Efeu - Die Kulturrundschau

Dieser Beethoven ist für euch!

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16.09.2020. Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis provoziert FAZ bis taz zu großem Einverstandensein. Im Spectator zeigt Nick Cohen, dass eine Perücke ausreicht, um aus J.K. Rowling eine Hexe zu machen. Der Guardian freut sich über den Deutsche Börse Preis für den Fotografen Mohamed Bourouissa, der Marktwirtschaft zeigt, wo sie am härtesten zuschlägt. Benedict Andrews' Biopic hat Jean Seberg nicht verdient, finden Jungle World und SZ. Das Neue Deutschland hört eine Fünfte on fire.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2020 finden Sie hier

Kunst

Mohamed Bourouissa: Nous sommes halles, 2002-2003 © Mohamed Bourouissa / Deutsche Börse Prize

Der Deutsche Börse Preis für Fotografie geht in diesem Jahr an den algerisch-französischen Fotografen Mohamed Bourouissa. Im Guardian hält Sean O'Hagan die Entscheidung für absolut gerechtfertigt: Seine Installation "Free Trade" wurde bei den Rencontres d'Arles in einem Monoprix-Supermarkt ausgestellt: "Bourissa lässt sich direkt auf die Menschen ein, die von Frankreichs Politik und rechten Medien entrechtet und dämonisiert werden. Seine Arbeit zeigt auch, wie Papierlose Geld, Arbeit und Waren austauschen und wie dieser Handel ihr alltägliches Dasein ausmacht - als Widerhall eines Martkkapitalismus in seiner darwinistischen Härte. Engagiert, provokativ und mit Blick auf die vielfältigen politischen und sozialen Spannungen in seiner Umgebung ist er ein Kunstaktivist unserer Zeit." Aus seiner noch nicht ganz fertigen Webseite finden sich bereits grandiose Fotografien aus den Serien "Périphériques" oder "Ladendiebe".

Weiteres: Auf Hyperallergic präsentiert Matt Stromberg eine Serie von Constrance Hockaday, für die amerikanische Künstler für präsidiale Porträts posierten. Besprochen werden die Schau "Nach uns die Sintflut" im Kunst Haus Wien (Standard) und die Ausstellung über das Olympia-Kunstprogramm "Die Spielstraße München 1972" im Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl (SZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Bourouissa, Mohamed

Film

Sichtlich kein Schwarzweiß-Drama: Kristen Stewart ist Jean Seberg.

In Benedict Andrews' Biopic "Seberg" spielt Kristen Stewart die französische Schauspielerin Jean Seberg, die aus Iowa zum Film kam, um Marlon Brando nachzueifern, zur Ikone der Nouvelle Vague wurde, sich für die politische Sache der Schwarzen engagierte und im Alter von 40 Jahren unter Umständen, die bis heute Mord-Spekulationen nähren, ums Leben kam. Ein faszinierender Lebenslauf, den auch die Filmkritiker alle begeistert referieren. Nur der Film selbst schlägt sie nicht so recht in seinen Bann. Sehr genervt reagiert Daniel Moersener in der Jungle World darauf, dass der Film, Biopic-Konventionen geschuldet, das Leben der Seberg rückblickend schicksalhaft auflädt: "Wo ein Film sich an lückenloser Rekonstruktion versucht, verengt sich letztlich die ästhetische Erfahrung und damit auch die historische Perspektive. Die unheimliche und zugleich so attraktive Prämisse, dass sich im Leben der Jean Seberg Filmkarriere, Kino und Politik auf rätselhafte Weise beeinflussten, wird zugunsten eines vereinfachenden Plots aufgegeben" - unter anderem "wird Jean Seberg im Film zu einem naiven blonden Dummerchen gemacht", zum anderen so hingestellt, dass "sie einfach auf schwarze Typen steht."

