Efeu - Die Kulturrundschau

Stets trifft Tanz auf Mode

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15.09.2020. Die NZZ erlebt mit Trajal Harrells Choreografie "The Köln Concert" ein wahres Theaterbeben in Zürich. Im Standard fürchtet Claus Peymann nur die neue Pest der opportunistischen Theaterintendanten. Die SZ hält der "normierenden, fiesen Tampon-Industrie" Lucy McKenzies "Mooncup" entgegen. Die FAZ sieht in der Aufregung um Maïmouna Doucourés "Mignonnes" ein eher mutwilliges Missverständnis. Die Jungle World hält zum unkorrekten, aber komplexen Humor von "30 Rock".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2020 finden Sie hier

Bühne

"The Köln Concert" von Trajal Harrell. Foto: Reto Schmid / Schauspielhaus Zürich

Als Triumph für Trajal Harrell bejubelt Daniele Muschionico in der NZZ die Zürcher Uraufführung seines "Köln Concert", für die er Keith Jarretts legendäres Konzert in eine Choreografie der Melancholie transformierte: "Trajal Harrell also zur Eröffnung, doch keiner soll sich schämen, dass er ihn (noch) nicht kennt. Das wird sich sowieso bald geändert haben. Der amerikanische Tänzer und Choreograf ist ein Meister der bildenden und darstellenden Kunst, der die Klubszene New Yorks verkörpert. Mit Referenz auf die Drag-Ball-Szene inszeniert Harrell seine stets eleganten, meist humorvollen ästhetischen Kollisionen zwischen weißer elitärer Kunstszene und schwarzer Subkultur. Er kreuzt konzeptbetonte Catwalk-Tänze (Voguing) mit japanischem Butoh-Tanz, bezieht seine Herkunft aus den Südstaaten der USA mit ein, denkt die Installationskunst weiter und mischt und mixt und zitiert ganz einfach herrlich unbekümmert. Vor allem aber, und das macht seine Kunst zugänglich: Stets trifft Tanz auf Mode, auf den Fetisch Körper und auf Fashion."

Claus Peymann inszeniert am Theater in der Josefstadt Thomas Bernhards Dramolette "Der deutsche Mittagstisch", im Standard-Interview mit Stephan Hilpold weiß er gar nicht, was das sein soll, das große neue Risiko: "Reden Sie von dieser neuen Pest? Oder meinen Sie die Schwäche des Theaters und den Opportunismus der Theaterdirektoren? Nirgends werden die Regeln so krass ausgelegt wie im Theater. Im Theater halten alle Abstand, zum Theater aber fährt man mit der vollbesetzten Tram. Ich solidarisiere mich nicht mit den Demonstranten in Berlin oder sonst wo, die die ganze Demokratie infrage stellen, das ist Quatsch. Im Moment sind alle vorsichtig. Aber Theater kann nie vorsichtig sein, wir riskieren immer alles."

Besprochen werden Rainald Goetz' 9/11-Königsdrama "Reich des Todes" (wobei sich Ekkehard Knörer in der taz ein wenig an Karin Beisers eklektizistischer Inszenierung des Stückes als Hanswurstiade störte: "Nimmt man die Sache streng, ist Beier an Goetzens Textmonster gescheitert, handwerklich durchaus brillant.") Johan Simons Inszenierung von Shakespeares "Lear" in Bochum (SZ) Cy Colemans Musical "Sweet Charity" an der Wiener Volksoper (Standard), Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" am Staatstheater Wiesbaden (FR), David Böschs Inszenierung von Shakespeares "Wie es Euch gefällt" als "sanft säuselndes Traumstück" und Sarah Kanes "Gier" in Frankfurt (FAZ), die "Bauprobe Beethoven" von Rimini Protokoll in Bonn (FAZ), die wiederaufgenommene Hans-Neuenfels-Inszenierung von Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" an der Berliner Staatsoper (Tsp), eine Lesung von Dürrenmatts Ehedrama-Parodie "Play Strindberg" am Deutschen Theater (Berliner Zeitung).
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Kunst

