU las im Abgeordnetenhaus daraus vor und zitterte vor dem Klassenkampf; schließlich wurde am Mekong auch die Freiheit West-Berlins verteidigt."

Die Nachtkritik resümiert derweil das hinter einer Paywall verborgene Interview zwischen Petra Kohse (Berliner Zeitung) und Iris Laufenberg, Intendantin in Graz, die erklärt, wie sie durch externe Coachings und und einen Verhaltenskodex in den Verträgen Maßnahmen für ein respektvolles Arbeitsklima schafft. Auch auf die Identitätsdebatte kommt Laufenberg zu sprechen: Sie bemerke "in ihren Gesprächen mit jungen Leuten 'oft so eine Ausschließlichkeit' Am Beispiel einer britischen Reisegruppe, die nach einer Aufführung von Ayad Akhtars 'The Who and the What' kritisiert hatte, dass die pakistanischen Figuren nicht mit pakistanischen Schauspieler*innen besetzt worden seien, bemerkt sie: 'Wenn solche Fragen wichtig sind, müssen wir sie diskutieren. Sie zu skandalisieren, reicht nicht aus.'"

Außerdem: Einen "kleinen, dichten" Theaterfilm schaut Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla mit Marcel Kohlers für das Nationaltheater Weimar inszenierten Stationendrama "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert. Besprochen wird Andreas Dörings Theaterfilm zu Karel Capeks "Die weiße Krankheit" für das Celler Schlosstheater (taz) und das Tanzvideo "Climatic Dances" der Wiener Choerografin Amanda Pina (Standard).
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Archiv: Bühne

Film

Artechock diskutiert weiter über Elke Lehrenkrauss' Film "Lovemobil", den der NDR als Dokumentarfilm über Sexarbeit sendete, während die gezeigten Protagonisten zum Großteil Schauspieler waren. Jetzt über historisch gewachsene Formen zu diskutieren und wohltemperierte cinephile Bonmots anzubringen, hält Sedat Aslan für ziemlich "deutsch", denn: "Es ist kein formaler Lapsus, keine Petitesse und auch kein Dummejungenstreich, den die 42-jährige Regisseurin sich erlaubt hat. ... Sie hat eben nicht in einer Mischform experimentieren, Grenzen sprengen oder breite Diskussionen über die Form auslösen wollen. Sie handelte rein aus persönlichem Interesse" und "in Interviews - man kann es in der Rückschau nur rotzfrech nennen - über die Wirkung der Kamera im Dokumentarfilm, eine zu vermeidende voyeuristische Ausbeutung und das Seelenleben ihrer Protagonistinnen sinniert."

Nora Moschuering findet es bedauerlich, wie hier das Vertrauen des Publikums aufs Spiel gesetzt werde - nicht nur damit, dass der Film den Status seiner Bilder nicht offenlegt, sondern dass die Regisseurin auch in Gesprächen das Publikum im Unklaren ließ: "Lehrenkrauss untergräbt dieses Vertrauen. Natürlich muss es ein Befragen von Bildern geben, schon immer und erst recht heute, aber wir müssen bestimmten Aussagen und Umständen auch weiterhin vertrauen dürfen. Deshalb ist es auch so bitter, weil ich konkret weiß, dass viele DokumentarfilmerInnen auch so arbeiten: Sie legen offen, sind transparent, authentisch und reden nicht nur über die ProtagonistInnen, sondern mit ihnen (siehe die Kollaborationen), und dabei sind sie - ganz nebenbei - oft auch sehr künstlerisch."

Weitere Artikel: Im taz-Gespräch erklärt Jens Meurer, warum er seinen neuen Dokumentarfilm "An Impossible Project" auf 35mm-Material gedreht hat. Patrick Heidmann spricht für ZeitOnline mit John Torturro über dessen neuen Film "Jesus Rolls", einer Fortsetzung zu "The Big Lebowski". Die Künstlerin Monica Bonvicini erinnert sich in der neuen Ausgabe von Cargo an das Kino Astra in Brescia, das sie in ihrer Kindheit und Jugend oft besucht hat. Jenni Zylka erinnert sich für die taz an Entschuldigungsszenen im Hollywoodkino. Urs Bühler berichtet in der NZZ von der Verleihung des Schweizer Filmpreises. Josef Nagel schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Bertrand Tavernier (weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden die Serie "Losing Alice" (Freitag), die Serie "Pure" (FAZ, Presse) und eine Arte-Doku über den Neurologen und Schriftsteller Oliver Sacks (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Musik

