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Efeu - Die Kulturrundschau

Polyester, Baumwolle und Rippenstrick

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2021. Dezeen bewundert die skulpturale Haute Couture von Ryunosuke Okazaki. Die SZ porträtiert die Sängerin und Dirigentin Nathalie Stutzmann. Die Welt kritisiert das Othering Amanda Gormans. In der FAZ blicken sechs ex-jugoslawische AutorInnen zurück auf das Jahr 1991, als der Krieg ausbrach. Die taz stellt das feministische chilenische Kunstkollektiv Lastesis vor. Die FAZ fühlte sich bei der Wohnzimmer-Biennale, die jetzt zu Ende ist, sehr allein. Fürs Programm gab's bei den Kritikern lobende Worte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2021 finden Sie hier

Film

Die Pandemie-Berlinale ehrt einen Pandemie-Film: Radu Judes Satire "Bad Luck Bangnig of Loony Porn"

Die Berlinale ist - unbemerkt vom Publikum - zu Ende. FAZ-Kritiker Claudius Seidl fühlte sich oft sehr allein bei diesem Wohnzimmer-Festival, so wie auch das hier präsentierte Weltkino ohne amerikanische Filme sehr alleine wirkte - gegen wen soll es sich denn da noch positionieren? "Sehr schön, sehr spannend, sehr perfekt, so denkt man sonst, wenn ein amerikanischer Film, der seine Figuren und Konflikte im Griff hat, zu Ende geht. Und dann freut man sich auch an allem, was nicht perfekt ist, was nicht aufgeht, und selbst das Unverständliche nimmt man hin, als Gegengift zu amerikanischer Totalverständlichkeit. Aber wenn das Zentrum, Amerika, fehlt, sieht das Kino der Peripherie nicht mehr komplementär aus, sondern nur noch peripher."

Der Goldene Bär der Berlinale für Radu Judes "Bad Luck Banging or Loony Porn" ist absolut "folgerichtig" für dieses sonderbare, rein digitale Branchen-Festival, schreibt Thekla Dannenberg im Perlentaucher, froh über den "Kinozauber", den der Wettbewerb in der zweiten Hälfte entfaltete. "Und wie gut das tat! Das ist vor allem zwei Filmen zu verdanken, die bemerkenswert komplementär zueinander stehen", nämlich Alexandre Koberidzes "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" und Ryusuke Hamaguchis Episodenfilm 'Wheel of Fortune and Fantasy" (den auch Kathleen Hildebrand in der SZ sehr feiert, für Katrin Doerksen im CulturMag stellt dieser stille Wettbewerbsfilm "eine kleine Preziose" dar). Beide "zeigen sehr schön die beiden Richtungen, in die sich das internationale Kino mittlerweile bewegt: Hamaguchis mit einem starken Drehbuch, angesagten Themen, cleveren Plots und Pointen in Serie, Koberidse mit der Stimme des Filmemachers, einer unkonventionellen Bildsprache und dem Anspruch auf Weltgeltung aus der eigenen kulturellem Verwurzelung heraus. Das globale Kino und das Weltkino."

Andreas Busche vom Tagesspiegel tritt sehr zufrieden aus dem Heimkino ans Tageslicht: Gemeinsam mit der Reihe "Encounters" bot diese Berlinale "zwei überzeugende Wettbewerbe, die sich trotz widriger Umstände vielseitig präsentierten und ästhetisch immer wieder zu überraschen verstanden" und Radu Judes preisgekrönter Film "ist als politisches Statement tatsächlich Gegenwartskino, das diesem oftmals überstrapazierten Begriff gerecht wird." Auf den Berlinale-Sommer dürfen sich die Berliner jetzt schon freuen, schreibt er. Wir hoffen aus bekannten Gründen auf das Beste.

Der Preis der Jury ging an "Herr Brachmann und seine Klasse"

Unzufrieden
mit der Jury-Entscheidung für Radu Jude ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, für den Maria Speths Dokumentarfilm "Herr Brachmann und seine Klasse" den Goldenen Bär viel eher verdient hätte: "Provokant an Radu Judes aufdringlicher Satire über Corona und Sexual Correctness ist lediglich der unvermittelte Einstieg über Pornoszenen. Alles, was danach kommt, wirkt doch eher in die erwartbaren Formen eines pseudo-experimentellen Festivalkinos gezwängt." Zwar sei "'Pechbumsen' kein perfekter Film, er wirkt wie mit der heißen Nadel gestrickt, aber er ist ein hochinteressanter Zeitkommentar mitten aus der Pandemie über die Pandemie", hält dem Hanns-Georg Rodek in der Welt entgegen. Anke Leweke von ZeitOnline sah eine "überdrehte, auch unterhaltsame Momentaufnahme einer Gesellschaft, die sich in einem neuen Konservatismus und Nationalismus eingerichtet hat, ohne ihre totalitäre Vergangenheit aufgearbeitet zu haben."