Andrews' "Bildsprache wirkt stellenweise wie aus einem Lehrbuch 'Filmbiografien für Anfänger'", bemängelt David Steinitz in der SZ. Aber immerhin treffe Kristen Stewart "die Faszination, die Seberg ausmachte, punktgenau". Sie spielt "eine Frau, die sich nicht nur ihrer Privatsphäre, sondern ihres ganzen Körpers beraubt fühlt, durch die Männer, durch die Zuschauer, durch die Behörden. Eine Frau, die nicht nur erstaunt ist, dass man sie begehrt, sondern entsetzt." Auch Maria Wiesner lobt in der FAZ vor allem die Hauptdarstellerin, deren Spiel es "es allein zu verdanken ist, dass daraus kein plattes Schwarz-Weiß-Drama wird, sondern ein Thriller, in dem sich die Hauptfigur immer weiter in die psychotische Spirale der Paranoia begibt." Stewart spielt "kein schwaches Opfer von Staatsintrigen, sondern eine willensstarke Frau, deren Energie die Leinwand zum Strahlen brachte, aber auch ihre Angst befeuerte."

Außerdem: Ralf Schenk erinnert in der Berliner Zeitung daran, wie es zu einer geplanten Zusammenarbeit zwischen Artur Brauner und der DEFA schlussendlich dann doch nicht kam. Besprochen werden die niederländische Netflix-Serie "Brief für den König" (Freitag) und der neue X-Men-Film "New Mutants" (Standard).
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Literatur

Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da: Hoffnung auf die Auszeichnung dürfen sich nun Bov Bjerg, Dorothee Elmiger, Thomas Hettche, Deniz Ohde, Anne Weber und Christine Wunnicke machen - die Links führen je zu unseren Rezensionsnotizen der nominierten Romane. Groß ist die Freude der Literaturkritiker: "Klug sind alle" diese Romane, einen eindeutigen Favoriten gebe es allerdings nicht, meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel: "Das Einverstandensein mit egal welchem dieser sechs Titel wird in jedem Fall sehr groß sein." Die Jury hat gut gestreut, meint Andreas Platthaus in der FAZ: "Keine Verlagsdoppelnominierungen, eine gute Mischung aus Prominenten (Bjerg, Hettche), Etablierten (Elmiger, Weber, Wunnicke) und einer Debütantin (Deniz Ohde). Dass es mehr Frauen als Männer sein würden, war angesichts der Qualität der Bücher zu erwarten gewesen." Darüber hinaus sind alle nominierten Bücher "erkennbar Herzensanliegen."

Keine Verflachung, nirgends, ganz im Gegenteil, jubelt Dirk Knipphals in der taz: Die sich zuletzt bereits abzeichnenden "formalen Erneuerungsbestrebungen" in der deutschsprachigen Literatur dringen mit dieser Shortlist nun ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Es geht darum, "über Erzähltechniken nachzudenken, nicht alles in Romanformen zu pressen, die Bandbreite an Ausdrucksformen experimentell zu nutzen." Somit ist diese Shortlist "eine Erinnerung an das Literarische oder eher: eine Einladung zum Literarischen. Und das wirklich Schöne ist, dass dabei inhaltliche und formale Aspekte zusammenkommen."

Ein neuer Hasssturm gegen J.K. Rowling ist in den sozialen Medien entbrannt. Anlass ist das Erscheinen ihres Krimis "Troubled Blood", in dem ein Mörder auftritt, der laut Zeugenbeschreibungen einmal Frauenkleider getragen hat. Nun kursiert gar der Hastag #RIPJKRowling, schreibt Nick Cohen im Spectator und ruft: "J.K. Rowling's latest novel isn't 'transphobic'." Der ganze Shitstorm sei losgegangen nach einer Vorbesprechnung im Daily Telegraph in der es hieß, "die Moral des Buchs scheint zu sein: traue nie einem Mann in Kleidern." Cohen, der den 900-Seiten-Roman ebenfalls schon gelesen hat, schreibt: "Travestie kommt in dem Roman kaum vor. Und wenn, dann wird aus der Tatsache, dass ein Mörder bei der Annäherung an eines seiner Opfer eine Perücke und einen Frauenmantel trägt, nichts gefolgert. Aber vielleicht reicht dieses winzige Detail aus, um aus Rowling eine Hexe zu machen."

Weiteres: Marcus Müntefering porträtiert im Freitag die in Los Angeles lebende Schriftstellerin Steph Cha. Der Freitag führt ein kurzatmiges Gespräch mit der Schriftstellerin Deniz Ohde. Martin Prinz setzt sich für einen Standard-Essay mit Thomas Bernhard ins Gasthaus.