Lucy McKenzie: Mooncup, 2012. Bild: Museum Brandhorst

Von wegen versponnen! In der Ausstellung "Prime Suspect" im Münchner Museum Brandhorst erlebt SZ-Kritikerin Catrin Lorch, wie intellektuell und historisch tiefenscharf die Kunst der schottischen Malerin Lucy McKenzie ist: "In der zeitgenössischen Kunst ist Lucy McKenzie singulär - weil ihr Werk sich visuell darum bemüht, auf den Punkt zu bringen, was an Propaganda, an politischen Inszenierungen, an Architektur, Mode, Zeitgeist wirklich fasziniert. Die 'ligne claire' eines Hergé-Comics ist eben auch nur eine Linie - wie die Silhouette eines Tageskleids, der Grundriss einer Industriellen-Villa, das Kartenmaterial einer Untergrundorganisation. Das sich im Brandhorst-Museum über zwei Etagen erstreckende Monumentalgemälde 'Mooncup' (2012), ein Werbemotiv, das die psychedelischen Farben der Siebziger mit der selbstbewussten Sprache der jüngsten Feministinnen zusammen bringt, setzt der normierenden, fiesen Tampon-Industrie mal ein wirklich praktisches Produkt entgegen, in seiner Wirksamkeit, so der Slogan, vielleicht nur einer Kalaschnikow gleich."

Sehr instruktiv schreibt Maria Becker in der NZZ über das Werk der Künstlerin Isa Genzken, der das Kunstmuseum Basel eine Ausstellung widmet: "Genzkens an der Konzeptkunst und am Minimalismus orientiertes Werk spielt von Beginn an mit der großen Geste. Die Architektur gab ihr das Maß. Tatsächlich hat die am Beginn so abgezogen und intellektuell erscheinende Kunst sich rasch ein Terrain erobert, das sonst eher Männern zustand."

Besprochen werden außerdem Aby Warburgs "Bilderatlas Mnemosyne" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (FAZ) und die Harald-Hauswald-Auststellung im C/O Berlin (Monopol).
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Literatur

Im Standard plaudert Michael Wurmitzer mit Ken Follett, dessen neuer Schmöker heute erscheint. Katja Anton Cronauer macht auf 54books den Auftakt zur neuen Kolumne "Queering Literaturbetrieb" und beklagt, dass Transthemen mit lediglich 0,12 Prozent Anteil an den über 150.000 Bücher und Ebooks, die 2020 auf den deutschen Markt kommen, stark unterrepräsentiert seien. Und: "Viele der veröffentlichten Bücher stellen tin Personen als Sensation dar, misgendern oder exotisieren sie." Andreas Maier erinnert im Standard an den im April verstorbenen Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger.

Besprochen werden unter anderem Ronya Othmanns "Die Sommer" (Zeit), Ijoma Mangolds "Der innere Stammtisch" (Tagesspiegel), Giulia Caminitos "Ein Tag wird kommen" (SZ) und Uta Ruges "Bauern, Land" (FAZ).
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Stichwörter: Queer, Follett, Ken

Film

Jan-Niklas Jäger ärgert sich in der Jungle World darüber, dass einige Produzenten und Medienhäuser Blackface-Szenen selbst zensieren, selbst wenn sie damit eigentlich rassistische Muster freilegen wollten, so etwa Tina Feys Comedyserienklassiker "30 Rock": "Kontext? Egal! ... Dieser Moralismus verdrängt zwangsläufig Ambivalenz. Politisch korrekt ist der Humor von '30 Rock' nicht, aber er ist intelligent und zeichnet ein sehr viel reflektierteres Bild der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie, als es eine Sendung könnte, die darauf bedacht ist, bloß nie jemandem auf die Füße zu treten." Schließlich zeige diese Serie "Figuren, die sich für weltoffen und modern halten, in Wahrheit aber ignorant sind. Hier wird das Problem nicht simplifiziert, sondern komplexer dargestellt. Über einen Witz zu lachen, in dessen Aufbau Blackface eine Rolle spielt, ist moralisch nicht bequem; doch ein kulturelles Produkt nach dem Komfort zu beurteilen, den es beim Konsum bietet, geht immer fehl und ist bei einer Satire ohnehin völlig unangebracht."