Wenn es nach Radu Jude geht, der in einer Pressekonferenz sehr vom Leder gezogen hat, kann das mit der Berlinale ohne roten Teppich im übrigen gerne weiter gehen, meldet ScreenDaily: "My belief in cinema doesn't have anything to do with this kind of clowning around. ... If you go to a book fair, there are no people in fancy dresses. It's people who love books, authors who wrote the books, they meet their audience and that's it."

Besprochen werden Luca Guadagninos Serie "We Are Who We Are" (Freitag, ZeitOnline) und die Netflix-Serie "Ginny & Georgia" (Presse).
Archiv: Film

Musik

Nathalie Stutzmann ist "wahrscheinlich die wichtigste Dirigentin der Gegenwart", schreibt Helmut Mauró in der SZ. In Deutschland kennt man sie, wenn überhaupt, dann meist nur als Sängerin. Ihre Stimme - gerade ist ein neues Album erschienen - "ist oft wie die eines Countertenors eingefärbt", Stutzmann "singt Barockarien von Händel, Porpora, Vivaldi, Caldara, Bononcini, Lotti, Gasparini. ...  Was sie an Stimmtechnik dafür aufwendet, hört man nicht, alles strömt wie natürlich aus ihr heraus. Man fragt sich, warum sie nicht schon immer Barockarien gesungen hat. Sie weiß es selbst nicht so genau, sagt sie am Telefon, sie habe früher generell kaum Oper gesungen." Und sie singt beim Dirigieren:



Außerdem: Für die taz hat sich Robert Mießner zum Gespräch mit Sven Regener getroffen, der für sein neues Album in den Jazz gewechselt ist. Nina Breher porträtiert für den Tagesspiegel Hiyoli Togawa, die für ein Corona-Album Stücke aus aller Welt eingeholt und kuratiert hat. Jakob Biazza plaudert für die SZ mit Alice Cooper. Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Wolfgang Sandner (FAZ) gratulieren Peter Brötzmann zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden neue Singer-Songwriter-Alben von Sarah Mary Chadwick, Adrianne Lenker und Lomelda (NZZ), das neue Album von Kings of Leon (SZ) und Masha Qrellas "Woanders" mit Texten von Thomas Brasch (FR).
Archiv: Musik

Design

Couture von Ryunosuke Okazaki. Fotos von Kenji Agata via Dezeen


Bei Dezeen stellt James Parkes die Couturekleider von Ryunosuke Okazaki vor, für die sich die japanische Designerin von der Keramik der Jōmon-Ära (ca. 10.500 - 300 v.u.Z.) und der Shinto-Religion inspirieren ließ: "Die aufwendigen Designs erinnern vor allem an die Töpferkunst der Jōmon-Ära, bei der Gefäße dekoriert wurden, indem man Seile und Spiralen in den nassen Ton presste, um kunstvolle Designs zu schaffen. ... Die JomonJomon-Kollektion ist aus Polyester, Baumwolle und Rippenstrick gefertigt, wobei die Farben Rot, Blau, Schwarz und Weiß als Grundfarben verwendet wurden. Die skulpturalen Formen entstehen durch das Kombinieren und Drapieren von Textilien in geometrische Mustern und Formen. Die kräftigen Farben, gepaart mit kontrastierenden Streifen und Flecken, betonen die Kurven und Konturen des skulpturalen Stoffes. 'Ich habe versucht, es poppig und farbenfroh zu gestalten und dabei moderne Materialien zu verwenden, um die Modellierung der Jōmon-Töpferkunst und des Shinto, die erdig ist, auf moderne Weise auszudrücken', erklärt die Designerin."
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Archiv: Design