Die Wurzeln des Jazz liegen natürlich in der afrikanischen Musik, aber an sich entstanden ist er, als sich diese Traditionen mit dem weißen Songmaterial des "Real Book" amalgamisierten, erinnert Thomas Steinfeld in der SZ: Dies geschah "natürlich aus einer Art Notwehr. Die Melodien bekannter weißer Hits waren auch der Trick, um in einer von Weißen dominierten, Schwarze und ihre Kultur selbstverständlich diskriminierenden Gesellschaft gehört zu werden. ... Mit zu schlichten Begriffen von Identität und kultureller Aneignung kommt man im Jazz dementsprechend nicht allzu weit. Auf der afrikanischen Basis ist vielmehr das anspruchsvoll schillernde Sprengen, Ergänzen und Verwandeln von Traditionen und Identitäten integrale Praxis des Jazz."

Grenzen gesprengt werden auch auf "Promises", der Kollaboration des Freejazz-Saxofonisten Pharoah Sanders mit dem Elektroproduzenten Sam Shepherd alias Floating Points und dem London Symphony Orchestra. Darauf "ist mächtig was los", schwärmt Robert Miessner in der taz. Hier "wird wild durcheinandergemischt und improvisiert. Und was es da zu hören gibt! Pharoah Sanders steigt mit einem Saxofonbeitrag ein, der vorsichtig vibrierend an einen behutsam beginnenden Erzähler erinnert. Dabei bleibt es aber nicht. Im vierten Segment des Albums hat Sanders auf seinem Saxofon einen vollen, kräftigen Ton erreicht, im sechsten bläst er dann zu einer Attacke." Und "Floating Points grundiert und umspielt das musikalische Geschehen mit Sounds, bei denen nicht immer klar ist, was davon nun sakral und was futuristisch klingt." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Christiane Peitz referiert im Tagesspiegel die ersten Studienergebnisse aus dem Berliner Pilotprojekt, Kulturveranstaltungen unter Testsituationen wieder stattfinden zu lassen: Etwa 12 Minuten dauert es von Test bis zum Befund, pro Minute sind zehn Gäste zu schaffen und die Kosten liegen bei 35 Euro pro Gast. Ueli Bernays denkt in der NZZ über die Skandalgeschichte von Pop und Rock nach. Michael Jaeger resümiert im Freitag die Berliner Maerzmusik.

Besprochen werden eine CD-Box mit Aufnahmen des Violinisten Arthur Grumiaux (SZ), Serpentwithfeets neues Album (ZeitOnline), der zweite Teil von Mathias Modicas "Kraut Jazz Futurism"-Kompilations (taz), ein neues Album des Jazzers Charles Lloyd (Standard), Altin Güns neues Album "Yol" (FR), Stephan von Huenes "Lexichaos"-Klanginstallation im Berliner Pierre Boulez Saal (Tagesspiegel), Mira Lu Kovacs' Debütalbum (Standard), ein neues Album von Ernst Molden und Der Nino (Standard) und der Dokumentarfilm "Billie Eilish: The World's a Little Blurry" (Jungle World),
Archiv: Musik
Stichwörter: Sanders, Pharoah, Jazz

Architektur

James Stirling, Michael Wilford & Associates, Wissenschaftszentrum Berlin, 1979-1988, Foto: © Robert Göllner Fotografie-Archiv, 1988, Digitalisierung: Anja Elisabeth Witte

Dass die Postmoderne in der Architektur in Ost- und Westberlin fast gleichzeitig ankam, lernt Claudius Seidl (FAZ) in der Ausstellung "Anything goes" in der Berlinischen Galerie: "In Berlin lief die postmoderne Architektur aber auf eine Flucht aus der Gegenwart hinaus. 'Keiner, der glaubte oder hoffte, eine Zukunft zu haben, ging damals nach Berlin.' So steht es in 'Aufprall', dem Achtziger-Jahre-Roman von Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland. Und die Architektur war der beste Ausdruck dieser Haltung: So, wie es war, konnte es nicht weitergehen. Dass es aber anders kommen würde, war nicht abzusehen. So baute man Häuser, die kaum Zukunft hatten. Die Wohnanlage von Oswald Mathias Ungers am Lützowplatz, abgerissen 2013, ist das prominenteste Beispiel im Westen. Die Friedrichstadt-Passagen von Manfred Prasser und Peter Weiß, abgerissen 1991, bevor sie fertig waren, sind der bekannteste Fall im Osten."
Archiv: Architektur