Besprochen werden unter anderem Thomas Hettches "Herzfaden" (SZ), Christoph Peters' "Dorfroman" (taz), Johny Pitts' "Afropäisch" (Zeit), Eliot Weinbergers "Neulich in Amerika" (Freitag), Philipp Winklers Erzählung "Carnival" (Tagesspiegel), Santiago Amigorenas "Kein Ort ist fern genug" (Berliner Zeitung), Roman Ehrlichs "Malé" (NZZ) und neue Bücher von Christine Wunnicke (FAZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Calderóns "Das Leben ein Traum" am Burgtheater. Foto: Andreas Pohlmann

Zum Saisonstart am Wiener Burgtheater sieht Wolfgang Kralicek in der SZ mit Schaudern, wie konventionell Regisseur und Burgdirektor Martin Kusej geworden ist. Dreißig Jahre nach seiner wilden Inszenierung von Grillparzers "Der Traum ein Leben" gibt er Pedro Calderóns "Das Leben ein Traum" als "ein barock-katholisches Läuterungsdrama, in dem ein Polit-Psychothriller steckt. Kein ganz leichter Stoff, aber schon spannend. Es braucht halt eine ziemlich klare Vorstellung davon, was man mit dem Stück erzählen und wie man es szenisch umsetzen will. Im Burgtheater wird es bloß Szene für Szene runterinszeniert und humorlos ausbuchstabiert; von einem großen dramaturgischen Bogen kaum eine Spur, von einer szenischen Vision auch nicht." Auch taz-Kritiker Uwe Mattheiss haut Kusejs "Theater der Verwaltung" nicht vom Hocker: "Der Hof ein Chargenspiel." In der FAZ rät Martin Lhotzky eher zur Erstaufführung von Thomas Köckes "antigone. ein requiem" im Akademietheater.

Weiteres: In der NZZ resümiert Bernd Noack deprimiert den Auftakt des Berliner Theaterherbstes, in dem ihm nur Taner Sahintürks "Berlin Oranienplatz" am Gorki-Theater etwas Aufhellung verschaffte. Ansonsten : "Die tristen Themen passten zum Ambiente." Für den Tagesspiegel hört sich Frederik Hanssen um, wie die gelockerten Corona-Regeln bei den Berliner Bühnen ankommen. Besprochen wird Jule Krachts Romanadaption "Herr Lehmann" am Staatstheater Mainz (FR).
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Musik

Euphorisch und voller Tatendrang kommt ND-Kritiker Berthold Seliger aus der Aufführung von Beethovens Fünfter durch das von Vladimir Jurowski dirigierte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin: Da ist sie ja wieder, "die revolutionäre Energie der Beethoven-Zeit". Zu hören gibt es "keine allzu lang gehaltenen Grundtöne, keine langen Pausen zwischen den beiden Artikulationen des Schlachtrufs, des berühmtesten Motivs der Musikgeschichte; wir hören die Fünfte komplett entschlackt, von allem hohlen Pathos befreit: Die Musik ist on fire, und wie! ... Diese Fünfte gerät zu einer beschwingten und Mut machenden Bestätigung für all die Kämpfe, die auf den Straßen noch auszufechten sind - hört her, Fridays for Future, Antifa und alle anderen: Dieser Beethoven ist für euch!"

Außerdem: In seinem Medium-Blog ärgert sich Berthold Seliger außerdem sehr darüber, dass in Berlin das Konzertpublikum mit teils preußischer Lust an Weisung und Verfügung auf seine Plätze gesetzt wird, während Salzburg und Leipzig dem Publikum weit mehr Vertrauen entgegenbringen und die missliche Lage mit Gelassenheit im Umgang meisten. Frederik Hansen hat sich für den Tagesspiegel umgehört, wie der Berliner Klassikbetrieb auf Klaus Lederers Lockerungen reagiert. Für die FAZ berichtet Jan Brachmann vom Auftakt der "Europäischen Wochen" in Passau. Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter das Comeback der Doves (SZ).
Archiv: Musik