Literatur

Die FAZ versammelt unter dem Titel "Archipel Jugoslawien" sechs von insgesamt 15 von der Leipziger Buchmesse in Auftrag gegebener Essays ex-jugoslawischer Autorinnen und Autoren. Sie "blicken drei Jahrzehnte zurück auf das Jahr 1991, in dem in ihrer Heimat der Krieg ausbrach, und auf die darauf folgende Zeit bis in die Gegenwart", erklärt Tilmann Spreckelsen im Editorial. Der Lyriker Darko Cvijetić collagiert seine Eindrücke aus den letzten dreißig Jahren:

"Gekrümeltes Brot,
in Handflächen
hinausgetragen aus dem Vogelhunger.
Derjenige, der das träumt,
wird mir sagen, ich stand am Wasser. Es könnte das Jahr 1991 gewesen sein.
Ich wusch mir das Gesicht, gebeugt über die Badewanne,
und ein Gedanke durchströmte mich - es wird Krieg geben!"

Im Streit um die niederländische Übersetzung von Amanda Gormans Gedichten (unser Resümee) sieht Mara Delius in der Literarischen Welt einen Paradigmenwechsel, zumal mit Blick auf die von einem Dreierteam in Angriff genommene Übersetzung ins Deutsche: "Warum sollte eine deutsche Rassismusforscherin besser übersetzen können als eine renommierte literarische Übersetzerin, die seit Jahren Texte aus dem Amerikanischen übersetzt, die unter anderem von Rassismus handeln? ... Gorman auf die Rolle der schwarzen Künstlerin festzulegen, kommt letztlich einem 'Othering' gleich: Sie, die Schwarze, macht Kunst für Schwarze, die wiederum andere, die eine andere Identität haben, nur bewundern oder ablehnen können, aber nie durch ästhetische Erfahrung verstehen. Gibt es eine härtere Entmündigung einer Künstlerin als Künstlerin? Damit wäre die Kunst, in diesem Fall die Literatur, reduziert auf den Prozess des Erfahrungsaustauschs einzelner Identitätsstämme."

Außerdem: Herbie Schmidt wirft für die NZZ einen Blick auf die Autos, mit denen Annemarie Schwarzenbach sich auf ihre großen Reisen machte. Werner von Koppenfels arbeitet sich für die NZZ durch den Berg an Neuübersetzungen der Bücher von George Orwell, dessen Werk nun rechtefrei ist. Patrick Viol erinnert in der Jungle World an Oscar Wildes vor 130 Jahren erschienenen Essay "Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus". In einer "Langen Nacht" des Dlf Kultur befasst sich Beatrix Novy mit dem Wiener Dichter Peter Altenberg. Im "Literarischen Leben" der FAZ erinnert  Daniel Deckers an eine literarische Anthologie namens "Wein" aus dem Jahr 1933, die sich im Rückblick "als letzte, schaurig-schöne Manifestation der einzigartigen deutsch-jüdisch-tschechischen Kultursymbiose entpuppt".

Besprochen werden unter anderem Wyndham Lewis' erstmals übersetzt vorliegender Roman "Die Affen Gottes" aus dem Jahr 1930 (taz), Thomas Kunsts "Zandschower Klinken" (FR), Takis Würgers "Noah" (Literarische Welt), Arnold Stadlers "Am siebten Tag flog ich zurück" (Literarische Welt) und Elizabeth Taylors "Mrs. Palfrey im Claremont" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

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In Japan hatte die Tanztheater Compagnie Moonlight Mobile Theater eine Idee, wie man die Leute ins Theater holen und dabei die soziale Distanz wahren kann: Mit einem Peeping Garden. "In der kreisförmigen, hölzernen szenografischen Struktur können die Zuschauer (bis zu 30 Personen) auf Hockern in abgetrennten Kabinen sitzen, die die Bühne umgeben, während die Tänzer im Zentrum der Bühne auftreten", erzählt Gaia Lamperti bei Domus.