"Cuties" von Maimouna Doucouré

Zweiter aktueller Aufreger, zumindest in den USA: Maïmouna Doucourés derzeit auf Netflix gezeigter, französischer Coming-of-Age-Film "Cuties" über ein junges Mädchen aus dem Senegal, die sich in Paris einer Gruppe junger Tänzerinnen anschließt. Der Film sexualisiere Minderjährige, heißt es insbesondere seitens der amerikanischen Rechten. Großes, womöglich mutwilliges Missverständnis, meint dazu Ursula Scheer in der FAZ: Dieser Film "befördert nicht die Sexualisierung junger Mädchen, sondern kritisiert eben diese - genauso wie die Unterdrückung weiblicher Selbstbestimmung in traditionell geprägten Gesellschaften. Wer Augen hat zu sehen, wer sich diesen zutiefst einfühlsamen, aber auch verstörenden Film ganz ansieht, kommt an diesem Schluss nicht vorbei." Ähnlich schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ: Der Film erzählt eine emanzipatorische Geschichte: "Amy bekommt bei den religiösen Treffen ihrer Community eingeschärft, Frauen hätten gehorsam und bescheiden zu sein und dürften sich keinesfalls unzüchtig anziehen. In diesem Moment unter dem Bett versteht sie aber, was das bedeutet: Unglück, Unterwerfung, Selbstaufgabe. Und weil sie in Paris lebt und nicht in einem senegalesischen Dorf, sucht sie nach einem Ausweg."

Weitere Artikel: Mariam Schaghaghi unterhält sich in der Berliner Zeitung mit Kristen Stewart unter anderem über deren Rolle als Jean Seberg. Robert Wagner berichtet auf critic.de vom filmhistorischen Festival "Il Cinema Ritrovato" in Bologna.

Besprochen werden Charlie Kaufmans "I'm Thinking of Ending Things" (Freitag) und die Doku "Das Dilemma mit den sozialen Medien" (SZ) - beide gezeigt auf Netflix. (Gibt es denn wirklich nur noch Netflix-Filme zu besprechen?)
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Design

In der NZZ trauert Paul Jandl mit dem Duftphilosophen Paul Divjak den Zeiten nach, als es noch exquisite Herrendüfte gab. Von der Selbstverwirklichung sei der Mann zuletzt ins "olfaktorische Nirwana" gestürzt, "ins Wannenbad des Unisex. ... Mit 'Bac' und 'Axe' hat sich die Idee des künstlichen Körpergeruchs demokratisiert. Die Düfte der Mode- und Luxushäuser sollten dagegen aristokratisch bleiben. Sie waren die feinstoffliche Entourage des Königs Mann, bis Ende der achtziger Jahre der Abstieg kam. Aus 'Davidoff Eau de Toilette' wurde 'Davidoff Cool Water', die 'epochenprägende Frischekonsenslegende'. Das Ende ungewaschener Männlichkeit. Und da stehen wir noch heute. Das haben wir sauber hingekriegt."
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Stichwörter: Parfüm, Divjak, Paul

Musik

Jürgen Kesting schreibt in der FAZ über die Sparauflagen, denen der NDR-Chor ausgesetzt werden soll - "wie bei fast allen Sendeanstalten der ARD nicht zuletzt nötig geworden auch durch hohe Pensionsverpflichtungen gegenüber ehemaligen Mitarbeitern, die diese dem vormals starken Engagement der Gewerkschaften verdanken". Thilo Eggerbauer schreibt in der SZ über die coronabedingte Krise der Konzertveranstalter. Für den Tagesspiegel porträtiert Andreas Hartmann die in Berlin lebende australische Musikerin Julia Reidy. Corina Kolbe schreibt in der NZZ zum Auftakt des Zürcher Festivals "Herbst in der Helferei". Peter Kemper erinnert in der FAZ an Jimi Hendrix' Tod vor 50 Jahren.

Besprochen werden und neue Klassikveröffentlichungen, darunter Aufnahmen der Arbeiten von Franz Schmidt und Niccolò Jommelli (SZ) und Deradoorians Psychedelic-Album "Find the Sun": "Ein hell strahlender Ruhepol in der sturmumtosten düsteren Gegenwart", schreibt Julian Weber in der taz. Wir hören rein:

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