Im Interview mit der nachtkritik spricht der Inklusions-Aktivist Raúl Krauthausen über das Diversity-Kulturförderprogramm von TikTok, das mit 5 Millionen Euro Kulturinstitutionen "beim Einstieg in die digitale Kommunikation und dem Erreichen neuer Zielgruppen" unterstützt, erfahren wir. Krauthausen ist Mitglied der Jury, die über die Anträge entscheidet. "Auf sozialen Plattformen wird viel Bodyshaming betrieben", erklärt er seine Mitarbeit, "das heißt, viel läuft über normierte Schönheitsideale, denen zu entsprechen einen großen Druck erzeugt. Dem etwas entgegenzusetzen, fand ich ein wichtiges Anliegen. Was ich gleichzeitig mit Sorge betrachte ist, dass dieser ganze Vielfaltsdiskurs in Deutschland eigentlich immer unter Ausschluss von Menschen mit Behinderung stattfindet. ...  Und da haben ich mir gesagt, ok, lass uns doch gucken, wie wir diesen Aspekt Behinderung in den Vielfaltsdiskurs hineintragen und nach vorne bringen können."

Besprochen werden Barrie Koskys Memoir "On Ecstasy" (Tsp) und das Projekt "Kunstpause" des Performanceduos "Kombinat" (Tsp).
Archiv: Bühne

Kunst

In der taz stellt Eva-Christina Meier das feministische chilenische Kollektiv Lastesis vor, das mit seiner - bald grenzüberschreitenden - Aktion "Ein Vergewaltiger auf deinem Weg" Tausende Frauen in Lateinamerika mobilisierte, gegen die Gewalt gegen Frauen auf die Straße zu gehen: "'Patriarchat und Kapital - dieses Bündnis ist fatal'. So hatte Lastesis, inspiriert von der feministischen Theoretikerin Silvia Frederici, ein frühes Theaterstück benannt. In einem Lied darin hieß es: 'Der Klassenkampf ist nicht zu verstehen, solange wir nicht sehen, dass die Arbeiterklasse aus zwei Klassen besteht: die Männer privilegiert, die Frauen dominiert.' Dieser Aspekt wird auch in der aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzung in Chile von einigen aus der Linken immer noch gerne ignoriert und der Feminismus als ein zweitrangiges, weniger dringliches Anliegen angesehen, so die Erfahrungen der Künstlerinnen. Auf die männliche Borniertheit reagieren sie genervt. 'Sie haben noch nicht begriffen, dass wir uns nicht noch einmal am Katzentisch abspeisen lassen, dass wir Teil der Diskussion sind (…)'."

"Wir wollen für mehr Sichtbarkeit von Künstlerinnen aufstehen", erklärt im Interview mit der taz Rachel Kohn, Vorsitzende des Frauenmuseums Berlin, anlässlich der Protestaktion am Montag ab 14 Uhr vor der Berliner Gemäldegalerie: "Im Hamburger Bahnhof gingen laut einer Studie von Gantner und Horst zwischen 2010 und 2020 22 Prozent der Einzelausstellungen an Künstlerinnen. In der Neuen Nationalgalerie waren es von 2000 bis 2015 nur 6,12 Prozent. Die Alte Nationalgalerie hat noch nie eine Einzelausstellung zu einer Künstlerin gezeigt, weil sie einfach auch zu wenig Werke von Künstlerinnen gesammelt hat und es leider immer noch so ist, dass die Ankaufsetats hauptsächlich für bekannte Männer ausgegeben werden, statt einmal anzufangen, auch Künstlerinnen zu sammeln, um überhaupt mal ein Œuvre zeigen zu können."

Max Hollein, Direktor des Metropolitan Museums in New York, erzählt im Interview mit der FAZ, wie sich die Pandemie auf Museum und Mitarbeiter auswirkte. Dass das Metropolitan vergleichsweise gut durch die Krise kommt, liegt auch an den ausgebauten Digitalangeboten fürs Publikum: "Während das digitale Angebot früher primär an die jüngere Generation gebunden war, sind bei uns plötzlich fünfundachtzigjährige Trustees auf Zoom und engagieren sich im Netz. Auf der anderen Seite ist unser Publikum seit der Wiederöffnung im August letzten Jahres ein sehr lokales geworden, es sind zu neunzig Prozent New Yorker - zuvor waren unter unseren 7,5 Millionen Besuchern rund ein Drittel aus der Stadt, ein weiteres Drittel aus den Vereinigten Staaten und der Rest aus der gesamten Welt. Wir aber müssen und wollen international eine Institution sein, die von überall her erreichbar ist und die auch in internationalen Kontexten vernetzt ist."

Weitere Artikel: In der SZ schreibt Peter Richter über die Illustrations-Zyklen zu Dante der Künstler Ebba Holm und Klaus Wrage, die das Berliner Kupferstichkabinett erworben hat.
Archiv: Kunst